Migräne nach Absetzen von Antidepressiva: Ursachen, Symptome und Therapieansätze

Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten, sowohl in der Psychiatrie als auch in anderen medizinischen Fachrichtungen. Sie werden in Deutschland von Millionen Menschen eingenommen, um Depressionen und andere psychische Erkrankungen wie Angst- oder Zwangsstörungen zu behandeln. Obwohl sie oft wirksam sind, ist es wichtig, sich der potenziellen Absetzsymptome bewusst zu sein, die auftreten können, wenn die Medikamente abgesetzt werden. Viele Menschen erleben nach dem Absetzen von Antidepressiva Symptome wie Kopfschmerzen und Schwindel.

Was sind Absetzsymptome?

Wird eine Behandlung mit Antidepressiva abgebrochen oder wird die Dosis reduziert, kann es meist innerhalb von einer Woche zum sogenannten Absetzsyndrom kommen. Diese Symptome können denen eines grippalen Infekts ähneln, aber es können auch weitere sehr unterschiedliche Beschwerden auftreten. Es ist wichtig zu beachten, dass Absetzsymptome keine Anzeichen einer Abhängigkeit sind, sondern vielmehr eine Reaktion des Körpers auf die Anpassung an das Fehlen des Medikaments.

Häufigkeit von Absetzsymptomen

Wie häufig das Absetzsyndrom vorkommt, ist nicht ausreichend belegt. Die Häufigkeit schwankt in verschiedenen Studien zwischen 1 % und 86 %. In einer britischen Umfrage gaben etwa 80 % der Teilnehmenden an, nach dem Absetzen von Antidepressiva Symptome zu erleben. Fast die Hälfte berichtete sogar von mittelschweren bis schweren Beschwerden.

Typische Symptome

Zu den häufigsten Absetzsymptomen gehören:

  • Schwindel, Benommenheit
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Abgeschlagenheit
  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Schlafstörungen bis zur Schlaflosigkeit, Albträume
  • Stromschlagähnliche Missempfindungen
  • Reizbarkeit, Angst, starke Unruhe

Die Symptome stehen in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem Absetzen der Medikamente und treten vorübergehend auf. Meist bilden sie sich von selbst innerhalb von 2-6 Wochen zurück. In der Regel bessern sich die Symptome schnell, wenn die verordneten Medikamente wieder eingenommen werden.

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Ursachen von Absetzsymptomen

Die Ursache des Absetzsyndroms ist nicht mit Sicherheit geklärt, es scheint aber einen Zusammenhang mit der Behandlungsdauer und der Art des verwendeten Antidepressivums zu geben. Bei einer Einnahmedauer von mehr als 4-8 Wochen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Absetzsyndrom auftritt, umgekehrt scheint aber eine besonders lange Einnahmedauer (über Jahre) nicht das Risiko für ein Absetzsyndrom zu erhöhen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass bestimmte Antidepressiva, wie Venlafaxin und Paroxetin, häufiger mit Absetzsymptomen verbunden sind als andere.

Migräne und Kopfschmerzen als Absetzsymptome

Kopfschmerzen sind ein häufiges Absetzsymptom nach dem Absetzen von Antidepressiva. Diese Kopfschmerzen können sich in ihrer Intensität und Häufigkeit unterscheiden und manchmal migräneartig sein. Es ist wichtig, zwischen Absetzkopfschmerzen und anderen Arten von Kopfschmerzen zu unterscheiden, um die richtige Behandlung zu erhalten.

Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen

Es ist wichtig, die Möglichkeit von medikamenteninduzierten Kopfschmerzen (Arzneimittelinduzierter Kopfschmerz) zu berücksichtigen, die als Folge des übermäßigen oder lang andauernden Gebrauchs von Medikamenten entstehen, die eigentlich zur Behandlung von Kopfschmerzen eingesetzt werden. Diese Art von Kopfschmerzen kann sich entwickeln, wenn Schmerzmittel, insbesondere Triptane, Analgetika oder nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Ursachen medikamenteninduzierter Kopfschmerzen

Die wiederholte Einnahme von Schmerzmitteln kann zu einer Veränderung in der Schmerzverarbeitung im Gehirn führen. Dies betrifft insbesondere das Trigeminovaskuläre System, das eine zentrale Rolle bei der Schmerzverarbeitung bei Kopfschmerzen spielt. Auch eine Dysregulation des Serotonin- und Dopaminsystems sowie eine Überaktivierung von CGRP-vermittelten Prozessen können eine Rolle spielen.

Symptome medikamenteninduzierter Kopfschmerzen

Hauptsymptom ist eine Zunahme der Häufigkeit und der Dauer der Kopfschmerzepisoden. Die chronischen Kopfschmerzen treten definitionsgemäß an mindestens 15 Tagen im Monat auf. Der Schmerz entspricht in seiner Form meist den vorbestehenden Kopfschmerzen, z. B. halbseitig bei Migräne. Bei Migräne treten die Kopfschmerzen dann oft täglich auf, aber mit weniger Begleitsymptomen wie Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit. Bei Spannungskopfschmerzen nimmt nur die Frequenz zu.

