Einführung
Spastik, abgeleitet vom griechischen Wort "Spasmos" (= Krampf), bezeichnet eine erhöhte Eigenspannung der Muskulatur. Sie ist eine häufige Folge von Schädigungen des zentralen Nervensystems (ZNS), insbesondere nach einem Schlaganfall. In Deutschland leiden schätzungsweise 250.000 Menschen an einer spastischen Bewegungsstörung. Obwohl die Spastik bis heute als unheilbar gilt, gibt es vielfältige Behandlungsmöglichkeiten, um die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Was ist Spastik?
Spastik ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer Schädigung des zentralen Nervensystems, bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Sie entsteht durch einen Defekt auf dem Weg von der Entstehung des Bewegungsimpulses bis zur Ausführung im Muskel. Bei der Spastik entwickelt sich aus einer schlaffen Muskellähmung über einen längeren Zeitraum, oft über Monate, eine überhöhte Muskelspannung, die der Betroffene nicht kontrollieren kann. Die Verkrampfung unterliegt Schwankungen und wird durch Gefühlsregungen oder Berührungen verstärkt oder beruhigt.
Ursachen
Die häufigste Ursache für Spastik ist der Schlaganfall. Weitere mögliche Ursachen sind:
- Schädel-Hirn-Trauma
- Multiple Sklerose (MS)
- Zerebralparese
- Rückenmarksverletzungen
- Hirntumor
- Entzündliche Erkrankungen des Zentralnervensystems (z. B. Meningitis)
- Seltener hereditäre spastische Paraparese (HSP)
Formen der Spastik
Je nach Ausmaß der Spastik unterscheidet man verschiedene Formen:
- Fokale Spastik: Die Spastik ist auf ein oder zwei eng benachbarte Bewegungssegmente begrenzt (z. B. Handgelenk, Fuß oder Zehen).
- Segmentale Spastik: Eine Extremität mit mehreren Bewegungssegmenten ist betroffen.
- Hemispastik: Von der Lähmung sind sowohl ein Bein als auch ein Arm einer Körperseite betroffen.
- Paraspastik: Beide Beine sind von der Spastik betroffen.
- Tetraspastik: Beide Beine und Arme sind betroffen. Je nach Ausprägung können auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.
- Multifokale Spastik: Die Spastik betrifft zwei oder mehrere Gliedmaßen oder Körperregionen, die nicht dicht beieinanderliegen, zum Beispiel Arm und Bein.
- Generalisierte Spastik: Die Spastik betrifft den ganzen Körper.
Symptome
Die Symptome einer Spastik können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Bereiche des Gehirns oder Rückenmarks geschädigt sind. Typische Symptome sind:
Lesen Sie auch: Symptome und Therapie neurologischer Krankheiten
- Erhöhte Muskelspannung (Muskelhypertonie)
- Unkontrollierbare Muskelkrämpfe oder Versteifung der Muskeln
- Erhöhter Widerstand bei der Dehnung der Muskeln
- Eingeschränkte Beweglichkeit
- Fehlhaltungen der Gelenke
- Schmerzen
- Ermüdbarkeit der Muskeln
- Koordinationsstörungen
- Probleme beim Schlucken und Sprechen
- Schielen und Doppelbildsehen
Diagnose
Zur Diagnose einer Spastik führt der Arzt zunächst eine körperliche Untersuchung durch. Dabei werden die Muskelspannung, die Reflexe und die Beweglichkeit der Gelenke geprüft. Zusätzlich können neurologische Tests und bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) eingesetzt werden, um die Ursache der Spastik zu ermitteln. Die Muskelspannung wird mithilfe der Ashworth-Skala gemessen (entweder im Originalformat oder in dem 1987 modifizierten Format). Hilfreiche Hinweise können im Einzelfall noch genetische Untersuchungen geben.
Häufigste Ursachen für Spastik im Fuß
Die Spastik im Fuß, oft als spastischer Spitzfuß (Pes equinus) bezeichnet, ist eine häufige Folge von Schädigungen des zentralen Nervensystems. Dabei kommt es im Sprunggelenk zu einer Beugung Richtung Fußfläche und zugleich zu einer Inversion. Die häufigsten Ursachen für eine solche Spastik sind:
- Schlaganfall: Nach einem Schlaganfall kann es zu einer halbseitigen Lähmung (Hemiparese) kommen, die auch den Fuß betrifft. Die Spastik führt dann zu einer Fehlstellung des Fußes, die das Gehen erschwert.
