Geriatrische Syndrome bei Alzheimer: Herausforderungen und Lösungsansätze

Einführung

Geriatrische Syndrome sind komplexe Gesundheitsprobleme, die häufig bei älteren Menschen auftreten und deren Selbstständigkeit und Lebensqualität beeinträchtigen können. Diese Syndrome, wie Harninkontinenz, Gebrechlichkeit, Muskelabbau und Demenz, erfordern eine besondere Aufmerksamkeit und einen umfassenden Behandlungsansatz. Insbesondere bei Alzheimer-Patienten können diese Syndrome die ohnehin schon schwierige Situation zusätzlich komplizieren. Ziel dieses Artikels ist es, einen Überblick über die wichtigsten geriatrischen Syndrome im Zusammenhang mit Alzheimer zu geben und mögliche Behandlungsansätze aufzuzeigen.

Was sind geriatrische Syndrome?

Geriatrische Syndrome umfassen eine Vielzahl von Gesundheitsproblemen, die im Alter häufiger auftreten und die Selbstständigkeit und Gesundheit älterer Menschen gefährden. Zu diesen Syndromen gehören unter anderem:

  • Stürze und Gangunsicherheit
  • Harninkontinenz
  • Kognitive Beeinträchtigungen und Verwirrtheit
  • Schluckstörungen
  • Mangelernährung
  • Muskuläre Schwäche und Gebrechlichkeit
  • Probleme bei der Medikamenteneinnahme

Diese Syndrome sind oft komplex und erfordern eine umfassende medizinische Betreuung, die alle Aspekte der Gesundheit und des Wohlbefindens älterer Menschen berücksichtigt.

Demenz und Alzheimer: Eine besondere Herausforderung

Demenz ist eine erworbene Störung des Gedächtnisses und des Denkvermögens, die so ausgeprägt ist, dass sie die Alltagsaktivitäten beeinträchtigt. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache für Demenz, aber es gibt auch viele andere Ursachen. Bei vielen Alzheimer-Patienten geht die Erkrankung auch mit Gebrechlichkeit oder funktionellen Beeinträchtigungen einher. Damit sind sie anfälliger für weitere Erkrankungen, Behinderungen oder Stürze.

Die Alzheimer-Erkrankung beginnt in der Regel schleichend und tritt verstärkt bei Menschen in höherem Alter auf. Oft werden die anfangs auftretenden Gedächtnislücken, Orientierungs- und Sprachprobleme nicht ernst genommen, dem normalen Alterungsprozess zugesprochen oder überspielt. Wenn die Symptome häufiger auftreten, versuchen viele Betroffene aus Angst und Scham, ihre Defizite vor der Familie oder dem Arbeitgeber zu verbergen.

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Früherkennung und Diagnose

Die zeitgerechte Früherkennung und differentialdiagnostische Einordnung von Demenzen wird angesichts der Erkenntnis, dass neuropathologische Merkmale der Alzheimer-Krankheit bereits 15 bis 20 Jahre vor Eintreten der ersten Symptome nachweisbar sind und der Krankheitsverlauf als Kontinuum voranschreitet, zunehmend relevanter.

Die Diagnostik von Demenzerkrankungen dient dazu, die syndromale und ätiologische Zuordnung der Demenz zu erreichen. Sie soll die Identifikation von nichtdegenerativen bzw. nichtvaskulären Ursachen eines Demenzsyndroms ermöglichen, um hier ggf. spezielle Therapien einzuleiten. Den Beginn der Diagnostik bilden Eigen- und wegen der kognitiven Beeinträchtigung des Erkrankten die Fremdanamnese. Sozialanamnese.

Neuropsychologische Kurztests sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Demenzdiagnostik. Als Instrumente zur orientierenden Einschätzung von kognitiven Störungen können der Mini-Mental-Status-Test (MMST), der DemTect, der Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung und der Uhrentest benutzt werden. Die bildgebende Untersuchung des Gehirns im Rahmen der Diagnostik von Demenzerkrankungen sollte einmal im Krankheitsverlauf erfolgen. Hiermit können sowohl behandelbare Ursachen einer Demenz erkannt werden als auch eine ätiologische Differenzierung primärer Demenzerkrankungen erfolgen.

