Smartphones sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Laut einer Studie greifen Menschen in Österreich durchschnittlich 36 Mal pro Tag zu ihren digitalen Geräten. Diese ständige Präsenz hat unweigerlich Auswirkungen auf unser Gehirn. Der Artikel beleuchtet die vielfältigen Forschungsergebnisse zu diesem Thema, von den Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche bis hin zu den widersprüchlichen Befunden bei Erwachsenen.
Die Allgegenwärtigkeit des Smartphones und ihre Folgen
Das Smartphone ist ein ständiger Begleiter, der unsere Aufmerksamkeit fordert und unseren Alltag beherrscht. Hessen hat als erstes Bundesland die private Nutzung von Smartphones in Schulen verboten, ein Zeichen dafür, wie allgegenwärtig das Problem geworden ist. Auch Erwachsene klagen darüber, wie das Smartphone ihren Alltag beeinflusst.
Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche
Bei Kindern und Jugendlichen ist die Studienlage recht eindeutig: Die Nähe eines Smartphones lenkt ab und beeinträchtigt die Lernleistung. Neurobiologe Martin Korte warnt davor, dass Kindern Reize fehlen, wenn sie immer am Bildschirm kleben. Bewegung, soziale Interaktion und Herausforderungen sind für die Entwicklung des Gehirns unerlässlich. "Diese sich noch entwickelnden Gehirne lernen sehr viel über Informationen aus ihrer Umwelt", betont Korte.
Gehirnentwicklung bei Kindern
Das Gehirn von Kindern und Jugendlichen befindet sich in einer sensiblen Entwicklungsphase. Besonders die weiße Substanz, die verschiedene Gehirnregionen verbindet, wächst in dieser Zeit stark. US-Forscher haben herausgefunden, dass Kinder, die viel Zeit am Smartphone verbringen, weniger weiße Gehirnmasse entwickeln, was Lernprozesse erschweren kann. Auch die Aufmerksamkeitsspanne leidet, da das ständige Wechseln zwischen Apps und Push-Nachrichten das Gehirn auf kurze Aufmerksamkeitsspannen trainiert.
Gesundheitliche Folgen
Eine übermäßige Smartphone-Nutzung beeinflusst nicht nur das Gehirn, sondern auch die körperliche und seelische Gesundheit von Kindern. Zu den wichtigsten Folgen gehören:
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
- Schlafprobleme: Zu spätes oder unruhiges Einschlafen, weniger Erholung.
- Körperliche Beschwerden: Nacken- und Rückenschmerzen durch langes Sitzen mit gesenktem Kopf, trockene Augen und Kopfschmerzen durch das Starren auf den Bildschirm.
- Psychische Belastungen: Erhöhtes Risiko für Ängste und depressive Symptome, innere Unruhe und Gereiztheit.
- Mediensucht-Symptome: Verlust des Zeitgefühls, Gereiztheit bei Entzug, Vernachlässigung von Schule, Sport oder sozialen Kontakten.
Prävention und Tipps für Eltern
Eltern spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um den gesunden Umgang ihrer Kinder mit dem Smartphone geht. Sie können durch klare Regeln, feste Strukturen und ein bewusstes Vorleben einer problematischen Smartphone-Nutzung vorbeugen. Wichtige Tipps für Eltern sind:
- Regeln zur Bildschirmzeit festlegen.
- Handyfreie Zeiten einführen (z.B. beim Essen oder vor dem Schlafengehen).
- Vorbild sein und selbst bewusst mit dem Smartphone umgehen.
- Medien begleiten und Inhalte gemeinsam ansehen und reflektieren.
- Alternativen fördern (Sport, Musik, Bewegungsspiele oder kreative Hobbys).
Empfohlene Bildschirmzeiten
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) empfiehlt folgende maximale Bildschirmzeiten pro Tag:
- Unter einem bis drei Jahre: Keine eigene Bildschirmzeit
- Drei bis sechs Jahre: Maximal 30 Minuten
- Sechs bis neun Jahre: Maximal 45 Minuten
- Neun bis 12 Jahre: Maximal 60 Minuten
- 12 bis 16 Jahre: Maximal 2 Stunden
- 16 bis 18 Jahre: Eltern wird geraten, die Zeit durch Regeln festzulegen
Widersprüchliche Ergebnisse bei Erwachsenen
Bei Erwachsenen kommen Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen darüber, inwieweit das Smartphone-Zeitalter negative Spuren hinterlässt. Eine Metastudie der Universität Wien hat herausgefunden, dass sich Erwachsene heute sogar etwas besser konzentrieren können als in zurückliegenden Jahrzehnten. Andere Studien deuten jedoch auf eine Abnahme der Konzentrationsfähigkeit hin. Gloria Mark von der University California Irvine beobachtet seit 2004 menschliche Aufmerksamkeit und fand heraus, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne von 2,5 Minuten im Jahr 2004 auf nur noch 47 Sekunden im Jahr 2019 verkürzt hat.
