Geschlechtsumwandlung durch Gehirnentfernung: Eine Untersuchung der wissenschaftlichen Grundlagen und gesellschaftlichen Implikationen

Die Geschlechtsumwandlung ist ein komplexes und vielschichtiges Thema, das in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Während der Begriff traditionell mit medizinischen und chirurgischen Eingriffen zur Angleichung des äußeren Erscheinungsbilds an das gewünschte Geschlecht assoziiert wird, gibt es auch faszinierende biologische Phänomene, bei denen Tiere auf natürliche Weise ihr Geschlecht wechseln können. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Grundlagen der Geschlechtsumwandlung, sowohl im Hinblick auf biologische Prozesse als auch auf medizinische Interventionen, und diskutiert die damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen.

Geschlechtswechsel bei Tieren: Ein faszinierendes biologisches Phänomen

In der Tierwelt gibt es eine Reihe von Arten, die die Fähigkeit besitzen, ihr Geschlecht im Laufe ihres Lebens zu wechseln. Ein besonders bemerkenswertes Beispiel ist der Anemonenfisch (Amphiprion ocellaris), der im östlichen Indischen Ozean bis in den Westpazifik vorkommt und vielen Menschen durch den Animationsfilm “Findet Nemo” bekannt ist. Diese Fische leben in Gruppen in der Nähe von Seeanemonen, die ihnen Schutz vor Raubtieren bieten. Innerhalb dieser Gruppen herrscht eine strenge soziale Hierarchie, in der das größte und dominanteste Tier immer ein Weibchen ist.

Der Geschlechtswechsel beim Anemonenfisch

Anemonenfische werden als Männchen geboren, können aber ihr Geschlecht zu einem Weibchen ändern, wenn das einzige anwesende Weibchen stirbt oder verschwindet. Dieser Prozess, der als sequentieller Hermaphroditismus bezeichnet wird, ist bei Fischen relativ häufig, aber die Mechanismen, die ihn steuern, sind noch nicht vollständig verstanden. Bei Anemonenfischen sind die Weibchen dominant und paaren sich ein Leben lang mit einem einzigen Männchen, dem größten der verfügbaren Männchen. Die Weibchen legen Eier, und die Männchen befruchten sie. Danach verteidigt das Weibchen das Nest gegen Raubtiere, während sich das Männchen um die Eier kümmert.

Der Auslöser für den Geschlechtswechsel

Wenn ein Weibchen stirbt, beginnt ihr männlicher Partner fast sofort, weibliche Verhaltensweisen anzunehmen, wie z. B. die aggressive Verteidigung des Nestes. Er wird zum Weibchen, und das zweitgrößte Männchen zieht ins Nest ein, um ihr Gefährte zu werden. Im Labor kann ein Forscher den Geschlechtswechsel auslösen, indem er zwei Männchen in einem Aquarium zusammenführt: Sie kämpfen dann, und der Gewinner wächst und wird weiblich. Weibchen kämpfen bis zum Tod gegeneinander.

Die Rolle des Gehirns beim Geschlechtswechsel

Der Verhaltensbiologe Justin Rhodes von der Universität Illinois und seine Kollegen wollten herausfinden, ob der Übergang vom Männchen zum Weibchen im Gehirn oder in den Hoden beginnt. Sie führten in 17 Aquarien je zwei Männchen zusammen und verfolgten die Veränderungen im Gehirn, in den Hoden und im Blut. Nach 3 Wochen, 6 Monaten, einem Jahr und 3 Jahren wurden bestimmten Pärchen Blut abgenommen, um die Menge der Geschlechtshormone Estradiol und 11-Ketotestosteron im Blutplasma zu bestimmen. Nach der Blutabnahme wurden die Fische getötet, um das Gehirn und die Hoden zu untersuchen.

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Die Ergebnisse zeigten, dass sich zuerst das Gehirn verändert, insbesondere der Teil des Gehirns, der die Geschlechtsdrüsen kontrolliert. Dieser Teil, der präoptische Bereich, ist ein Teil des Hypothalamus. Er ist bei Weibchen viel größer als bei Männchen und hat etwa die doppelte Anzahl von Nervenzellen als beim Männchen. Innerhalb von sechs Monaten, nachdem er mit einem anderen Männchen gepaart worden war, hatte der dominante Fisch sein präoptisches Gebiet auf eine Größe vergrößert, die ihn von der gleichen Region in anderen weiblichen Anemonenfisch-Hirnen nicht mehr unterscheidet.

