Einführung
Therapiehunde erfreuen sich wachsender Beliebtheit als unterstützende Maßnahme bei verschiedenen gesundheitlichen Problemen. Insbesondere bei Menschen mit Spastik können sie eine wertvolle Ergänzung zu herkömmlichen Therapieformen darstellen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Therapiehunden bei Spastik, ihre Wirkungsweise und die Voraussetzungen für ihren erfolgreichen Einsatz.
Was sind Therapiehunde?
Therapiehunde sind speziell ausgebildete Hunde, die in verschiedenen therapeutischen Bereichen eingesetzt werden, um Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Einschränkungen zu unterstützen. Sie unterscheiden sich von Assistenzhunden, die individuell für eine Person mit einer Behinderung ausgebildet werden und diese im Alltag begleiten. Therapiehunde hingegen arbeiten meist mit medizinischem Fachpersonal zusammen und helfen mehreren Menschen.
Therapiehund vs. Assistenzhund
Leider werden Therapiehunde immer noch häufig mit Assistenzhunden gleichgesetzt oder verwechselt. Assistenzhunde werden immer nur für einen Menschen ausgebildet und erlernen mindestens drei Aufgaben, die die Behinderung des Partners direkt mindern. Das reicht allerdings für Assistenzhunde nicht aus. Sie müssen zudem hohe Standards in der Öffentlichkeit einhalten, zum Beispiel dürfen sie nicht schnüffeln und müssen andere Menschen und Hunde ignorieren. Assistenzhunde werden ca. 2 Jahre ausgebildet, um diese Anforderungen zu erfüllen. Sie begleiten ihren behinderten Menschen 24 Stunden. Therapiehunde werden meistens von medizinischem Fachpersonal bei ihrer Arbeit - z. B. in einer Ergotherapiepraxis - eingesetzt. Hier helfen sie mehreren unterschiedlichen Menschen und nicht nur einem Partner. Auch Besuchshunde, die Altenheime oder Kindergärten besuchen, helfen vielen verschiedenen Menschen. Zuletzt werden auch Hunde, die bei einem Menschen mit einer Behinderung leben und diesen durch ihre Anwesenheit emotional unterstützen, Therapiehunde genannt. Diese Hunde haben - im Gegensatz zu den Assistenzhunden - keine zweijährige, spezielle Ausbildung absolviert, halten keine Standards ein und erfüllen nicht mindestens drei direkte Aufgaben für "ihren" Menschen mit einer Behinderung. In den USA werden diese Hunde "emotional support dog" bezeichnet. Während früher Assistenzhunde auch Behindertenbegleithunde genannt wurden, wird dieser Ausdruck heute kaum verwendet, weil kein Betroffener ständig als Behinderter bezeichnet werden möchte, schließlich ist er auch ein ganz normaler Mensch! Auch der Ausdruck Servicehund wird vereinzelt in Deutschland verwendet. Während in den USA Servicehund (service dog) allgemein alle Assistenzhunde bezeichnet und sehr gebräuchlich ist, dürfen Assistenzhunde in Großbritannien nicht Servicehund genannt werden, sondern ausschließlich Assistenzhund. In Großbritannien gelten alle Arbeitshunde, also auch Rettungshunde, Therapie- und Besuchshunde als Servicehunde, die nichts mit eigentlichen Assistenzhunden zu tun haben. Inzwischen wird weltweit am häufigsten der Begriff "Assistenzhund" verwendet.
Spezifische Assistenzhunde
- Blindenführhunde: Blindenführhunde führen einen sehbehinderten Menschen durch ein Führhundgeschirr.
- Assistenzhunde für LPF: Assistenzhunde für LPF helfen einem Menschen, der in seiner Mobilität eingeschränkt ist und auf einen Rollstuhl, Krücken oder Prothesen angewiesen ist. Sie helfen bei der Bewältigung der alltäglichen Aufgaben, indem sie für ihren Menschen Gegenstände vom Boden aufheben, Objekte aus Regalen holen und Lichtschalter und Knöpfe betätigen.