Die Paderborner Studie: Ablenkung durch bloße Anwesenheit
Forscher der Universität Paderborn sorgten für Aufsehen mit dem Befund, dass das Handy selbst in ausgeschaltetem Zustand die Konzentration stört. In einer Studie hatten Probanden Konzentrations- und Aufmerksamkeitsübungen entweder mit oder ohne Smartphone auf dem Tisch absolviert. Die Gruppe ohne Smartphone zeigte eine signifikant höhere Aufmerksamkeitsleistung.
Die Rolle der subjektiven Wahrnehmung
Der Psychologe Jan Röer von der Universität Witten-Herdecke betont, dass menschliche Konzentration und Aufmerksamkeit schwer zu erforschen sind, da sie unterschiedliche Dimensionen hat, die schwer voneinander abzugrenzen sind. Er konnte in einer Studie zeigen, dass die subjektive Wahrnehmung der Ablenkung eine wichtige Rolle spielt.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Die Hohenheimer Studie: Korrelation vs. Kausalität
Eine neue Studie von Psychologinnen der Universität Hohenheim kommt zu einem gemischten Ergebnis. Sie weist jedoch darauf hin, dass solche Studien nur Korrelationen aufzeigen, aber nicht zwangsläufig eine Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Es ist möglich, dass Menschen mit schlechter Impulskontrolle auch häufiger ihr Smartphone nutzen.
Psychische Gesundheit und soziale Auswirkungen
Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen der Nutzung von Smartphones und sozialen Medien und Problemen wie Einsamkeit, Angstzuständen und Depressionen. Neurobiologe Korte warnt davor, dass ewiges Gedaddel insbesondere die Empathiefähigkeit beeinträchtigt, was die sozialen Beziehungen belastet.
Positive Effekte von Verzicht und bewusstem Umgang
Mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es Menschen besser geht, wenn sie ihr Smartphone häufiger in der Tasche lassen. Eine internationale Forschungsgruppe blockierte das Internet auf dem Smartphone von Testpersonen und stellte fest, dass es ihnen psychisch besser ging und ihre Konzentrationsfähigkeit stieg. Die Donau-Universität Krems beschränkte die tägliche Smartphone-Nutzung von Testteilnehmern und beobachtete eine deutliche Verbesserung des Wohlbefindens.
Fokus-Funktionen und spielerische Anreize
Smartphone-Hersteller bieten sogenannte Fokus-Funktionen an, mit denen sich das Ablenkungspotential des Handys reduzieren lässt. Andere Apps setzen auf spielerische Anreize, um die Handynutzung zu reduzieren.
Die Rolle des Dopamins und die Gefahr der Sucht
Die Nutzung von Smartphones kann im Gehirn ähnliche Prozesse auslösen wie bei einer Sucht. Bilder von Smartphones erhöhen die Aktivität in Gehirnregionen, die mit der Belohnungsverarbeitung und der Bedürfnisbefriedigung in Verbindung stehen. Es kommt zu Veränderungen im Dopamin- und Serotoninsystem, also Neurotransmittern, die suchthaftes Verhalten und die Stimmung regulieren.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
Die "digitale Demenz" und der Verlust von Leerlauf
Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer prägte den Begriff "digitale Demenz", um die Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses durch die übermäßige Nutzung von digitaler Technologie zu beschreiben. Zudem gehen mit übermäßiger Handynutzung Zeiten des Tagträumens und Nichtstuns verloren, die für die Kreativität wichtig sind.
Die "große Neuverkabelung der Kindheit"
Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt spricht von der "großen Neuverkabelung der Kindheit" und argumentiert, dass die frühe intensive Nutzung von Smartphones, gepaart mit weniger Zeit zum Spielen, die Gehirnstruktur von Heranwachsenden grundlegend verändert. Er sieht einen Zusammenhang zwischen dem Siegeszug der Smartphones und dem drastischen Anstieg von Depressionen, Angstzuständen und Selbstverletzungen bei jungen Menschen.
Die "Sisyphuszyklus der Technologiepanik"
Die Psychologin Amy Orben nennt das den "Sisyphuszyklus der Technologiepanik", da sich Psychologen routinemäßig mit den immer gleichen Fragen beschäftigen, sobald eine neue Technologie eingeführt ist.
Was können wir tun?
Es ist wichtig, bewusster mit Smartphones umzugehen und unsere Aufmerksamkeit gezielter zu nutzen. Tristan Harris, ein ehemaliger Produktmanager bei Google, gründete die Bewegung "Time Well Spent", um Technologieunternehmen daran zu hindern, unseren Verstand zu kapern. Tech-Konzerne wie Apple und Google haben zumindest schon ein wenig auf ihn gehört und bieten Funktionen zur Überprüfung der Bildschirmzeit und zum digitalen Wohlbefinden an.
Die Rolle der Politik
Offenbar muss die Politik eingreifen, wenn man die Sucht besser in den Griff bekommen will. Regierungen in Großbritannien und der EU gehen verstärkt gegen Anbieter von Social-Media-Plattformen und Smartphones vor.
tags: #gehirn #smartphone #verbindung