Ständiges Rauschen, Summen oder Pfeifen im Ohr - die Symptome eines Tinnitus können den privaten und beruflichen Alltag immens beeinträchtigen. Doch woher kommen die störenden Ohrgeräusche? In welchem Zusammenhang steht Tinnitus mit Stress? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Mechanismen der Geräuschfilterung im Gehirn, insbesondere im Zusammenhang mit Tinnitus, Stress und Lärmbelästigung. Wir werden uns mit den Ursachen, Auswirkungen und möglichen Lösungsansätzen auseinandersetzen, um ein umfassendes Verständnis für dieses weit verbreitete Phänomen zu entwickeln.
Die Grundlagen des Hörens und der Geräuschfilterung
Das Hören entsteht - im Vergleich zum Sehen - rein im Gehirn. Das Gehirn nimmt zunächst alle Geräusche bzw. Schallwellen wahr, die es erfassen kann und filtert sie auf wichtige Informationen hin. Diese Filterfunktion hilft dabei, die eigene Aufmerksamkeit auf bestimmte Geräusche wie Worte zu lenken und sich konzentrieren zu können.
Der Mechanismus der Geräuschfilterung
Entscheidend ist ein Geräuschfilter im Gehirn, der die Signale der Nerven im Gehör auswertet und entscheidet, ob ein Geräusch an unser Bewusstsein weitergeleitet wird. Im Zuge eines Experimentes im Schlaflabor wurde bei Personen, die Geräusche besonders gut filtern konnten, beobachtet, dass der Filterprozess, aller Voraussicht nach, in einem Teil des Zwischenhirns geschieht - dem Thalamus. Die Signale kommen durch den Filter wohl gar nicht erst im Großhirn an und werden deshalb nicht wahrgenommen. Auf der grafischen Darstellung des EEG (Elektroenzephalografie) sehen die mutmaßlichen Aktivitäten des Geräuschfilters aus wie Spindeln.
Tinnitus: Wenn der Filter verrückt spielt
Zwischen 5 und 15 % aller Erwachsenen sind im Laufe des Lebens von länger anhaltenden Ohrgeräuschen betroffen. Bei etwa 10 bis 20 % beeinträchtigt der Tinnitus die Lebensqualität in erheblichem Maße. Am häufigsten kommt Tinnitus ab dem 50. Lebensjahr vor. Die Verlaufsform des Tinnitus lässt sich nicht genau vorhersagen. Ist die Ursache bekannt und behandelbar, kann der Tinnitus verschwinden. Bei manchen Menschen wird durch Tinnitus das Gehör empfindlicher, was insbesondere in sozialen Situationen oder lauter Umgebung die Geräuschempfindlichkeit erhöht.
Ursachen und Entstehung von Tinnitus
Der genaue Mechanismus, wie das Gehirn den Tinnitus erzeugt, ist noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass Veränderungen in den neuralen Netzwerken des Gehörsystems eine Rolle spielen, die auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sind. Auch wenn Stress oft ein (Mit)Verursacher ist, lässt sich ein konkreter Auslöser nicht immer finden. Und nicht immer kann der Tinnitus so behandelt werden, dass er verschwindet.
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Tinnitus und Stress: Ein Teufelskreis
Tinnitus steht oft in Zusammenhang mit emotionaler Belastung und Stress. Das belegen Studien, die den Zusammenhang von Tinnitus und Stressempfinden untersucht haben. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Tinnitus durch chronischen Stress verursacht werden kann. Tinnitus und Stress können sich zu einem richtigen Teufelskreis entwickeln: Tinnitus verursacht Stress, das Stressempfinden verursacht mehr Tinnitus und zunehmende Ohrgeräusche verursachen noch mehr Stress, was wiederum die Tinnitusbelastung verstärkt.
Tinnitus und sozialer Rückzug
Ein Teil der Tinnitus-Patienten fühlt sich von den Ohrengeräuschen außerordentlich belastet - entweder die ganze Zeit oder in bestimmten Situationen. Tinnitus und sozialer Rückzug liegen eng beieinander: Störende Ohrgeräusche beeinträchtigen das konzentrierte und aktive Zuhören. Es wird als schwierig empfunden, Gesprächen gut zu folgen - insbesondere wenn viele Menschen gleichzeitig sprechen. Es schwingt die Angst, nicht alles zu verstehen, mit und man hat Sorge als schlechter, uninteressierter Zuhörer wahrgenommen zu werden.