Differenzialdiagnosen

Die wichtigsten Differenzialdiagnosen eines Demenzsyndroms sind:

  • Depression
  • Delir
  • Intoxikationen und Abhängigkeitssyndrome
  • Chronische Infektionskrankheiten

Therapieansätze bei Alzheimer

Zur Therapie der leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz (AD) sind Acetylcholinesterasehemmer (AChE-Hemmer) zugelassen. Die Wirkung und Nebenwirkung dieser Mittel sind dosisabhängig und es soll die höchste gut verträgliche Dosis angestrebt werden. Nebenwirkungen sind: Bradykardien und Synkope, Erbrechen, Übelkeit, Schwindel, Appetitlosigkeit, Diarrhoe und Kopfschmerzen.

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Zur Behandlung der moderaten bis schweren Alzheimer-Demenz ist in Deutschland der nichtkompetitive NMDA-Antagonist Memantin zugelassen. Bei leichtgradiger Alzheimer-Demenz ist eine Wirksamkeit von Memantin auf die Alltagsfunktion nicht belegt.

Häufige geriatrische Syndrome bei Alzheimer-Patienten

Harninkontinenz

Harninkontinenz ist ein häufiges Problem bei älteren Menschen, insbesondere bei solchen mit Demenz. Beschwerden im Zusammenhang mit dem Wasserlassen bis hin zum Unvermögen, den Harn zu halten, kommen häufig als Langzeitfolge eines Diabetes vor. Dabei können verschiedene Störungen eine Rolle spielen, insbesondere eine mögliche Folge einer diabetischen Nervenerkrankung, nämlich die häufige so genannte diabetische Cystopathie (Störung der Blasenfunktion). Eine Überfüllung der Blase wird zu spät oder nicht mehr gespürt, so dass die Blasenmuskulatur überdehnt wird, mit der Folge einer unvollständigen Entleerung und unwillkürlichem Harnabgang. Häufig kommt es auch zu einer verstärkten Aktivität der Blasenmuskulatur bei gleichzeitiger Schwäche des Verschlussmechanismus am Blasenausgang mit Harndrang und Kontrollverlust der Blase. Betroffen sind insbesondere Frauen. Bei zuckerhaltigem Urin sind Harnwegsinfektionen und Blasenschwäche besonders häufig. Häufiges Wasserlassen erhöht das Sturzrisiko bei nächtlichen Toilettengängen.

Therapieansätze bei Harninkontinenz

Bei der nicht-medikamentösen Therapie werden Betroffene dazu angehalten, etwa 3-5-stündlich ihre Blase zu entleeren, auch wenn sie keinen Harndrang verspüren, um die Überdehnung der Blase zu vermeiden oder zurückzubilden. Gezieltes Training zur Stärkung des Beckenbodens kann den Verschluss der Blase stärken, um eine Operation zu vermeiden. Die ausschließliche Behandlung mit Einlage oder Vorlagen sollte auf die Behandlung unbeweglicher Patienten beschränkt bleiben. Blasenverweilkatheter sollten möglichst vermieden werden, außer dann, wenn alle Anstrengungen versagen. Insbesondere bei Männern sollte dann ein suprapubischer Katheter (durch die Haut in die Blase eingelegt) bevorzugt werden. Medikamentös kommen verschiedene, an unterschiedlichen Stellen wirkende Medikamente zum Einsatz, z.B. so genannte Cholinergika oder Alphablocker. Bei älteren Menschen mit Diabetes sollte mindestens einmal jährlich nach einer Harninkontinenz oder einer Blasenüberdehnung gefahndet werden.

