Glioblastom vs. Anaplastisches Astrozytom: Prognose, Diagnose und Behandlungsansätze

Das Glioblastom und das anaplastische Astrozytom sind hochgradig maligne Gliome, die im Gehirn entstehen. Beide Tumoren weisen aggressive Wachstumsmuster auf, unterscheiden sich jedoch in ihrer Klassifikation, Prognose und ihren molekularen Eigenschaften. Dieser Artikel beleuchtet die wesentlichen Unterschiede zwischen Glioblastomen und anaplastischen Astrozytomen, einschliesslich ihrer Diagnose, Behandlung und der Faktoren, die ihre jeweilige Prognose beeinflussen.

Einführung in Gliome und Astrozytome

Gliome sind primäre Hirntumoren, die aus Gliazellen entstehen, den Stützzellen des Nervensystems. Astrozytome sind eine Untergruppe der Gliome, die aus sternförmigen Astrozyten hervorgehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert Astrozytome in vier Grade (I-IV) basierend auf ihren histologischen Merkmalen, wobei Grad I die am wenigsten aggressive und Grad IV die am aggressivsten ist.

Klassifikation von Gliomen nach WHO-Grad

  • WHO-Grad I: Gutartige, langsam wachsende Tumoren mit günstiger Prognose (z. B. pilozytisches Astrozytom).
  • WHO-Grad II: Gutartige Tumoren mit erhöhter Neigung zu wiederholtem Auftreten; Übergang in bösartige Tumoren ist möglich (z. B. diffuses Astrozytom).
  • WHO-Grad III: Bösartige Tumoren, die nach der Operation Strahlen- und/oder Chemotherapie erfordern (z. B. anaplastisches Astrozytom).
  • WHO-Grad IV: Sehr bösartige, rasch wachsende Tumoren, die nach der Operation Strahlen- und/oder Chemotherapie erfordern; Patienten haben eine schlechte Prognose (z. B. Glioblastom).

Glioblastom: Ein aggressiver Hirntumor

Das Glioblastom (GBM) ist der häufigste und aggressivste primäre Hirntumor bei Erwachsenen und wird als WHO-Grad IV eingestuft. Es macht etwa 16 % aller primären Hirntumoren aus und tritt bevorzugt im Grosshirn auf. Das Erkrankungsalter liegt meist zwischen 55 und 65 Jahren, wobei Männer etwas häufiger betroffen sind als Frauen.

Formen des Glioblastoms

  • Primäres Glioblastom (IDH-Wildtyp): Diese Form tritt bei etwa 90 % der Patienten auf, entwickelt sich ohne Vorläufer und wächst sehr aggressiv.
  • Sekundäres Glioblastom (Astrozytom, IDH-mutiert, WHO-Grad 4): Es entsteht meist aus einem niedriggradigen Astrozytom, betrifft eher jüngere Menschen und hat eine etwas günstigere Prognose.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen oder Risikofaktoren für die Entstehung von Glioblastomen sind nicht ausreichend erforscht. Zu den bekannten Risikofaktoren gehören:

  • Alter: Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken.
  • Strahlenexposition: Menschen, die ionisierender Strahlung ausgesetzt waren, haben ein erhöhtes Risiko für einen Hirntumor.

Symptome

Je nachdem, an welcher Stelle sich der Tumor im Gehirn befindet, können Glioblastome durch unterschiedliche neurologische Beschwerden auffällig werden. Die Symptome können im weiteren Verlauf variieren. Da diese Hirntumoren schnell wachsen, verursacht der Druck auf das Gehirn meist die ersten Symptome. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Kopfschmerzen
  • Epileptische Anfälle
  • Lähmungen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Gedächtnisstörungen
  • Gefühlsstörungen
  • Sehstörungen
  • Sprachstörungen
  • Veränderungen der Persönlichkeit

Diagnose

Die Diagnosestellung des Gehirntumors erfolgt zunächst durch eine gründliche Befragung nach ersten Anzeichen und Symptomen. Durch bildgebende Verfahren wird die Lage und Größe des Hirntumors bestimmt. Zu den Tests und Verfahren, die zur Diagnose eines Glioblastoms eingesetzt werden, gehören:

  • Neurologische Untersuchung: Sehvermögen, Gehör, Gleichgewicht, Koordination und Reflexe der Patienten werden überprüft.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) (dieses Verfahren wird standardmässig zur Diagnose von Hirntumoren eingesetzt), Computertomographie (CT) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET).
  • Biopsie: Die Entnahme einer Gewebeprobe erfolgt in der Regel vor der Operation oder während der Resektion eines Glioblastoms. Die Probe des verdächtigen Gewebes wird im Labor mikroskopisch und molekularpathologisch untersucht, um die Art der Zellen, den WHO-Grad sowie wichtige genetische Marker (z. B. IDH-Status, MGMT-Promotor-Methylierung) zu bestimmen.

