Schluckstörungen, auch Dysphagien genannt, sind eine häufige und oft unterschätzte Komplikation nach einem Schlaganfall. Sie können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen wie Mangelernährung, Dehydration und Aspirationspneumonie führen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose, Therapie und insbesondere die Rolle der perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG) bei der Behandlung von Schluckstörungen nach einem Schlaganfall.
Einführung
Essen und Trinken sind nicht nur lebensnotwendig, sondern auch wichtige Bestandteile unseres sozialen Lebens und Wohlbefindens. Ein ungestörter Schluckvorgang ist dabei selbstverständlich. Doch nach einem Schlaganfall kann diese Selbstverständlichkeit verloren gehen. Schluckstörungen treten bei einem erheblichen Teil der Schlaganfallpatienten auf und erfordern eine umfassende und interdisziplinäre Betreuung.
Was sind Schluckstörungen (Dysphagien)?
Der Fachbegriff Dysphagie bezeichnet eine schmerzfreie Störung beim Herunterschlucken von fester Nahrung und Flüssigkeiten. Je nach Schweregrad kann diese Schluckstörung die Nahrungsaufnahme erschweren oder sogar gänzlich unmöglich machen, wenn Nahrung und Flüssigkeiten nicht mehr in die Speiseröhre und den Magen transportiert werden können. Davon abgegrenzt wird die Odynophagie, die schmerzhafte Schluckstörung. Schluckstörungen führen zu starken körperlichen Symptomen bis hin zu Mangelernährung und Austrocknung (Dehydration).
Der "normale" Schluckvorgang besteht aus einer Folge von exakt aufeinander abgestimmten Mechanismen. Diese bewirken, dass Speichel, Nahrung und Flüssigkeit vom Mund in den Magen befördert werden. Dieser komplexe Vorgang wird über ca. 50 Muskelpaare und 6 Hirnnerven realisiert. Die physiologischen Mechanismen passen sich in fein abgestimmter Koordination dem jeweiligen Schluckgut an.
Ursachen von Schluckstörungen nach Schlaganfall
Ein Schlaganfall ist eine der häufigsten Ursachen für Schluckstörungen im Alter. Etwa jeder zweite bis dritte Schlaganfallpatient ist davon betroffen. Störungen des Nervensystems, im Rückenmark oder im Gehirn können das Zusammenspiel der Muskeln und Organe im Schluckprozess beeinträchtigen. Insbesondere Patienten, bei denen beide Großhirnhälften oder der Hirnstamm betroffen sind, leiden häufiger unter hartnäckigen Schluckbeschwerden.
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Erworbene Hirnschädigungen wie Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Entzündungen oder eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff (Hypoxie), sowie neurogene Erkrankungen können zum Auftreten von Schluckstörungen führen.
Folgen von Schluckstörungen
Schluckstörungen können eine Reihe von schwerwiegenden Folgen nach sich ziehen:
- Mangelernährung und Dehydration: Wenn die Nahrungsaufnahme erschwert oder unmöglich ist, drohen Mangelernährung und Dehydration.
- Aspiration und Aspirationspneumonie: Nahrung oder Flüssigkeit kann in die Atemwege gelangen (Aspiration) und eine Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) verursachen. Besonders gefürchtet ist die „stille Aspiration“, bei der kein Hustenreflex ausgelöst wird.
- Verlängerte Krankenhausaufenthalte: Patienten mit Schluckstörungen benötigen oft längere Krankenhausaufenthalte.
- Erhöhte Sterblichkeit: Die Letalität von Patienten, die nach einem Schlaganfall nicht mehr normal Nahrung aufnehmen können, ist erhöht.
- Soziale Isolation: Die Angst vor dem Verschlucken und damit verbundenen Peinlichkeiten kann zur sozialen Isolation führen.
Diagnose von Schluckstörungen
Eine frühzeitige und umfassende Diagnostik ist entscheidend für die Behandlung von Schluckstörungen. Verschiedene Spezialisten können an der Diagnose beteiligt sein, darunter der behandelnde Arzt, der Hausarzt, Phoniater, Neurologen oder Logopäden.
Folgende diagnostische Maßnahmen können eingesetzt werden:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Art der Schluckstörung, Auslöser, Zeitpunkt des ersten Auftretens und bisherige Veränderungen. Notizen aus dem Pflegealltag können hierbei sehr hilfreich sein.
- Klinische Schluckuntersuchung: Der Logopäde beurteilt die Funktionen im Kopf-, Hals-, Gesichts- und Mundbereich und erfragt die Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme und dem Speichelschlucken.