Abkopplung von Gehirn- und Gonadengeschlecht

"Nach sechs Monaten wird dieser Teil des Gehirns vollständig von einem männlichen zu einem weiblichen Gehirn umgewandelt", sagte Rhodes. "Aber die Gonaden haben sich noch nicht verändert, was bedeutet, dass sie immer noch männliche Gonaden sind." Bei beiden Fischen schrumpfen die Hoden, und die Zahl der Samenzellen nimmt beträchtlich ab. Beim dominanten Fisch, weil er auf dem Weg ist, sich in ein fortpflanzungsfähiges Weibchen zu verwandeln, beim unterlegenen Fisch, weil es sich nicht lohnt, viele Samenzellen herzustellen, solange noch keine Eier da sind, die befruchtet werden könnten.

Vor Beginn der Geschlechtsdrüsenumwandlung schwankt die Plasmakonzentration von 11-Ketotestosteron zwischen einem männlich-typischen und einem männlich-niedrigen Niveau. Erst wenn die Geschlechtsdrüsen dotterbildende Eizellen enthalten, dann sinkt die Konzentration weiter auf ein weiblich-typisches niedriges Niveau. Weibchen haben eine höhere Plasmakonzentration von Estradiol als Männchen. Der Estradiol-Spiegel ist während des Geschlechtswechsels niedrig auf männlich-typischem Niveau. Erst wenn dotterbildende Eizellen in den Gonaden erscheinen, dann steigt der Estradiol-Spiegel auf ein weiblich-typisches Niveaus an.

Ein komplexer und verzögerter Prozess

Die dominanten Fische schienen es nicht eilig zu haben, ihre Hoden in Eierstöcke umzuwandeln. Von den 17 Paaren haben sich nur drei der dominanten Fische zu fortpflanzungsfähigen Weibchen mit lebensfähigen Eiern in ihren Eierstöcken entwickelt. Eines der drei dominanten Weibchen legte Eier. Der Rest der Paare schien sich in einem Warteschleifenmuster zu befinden, mit weiblichen Gehirnen und männlichen Gonaden. Die Forscher folgten ihnen drei Jahre lang, und die Fische hatten noch nicht den vollen Übergang geschafft.

Die Forscher vermuten, dass die langen Verzögerungen und die relativ großen Schwankungen in der Zeit für die Veränderung der Geschlechtsdrüsen bei A. ocellaris natürliche Phänomene sind, die mit ihrer einzigartigen Lebensgeschichte, der strengen genetischen Monogamie, isolierten kleinen Populationen, der langen Lebensdauer und der Unabhängigkeit von Gehirngeschlecht und Gonadengeschlecht zusammenhängen. Zusammengenommen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Feminisierung des Gehirns durch Prozesse aus dem Inneren des Gehirns selbst inszeniert wird und dass erst nach Abschluss der Gehirntransformation die Anemonenfische die Fähigkeit haben, ihre Geschlechtsorgane zu feminisieren. Die Feminisierung der Geschlechtsdrüsen erfolgt jedoch nicht automatisch. Stattdessen scheint es, dass die Fische für Jahre bei einem weiblichen Gehirn und Verhalten bleiben können, aber mit geschrumpften männlichen Hoden und zirkulierenden Sexualsteroidspiegeln. Die Geschlechtsdrüsen scheinen auf ein unbekanntes Signal zu warten, bevor sie den Prozess abschließen und dotterbildende Eizellen produzieren.

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Medizinische Geschlechtsangleichung: Ein komplexer und individueller Prozess

Während der Geschlechtswechsel bei Tieren ein natürlicher biologischer Prozess ist, ist die medizinische Geschlechtsangleichung ein komplexer und individueller Prozess, der darauf abzielt, das äußere Erscheinungsbild und die körperlichen Merkmale einer Person an ihr empfundenes Geschlecht anzugleichen. Dieser Prozess kann eine Kombination aus Hormontherapie, chirurgischen Eingriffen und psychologischer Betreuung umfassen.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Eine erfolgreiche Geschlechtsangleichung erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachärzten, darunter Gynäkolog:innen, plastische Chirurg:innen, Psycholog:innen, Endokrinolog:innen und andere Spezialisten. Diese Zusammenarbeit gewährleistet eine umfassende Betreuung, die sowohl die körperlichen als auch die psychischen Bedürfnisse der Person berücksichtigt.

