Die Legalisierung von Cannabis hat eine Debatte über die potenziellen gesundheitlichen Folgen des Konsums ausgelöst. Während viele die Auswirkungen auf Gefühle, Stimmungen und Reaktionen kennen, sind die Effekte auf das Herz-Kreislauf-System weniger bekannt. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabiskonsum, insbesondere bei regelmäßigem und starkem Konsum, das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen könnte.
Fallbeispiele und frühe Beobachtungen
Bereits 1991 berichtete die Ärztin Sally B. Zachariah in einer Fachzeitschrift über Fälle von Schlaganfällen bei jungen Männern mit starkem Cannabiskonsum. Ein 34-Jähriger erlitt beispielsweise einen Schlaganfall mit Symptomen wie Schwindel, Schwäche im linken Arm und Bein sowie undeutlicher Aussprache, während er Cannabis konsumierte. Damals konnte Zachariah jedoch nur Vermutungen über einen möglichen Zusammenhang anstellen.
Aktuelle Studienlage
Die Datenlage hat sich inzwischen verbessert. Ein Forschungsteam um Abra M. Jeffers hat eine Studie veröffentlicht, in der die Gesundheitsdaten von über 400.000 Erwachsenen in den USA ausgewertet wurden. Diese große Stichprobe ermöglichte es, auch kleinere Untergruppen genauer zu untersuchen. Dabei konnte gezeigt werden, dass selbst Cannabiskonsumenten, die weder Tabak rauchen noch E-Zigaretten konsumieren, ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall aufweisen. Die Studie berücksichtigte auch andere bekannte Risikofaktoren wie Alkoholkonsum, Übergewicht, Diabetes und körperliche Inaktivität.
Eine weitere Studie aus Kanada kam zu dem Ergebnis, dass die Diagnose einer Cannabisabhängigkeit die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 60 Prozent erhöht.
Retrospektive Kohortenstudie bestätigt Risikozunahme
Eine retrospektive Kohortenstudie, die Daten von 53 US-amerikanischen Gesundheitseinrichtungen über das TriNetX-Netzwerk auswertete, zeigte ebenfalls eine deutliche Risikozunahme für verschiedene Endpunkte. So war beispielsweise das Risiko für einen Myokardinfarkt bei Cannabiskonsumenten mehr als sechsmal höher als bei Nicht-Konsumenten (RR: 6,19; 95%KI[4,89;7,82]). Diese Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, die akute koronare Syndrome nach Cannabiskonsum dokumentieren. Insbesondere in der ersten Stunde nach dem Konsum kann das Infarktrisiko auf das fast Fünffache ansteigen.
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Einschränkungen der Studien
Es ist wichtig zu beachten, dass die Studienlage nicht eindeutig ist und Einschränkungen aufweist. So fehlen beispielsweise detailliertere Angaben zum Cannabiskonsum, und eine potenzielle Fehldokumentation in den zugrunde liegenden Daten kann nicht ausgeschlossen werden. Zukünftige Forschung sollte sich daher auf Dosis-Wirkungs-Beziehungen und die Effekte von synthetischen Cannabinoiden konzentrieren.
Eine relevante Limitation besteht darin, dass ICD-Diagnosen zur Selektion der Cannabis-Konsumentinnen und -Konsumenten genutzt wurden. Die Angabe der Einnahme von Cannabis als Diagnose stellt höchstwahrscheinlich bereits eine Vorauswahl von Patientinnen und Patienten dar, die weitere Risikofaktoren für kardiovaskuläre Ereignisse mit sich bringen, auch wenn diese im bestehenden Studiendesign nicht weiter messbar sind. Dies ist ein Manko, welches auch in vielen vorherigen Studien präsent ist und dem Einfluss weiterer Drogen bei Misch-Konsum sowie der mit inhalativer Einnahme verbundenen Feinstaubexposition etc.
Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System
Dr. Axel Harnath, Chefkardiologe im Sana-Herzzentrum Cottbus, warnt vor ernsthaften Auswirkungen des Cannabiskonsums auf das Herz-Kreislauf-System. Er erklärt, dass es im menschlichen Organismus spezielle Rezeptoren für Cannabis gibt, an denen der Wirkstoff andocken kann.