Gebrechlichkeit (Frailty) und Muskelabbau (Sarkopenie)

Unter Gebrechlichkeit versteht man eine verminderte Kraft, körperlich und geistig schwierigen Situationen gewachsen zu sein. Sie macht besonders anfällig gegenüber gesundheitlichen Schwierigkeiten wie z.B. Stürzen. Gebrechlichkeit ist gekennzeichnet durch Gangunsicherheit, verlangsamten Gang, ungewollte Gewichtsabnahme, Muskelschwäche, rasche Erschöpfbarkeit und geringe physische (körperliche) Aktivität, verlangsamtes Denken. Verursacht wird sie durch vielfältige Faktoren, darunter auch durch Muskelabbau. Somit gibt es Gemeinsamkeiten mit dem Muskelabbau (sogenannte Sarkopenie) und der Muskelschwäche. Beide haben große Bedeutung, wenn es um den Erhalt von Funktionalität, Selbständigkeit und Lebensqualität des älteren Menschen geht. Neben Muskelabbau können Alterungsprozesse, Lebensstilfaktoren, äußere Ereignisse (z.B. Infektionen, Krankenhausaufenthalte, Knochenbrüche), bestimmte Begleitkrankheiten und eventuell eine umfangreiche medikamentöse Therapie zur Gebrechlichkeit führen. Auch ein Diabetes ist dafür ein wichtiger Risikofaktor. Bei Menschen mit Diabetes, besonders bei schlechter Diabeteseinstellung, ließen sich in Untersuchungen ein rascherer Muskelabbau und höhere Gebrechlichkeit nachweisen als ohne Diabetes.

Gebrechlichkeit und Muskelabbau sind sehr ernste Bedingungen und Einschränkungen. Sie müssen frühzeitig erkannt und wenn möglich behandelt werden. Denn sie führen zu erhöhter Anfälligkeit dafür, dass sich die Gesundheit verschlechtert, dass es zu Stürzen und Verletzungen kommt. Dies hat dann zur Folge, dass es zu einer weiteren Zunahme an Gebrechlichkeit, der Gefährdung der Selbstständigkeit mit Heimunterbringung oder Tod kommt.

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Therapieansätze bei Gebrechlichkeit und Muskelabbau

Um die Lebensqualität im Alter zu erhalten, sollte die Stoffwechselkontrolle des Diabetes verbessert und ein altersangepasstes körperliches Trainingsprogramm mit Sturzvorsorge und Sturzvermeidung durchgeführt werden. Ebenso sind eine Ernährung mit angemessener Versorgung mit Energie und eine optimale Aufnahme von Eiweiß unbedingt nötig.

Stürze und Gangunsicherheit

Treten bei älteren Menschen Gleichgewichtsprobleme, Unsicherheit beim Gehen, Schwindel oder Muskelschwäche auf oder sind sie in ihrer Mobilität eingeschränkt, stürzen sie häufiger. Nach einer Anamnese und einer körperlichen Untersuchung prüfen wir, welche Medikamente sie einnehmen, führen Seh-, Hör- und Gleichgewichtstests durch und setzen bildgebende Verfahren ein. Eine wichtige Rolle spielt zudem die Sturzprävention.

Kognitive Beeinträchtigungen und Verwirrtheit

Im Alter treten oft Gedächtnisprobleme, Verwirrtheit, Sprachschwierigkeiten, Probleme bei der Planung und Entscheidungsfindung, kognitive Beeinträchtigungen in der räumlichen Wahrnehmung und Orientierung sowie Demenz auf. Die Therapie umfasst oftmals eine Kombination aus medikamentöser Behandlung, kognitivem Training, Anpassung des Lebensstils, Ergotherapie und Unterstützung durch Angehörige.

Schluckstörungen (Dysphagie)

Schwierigkeiten beim Schlucken von festen oder flüssigen Lebensmitteln, Husten oder Erstickungsgefühle beim Essen oder Trinken, Gewichtsverlust und wiederkehrende Lungenentzündungen können Anzeichen von Schluckstörungen sein. Zur Diagnose gehören eine klinische Bewertung, Schlucktests, die flexible endoskopische Evaluation des Schluckaktes (FEES) oder die Videofluoroskopie.

