Die Behandlung von Hirntumoren stellt eine große Herausforderung dar. Neben etablierten Therapieformen wie Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie suchen Patienten und Angehörige oft nach zusätzlichen oder alternativen Behandlungsansätzen. In den letzten Jahren hat das Opioid Methadon in diesem Zusammenhang eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, insbesondere im Kontext von Glioblastomen, einer besonders aggressiven Form von Hirntumoren. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit Methadon bei Hirntumoren, fasst Studienergebnisse zusammen und gibt einen Überblick über die aktuelle wissenschaftliche Bewertung.
Der Hype um Methadon: Wie alles begann
Das Interesse an Methadon als potenzielles Krebsmittel wurde durch eine Veröffentlichung von Claudia Friesen, einer Chemikerin von der Universitätsklinik Ulm, ausgelöst. Ihre Forschungsergebnisse zeigten, dass Methadon im Reagenzglas Leukämiezellen zerstören kann. Folgeexperimente ergaben, dass Methadon in Kombination mit Chemotherapeutika wie Doxorubicin die Wirkung verstärken kann. Diese Ergebnisse wurden in den Medien aufgegriffen und führten zu einer großen Nachfrage von Krebspatienten nach Methadon.
Mediale Aufmerksamkeit und ihre Folgen
Ein Fernsehbeitrag in der Sendung Plusminus im April 2017 trug maßgeblich zur Verbreitung der Idee bei, dass Methadon ein "Krebskiller" sein könnte. In dem Beitrag wurden Patientenfälle vorgestellt, in denen Methadon scheinbar zu einem Verschwinden von Tumoren geführt hatte. Diese Berichterstattung führte zu einem enormen Anstieg der Suchanfragen nach Methadon und einer Welle von Nachfragen in onkologischen Praxen und Kliniken. Viele Patienten, oft austherapiert, sahen in Methadon eine letzte Hoffnung.
Die wissenschaftliche Perspektive: Ernüchterung und Vorsicht
Trotz der anfänglichen Euphorie mahnen Experten zur Vorsicht. Die Arbeiten von Claudia Friesen befinden sich noch im experimentellen Stadium der Grundlagenforschung. Es gibt derzeit keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit von Methadon bei der Behandlung von Hirntumoren beim Menschen. Zellkulturen und Tierversuche lassen sich nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen.
Studienergebnisse im Überblick
- Zellkulturstudien: Eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) untersuchte den Effekt von Methadon auf Glioblastom-Zellkulturen. Die Ergebnisse zeigten, dass Methadon die Wirksamkeit der Chemotherapie mit Temozolomid nicht verstärkt und auch keinen nachweisbaren Effekt auf das Überleben oder Sterben der Krebszellen hat. Die Forscher fanden heraus, dass in den meisten menschlichen Glioblastomzellen Opioidrezeptoren fehlen, an die Methadon andocken kann.
- Retrospektive Studie: Eine retrospektive Studie mit 27 Gliompatienten untersuchte die Sicherheit und Verträglichkeit von Methadon in Kombination mit Chemotherapie. Während der Aufdosierungsphase traten bei einigen Patienten Nebenwirkungen wie Übelkeit, Ängstlichkeit und Fatigue auf, die jedoch meist nach einigen Wochen wieder verschwanden. Die Studie konnte jedoch aufgrund der geringen Teilnehmerzahl und des retrospektiven Designs keine Aussage darüber treffen, ob Methadon den Therapieerfolg beeinflusst.
- Vergleichsstudie: Eine retrospektive Studie am MD Anderson Cancer Center in Houston, USA, verglich Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung, die im Rahmen einer Schmerztherapieumstellung mit Methadon behandelt wurden, mit Patienten, die andere Opioide erhielten. Es konnte kein signifikanter Unterschied im Überleben zwischen den Behandlungsgruppen festgestellt werden.
- Leipziger Laborstudie: Wissenschaftler der Universitätsmedizin Leipzig haben Methadon zur Therapie von Hirntumoren in einer Laborstudie getestet und kommen zu einem ernüchternden Ergebnis. Die Studie ist eine Reaktion auf die öffentliche Debatte und den möglichen Effekt von Methadon in der Krebstherapie, insbesondere für die Behandlung unheilbarer Tumore des zentralen Nervensystems, sogenannte Glioblastome. Für die Untersuchung legten die Forscher primäre Zellkulturen aus Hirntumoren an, die sechs Patienten entfernt wurden. „Wir haben erstmals neben den Tumor-Zellkulturen auch Kulturen gesunder Zellen der Patienten angelegt, um die Wirkung von Methadon auf beide Zelltypen zu vergleichen“, sagt Prof. Dr. Die Tumor-Zellkulturen wurden mit der Standardtherapie bei einem Glioblastom behandelt: Bestrahlung und Chemotherapie. Zusätzlich konfrontierten die Forscher die Zellen mit Methadon in unterschiedlichen Konzentrationen. So konnten sie beobachten, ob Methadon einen zusätzlichen Effekt hat und die Standardtherapie besser wirkt. „Unsere Resultate zeigen, dass die Standardbehandlung wirksam ist, aber durch Methadon kein Zugewinn erzielt wird. Es dürfte auch nichts nützen, wenn ein Patient nur Methadon nimmt. Das würde erst in Konzentrationen wirken, die für den Körper tödlich sind“, fasst Prof. Gaunitz zusammen. „Zudem konnten wir die Arbeiten von anderen Forschergruppen bestätigen, dass manche Tumorzellen bei niedrigen Methadon-Konzentrationen sogar schneller wachsen.“ Zugleich wurden die gesunden Zellen im Experiment mit unterschiedlichen Konzentrationen des Opioids konfrontiert. Dabei zeigte sich, dass auch sie bei den Dosen zerstört werden, bei denen auch Krebszellen absterben.
