Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die das Leben vieler Menschen beeinträchtigt. Da herkömmliche Medikamente oft nicht ausreichend helfen oder mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehen, suchen Betroffene nach alternativen Behandlungsmethoden. In den letzten Jahren hat medizinisches Cannabis als potenzielle Option zur Linderung von Migräne-Symptomen zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen.
Die wachsende Bedeutung von medizinischem Cannabis
Die Legalisierung von Cannabis hat nicht nur den Freizeitkonsum erleichtert, sondern auch den Zugang für Patienten verbessert, die es aus medizinischen Gründen nutzen möchten. Dazu gehören auch Menschen, die unter Migräne leiden.
Studienlage: Cannabis bei Migräne
Aktuelle Forschungsergebnisse
Eine Studie des San Diego Center for Pain Medicine untersuchte die Wirkung von Cannabis bei Migräneattacken. Die Forscher ließen 92 Migränepatienten zu Beginn einer Attacke den Inhalt einer genau dosierten Cannabiskapsel mithilfe eines Verdampfers inhalieren. Die Teilnehmer wurden in vier Gruppen aufgeteilt:
- THC-Gruppe: Kapseln mit 6 Prozent Tetrahydrocannabinol (THC)
- CBD-Gruppe: Kapseln mit 11 Prozent Cannabidiol (CBD)
- THC/CBD-Gruppe: Kapseln mit gleichen Mengen an THC und CBD
- Placebogruppe: Wirkstofffreier Blütenextrakt
Die Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus THC und CBD die wirksamste Option zur Linderung von Migräneattacken zu sein scheint. Nach zwei Stunden waren folgende Anteile der Betroffenen schmerzfrei:
- 34,5 Prozent in der THC/CBD-Gruppe
- 27,9 Prozent in der reinen THC-Gruppe
- 22,8 Prozent in der reinen CBD-Gruppe
- 15,5 Prozent in der Placebogruppe
Darüber hinaus berichteten 67,2 Prozent der Teilnehmer in der THC/CBD-Gruppe über eine Reduktion der Schmerzen nach zwei Stunden, verglichen mit nur 46,6 Prozent in der Placebogruppe. Auch andere Migränesymptome wie Licht- und Geräuschempfindlichkeit konnten durch die Cannabistherapie gelindert werden.
Lesen Sie auch: Gehirn und Cannabis-Konsum
Frühere Studien und Wirkmechanismen
Frühere Studien haben bereits mögliche Wirkmechanismen von Cannabis aufgezeigt. Es reduziert bestimmte Eiweißstoffe, die mit Migräne in Verbindung stehen, und beeinflusst spezielle Nerven, die auf den Blutfluss im Gehirn einwirken.
Weitere Forschungsergebnisse
Eine Studie der Washington State University analysierte Daten von über 12.000 Einträgen von Kopfschmerzpatienten und 7.441 Anwendungen von Migränepatienten. Die Ergebnisse zeigten, dass Cannabis bei etwa 90 Prozent der Kopfschmerzpatienten und 88 Prozent der Migränepatienten die Symptome verbesserte. Die Schwere der Schmerzen wurde nach der Anwendung als deutlich geringer bewertet.
Die Rolle des Endocannabinoidsystems (ECS)
Cannabis enthält Wirkstoffe wie THC und CBD, die mit dem Endocannabinoidsystem (ECS) interagieren. Das ECS spielt eine zentrale Rolle bei der Schmerzwahrnehmung im Gehirn, auch bei Migräneattacken.
Wirkungsweisen von THC und CBD
- Schmerzlinderung: THC und CBD binden an Cannabinoid-Rezeptoren, wodurch die Schmerzintensität sinken kann.
- Entzündungshemmung: Cannabinoide können entzündungsfördernde Prozesse hemmen, die bei Migräneattacken eine Rolle spielen.
- Muskelentspannung: Cannabis kann verspannte Nacken- und Schultermuskeln lösen.
- Stressreduktion: Stress ist ein häufiger Trigger für Migräne; Cannabis kann das Wohlbefinden verbessern.
Verfügbare Darreichungsformen und Produkte
Cannabis ist in verschiedenen Darreichungsformen und Produkten erhältlich:
- Cannabisblüten: In Deutschland auf Rezept erhältlich.
- Cannabis-Konzentrate und CBD-Öl: Zeigen eine besonders hohe Wirksamkeit.
- Kapseln und Tropfen: Für eine einfache Dosierung.
- Inhalation (Verdampfen): Wirkt schnell - bereits nach wenigen Minuten.
- Öle und Tinkturen: Wirken verzögert (15-30 Minuten), dafür länger.
- Essbare Produkte (Edibles): Haben eine längere Wirkungsdauer, aber auch eine verzögerte Wirkung von bis zu zwei Stunden.
Anwendungshinweise und Dosierung
Die Dosierung von Cannabis hängt stark von der individuellen Verträglichkeit ab. Es wird empfohlen, mit einer niedrigen Dosis zu beginnen und diese langsam zu steigern, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
Lesen Sie auch: Das Risiko von Schlaganfällen durch Cannabiskonsum
Empfehlungen für die Anwendung
- Start low, go slow: Beginnen Sie mit einer niedrigen Dosis und steigern Sie langsam, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
- Einnahmemethoden variieren: Bei akuten Migräneanfällen ist die Inhalation (z. B. durch Verdampfen) wegen der schnellen Wirkung innerhalb weniger Minuten nützlich. Öle und Tinkturen sind eine diskrete Alternative, die unter die Zunge getropft wird und eine etwas längere Wirkung bietet.
- Überwachung der Reaktion: Führen Sie ein Tagebuch über Dosierung und Reaktionen, um herauszufinden, was am besten wirkt.
- Bei potenziellen Medikamenteninteraktionen: Einige Migränemedikamente können mit Cannabis interagieren. Dies sollte unbedingt mit einem Arzt oder einer Ärztin besprochen werden.
Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Wie bei jeder Therapie können auch bei der Verwendung von medizinischem Cannabis Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten gehören:
- Mundtrockenheit
- Müdigkeit
- Schwindel
- Psychische Effekte (bei hohen THC-Dosen)
- Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch
Die Nebenwirkungen können je nach Person, Situation, Dosierung und den eingesetzten Präparaten variieren.
Rechtliche Aspekte in Deutschland
Seit 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland verschreibungsfähig. In der Regel ist eine Genehmigung der Krankenkasse notwendig, wenn die Kosten übernommen werden sollen. Der Anbau von medizinischem Cannabis wird in Deutschland von der Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überwacht.
Cannabis vs. Klassische Migränemedikamente
Im Vergleich zu traditionellen Migränemedikamenten wie Triptanen und NSAIDs wirkt Cannabis auf andere Weise. Triptane und NSAIDs wirken auf die Blutgefäße und Schmerzrezeptoren im Gehirn, während Cannabis mit dem Endocannabinoidsystem interagiert.
Nebenwirkungsprofile im Vergleich
Cannabis hat im Vergleich zu traditionellen Medikamenten ein anderes Nebenwirkungsprofil. Herkömmliche Migränemedikamente, insbesondere NSAIDs, sind mit gastrointestinalen Problemen wie Magenschmerzen und Blutungen assoziiert.
Lesen Sie auch: Alternative Angsttherapien
Individuelle Erfahrungen
Tomke, eine 29-jährige Migränepatientin, berichtet, dass sie Cannabis zur Linderung ihrer Schmerzen einsetzt. Sie sagt, dass sie ohne Cannabis nicht klarkommt.