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Diagnose medikamenteninduzierter Kopfschmerzen

Die Diagnose wird auf Grundlage der Krankengeschichte (Anamnese) gestellt. Dazu soll oft zunächst ein Kopfschmerzkalender geführt werden, in den jeden Tag die Schmerzen und die Einnahme von Medikamenten eingetragen werden. Dabei werden auch Art, Stärke und Ort der Schmerzen dokumentiert sowie Art, Häufigkeit und Dosierung der Medikamente. Voraussetzung für die Diagnose sind vorbestehende Kopfschmerzen und zu häufige Schmerzmitteleinnahme.

Therapie medikamenteninduzierter Kopfschmerzen

Das Ziel der Therapie ist es, die Häufigkeit und Schwere der Kopfschmerzen sowie die Medikamenteneinnahme zu reduzieren und insgesamt die Lebensqualität zu verbessern. Im ersten Schritt werden die Betroffenen über die Verstärkung der Kopfschmerzen durch Medikamenteneinnahme aufgeklärt. Ziel ist, die Bedarfsmedikation zu reduzieren. In einem zweiten Schritt wird versucht, die Häufigkeit der Kopfschmerzen zu reduzieren. Je nach Kopfschmerztyp gibt es vorbeugende Medikamente, die die Häufigkeit der Kopfschmerzepisoden reduzieren können.

Auch ohne Medikamente können die Kopfschmerztage verringert werden durch:

  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Entspannungsverfahren
  • Ausdauersport
  • Biofeedback
  • Akupunktur (bei Migräne)

Falls diese beiden Maßnahmen nicht ausreichen, wird im dritten Schritt eine Pausierung der Schmerzmitteleinnnahme notwendig. Je nach Schwere der Symptome und Begleiterkrankungen (Angst, Depression, Suchterkrankung) wird der Entzug zu Hause mit ärztlicher Begleitung oder stationär in der Klinik durchgeführt.

Was tun bei Kopfschmerzen nach Absetzen von Antidepressiva?

Wenn Sie nach dem Absetzen von Antidepressiva Kopfschmerzen oder Migräne entwickeln, gibt es mehrere Schritte, die Sie unternehmen können:

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  1. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt: Es ist wichtig, Ihren Arzt über Ihre Symptome zu informieren. Er kann Ihnen helfen, die Ursache Ihrer Kopfschmerzen zu ermitteln und die beste Behandlungsstrategie zu entwickeln.
  2. Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch: Notieren Sie sich die Häufigkeit, Intensität und Art Ihrer Kopfschmerzen sowie alle anderen Symptome, die Sie haben. Dies kann Ihrem Arzt helfen, die Ursache Ihrer Kopfschmerzen zu ermitteln.
  3. Vermeiden Sie übermäßigen Gebrauch von Schmerzmitteln: Obwohl es verlockend sein mag, Schmerzmittel einzunehmen, um Ihre Kopfschmerzen zu lindern, kann dies zu medikamenteninduzierten Kopfschmerzen führen. Halten Sie sich an die maximale Einnahmemenge von Schmerzmitteln: gewöhnliche Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen, Diclofenac, Aspirin oder Paracetamol) an nicht mehr als 15 Tagen pro Monat, Kombinationsschmerzmittel, Migräne-Medikamente (Triptane) oder Opiate an nicht mehr als 10 Tagen pro Monat.
  4. Probieren Sie nicht-medikamentöse Behandlungen aus: Es gibt verschiedene nicht-medikamentöse Behandlungen, die bei Kopfschmerzen und Migräne helfen können, wie z. B. Entspannungstechniken, Akupunktur, Biofeedback und kognitive Verhaltenstherapie.
  5. Achten Sie auf einen gesunden Lebensstil: Regelmäßiger Schlaf, gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung können dazu beitragen, Kopfschmerzen und Migräne vorzubeugen.

Strategien zum Absetzen von Antidepressiva

Um das Risiko von Absetzsymptomen zu minimieren, sollten Antidepressiva immer unter ärztlicher Aufsicht und schrittweise ausgeschlichen werden.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Absetzen?

Antidepressiva sollen laut der Patientenleitlinie Unipolare Depression nach dem Verschwinden depressiver Symptome noch mindestens vier bis neun Monate lang eingenommen werden. „Wann der richtige Zeitpunkt für das Ausschleichen des Medikaments erreicht ist, entscheiden Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihrem behandelnden Psychiater oder ihrer behandelnden Psychiaterin“, erklärt Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke, Psychiaterin und ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg.

Wie sollte das Ausschleichen ablaufen?