- Mobilitätsassistenzhunde: Mobilitätsassistenzhunde helfen einem Menschen, der Schwierigkeiten beim Gehen hat, indem sie ihn stützen.
- PTBS-Assistenzhunde: PTBS-Asssistenzhunde helfen einem Menschen mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung und/oder dissoziativen Störung.
- Diabetikerwarnhunde: Diabetikerwarnhunde warnen einen Typ1 Diabetiker rechtzeitig vor einer drohenden Unterzuckerung und Überzuckerung.
- Assistenzhunde für Menschen mit psychischen und psychiatrischen Erkrankungen: Assistenzhunde für Menschen mit Schizophrenie, Essstörungen, schweren Depressionen, Biopolarer Störung und Borderline erlernen gezielte Aufgaben um ihrem Menschen im Alltag zu helfen.
- Epilepsieanzeigehunde: Epilepsieanzeigehunde helfen einem Menschen mit primär generalisierten Anfällen.
- Autismushunde: Autismushunde erlernen individuelle Aufgaben, um das Leben eines Kindes oder Erwachsenen mit Autismus zu erleichtern.
- FAS-Assistenzhunde: FAS-Assistenzhunde helfen Kindern, die vom FAS-Syndrom betroffen sind.
- Demenz-Assistenzhunde: Demenz-Assistenzhunde unterstützen einen Angehörigen eines Demenzkranken, der zu Hause lebt, bei der Bewältigung des Alltags.
Spastik: Eine Herausforderung
Spastik ist eine Bewegungsstörung, die durch erhöhten Muskeltonus und unkontrollierte Muskelkontraktionen gekennzeichnet ist. Sie tritt häufig als Folge von Schädigungen des zentralen Nervensystems auf, beispielsweise nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose oder Zerebralparese. Spastik kann die Bewegungsfähigkeit einschränken, Schmerzen verursachen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Wie Therapiehunde bei Spastik helfen können
Therapiehunde können auf vielfältige Weise Menschen mit Spastik unterstützen:
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Entspannung und Muskeltonusreduktion
Die ruhige Ausstrahlung und die Körperwärme eines Therapiehundes können entspannend wirken und den Muskeltonus senken. Studien haben gezeigt, dass die bloße Anwesenheit eines Hundes zu einer Verringerung der Herzfrequenz und des Blutdrucks führen kann. Patienten können beispielsweise den Kopf auf dem Hund ablegen, um Verspannungen zu lösen und Schmerzen zu reduzieren.
Förderung der Körper- und Sinneswahrnehmung
Der Kontakt mit einem Therapiehund lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperregionen und kann helfen, taktile Abwehrhaltungen zu überwinden. Das Streicheln des Hundes oder das Ableckenlassen der Hände oder Füße kann die Körperwahrnehmung verbessern und die Sensibilität fördern.
Motivation und Aktivierung
Therapiehunde haben einen hohen Aufforderungscharakter und können Menschen mit Spastik zu mehr Bewegung und Aktivität motivieren. Spiele mit dem Hund, Spaziergänge oder einfache Übungen, bei denen der Hund einbezogen wird, können die Muskelkraft stärken, die Koordination verbessern und die Beweglichkeit fördern. Eine Studie beschreibt zwei tiergestützte Therapieeinheiten mit einem Hund, bei einem Mensch mit frühkindlichem Hirnschaden und einer Spastik. Der Hund wurde erfolgreich eingesetzt und den Klienten zu motorischen Herausforderungen motiviert hat und für eine Entspannung des Muskeltonus eingesetzt wurde.
Steigerung des Selbstwertgefühls und der Autonomie
Der Umgang mit einem Therapiehund kann das Selbstwertgefühl und das Gefühl der Autonomie stärken. Menschen mit Spastik können dem Hund Befehle geben, die dieser befolgt, und erleben dadurch ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, das sie auf andere Lebensbereiche übertragen können.