Hormontherapie

Die Hormontherapie spielt eine entscheidende Rolle bei der Vorbereitung und Begleitung von Geschlechtsangleichungen. Durch die Verabreichung von Hormonen wie Testosteron oder Östrogen können die gewünschten Geschlechtsmerkmale gefördert werden. Beispielsweise führt die Einnahme von Testosteron bei Transmännern zu einer tieferen Stimme, vermehrtem Haarwuchs und einer Zunahme der Muskelmasse, während die Einnahme von Östrogen bei Transfrauen zu Brustwachstum, einer weicheren Haut und einer Umverteilung des Körperfetts führt.

Chirurgische Eingriffe

Chirurgische Eingriffe sind ein weiterer wichtiger Bestandteil der Geschlechtsangleichung. Der Hauptteil dieser Eingriffe besteht in der Genitalangleichung, bei der eine Neovagina geschaffen wird. Diese Operation zielt darauf ab, die Genitalien an das gewünschte Geschlecht anzupassen und ermöglicht es Transfrauen, sexuelle Beziehungen einzugehen. Nach etwa drei Monaten kann ein weiterer Eingriff erfolgen, der primär plastischer und kosmetischer Natur ist. Dieser Eingriff dient dazu, das ästhetische Ergebnis weiter zu verbessern und Feinheiten zu korrigieren.

Die Debatte um Pubertätsblocker

In den letzten Jahren hat die Debatte um den Einsatz von Pubertätsblockern bei Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie an Intensität gewonnen. Pubertätsblocker sind hormonähnliche Substanzen, die die Hirnanhangsdrüse daran abhalten, bestimmte Botenstoffe, die sogenannten Gonadotropine, auszusenden. Diese Gonadotropine veranlassen die Hoden oder Eierstöcke dazu, Sexualhormone zu produzieren.

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Einsatz von Pubertätsblockern

Pubertätsblocker können bei Kindern mit vorzeitiger Pubertät (Pubertas praecox) eingesetzt werden, also bei Kindern, bei denen die Pubertät schon vor dem 8. Lebensjahr beginnt. Auch bei Transjugendlichen können diese Pubertätsblocker zum Einsatz kommen. Vor der Pubertät verabreicht, sollen sie verhindern, dass die Patientinnen und Patienten die Pubertät in einem Geschlecht durchmachen, mit dem sie sich nicht identifizieren. Diese Pubertät kann nämlich für die Transjugendlichen zu einem sehr großen Leidensdruck führen. Der Einsatz der Pubertätsblocker verschafft ihnen außerdem auch etwas Zeit, falls sie sich noch nicht sicher sind, zu welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen. Hat die Pubertät bereits eingesetzt, können durch die Blocker eintretende Veränderungen gelindert werden, etwa das Brustwachstum.

Reversibilität und Kontroverse

Werden die Medikamente wieder abgesetzt, setzt auch die Pubertät ein. Diese Behandlung gilt also gemeinhin als reversibel, doch die Fachwelt streitet heftig über den Einsatz von Pubertätsblockern und Hormontherapien. Und auch ab wann solche medikamentösen Therapien eingesetzt werden können, wird kontrovers diskutiert. Eine einheitliche Altersgrenze gibt es nicht.

Sorgfalt und psychotherapeutische Begleitung

Die Unsicherheit über die Effekte auf Hirnreifungsprozesse und andere körperliche Folgen erfordert laut Dr. Mirko Döhnert größte Sorgfalt bei der Behandlung der Betroffenen. Zentrales Element dabei ist die Diagnose einer sogenannten Geschlechtsdysphorie. Im Optimalfall würde das Kind oder der/die Jugendliche über ein halbes Jahr psychotherapeutisch begleitet werden, damit man ein genaues Gefühl für die Geschichte und das eventuelle Leid seines Gegenübers bekommt.

Langzeitfolgen und Risiken

Es ist noch unklar, ob der Einsatz der Pubertätsblocker die Prozesse der psychosexuellen Entwicklung beeinträchtigen kann. All das muss zwingend mit den Kindern und Jugendlichen und deren Eltern besprochen werden. Sie müssen sich über diese bestehenden Unsicherheiten bewusst sein.

Hormontherapie nach Pubertätssuppression

Von der Pubertätssuppression geht es ziemlich geradlinig in die irreversible geschlechtsangleichende Hormontherapie über. Laut Döhnert gibt es auch hier eine große Unsicherheit. Doch es gibt auch Punkte, die ganz klar für den Einsatz von Pubertätsblockern sprechen und dazu gehört die Linderung des Leids, dass die Jugendlichen erfahren, wenn sie die Pubertät eines Körpers erleben, der nicht zu ihrer Identität passt.