Behandlung

Die Behandlung eines Glioblastoms erfordert einen multidisziplinären Ansatz. Die derzeitige Standardtherapie umfasst eine maximal sichere chirurgische Entfernung des Tumors, gefolgt von einer kombinierten Therapie nach dem Stupp-Schema, bestehend aus Bestrahlung und einer begleitenden Chemotherapie mit Temozolomid. Der MGMT-Promotor-Methylierungsstatus beeinflusst dabei die Wirksamkeit der Chemotherapie.

Zu den Behandlungsmethoden gehören:

  • Operation: Die wichtigste Methode in der Therapie von Glioblastomen ist die Operation. Das Hauptziel einer Resektion besteht darin, so viel Tumorgewebe wie möglich zu entfernen, ohne das umgebende gesunde Hirngewebe zu schädigen. Da Glioblastome von einer Zone infiltrierender Zellen umgeben sind, ist eine vollständige Entfernung nicht möglich.
  • Strahlentherapie: Ziel ist es, verbliebene Tumorzellen, die in gesundes Hirngewebe eingedrungen sind, gezielt abzutöten. Die standardmässige externe Bestrahlung umfasst den Tumor und einen Randbereich und wird in mehreren Sitzungen durchgeführt.
  • Chemotherapie: Patienten erhalten während der Bestrahlung Temozolomid, gefolgt von sechs Erhaltungszyklen. Der molekulare MGMT-Status hilft bei der Beurteilung, ob Temozolomid besonders wirksam ist.
  • Tumor Treating Fields (TTF): TTF sind elektrische Felder, die die Zellteilung der Tumorzellen stören. Über Klebepads auf der Kopfhaut wird ein elektrisches Feld erzeugt. TTF werden meist mit Chemotherapie kombiniert und können nach der Strahlentherapie angewendet werden.
  • Therapie des Rezidivs: Beim Wiederauftreten des Glioblastoms kommen weitere Chemotherapien, erneute Resektion oder Studienprotokolle infrage.
  • Palliativmedizin und supportive Therapie: Hierbei geht es um die Linderung von Beschwerden wie Schmerzen, neurologischen Ausfällen oder Hirndrucksymptomen.

Prognose

In der überwiegenden Mehrheit der Fälle sind Glioblastome durch eine Therapie nicht heilbar. Selbst unter intensiver Therapie führen Glioblastome meist innerhalb eines Jahres zum Tod. Die Prognose hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter:

  • Alter des Patienten: Jüngere Patienten haben tendenziell eine bessere Prognose als ältere.
  • Allgemeinzustand des Patienten: Patienten mit einem guten Allgemeinzustand haben tendenziell eine bessere Prognose.
  • Ausmass der Resektion: Eine möglichst vollständige Entfernung des Tumors verbessert die Prognose.
  • MGMT-Promotor-Methylierungsstatus: Patienten mit einem methylierten MGMT-Promotor sprechen besser auf die Chemotherapie mit Temozolomid an.
  • IDH-Status: Patienten mit einem IDH-mutierten Glioblastom haben eine bessere Prognose als Patienten mit einem IDH-Wildtyp-Glioblastom.

Anaplastisches Astrozytom: Ein bösartiger Hirntumor

Das anaplastische Astrozytom (AA) ist ein bösartiger Hirntumor, der als WHO-Grad III eingestuft wird. Es macht etwa 10-15 % der astrozytären Gliome aus und tritt vorzugsweise bei jungen Erwachsenen auf (Altersgipfel: 30. bis 40. Lebensjahr).

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Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen und Risikofaktoren für die Entstehung von anaplastischen Astrozytomen sind ähnlich wie beim Glioblastom.

Symptome

Die Symptome eines anaplastischen Astrozytoms ähneln denen eines Glioblastoms, können aber je nach Lage und Grösse des Tumors variieren.