Förderung des allgemeinen Wohlbefindens und Stressabbau
Die Interaktion mit Hunden stimuliert die Freisetzung von Oxytocin, einem Hormon, das Vertrauen und emotionale Verbundenheit fördert. Gleichzeitig kann die Anwesenheit von Hunden den Cortisolspiegel im Körper reduzieren und das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren, wodurch Endorphine freigesetzt werden. Dies führt zu einem gesteigerten Gefühl des Wohlbefindens und kann dazu beitragen, Stress abzubauen und depressive Symptome zu mildern.
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Verbesserung sozialer Fähigkeiten
Die regelmäßige Interaktion mit Hunden fördert soziale Fähigkeiten und Kommunikation. Dies kann besonders für Menschen mit sozialen Ängsten oder Autismus-Spektrum-Störungen von Vorteil sein.
Auswahl und Ausbildung von Therapiehunden
Nicht jeder Hund ist für den Einsatz als Therapiehund geeignet. Es bedarf einer sorgfältigen Auswahl und einer gezielten Ausbildung. Therapiehunde müssen selbstsicher, innerlich ruhig, geduldig und freundlich sein. Sie sollten Freude an der Interaktion mit Menschen haben und sich leicht motivieren lassen.
Die Ausbildung von Therapiehunden umfasst in der Regel:
- Grundgehorsam: Der Hund muss die grundlegenden Befehle wie "Sitz", "Platz", "Bleib" zuverlässig ausführen.
- Sozialverträglichkeit: Der Hund muss sich gegenüber Menschen und anderen Tieren freundlich und entspannt verhalten.
- Desensibilisierung: Der Hund muss an verschiedene Umweltreize wie Geräusche, Menschenmengen und ungewohnte Situationen gewöhnt werden.
- Spezifische Aufgaben: Je nach Einsatzbereich lernt der Hund spezifische Aufgaben, die er im Umgang mit Menschen mit Spastik erfüllen soll, beispielsweise das Apportieren von Gegenständen oder das Stützen beim Gehen.
Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz von Therapiehunden
Damit der Einsatz von Therapiehunden bei Spastik erfolgreich ist, sind einige Voraussetzungen zu erfüllen:
- Individuelle Zielsetzung: Vor dem Einsatz eines Therapiehundes sollten gemeinsam mit dem Therapeuten und dem Patienten individuelle Ziele festgelegt werden, die durch die tiergestützte Therapie erreicht werden sollen.
- Professionelle Begleitung: Der Einsatz von Therapiehunden sollte immer von qualifiziertem Fachpersonal begleitet werden, das Erfahrung in der tiergestützten Therapie hat.
- Geeigneter Hund: Der Therapiehund muss sorgfältig ausgewählt und ausgebildet sein und zu den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Patienten passen.
- Hygiene: Es ist wichtig, auf eine gute Hygiene zu achten, um das Risiko von Infektionen zu minimieren.
Weitere Anwendungsbereiche der tiergestützten Therapie
Tiergestützte Therapie ist ein geplantes pädagogisches, psychologisches und sozialintegratives Angebot mit Tieren, bei dem die Teilnehmer mit Tieren interagieren, kommunizieren und / oder für Tiere tätig sind. Sie wird jederzeit von einer Fachkraft für Tiergestützte Therapie durchgeführt, die einen therapeutischen Grundberuf erlernt hat und es versteht, Tiere in die angebotene Therapie zu integrieren.
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Ein Element der tiergestützten Therapie ist die handlungsorientierte Indikationsgruppe, die mit Hühnern arbeitet. Aufgabe der Patienten ist die Pflege und Versorgung der Hühner, einschließlich Bau und Instandhaltung des Geheges. Die Tiere werden schnell zahm und können mit etwas Geduld auch kleine Kunststücke erlernen. Dies schult, neben der tagesstrukturierenden und handlungsorientierten Funktion, Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Geduld, aber auch soziale Kompetenzen der Patienten und eröffnet in der Besprechung in der Bezugsgruppe sowie in den Einzelgesprächen den Rahmen für weitere, persönliche Themen, auch im zwischenmenschlichen Kontakt.