- MEFOX-Studie: Eine aktuelle Studie unter dem Titel MEFOX untersucht Methadon in der Krebstherapie in zwei Phasen. In der ersten Phase werden sehr gezielt Versuchspersonen mit Dickdarm- oder Enddarmkrebs gesucht, bei dem die Tumoren bereits Ableger im Körper bilden und nicht mehr auf die Chemotherapie anspringen. Die insgesamt 18 Versuchspersonen sollen dann Methadon in unterschiedlichen Dosierungen bekommen, um die noch verträgliche und zugleich wirksame Menge zu ermitteln, die verabreicht werden muss. Sind diese Tests erfolgreich, werden in einer zweiten Phase weitere Testpersonen gesucht und in Studien- und Kontrollgruppe eingeteilt. Während die Studiengruppe dann Methadon und Chemotherapie erhält, bekommt die Kontrollgruppe nur die Chemotherapeutika.
Stellungnahmen von Fachgesellschaften
Mehrere medizinische Fachgesellschaften haben sich kritisch zum Einsatz von Methadon in der Krebstherapie geäußert. Sie warnen vor unbewiesenen Hoffnungen und potenziellen Risiken. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) betont, dass neue Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass Methadon bei Patienten mit Hirntumoren keine positive Wirkung hat. Die DGHO unterscheidet klar zwischen der Schmerztherapie, in der Methadon eine anerkannte Option ist, und der Krebstherapie, für die es keine ausreichenden Belege gibt.
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Methadon als Schmerzmittel in der Palliativmedizin
Methadon ist ein starkes Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide und wird in der Palliativmedizin zur Behandlung von mittleren bis starken Tumorschmerzen eingesetzt. Es ist in Deutschland zur Therapie bei starken Schmerzen zugelassen und wird in der S3-Leitlinie zur Palliativmedizin für Patienten mit nicht heilbarer Krebserkrankung empfohlen. Da Methadon zu den Betäubungsmitteln gehört, darf es nur auf einem speziellen Rezept verschrieben und von erfahrenen Medizinern verabreicht werden.
Risiken und Nebenwirkungen von Methadon
Methadon kann erhebliche Nebenwirkungen verursachen, darunter Übelkeit, Verstopfung, Müdigkeit, psychomotorische Einschränkungen, Vigilanzminderung, kognitive Probleme, Atemdepression und Herzrhythmusstörungen. Die Halbwertszeit und Wirkungsdauer von Methadon sind individuell verschieden, was die Dosierung erschwert und das Risiko einer Überdosierung erhöht. Aufgrund dieser Risiken ist Methadon kein Schmerzmittel erster Wahl.
Alternative Therapieansätze bei Hirntumoren
Neben den etablierten Therapieformen und der Schmerzbehandlung mit Opioiden wie Methadon gibt es weitere vielversprechende Therapieansätze bei Hirntumoren.
- Ionenstrahltherapie: Die Ionenstrahltherapie, insbesondere mit Protonen, ermöglicht eine präzisere Bestrahlung des Tumors und schont das umliegende Gewebe. Allerdings gibt es bisher keine prospektiv kontrollierten Studien, die einen Vorteil gegenüber der konventionellen Radiatio bei malignen Gliomen belegen. Eine Zwischenauswertung einer Phase-II-Vergleichsstudie deutet sogar auf eine raschere kognitive Verschlechterung bei Protonenbestrahlung hin.
- Tumortherapiefelder (TTF): Bei dieser Therapieform werden großflächige Keramik-Gel-Pads auf den Schädel des Patienten aufgebracht, die an einen Stimulator angeschlossen sind. Dieser erzeugt ein elektrisches Wechselfeld, das das Wachstum der Tumorzellen hemmen soll. Studien haben beeindruckende Ergebnisse gezeigt, allerdings gab es keine Placebogruppe mit einer Scheinstimulation.
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