Tinnitus bei Führungskräften
Insbesondere Führungskräfte, die in lauten Umgebungen arbeiten oder unter hohem Stress stehen, können anfällig für Tinnitus sein. Anhaltend hoher Stress kann sich negativ auf den Körper auswirken und erhöht das Risiko für Tinnitus. Ein Tinnitus kann für Führungskräfte besonders belastend sein, da diese sich oft unter starkem Druck fühlen und hohe Arbeitsanforderungen haben. Ohrgeräusche können die Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen, was sich negativ auf die Arbeitseffizienz und -leistung auswirken kann - insbesondere in Umgebungen mit hoher Geräuschkulisse. Der Tinnitus kann als weitere Belastung dazu führen, dass Manager Ängste in der Führungsrolle entwickeln. Wenn der Tinnitus die Konzentration und das Hörvermögen beeinträchtigt haben Führungskräfte Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen. Das kann zu Missverständnissen, Unsicherheit und Frustration - und nicht selten zu einer Krise - führen.
Umgang mit Tinnitus: Strategien und Unterstützung
Es ist wichtig, sich Unterstützung im Umgang mit ihren Ohrgeräuschen an die Seite zu holen, um effektive und wirksame Strategien zu finden, um gut mit den Belastungssymptomen umzugehen und an einer Linderung zu arbeiten. Es ist hilfreich, wenn Sie als Führungskraft ihr soziales Netzwerk und ihr Arbeitsumfeld über ihren Tinnitus informieren.
Lärmbelästigung und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Lärmbelästigung in der Nacht kann an die Substanz gehen. Nur die wenigsten können bei Lärm schlafen und selbst wenn ihnen das gelingt, kann der Krach die Qualität des Schlafes spürbar beeinträchtigen. Tritt der Lärm temporär auf, ist das ärgerlich und bisweilen kräftezehrend. Dieser Stress lässt sich allerdings verarbeiten - es bleiben keine Langzeitschäden. Problematisch wird es, wenn die nächtliche Ruhestörung dauerhaft auftritt.
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Die Auswirkungen von Lärm auf den Schlaf
Das Ohr schläft nie, auch nicht nachts. Selbst wenn wir im Schlaf nicht bewusst hören können, empfängt das Ohr Signale und sendet diese ans Gehirn. Erst dort entscheidet ein Geräuschfilter, ob wir bestimmte Töne wahrnehmen. Dass wir so verschieden mit nächtlichem Lärm umgehen, hat kaum etwas mit unserem individuellen Hörvermögen zu tun. Entscheidend ist ein Geräuschfilter im Gehirn, der die Signale der Nerven im Gehör auswertet und entscheidet, ob ein Geräusch an unser Bewusstsein weitergeleitet wird. Hat dieser Geräuschfilter besonders viele Informationen zu verarbeiten, wachen wir deshalb nicht zwangsläufig auf, können uns am Tag darauf aber sehr erschöpft fühlen.
Langzeitfolgen von Lärmbelästigung
Dauerhafte nächtliche Ruhestörung kann zu chronischer Müdigkeit, erhöhter Reizbarkeit und einer verminderten Leistungsfähigkeit führen. Weitere mögliche Folgen sind Depressionen, Bronchitis, Asthma, ein gesteigertes Herzinfarktrisiko, eine Schilddrüsenfehlfunktion, eine Gastritis oder ein Reizdarmsyndrom.
Fluglärmstudie: Die Auswirkungen auf Stresshormone
Ein Experiment der TU Berlin untersuchte den Einfluss von Fluglärm auf den Schlaf. Die Probanden wurden sechs Wochen lang jede Nacht mit dem Lärm von Starts und Landungen beschallt. Bei einem Teil der Probanden zeigten sich deutliche Anzeichen von Stress. So konnten etwa im Urin dieser Personen erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol nachgewiesen werden. Der Körper reagiert auf verstärkte Cortisolausschüttung mit einer Art Niederlage-Reaktion. Dies führt zu einer Schwächung des Immunsystems, was wiederum den Weg für etliche mögliche Folgeerkrankungen ebnet.
Lärmbelästigung bei Kindern
Besonders anfällig für Lärmbelästigung seien Personen mit chronischen Vorerkrankungen, ältere Menschen und ganz besonders Kinder - allein schon, weil sie länger schlafen. Bei Kindern in der Nähe des neuen Flughafens konnten die Forscher feststellen, dass die Konzentrations- und Erinnerungsfähigkeit leicht abnahm. Ihr Urin wies eine erhöhte Konzentration von Stresshormonen auf, unter anderem Cortisol.
