Das glymphatische System: Ein Schlüssel zur Alzheimer-Forschung

Das glymphatische System, ein relativ junges Forschungsgebiet, könnte eine entscheidende Rolle im Verständnis und der Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer spielen. Es wird oft als das "Abwassersystem" des Gehirns beschrieben, analog zum Lymphsystem im restlichen Körper.

Was ist das glymphatische System?

Das Gehirn ist ein dicht gepacktes Organ, dessen Gewebe zu einem Drittel aus Wasser besteht, das sich zwischen den Zellen befindet. Neben dem Wasser im Blut gibt es auch Liquor, die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit. Dieser Liquor fließt aus den Zwischenräumen um die Arterien zwischen die Nervenzellen und vermischt sich dort mit der interstitiellen Flüssigkeit, die sich ebenfalls zwischen den Zellen befindet.

Das glymphatische System ist ein Netzwerk aus Kanälen, die Hirngefäße umgeben und von Gehirnflüssigkeit durchströmt werden. Spezialisierte Astrozyten bilden in ihrer Außenwand zahlreiche Wasserkanäle (Aquaporine). Frischer Liquor fließt zunächst entlang der Arterien und nutzt die Aquaporine, um sich im Hirnparenchym zu verteilen. Dabei nimmt er Abfallprodukte aus dem Interstitium auf und transportiert sie ab. Bis zu 60 % der großen Proteine und gelösten Stoffe, darunter Laktat, β-Amyloid und Tau-Protein, werden auf diesem Weg entfernt.

Die Bedeutung des glymphatischen Systems für die Alzheimer-Forschung

Eine Störung des glymphatischen Systems, eine sogenannte glymphatische Dysfunktion, gilt als typisches Phänomen im Verlauf der Gehirnalterung. Vor allem die schwächer werdende Bewegung in den Arterien steht im Verdacht, den Zustrom von frischer Flüssigkeit zu verringern und somit die Klärung von Abfallstoffen zu beeinträchtigen.

Dieses Problem steht in direktem Zusammenhang mit der Alzheimer-Erkrankung. Beta-Amyloid, das sich im erkrankten Gehirn in den Alzheimer-Plaques ablagert, wird bei einer gestörten Reinigung durch das glymphatische System ungenügend entfernt. Studien an Alzheimer-Mäusen haben gezeigt, dass sowohl der geschwächte Zustrom als auch die verringerte Klärung von Beta-Amyloid altersabhängig sind. Interessanterweise konnte Beta-Amyloid sogar in gesunden Mäusen zu einer Störung des glymphatischen Systems führen.

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Weitere neurologische Erkrankungen und das glymphatische System

Auch andere neurologische Erkrankungen oder Symptome, bei denen Ablagerungen auftreten oder entzündliche Prozesse vermutet werden, stehen in Verbindung mit einer unzureichenden Klärung von Abfallprodukten im Gehirn. Dazu gehören Schlaganfälle, Migräne, Depressionen, aber auch Glaukome und gesteigerte Wassermengen im Gehirn (Ödeme).

Ein erhöhter Flüssigkeitseinstrom in das Gehirn ist beispielsweise auch bei Diabetes mellitus Typ II bekannt. Hierbei wird gleichzeitig offenbar auch der Abfluss der Flüssigkeit verlangsamt, was in Zusammenhang mit einem Abbau der Denkleistung steht.

Wie kann die Reinigung des Gehirns gefördert werden?

Wie genau die Reinigung des Gehirns mithilfe des glymphatischen Systems gefördert werden kann, ist derzeit noch weitgehend unklar. Neben der Arterienfunktion spielt offenbar auch Schlaf eine wesentliche Rolle. Im Wachzustand sind Körperhormone erhöht, die zu einem reduzierten Einstrom von Flüssigkeit führen. Auch die Körperlage scheint von Bedeutung zu sein: Studien an Mäusen zeigten, dass der Flüssigkeitsaustausch in Seitenlage besser war als in Bauch- oder Rückenlage.

Inzwischen werden die Abläufe und Substanzen bei diesem Flüssigkeitsaustausch detaillierter untersucht, um Wirkstoffe entwickeln zu können. Eine spezielle Eingangstür für Wasser, die Substanz Aquaporin-4, wurde auf der Gehirnseite der Blut-Hirn-Schranke beschrieben. Diese Pforte wird aktuell genauer untersucht und experimentell beeinflusst, um den Einstrom von Flüssigkeit im Bedarfsfall zu erhöhen.