Diagnose

Die Diagnose eines anaplastischen Astrozytoms erfolgt in der Regel durch eine Kombination aus bildgebenden Verfahren und Biopsie.

Behandlung

Die Therapie besteht aus einer Operation, gefolgt von einer Strahlentherapie oder Chemotherapie. Bei oligodendroglialen Tumoren kommt auch primär eine Chemotherapie mit PCV in Frage. Die Kombinationstherapie aus Strahlentherapie und Chemotherapie ist umstritten.

Prognose

Die Prognose für Patienten mit einem anaplastischen Astrozytom ist besser als für Patienten mit einem Glioblastom, aber immer noch ungünstig. Die durchschnittliche Überlebenszeit beträgt etwa 2-3 Jahre. Die Prognose hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter:

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  • Alter des Patienten
  • Allgemeinzustand des Patienten
  • Ausmass der Resektion
  • MGMT-Promotor-Methylierungsstatus
  • IDH-Status

Unterschiede zwischen Glioblastom und anaplastischem Astrozytom

Obwohl Glioblastome und anaplastische Astrozytome beides bösartige Hirntumoren sind, gibt es einige wesentliche Unterschiede:

  • WHO-Grad: Glioblastome sind Grad IV, während anaplastische Astrozytome Grad III sind.
  • Aggressivität: Glioblastome sind in der Regel aggressiver und wachsen schneller als anaplastische Astrozytome.
  • Prognose: Die Prognose für Patienten mit einem Glioblastom ist schlechter als für Patienten mit einem anaplastischen Astrozytom.
  • Molekulare Eigenschaften: Glioblastome weisen häufig spezifische molekulare Veränderungen auf, wie z. B. eine Mutation des TERT-Promotors, eine Amplifikation des EGFR-Gens und eine +7/−10-Kopienzahl-Veränderung, die bei anaplastischen Astrozytomen seltener vorkommen.

Einfluss der WHO-Klassifikation 2021 auf die Diagnose und Behandlung von Gliomen

Mit der Überarbeitung der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebenen Klassifikation der Tumoren des zentralen Nervensystems (ZNS) im Jahr 2016 wurde erstmalig ein neues Konzept in die Diagnostik dieser Tumoren eingeführt, das auf der Integration von histologischen Befunden und molekularen Biomarkern basiert. Diese integrierte, d. h. histomolekulare Klassifikation ermöglicht eine präzisere Unterscheidung zwischen verschiedenen Gliomtypen und -graden und hat somit einen direkten Einfluss auf die Behandlungsstrategie und die Prognose der Patienten.

Wesentliche Änderungen der WHO-Klassifikation 2021

  • Differenzierung zwischen adulten und pädiatrischen Gliomen: Die WHO-Klassifikation 2021 trägt der Tatsache Rechnung, dass es fundamentale Unterschiede zwischen den häufigen diffusen Gliomen im Erwachsenenalter und den histologisch ähnlichen, aber deutlich selteneren diffusen Gliomen im Kindesalter hinsichtlich Tumorbiologie und klinischem Verhalten gibt. Daher werden jetzt diffuse Gliome des Erwachsenenalters („adult-type diffuse gliomas“) von niedrig- oder hochgradigen diffusen Gliomen des Kindesalters („pediatric-type diffuse gliomas“) unterschieden.
  • Neubewertung der IDH-mutierten Astrozytome: Statt der bisherigen Unterteilung in drei unterschiedliche Tumorentitäten („diffuses Astrozytom“, „anaplastisches Astrozytom“, „Glioblastom“) werden diese Tumoren als ein einziger Tumortyp mit der Bezeichnung „Astrozytom, IDH-mutiert“ zusammengefasst.
  • Einführung neuer molekularer Biomarker: Zusätzlich wurden zahlreiche neue molekulare Biomarker eingeführt, die für die Diagnosestellung bei bestimmten Hirntumoren entweder obligat sind oder diese zumindest wesentlich untermauern können.

Auswirkungen auf die klinische Praxis

Die WHO-Klassifikation 2021 hat die klinische Praxis in Bezug auf die Diagnose und Behandlung von Gliomen massgeblich beeinflusst. Durch die präzisere Klassifizierung der Tumoren können Ärzte eine individuellere und effektivere Behandlungsstrategie entwickeln, die auf den spezifischen molekularen Eigenschaften des Tumors basiert.

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