- Multiple Sklerose (MS): Bei MS können Entzündungen im Gehirn und Rückenmark die Nervenbahnen schädigen, die für die Steuerung der Fußmuskulatur verantwortlich sind.
- Zerebralparese: Diese angeborene Bewegungsstörung kann ebenfalls zu Spastik im Fuß führen.
- Rückenmarksverletzungen: Verletzungen des Rückenmarks können die Nervenbahnen unterbrechen, die für die Steuerung der Fußmuskulatur verantwortlich sind.
- Andere neurologische Erkrankungen: Seltenere Ursachen für Spastik im Fuß sind beispielsweise Hirntumore oder entzündliche Erkrankungen des Gehirns.
Behandlungsmöglichkeiten bei Spastik im Fuß
Obwohl Spastik nicht geheilt werden kann, gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, um die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern. Die Auswahl der geeigneten Behandlungsmethode hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Spastik ab.
Nicht-medikamentöse Therapien
- Physiotherapie: Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Spastik-Behandlung. Durch gezielte Übungen können die Muskeln gedehnt und gekräftigt werden. Zudem können Physiotherapeuten den Patienten helfen, ihre Beweglichkeit zu verbessern und Fehlhaltungen zu korrigieren. Besonders wichtig ist die passive Muskelstreckung zusätzlich zur ausgewählten Standardtherapie. Günstige Effekte auf Spastik haben systematisches Arm-Basis-Training, häufige Wiederholungen und die Kombination mit muskulärer Elektrostimulation.
- Ergotherapie: Ergotherapie hilft den Patienten, ihren Alltag besser zu bewältigen. Ergotherapeuten können den Patienten beispielsweise zeigen, wie sie Hilfsmittel (z. B. Schienen, Orthesen) richtig einsetzen oder wie sie ihre Bewegungen ökonomischer gestalten können.
- Orthopädietechnik: Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen können helfen, eine Lähmung auszugleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge zu haben. Für die Beine ist das Aufrichten der Betroffenen die beste Mobilisationsform. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
- Positionierung: Die Positionierung von Gliedmaßen kann eine wesentliche Rolle bei der Hemmung spastischer Reaktionen spielen, da sie gezielt die Muskelspannung beeinflusst und dadurch die Spastik mindern kann. Das Prinzip dahinter beruht darauf, dass sich ein Muskel bei Kontraktion in einen „Muskelbauch“ zusammenzieht. Durch gezielte Streckung wird dieser Muskelbauch minimiert, was eine Kontraktion erschwert und spastische Reaktionen hemmt. Dieses Prinzip lässt sich gezielt in der Konfiguration eines Rollstuhls anwenden, insbesondere zur Hemmung von Streckspastiken in den Beinen. Beispielsweise kann ein enger Beinwinkel von etwa 88° bis 92° (anstatt der üblichen 100°) gewählt werden, manchmal ist hier auch eine zusätzliche Rahmenkröpfung sinnvoll. Auch spezielle Positionierungskissen können zur Regulierung des Muskeltonus beitragen, indem sie eine anatomisch unterstützende Sitzhaltung fördern.
- Elektrostimulation: Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen. Günstige Auswirkungen auf die Spastik wurden zudem mittels Oberflächenelektrostimulation des Rückenmarks bzw.
- Magnetstimulation: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS).
- Stoßwellentherapie: Stoßwellentherapie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).
- Robotik: Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern.
- Lokale Vibrationstherapie: Viele Ergotherapeuten arbeiten heute in unterschiedlichen Anwendungsbereichen mit dem unterstützenden Einsatz von NOVAFON Schallwellengeräten, welche sich auch in der Behandlung von Spastiken erfolgreich bewährt haben.
Medikamentöse Therapien
Orale Medikamente: Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie. Häufig eingesetzte Medikamente sind:
- Baclofen
- Tizanidin
- Dantrolen
- Benzodiazepine
- Sativex® (ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen)
Spastik-Medikamente, die im Zentralnervensystem wirken, führen dosisabhängig relativ häufig zu Müdigkeit, Antriebsminderung oder einer störenden Abnahme der Muskelkraft. Daher sollte die Erhöhung der Dosis vorsichtig erfolgen. Dantrolen sollte wegen der potenziell toxischen Leberschädigung und der Verstärkung bestehender Lähmungen nur eingesetzt werden, wenn es keine bessere Alternative gibt und die Symptome es wirklich erfordern.