Mangelernährung

Die Betreuung von mangelernährten Patienten erfordert eine multidisziplinäre Herangehensweise von Ärzten, Pflegekräften, Ernährungsspezialisten, Psychologen und dem Sozialdienst.

Das Failure-to-Thrive-Syndrom

Das Failure-to-Thrive-Syndrom im Alter bezeichnet eine fortschreitende Erschöpfung und einen allgemeinen Verfall des Gesundheitszustands bei älteren Menschen. Die Therapie des Failure-to-Thrive-Syndroms umfasst die Behandlung von Ernährungsdefiziten, Grunderkrankungen oder Medikamentenwechselwirkungen. Die Therapie beinhaltet oftmals Ernährungsberatung, Nahrungsergänzung, Physiotherapie, psychosoziale Unterstützung und die Förderung sozialer Aktivitäten. Es ist wichtig, das Failure-to-Thrive-Syndrom im Alter frühzeitig zu erkennen und angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um den Gesundheitszustand und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Die Rolle der Geriatrie

Angesichts der älter werdenden Bevölkerung gewinnt das Geriatrische Assessment immer mehr an Bedeutung - auch um frühzeitig eine Behandlung durch den Facharzt einzuleiten zu können. Um den Ansprüchen einer guten medizinischen Versorgung einer immer älter werdenden Gesellschaft gerecht zu werden, wurde in drei Bundesländern der Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie eingeführt. Laut Definition der Fachgesellschaften führt die Geriatrie akutmedizinische, frührehabilitationsmedizinische und rehabilitationsmedizinische Behandlungen durch.

Die Geriaterin bzw. der Geriater ist Spezialistin bzw. Spezialist für die Behandlung sehr alter Menschen. Denn der Organismus einer 90-Jährigen bzw. eines 90-Jährigen funktioniert anders als der eines 30-jährigen Menschen. Vor allem: Die typische Geriaterin bzw. der typische Geriater wird immer mehr zum Netzwerker zwischen den Disziplinen. Denn je nach Leiden oder Symptom, wird die alte Patientin bzw. der alte Patient in unterschiedlichen medizinischen Bereichen behandelt, von vielen Ärztinnen und Therapeuten, die im Zweifelsfalle nichts voneinander wissen und sich nicht austauschen. Eigentlich ist in jedem Fall aber das Wissen der Altersmediziner vonnöten, um hochbetagten Patienten eine ausgezeichnete Versorgung zu gewährleisten. Gerade deshalb werden Geriaterinnen in der Medizin der Zukunft eine strategisch wichtige Rolle spielen. Bei ihnen laufen alle Fäden zusammen.

Das geriatrische Assessment

Wegen der komplexen Situation älterer Patientinnen und Patienten nutzt die Geriaterin bzw. der Geriater zusätzlich zu den klassischen ärztlichen Untersuchungsmethoden das geriatrische Assessment, um alterstypische Mehrfacherkrankungen, körperlich-funktionelle Defizite, aber auch mentale und psychische Probleme sowie das soziale Umfeld der Patientin bzw. des Patienten abzubilden. Auf Grundlage dieser Ergebnisse kann die Ärztin bzw. der Arzt die multiprofessionelle Therapie planen und überprüfen.

Prävention und Management geriatrischer Syndrome

Lebensstil-Anpassungen

Eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger körperlicher Aktivität und ausreichend Schlaf kann dazu beitragen, das Risiko für geriatrische Syndrome zu verringern.

Medikamentenmanagement

Eine sorgfältige Überprüfung der Medikamente und die Vermeidung von Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente gleichzeitig) sind wichtig, um unerwünschte Nebenwirkungen und Wechselwirkungen zu vermeiden.

Soziale Unterstützung

Soziale Kontakte und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten können dazu beitragen, Isolation und Depressionen zu verhindern, die oft mit geriatrischen Syndromen einhergehen.

Sturzprävention

Maßnahmen zur Sturzprävention, wie z.B. die Beseitigung von Stolperfallen in der Wohnung und die Verwendung von Hilfsmitteln wie Gehstöcken, können dazu beitragen, Stürze und Verletzungen zu vermeiden.

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