Entzündungen, Krämpfe und Verklumpungen
Die Inhaltsstoffe von Cannabis können Arteriitis auslösen, also Entzündungen an den Gefäßwandungen. Auch krampfartige Verengungen von Blutgefäßen (Gefäßspasmen) sind eine häufige Reaktion. Da sich einige Rezeptoren auch auf den Blutplättchen befinden, können diese verklumpen und Gefäßverschlüsse verursachen, wenn der Wirkstoff dort andockt.
Erhöhtes Risiko für Hirnblutungen und Schlaganfälle
Eine großangelegte US-amerikanische Studie hat gezeigt, dass allein der Cannabiskonsum zu einem erhöhten Risiko für ischämische Schlaganfälle (Schlaganfälle durch Durchblutungsstörungen) führt. Außerdem traten vermehrt intrazerebrale Blutungen (Blutungen im Gehirn) und Herzrhythmusstörungen auf.
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Cannabis und Schlaganfallrisiko im jungen Alter
Der Konsum von Cannabis wird in der Literatur mit dem Auftreten von Schlaganfällen besonders im jüngeren Alter in Verbindung gebracht. Allerdings ist es schwierig, den Konsum isoliert zu betrachten, da viele Cannabiskonsumenten auch Tabak rauchen. Es ist daher unklar, ob Cannabis selbst das Schlaganfallrisiko erhöht oder ob der damit einhergehende Tabakkonsum der entscheidende Risikofaktor ist.
Schwedische Studie relativiert Zusammenhang
Eine schwedische Studie hat versucht, den Zusammenhang von Cannabis-Konsum und Schlaganfallrisiko isoliert vom Tabakrauchen zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass häufiger Cannabiskonsum im jungen Alter zwar mit einem erhöhten Risiko für einen ischämischen Schlaganfall vor dem 45. Lebensjahr verbunden war. Nach Adjustierung auf Tabakkonsum und Alkohol schwand dieser Zusammenhang jedoch. Tabakrauchen hingegen erhöhte das Schlaganfallrisiko deutlich.
Die Autoren der Studie resümierten, dass es keine eindeutige Assoziation zwischen Cannabis-Konsum im frühen Erwachsenenalter und dem Auftreten eines Schlaganfalls in jüngerem Alter gibt. Sie betonten jedoch den eindeutigen Zusammenhang zwischen Tabak- und Cannabis-Konsum in ihrer Kohorte.
Fallbericht: Massiv gesteigerter Cannabiskonsum und Schlaganfall
Ein Fallbericht beschreibt einen 33-jährigen Patienten, bei dem ein kurzfristig massiv gesteigerter Cannabiskonsum zu einem Myokardinfarkt und anschließendem Schlaganfall führte. Der Patient hatte seinen täglichen Konsum von 6-10 Cannabis-Joints auf 20-25 Joints erhöht. Nach dem Infarkt zeigten sich im MRT des Gehirns multifokale akute Infarktläsionen. Da andere Risikofaktoren ausgeschlossen werden konnten, blieb der Cannabis-Konsum als einziger Risikofaktor.
Neuseeländische Studie deutet auf erhöhtes Schlaganfallrisiko hin
Eine Studie aus Neuseeland fand Hinweise darauf, dass Cannabiskonsum das Schlaganfallrisiko verdoppeln könnte. Alan Barber und sein Team von der Universität Auckland untersuchten 160 Schlaganfallpatienten und verglichen sie mit einer Kontrollgruppe. Bei 16 Prozent der Schlaganfallpatienten konnte Cannabiskonsum nachgewiesen werden, während dies nur bei 8 Prozent der Kontrollgruppe der Fall war.
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Einschränkungen und Kritik
Barber wies jedoch darauf hin, dass fast alle Cannabiskonsumenten auch Tabak rauchten. Daher könne lediglich von einem Zusammenhang gesprochen werden, nicht von einer Ursache. Ralph Sacco von der American Stroke Association bemängelte die methodischen Probleme der Studie und forderte weitere Forschung, um die Ergebnisse zu belegen.
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