Wie man Antidepressiva am besten ausschleicht, ist von Fall zu Fall verschieden. Prof. Dr. Tom Bschor, Autor des Buches „Antidepressiva - Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte“ und Mitautor der zitierten Studie, erklärt vier mögliche Szenarien:

  • Habe ich das Medikament nur für eine kurze Zeit eingenommen, also maximal für drei bis vier Wochen, kann ich es in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder der Psychiaterin sehr schnell wieder absetzen.
  • Habe ich die Antidepressiva länger eingenommen, leide aber unter extrem unangenehmen oder gar gefährlichen Nebenwirkungen, kann auf das Risiko von Absetzsymptomen keine Rücksicht genommen werden und die Einnahme ist ebenfalls sehr schnell zu beenden.
  • Will ich das Antidepressivum nach längerer Einnahme beenden, weil es nicht ausreichend wirkt, sollte die Zeit des Ausschleichens bei etwa vier bis sechs Wochen liegen. Prof. Domschke rät ebenfalls zur Ruhe beim Absetzen: „Wie in allen klinischen Leitlinien empfohlen, etwa in der Nationalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression, gilt weiterhin: Nicht hetzen beim Absetzen. Das heißt, Antidepressiva werden langsam über zwei bis drei Monate ausgeschlichen, in Abhängigkeit der klinischen Symptome gegebenenfalls auch noch behutsamer“.

Beim Ausschleichen selbst kommt es vor allem darauf an, die Dosis gegen Ende nur sehr langsam und vorsichtig zu reduzieren. „Anfangs kann ich noch mutiger vorgehen: Bei einer Dosis von 100 Milligramm kann ich direkt auf 50 Milligramm reduzieren, dann gehe ich auf 35 und werde dann immer kleinschrittiger - 25, 20, 15, 12, 10 und so weiter“, erläutert Bschor.

Was tun bei Beschwerden während des Ausschleichens?

„Bei den typischen Absetzsymptomen handelt es sich meist um leicht ausgeprägte Beschwerden, die sich in den allermeisten Fällen nach etwa zwei Wochen wieder gelegt haben“, sagt Domschke. „Dazu gehören Schwindel, Kopfschmerzen, grippeähnliche Symptome, Übelkeit, Schlafstörungen, Ängstlichkeit oder Reizbarkeit. Vereinzelt berichten Betroffene auch von einschießenden Schmerzen wie kleine Stromschläge, was aber sehr selten auftritt.“

Egal, um welche Beschwerden es sich handelt: Der erste Schritt ist immer das Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin. „Deren Aufgabe ist es, schon zu Beginn des Ausschleichens ausführlich aufzuklären - auch über seltene Absetzsymptome. Einfach, damit Patientinnen und Patienten im Zweifel solche plötzlichen Schmerzen zuordnen können und nicht in Panik verfallen, weil sie nicht wissen, was es ist“, erläutert Bschor.

Besonders wichtig bei auftretenden Nebenwirkungen ist zudem, nicht wieder zur ursprünglichen Dosis des Medikaments zurückzukehren. „Immer nur auf die letzte Stufe zurückgehen und danach mit verlangsamtem Tempo weiter reduzieren“, empfiehlt Bschor. „Und darauf vertrauen, dass die Absetzsymptome bald wieder aufhören.

Die Rolle der Apotheke

Glücklicherweise kann Ihr Apotheker oder Ihre Apothekerin Ihnen während des Ausschleichens sehr gut helfen. Vor allem gegen Ende des Absetzens, wenn die Dosierungen immer geringer werden, komme man mit Tablettenteilen nicht weiter. „Hier wird eine Feinwaage benötigt, wie sie in Apotheken vorhanden ist“, sagt Bschor. „Manche Antidepressiva werden auch in Kapselform verabreicht. In diesen Hüllen befinden sich Mini-Kapseln, die man bei manchen Medikamenten auch einzeln nehmen kann - der Apotheker oder die Apothekerin wissen, wann.“ Nimmt man das Präparat in Tropfenform ein, ist die Dosierung irgendwann so niedrig, dass man weniger als einen Tropfen nehmen muss.

Serotonin-Syndrom

Es ist wichtig, das Serotonin-Syndrom zu erwähnen, eine potenziell lebensbedrohliche Reaktion, die auftreten kann, wenn die Serotoninkonzentration im Gehirn zu hoch ist. Dies kann durch die Einnahme von serotonergen Medikamenten, einschließlich Antidepressiva, oder durch die Kombination von serotonergen Medikamenten mit anderen Substanzen verursacht werden.

Symptome des Serotonin-Syndroms

Typisch sind kognitive Veränderungen wie Agitiertheit, Unruhe oder Verwirrtheit, Störungen des autonomen Nervensystems wie Schwitzen, Herzrasen (Tachykardie) und Hypertonie sowie neuromuskuläre Hyperaktivität mit Zittern (Tremor), krampfartigen Muskelzuckungen (Myoklonus) und übersteigerten Reflexen. Die Körperkerntemperatur steigt an (Hyperthermie).

Behandlung des Serotonin-Syndroms

Das Absetzen aller serotonergen Wirkstoffe und Maßnahmen zur Normalisierung der Vitalfunktionen gehören zu den wichtigsten Schritten nach der Diagnose eines Serotonin-Syndroms. Benzodiazepine werden zur Sedierung gegeben. Bei mittelschwer und schwer erkrankten Patienten können Serotonin-Ant-agonisten wie Cyproheptadin als Antidot gegeben werden.

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