Maßnahmen gegen nächtliche Ruhestörung
Betroffene sollten langfristig Wege suchen, wie sie dem Lärm entkommen. Schallschutzfenster sind ein erster Schritt, um den Pegel zu reduzieren. Eine Beschwerde beim zuständigen Amt, das kann die Stadt-, Gemeinde- oder Bezirksverwaltung sein, wäre eine weitere Maßnahme, um Flug- oder Straßenlärm zu bekämpfen. Hierfür ist es hilfreich, sich mit anderen Betroffenen zusammenzutun. Ein Gehörschutz zum Schlafen ist verlockend, sollte aber nur temporär eingesetzt werden.
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Psychoakustik: Wie wir Schall wahrnehmen
Unser Gehör ist kein neutrales Aufnahmegerät, sondern ein selektives Filtersystem, das ständig entscheidet: Was ist wichtig? Worauf konzentriere ich mich? Unsere Aufmerksamkeit richtet sich fast automatisch auf die dominanteste Schallquelle - das lauteste oder auffälligste Geräusch. Alles andere tritt zurück oder verschwindet aus dem Bewusstsein. Das geschieht unbewusst, blitzschnell - ein Überlebensmechanismus aus der Evolution.
Der Lärmteppich und seine Auswirkungen
Unser Alltag liegt eingebettet in einen Klangteppich - ein Grundrauschen, das sich über alles legt. Viele leisere Geräusche sind tagsüber da, werden aber vom Hintergrund überdeckt - maskiert. Nachts, im stillen Raum, tritt das Ticken der Uhr hervor. Tagsüber überdecken Gespräche, Radiomusik, Verkehrslärm und Gedanken den Ton. Auch das Brummen des Kühlschranks gewinnt an Gewicht. Dieses Beispiel zeigt: Wahrnehmung ist selektiv. Sie hängt von Kontext und Aufmerksamkeit ab.
Die Rolle tiefer Töne
Tiefe Töne sind die stillen Riesen im akustischen Raum. Sie breiten sich weit aus, durchdringen Wände, Fenster, Böden. Genau das macht sie zu Maskierungsmeistern. Sie legen sich wie ein akustischer Nebel über alles und verdecken mittlere und hohe Frequenzen, in denen Sprache und Musik liegen.
Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen
Kinder mit auditiven Verarbeitungsstörungen haben oft Schwierigkeiten, gesprochene Sprache zu verstehen und zu verarbeiten. Die auditive Wahrnehmung beinhaltet nicht nur das Hören an sich, sondern ist vielmehr ein Prozess der Aufnahme des Gehörten und dessen Verarbeitung durch unser Gehirn. Unzulänglichkeiten in der auditiven Wahrnehmung können sich in verschiedenen Teilfunktionsbereichen zeigen:
- Auditive Aufmerksamkeit
- Richtungshören
- Trennung von Nutz- und Störschall
- Dichotisches Hören
- Unterscheidung von Tonhöhen, Rhythmen, Lauten
- Auditives Gedächtnis
- Auditive Analyse
- Auditive Synthese
- Lautheitsempfinden
Diese auditiven Teilleistungen stellen die Basis dar, auf der sich das Lesen und Schreiben entwickeln. Die sprachtherapeutische Behandlung wird individuell auf das Kind abgestimmt und beinhaltet ein gezieltes Training der auffälligen auditiven Teilbereiche.
Misophonie: Wenn Geräusche Wut auslösen
Es gibt Geräusche, auf die manche Menschen besonders emotional reagieren, sie wütend und aggressiv machen. Misophonie nennt sich diese Störung. Misophoniker machen das zwanghaft, oder reflexhaft auf jeden Fall unfreiwillig, mit Geräuschen, die die meisten nicht als besonders störend empfinden: Kauen, Schlucken, Fingerknacken, Schnüffeln, Schmatzen.
Ursachen und Behandlung von Misophonie
Wie viele Menschen darunter leiden ist unklar. Man weiß, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene betroffen sind. Es gibt aber auch Forscherstimmen, die bezweifeln, dass Misophonie eine eigenständige Störung ist und sie eher als Begleitsymptom zu anderen Störungen definieren. Auch über Ursachen gibt es bisher kaum Erkenntnisse. In Betroffenenforen findet man einige Methoden der Linderung, Hypnose, Noise-Cancelling Kopfhörer, oder eingespielte Geräuschfilter wie Weißes Rauschen scheinen zu funktionieren.
Hören unter Stress: Die Auswirkungen auf das Gehör
Wenn es um uns herum laut und hektisch wird, fällt das Zuhören plötzlich richtig schwer. Unter Stress passiert einiges in uns: Der Körper schüttet Adrenalin und Cortisol aus, und das hat direkte Auswirkungen. Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, und das Gehirn filtert heraus, was gerade wirklich wichtig ist. Unwichtige Geräusche werden einfach ausgeblendet.