Lesen Sie auch: Ursachen und Prävention von Demenz-Todesfällen
Botulinumtoxin A (BoNT): BoNT wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert. Sowohl im Hinblick auf die Nebenwirkungen einer oralen Therapie, als auch im Hinblick auf die Wirksamkeit ist eine BoNT-Behandlung Tabletten und Spray überlegen und mindert zudem Schmerzen, die von der Spastik herrühren. Schließlich mehren sich Daten, dass sich eine Spastik nach Schlaganfall durch eine frühzeitige Injektion in reduzierter Dosis vermeiden lässt. Nebenwirkungen sind unter BoNT in den empfohlenen Dosisbereichen pro Muskel und Injektionssitzung selten. Es kann zu Lähmungen kommen (wenn der falsche Muskel getroffen oder zu viel BoNt gespritzt wird). Möglich sind auch Effekte wie Mundtrockenheit oder eine allgemeine Schwäche und lokalen Problemen (Bluterguss und lokale Schmerzen). Bei wiederholtem Einsatz können neutralisierende Antikörper im Blut von Betroffenen können die Wirkung von BoNT abschwächen oder aufheben. Das Risiko für das Auftreten neutralisierender Antikörper steigt mit der langjährigen Gesamtdosis und wenn das Behandlungsintervall kürzer als drei Monate ist.
Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal). Typische und erfolgversprechende Fälle sind Betroffene mit schwerer Spastik nach Rückenmarksverletzungen oder Hirnschädigung, Menschen mit Paraspastik oder multisegmentaler Spastik sowie Hemispastik mit einschießenden Tonussteigerungen. Patienten mit länger zurückliegendem Schlaganfall und Spastik profitieren von einer ITB im Vergleich zur Therapie mit Tabletten und Spray. Auch für Querschnittgelähmte ist die gute Wirksamkeit belegt. Die Indikation für eine ITB sollte erst erfolgen, wenn andere Behandlungen nicht zufriedenstellend waren. Unerwünschte Wirkungen können Infektionen und lokale Flüssigkeitsansammlungen (Serome) beinhalten. Die Diagnose und Betreuung bei Patienten mit ITB sollte daher von einem interdisziplinären Team mit ausgewiesener Kompetenz erfolgen. Die Abklärung und Behandlung von Nebenwirkungen und Komplikationen sollte zu jeder Zeit gewährleistet sein. Leichtere Nebenwirkungen in der Test- und Einstellungsphase verschwinden im Verlauf meist von alleine. Schwere Nebenwirkungen und Komplikationen können im Einzelfall zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.
Chirurgische Therapien
- Dorsale Rhizotomie: Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in die Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen.
- Selektive Neurotomie: Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).
Was Patienten selbst tun können
Neben den genannten Therapien gibt es auch einige Dinge, die Patienten selbst tun können, um ihre Spastik zu beeinflussen:
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung ist wichtig, um die Muskeln zu kräftigen und die Beweglichkeit zu erhalten.
- Dehnung: Regelmäßiges Dehnen der Muskeln kann helfen, die Muskelspannung zu reduzieren.
- Vermeidung von Triggerfaktoren: Bestimmte Faktoren können die Spastik verstärken. Dazu gehören beispielsweise Kälte, Hitze, Stress, Müdigkeit, Infektionen und Schmerzen. Es ist wichtig, diese Triggerfaktoren zu identifizieren und zu vermeiden.
- Gute Körperhaltung: Eine gute Körperhaltung kann helfen, die Muskelspannung zu reduzieren.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Muskelspannung zu reduzieren.
- Rollstuhlanpassung: Im Laufe der Jahre kann sich die körperliche Situation so verändern, dass ein ursprünglich gut angepasster Rollstuhl nicht mehr angemessen ist. Sollte es aus unerklärlichen Gründen zu einer Vermehrung der Spastik kommen, sollte von einer Fachperson eine Einschätzung der Rollstuhlanpassung vorgenommen werden.
- Regelmäßige Blasen- und Darmentleerung: Eine volle Blase oder ein voller Darm können Spastik verstärken.
Bedeutung der interdisziplinären Betreuung
Die Behandlung von Spastik erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Neben Ärzten (Neurologen, Orthopäden, Physikalische Mediziner) sind auch Therapeuten (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden), Orthopädietechniker und Psychologen an der Behandlung beteiligt. Durch die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Fachkräfte kann eine individuelle und umfassende Behandlung gewährleistet werden, die den Bedürfnissen des Patienten gerecht wird.
Lesen Sie auch: Was Sie über MS wissen sollten