Ein weiteres Element in der Regulierung des Flüssigkeitsstroms ist das körpereigene Hormon Vasopressin. Wird die Wirkung dieses Hormons gehemmt, kann eine Flüssigkeitsansammlung im Gehirn (Ödem) reduziert werden.

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Schlaf als Schlüsselfaktor für die zerebrale Müllabfuhr

Schlaf ist nicht nur wichtig, um Erinnerungen und neu gelernte Informationen zu festigen, sondern auch, um toxische Substanzen abzutransportieren. Während des Schlafs nimmt der Anteil an interstitieller Flüssigkeit um 60 % zu, was den Abtransport von Abfallprodukten erleichtert. Schlafentzug hingegen schränkt den Abtransport ein und kann die β-Amyloid-Last im Gehirn erhöhen.

Weitere Faktoren, die die zerebrale Müllabfuhr beeinflussen

Neben Schlaf gibt es weitere Faktoren, die die Funktion des glymphatischen Systems beeinflussen können:

  • Alter: Die Leistung des glymphatischen Systems lässt mit zunehmendem Alter nach.
  • Lebensstil: Übergewicht, sitzender Lebensstil und ein gestörter zirkadianer Rhythmus können die Aktivität des Systems einschränken.
  • Krankheiten: Schlafapnoe, Hypertonie und Diabetes mellitus können sich negativ auf das glymphatische System auswirken.

Innovationen und Forschungsansätze

Magnetresonanztomograf (MRT) zur Untersuchung des glymphatischen Systems

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) setzt in Kooperation mit der Universitätsmedizin Rostock einen hochmodernen Magnetresonanztomografen (MRT) ein, um die Reinigungs- und Entsorgungssysteme des Gehirns zu untersuchen. Der Scanner ermöglicht eine detailreiche Abbildung der Hirnanatomie und ist zur Optimierung der Bildqualität mit künstlicher Intelligenz ausgestattet.

Stimulation mit akustischen und optischen Signalen im Gamma-Frequenzbereich

Studien deuten darauf hin, dass die Stimulation mit akustischen und optischen Signalen im Gamma-Frequenzbereich eine Hirnreinigung anregen und typische Alzheimer-Proteine entfernen kann. Bei speziellen genetisch veränderten "Alzheimer-Mäusen" steigerte die opto-akustische Stimulierung bei 40 Hz die neuronale Aktivität und senkte gleichzeitig die Konzentrationen von Beta-Amyloid im Gehirn.

Transkranielle Pulsstimulation (TPS)

Innovative Behandlungsmethoden wie das nicht-invasive Hirnstimulationsverfahren Transkranielle Pulsstimulation (TPS) zeigen interessante Ergebnisse in Bezug auf das glymphatische System. Studien deuten darauf hin, dass die Stoßwellen das glymphatische Reinigungssystem des Gehirns positiv beeinflussen könnten, indem sie die Entfernung von Abfallstoffen unterstützen.

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Beurteilung der Funktion des glymphatischen Systems anhand von MRT-Aufnahmen

Ein Team von Forschenden um Hui Hong und Dr. Yutong Chen von der University of Cambridge hat einen Algorithmus mit maschinellem Lernen entwickelt, mit dem sich die Funktion des glymphatischen Systems anhand von normalen MRT-Aufnahmen beurteilen lässt. Die Forschenden fanden heraus, dass eine reduzierte Diffusion von Flüssigkeit durch den PVS, eine verminderte Fließgeschwindigkeit der CSF und ein geringes Volumen der Plexus choroidei das Demenzrisiko erhöhten.

Herausforderungen und Kontroversen

Trotz vielversprechender Erkenntnisse gibt es auch Herausforderungen und Kontroversen in der Forschung zum glymphatischen System. Einige Wissenschaftler bezweifeln, dass das glymphatische System der wichtigste Mechanismus zur Reinigung des Hirns ist. Sie argumentieren, dass ein großer Teil der Säuberung direkt aus dem Hirngewebe ins Blut erfolgt.

Auch die Frage, was den Liquor durch das Hirngewebe bewegt, ist noch ungeklärt. Es scheint unterschiedliche Mechanismen zu geben, die den Liquor vom vierten Ventrikel in das Tunnelsystem, von dort ins Gehirngewebe und schließlich wieder hinausbefördern.

Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass das Gehirn im Wachzustand stärker gesäubert wird als im Schlaf, was den Ergebnissen anderer Studien widerspricht. Diese Widersprüche liegen vermutlich in den Details der Methodik begründet, da das glymphatische System auf minimalen Druckunterschieden basiert und extrem sensibel ist.

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