Detransition: Eine wachsende Herausforderung

Mit der zunehmenden Akzeptanz von Menschen mit einer Transidentität wächst auch die Zahl derer, die ihr Geschlecht angleichen. Für viele transidente Menschen ist die Geschlechtsangleichung ein Schritt in Richtung Normalität. Manche stellen aber fest: Das war die falsche Entscheidung. Detransition ist die Entscheidung, den Prozess der Geschlechtsangleichung rückgängig zu machen.

Ursachen und Motive

Die Gründe für eine Detransition sind vielfältig. Einige Menschen stellen fest, dass ihre Geschlechtsidentität nicht so eindeutig ist, wie sie ursprünglich dachten. Andere erleben Diskriminierung oder soziale Ausgrenzung, die sie dazu veranlassen, ihre Entscheidung zu überdenken. Wieder andere leiden unter den körperlichen oder psychischen Nebenwirkungen der Hormontherapie oder der chirurgischen Eingriffe.

Mangelnde Datenlage und Gesundheitsversorgung

So aufgeregt die Debatte in den Medien geführt wird, so dünn ist die Datenlage - und das gilt gleichermaßen für Trans-Personen wie für diejenigen, die detransitionieren. Offizielle Zahlen gibt es in Deutschland nicht. Wie groß dabei der Anteil derer ist, die diese Selbsteinschätzung später ändern, ist unbekannt. Nach allem, was bekannt ist, ist ihre Zahl eher klein. Für sichere Aussagen bräuchte es aber eine bessere Datenlage, sagt Annette Richter-Unruh, Hormonexpertin in einem Fachzentrum für Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie an der Universitätsklinik Bochum. Die Gesundheitsversorgung von Detransitionierer*innen wie Transmenschen ist nach wie vor prekär.

Medizinische Bedürfnisse

Tatsächlich ähneln sich die medizinischen Bedürfnisse aller Betroffenen - an erster Stelle der Wunsch nach psychotherapeutischer Unterstützung bei Fragen wie: Welches Verhältnis habe ich zu meinem biologischen Geschlecht? Wie gehe ich mit psychischen Problemen um, die wegen oder neben meiner Geschlechtsdysphorie bestehen? In welcher Rolle möchte ich künftig leben?

Trans- und Intergeschlechtlichkeit: Mythen und Fakten

In der heutigen Gesellschaft gibt es viele Mythen und Missverständnisse über Trans- und Intergeschlechtlichkeit. Diese falschen Vorstellungen führen oft zu Diskriminierung und Unverständnis.

Trans*geschlechtlichkeit

Trans*geschlechtlichkeit bezieht sich auf Menschen, deren geäußertes Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Neuere Studien zeigen, dass biologische Faktoren eine Rolle bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität spielen können. Eine Studie von Zhou et al. (1995) fand Hinweise darauf, dass bestimmte Hirnstrukturen bei transgender Frauen eher denen von cisgender Frauen ähneln als denen von cisgender Männern.

Inter*geschlechtlichkeit

Inter*geschlechtlichkeit beschreibt Variationen in den körperlichen Merkmalen, die traditionell als männlich oder weiblich betrachtet werden. Diese Variationen können Chromosomen, Hormone oder anatomische Merkmale umfassen, die nicht eindeutig männlich oder weiblich sind. Intergeschlechtliche Menschen werden oft fälschlicherweise als „hermophroditisch“ bezeichnet, ein Begriff, der heute als veraltet und stigmatisierend angesehen wird.

Fakten über Trans- und Intergeschlechtlichkeit

  • Einem anderen als dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht anzugehören ist eine gültige Aussage, die durch wissenschaftliche Forschung und Erfahrungen bestätigt wird.
  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in ihrer neuesten Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) Transgeschlechtlichkeit aus der Liste der psychischen Störungen entfernt und sie stattdessen als geschlechtliche Inkongruenz unter „Zustände im Zusammenhang mit sexueller Gesundheit“ eingeordnet.
  • Intergeschlechtlichkeit betrifft etwa 0,1 -0,2% Geburten, was bedeutet, dass intergeschlechtliche Variationen keineswegs selten sind.
  • Geschlechtsangleichende Operationen sind persönliche Entscheidungen und nicht alle trans* Menschen streben sie an. Eine Studie von Murad et al. (2010) zeigte, dass geschlechtsangleichende Maßnahmen, einschließlich Hormontherapie und Operationen, die Lebensqualität und psychische Gesundheit von trans* Personen signifikant verbessern können.