Auch Fische können als therapeutisches Mittel eingesetzt werden, da sie eine sehr beruhigende Wirkung auf Menschen haben. Sie können laut einigen Studien den Blutdruck senken, für Entspannung sorgen, sowie auch Ängste lindern. In Kleingruppen kümmern sich jeweils zugeteilte Patienten um die Versorgung der kleinen Lebewesen, die ihr Zuhause im Aquarium im Gemeinschaftsraum haben. Die Aufgaben bestehen aus der regelmäßigen Fütterung und dem Sauberhalten des Aquariums. Im oft durchgetakteten Behandlungsalltag sind Fische eine schöne Möglichkeit, Entspannung zu erfahren und eine kleine Auszeit zu genießen. Viele Patienten sitzen in freien Minuten in der Nähe des Aquariums und genießen die entschleunigende Atmosphäre.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Die moderne Tiergestützte Therapie wurde 1969 begründet und ist seitdem in einigen Ländern anerkannt und weit verbreitet. Nach der Definition der European Society for Animal Assisted Therapy umfasst der Therapieansatz „bewusst geplante pädagogische, psychologische und sozialintegrative Angebote mit Tieren für Kinder, Jugendliche, Erwachsene wie Ältere mit kognitiven, sozial-emotionalen und motorischen Einschränkungen, Verhaltensstörungen und Förderschwerpunkten. Sie beinhaltet auch gesundheitsfördernde, präventive und rehabilitative Maßnahmen.“
Wissenschaftlich konnte erwiesen werden, dass zwischen Menschen und Hunden ein ähnliches Bindungsverhältnis besteht wie zwischen Kleinkindern und Erwachsenen. Die Tiergestützte Therapie wendet Methoden an, bei denen PatientInnen mit Tieren interagieren, über Tiere kommunizieren oder für Tiere tätig sind. Als ganzheitliches Entwicklungs- und Förderprogramm sollen durch eine Tiergestützte Therapie daspsychische, soziale und physische Wirkungsfeld positiv beeinflusst werden. Ziel ist es, einen positiven Einfluss auf den Genesungsprozess sowie eine Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen.
Theoretische Überlegungen lassen den Schluss zu, dass Tiere im Therapie- oder Förderprozess in unterschiedlichen Phasen wirksam sind: Zu Beginn fungieren Tiere als Art „Eisbrecher“, indem sie den Beziehungsaufbau zwischen TherapeutIn und PatientIn förderlich unterstützen. Indem sie helfen, eine angenehme offene Atmosphäre entstehen zu lassen, können anfängliche Widerstände der PatientInnen gemindert werden, sodass es diesen leichter fällt, über Probleme und Schwierigkeiten zu sprechen. Auch die Reflektion über schmerzhafte Erlebnisse kann erleichtert werden. Des Weiteren können Tiere unterstützen PatientInnen zu motivieren, aktiv an der Therapie teilzunehmen und sich für (therapeutische) Maßnahmen zu öffnen.
Tiergestützte Therapie in der Psychiatrie und Psychosomatik
Tiergestützte Therapie in der Psychiatrie und Psychosomatik steht in einer engen Beziehung zur Psychotherapie und medizinischen Therapie. Durch den gezielten Einsatz eines Tieres sollen positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten der PatientInnen mit beispielsweise psychischen Störungen erzielt werden. Als therapeutisches Element wird unter anderem die nonverbale Kommunikation zwischen Mensch und Tier eingesetzt. Speziell ausgebildeten Therapiehunde spiegeln durch ihre Reaktion das Verhalten der PatientInnen beispielsweise wider. Zusätzlich werden auch verschiedene Techniken aus den Bereichen der Kommunikation und Interaktion, der basalen Stimulation und der Lernpsychologie (insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie) eingesetzt. Hunde und Pferde (Psychohippotherapie) sind als (ausgebildete) Tiere zur tiergestützten Therapie besonders geeignet.
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