Die physiologischen Auswirkungen von Stress auf das Gehör
Durch die Verengung der Blutgefäße wird das Innenohr schlechter durchblutet. Besonders empfindlich reagieren unsere winzigen Haarzellen in der Cochlea (Hörschnecke), diese wandeln Schall in elektrische Signale um, damit unser Gehirn Klänge richtig verarbeitet. Fehlt ihnen Sauerstoff, reagieren sie langsamer. Stimmen können plötzlich dumpf klingen, Geräusche verschwimmen miteinander, und es wird schwieriger, alles klar zu verstehen. Nicht nur Nacken und Schultern verspannen sich bei Stress - auch die kleinen Muskeln im Mittelohr sind betroffen. Sie spannen sich an, was die Weiterleitung von Schall beeinträchtigt.
Langzeitfolgen von Stress auf das Gehör
Wenn Stress über längere Zeit anhält, kann das Gehör darunter leiden. Eine dauerhaft schlechte Durchblutung des Innenohrs kann die Haarzellen schädigen - und wenn sie einmal zerstört sind, wachsen sie nicht nach. Das kann zu Hörproblemen oder sogar Tinnitus führen.
Maßnahmen zur Stressreduktion und zum Schutz des Gehörs
Wer in einer lauten Umgebung arbeitet oder oft von Geräuschen umgeben ist, sollte bewusst Momente der Stille einbauen. Stress führt zu flacher Atmung. Magnesiumreiche Lebensmittel wie Nüsse, Bananen, Vollkornprodukte oder auch grünes Gemüse entspannt die Muskeln und verbessert die Durchblutung. Regelmäßige Meditation kann dabei helfen, den Stresspegel zu senken.
Schalllokalisation: Wie das Gehirn Geräusche räumlich verortet
Während unsere Netzhaut ein räumliches Abbild der visuellen Sinneseindrücke erhält, ist unser Gehör mit einem Gemisch sämtlicher Schallwellen aus der Umwelt konfrontiert, unabhängig von deren Position. Dabei ist es entscheidend, dass wir Geräusche mit zwei Ohren wahrnehmen die, auch wenn uns das selten bewusst ist, verschiedene Sinneseindrücke erhalten. Das Gehirn setzt daher die Positionen der einzelnen Geräuschquellen im Nachhinein aus verschiedenen Informationsstückchen zusammen.
Die Puzzleteile der Schalllokalisation
Kommt ein Geräusch von einer seitlich gelegenen Schallquelle, muss es am Kopf vorbei, um das abgewandte Ohr zu erreichen. Dabei wird das Geräusch abgedämpft und zwar umso stärker, je seitlicher die Quelle liegt. Der so entstehende Lautstärkeunterschied zwischen den Ohren enthält also Informationen über die Position der Schallquelle. Allerdings hängt der Lautstärkeunterschied nicht nur von der Position der Quelle sondern auch von der Frequenz der Schallwellen ab. Je höher die Frequenz, desto stärker werden die Wellen durch kleinere Objekte blockiert.
Die Rolle der Ohrmuscheln
Je nachdem aus welchem Winkel Schallwellen auf die Ohrmuschel treffen, werden sie in unterschiedlicher Art und Weise reflektiert und abgelenkt. Wenn wir also das selbe Geräusch von verschiedenen Positionen im Raum abspielen und es mit einem Mikrophon im Ohrkanal des Hörers aufnehmen, erhalten wir für jede Position eine etwas andere Aufnahme. Diese feinen Unterschiede kombiniert das Gehirn mit den Zeit- und Lautstärkedifferenzen, um schließlich eindeutig zu wissen, woher ein Geräusch kommt.
Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns
Unser Gehirn muss also unsere individuelle Ohrform erlernen. Forscher haben das demonstriert, indem sie die Ohrmuscheln der Probanden durch eine eingepasste Silikonform verändert haben. Unser Gehirn ist also in der Lage, neue Ohrformen zu erlernen.
Schalllokalisation und Hörgeräte
Hörgeräte verändern nämlich, genau wie die Silikonformen aus dem Experiment, die Form des Ohres und stören somit die Schalllokalisation. Dadurch fällt es den Nutzern schwerer, Schallquellen voneinander zu trennen. Zwar sind auch sie in der Lage sich an eine neue Ohrform anzupassen. Der Prozess dauert jedoch mehrere Wochen. Je älter die Person, desto länger kann diese Eingewöhnungszeit werden.