Gesellschaftliche Herausforderungen und positive Entwicklungen

Trotz zunehmender Sichtbarkeit und rechtlicher Fortschritte in vielen Ländern stehen transidente und intergeschlechtliche Menschen nach wie vor vor erheblichen gesellschaftlichen Herausforderungen. Für intergeschlechtliche Menschen stellt die oft unnötige und nicht einvernehmliche „normalisierende“ Chirurgie im Kindesalter ein besonderes Problem dar. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch haben solche Praktiken als Verletzung der Menschenrechte kritisiert und fordern ein Verbot dieser Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit. Dennoch gibt es auch positive Entwicklungen. Immer mehr Länder erlassen Gesetze zum Schutz der Rechte von trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Argentinien verabschiedete 2012 als erstes Land ein Gesetz, das Menschen erlaubt, ihr rechtliches Geschlecht und Vornamen ohne medizinische Diagnose oder Eingriffe zu ändern.

Bildung und Medien als Schlüssel zur Aufklärung

Eine der effektivsten Methoden zur Bekämpfung von Vorurteilen und Diskriminierung ist Bildung. Schulen und Universitäten beginnen zunehmend, Themen der Geschlechtsidentität und -vielfalt in ihre Lehrpläne aufzunehmen. Medien spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Aufklärung der Öffentlichkeit. Die zunehmende Darstellung von trans- und intergeschlechtlichen Charakteren in Filmen, Fernsehserien und Literatur trägt dazu bei, Stereotype abzubauen und Empathie zu fördern.

Historische Perspektiven auf Cross-Dressing und Geschlechtsidentität

Cross-Dressing, der Wechsel zur Kleidung des anderen Geschlechts, ist in der europäischen Kulturgeschichte seit Langem bekannt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts galt Cross-Dressing in Deutschland als juristisch zu ahndende Täuschung aus unlauteren persönlichen oder politischen Motiven. Erst auf dem Höhepunkt der humanwissenschaftlichen Geschlechterdebatte innerhalb der psychiatrischen Sexualpathologie des späten 19. Jahrhunderts geriet Cross-Dressing in den medizinischen Blick.

Die Entwicklung des Transvestitismus-Konzepts

In der sexualpathologischen Denkrichtung des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts fand eine Koppelung von Cross-Dressing mit gleichgeschlechtlichem Begehren zu einem Gesamtphänomen statt, eben jener "conträren Sexualempfindung". Magnus Hirschfeld entwickelte im Rückgriff auf Ulrichs die Auffassung, dass jeder Mensch eine Mischung aus männlichen und weiblichen, körperlichen und seelischen Eigenschaften sei. 1910 gibt jener Cross-Dresser nun auch an: "Homosexuell bin ich nicht, im Gegenteil, ich kann sagen, ich bin ein echter Don Juan gewesen." Der Wandel in dieser Selbst- und Fremdzuordnung setzte erst ein, als ein alternatives, passenderes Konzept vorlag, das die Differenz zwischen sexuellem Begehren und Kleidervorliebe betonte.

Juristische Konsequenzen und der "Transvestitenschein"

Obwohl das deutsche Strafrecht der Kaiser- wie der Weimarer Zeit das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts nicht ausdrücklich sanktionierte, waren Personen, die polizeilich als Transvestiten erkannt wurden, wegen der "Erregung öffentlichen Ärgernisses" und somit "Störung der öffentlichen Ordnung" mit empfindlichen Strafen bedroht. Für diesen Personenkreis handelte Hirschfeld gemeinsam mit seinem Kollegen Iwan Bloch um 1910 mit der Polizeibehörde eine Übereinkunft aus, nach der von einer Festnahme abgesehen wurde, wenn die Betreffenden eine polizeilich bestätigte Bescheinigung vorlegen konnten, die sie als ärztlich beglaubigte Transvestiten auswies. Der "Transvestitenschein" wurde in der Folge häufig ausgestellt.

Die Bedeutung des Körpers für die Geschlechtsidentität

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhr der Körper sowohl in der (Sexual-)Wissenschaft als auch in den alle Bevölkerungsschichten und Bereiche des alltäglichen Lebens durchziehenden Lebensreformbewegungen eine Rehabilitierung, Neudefinition und Aufwertung. Diese Bedeutungsaufladung des Geschlechtskörpers für die Konstruktion des Selbst bildete die Voraussetzung dafür, jene Personen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten, zur physischen Umgestaltung zu motivieren. Die dazu nötigen Techniken wurden in der um 1900 aufkommenden kosmetischen Medizin entwickelt, sei es die Gesichtschirurgie, die Röntgenepilation oder die Paraffinbrustplastik.

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