- Flexible endoskopischeEvaluation des Schluckens (FEES): Hierbei wird ein kleiner Schlauch mit einer Kamera durch die Nase in den Rachenraum eingeführt, um den Schluckvorgang zu beobachten. Mit Lebensmittelfarbe angefärbtes Wasser wird zum Trinken gegeben, um den Weg der Flüssigkeit zu verfolgen und Schwierigkeiten zu erkennen.
- Videofluoroskopie (VFSS): Der Patient trinkt oder isst Flüssigkeit, Brei oder feste Kost, die mit Kontrastmittel angereichert sind. Währenddessen wird ein Röntgenfilm gemacht, um den Schluckablauf und das Eindringen von Nahrung in die Lunge zu beurteilen.
Therapie von Schluckstörungen
Die Therapie von Schluckstörungen ist vielfältig und individuell auf den Patienten abgestimmt. Ziel ist es, die Schluckfunktion zu verbessern, die Nahrungsaufnahme zu erleichtern und Komplikationen wie Aspiration zu vermeiden.
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Folgende Therapieansätze können eingesetzt werden:
- Schlucktraining: Durch gezielte motorische Übungen werden die Muskeln und Organe trainiert, die am Schluckvorgang beteiligt sind. Logopäden verfügen über das Praxis-Wissen, welche Übungen und Methoden im Einzelfall am besten geeignet sind.
- Anpassung der Kostkonsistenz: Die Konsistenz der Nahrung wird an die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst. Flüssiges kann eingedickt und Festes verflüssigt werden. Ein etwas dickerer Brei schluckt sich für viele oft am leichtesten.
- Haltungsänderungen: Eine aufrechte Körperhaltung beim Essen und Trinken erleichtert die Nahrungsaufnahme. Vielen Patienten hilft es, wenn der Kopf nach vorne gebeugt wird. Auch eine leichte Kopfdrehung kann schon Wunder wirken.
- Aspirationsprophylaxe: Maßnahmen zur Vorbeugung von Aspiration, wie z.B. die Einnahme des Wirkstoffs Amantadin, können eingesetzt werden.
- Mundpflege: Eine sorgfältige Mundpflege ist wichtig, um Infektionen im Mundraum vorzubeugen.
- Medikamentöse Therapie: Manche Begleiterscheinungen von Dysphagie lassen sich mit bestimmten Wirkstoffen abmildern. Andere Medikamente verringern konkret den Speichelfluss, wenn dieser verstärkt auftritt und eine gesundheitliche Gefahr darstellt. Bei Parkinsonkrankheit zum Beispiel ist die medikamentöse Behandlung in der Gabe von L-Dopa und dopaminergen Substanzen.
Die Rolle der PEG-Sonde bei Schluckstörungen nach Schlaganfall
Wenn die orale Nahrungsaufnahme aufgrund der Schluckstörung nicht ausreichend möglich ist, kann eine enterale Ernährung über eine Sonde erforderlich sein. In der Akutphase des Schlaganfalls wird häufig eine nasogastrale Sonde verwendet, bei der ein dünner Schlauch über Nase, Rachen und Speiseröhre in den Magen vorgeschoben wird.
Wenn die enterale Ernährung voraussichtlich länger als 28 Tage nötig ist, sollte eine PEG-Sonde (perkutane endoskopische Gastrostomie) gelegt werden. Dabei wird eine Ernährungssonde über die Bauchwand in den Magen gelegt.
Vorteile der PEG-Sonde
- Sicherung der Ernährung: Die PEG-Sonde ermöglicht eine ausreichende Zufuhr von Energie und Nährstoffen, um Mangelernährung vorzubeugen oder zu behandeln.
- Verbesserung des Ernährungszustands: Studien zufolge verbessert ein früher Beginn der Sondenernährung den Krankheitsverlauf.
- Reduzierung der Letalität: In einer Studie konnte gezeigt werden, dass die Letalität nach sechs Wochen bei Patienten mit PEG-Sonde signifikant niedriger war als bei Patienten mit nasogastraler Sonde.
- Frühere Entlassung: Patienten mit einer PEG-Sonde konnten früher entlassen werden als die über eine Nasensonde ernährten Patienten.
- Weniger Druck: Sie nimmt den Druck, in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Menge an Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen zu müssen.
Wichtige Hinweise zur Sondenernährung
- Bei der Sondenernährung sollte auf eine ausgewogene Zusammensetzung der Nahrung geachtet werden.
- Besteht bei der Sondenernährung ein Reflux-Risiko, sollte die Sondennahrung kontinuierlich verabreicht werden, idealerweise mit einer Ernährungspumpe.
- Die Austrittsstelle der PEG-Sonde muss gut gepflegt und desinfiziert werden, um Infektionen vorzubeugen.
- Auch Personen, die mit einer Ernährungssonde versorgt sind, können sich an ihrem Speichel verschlucken. Eine sorgfältige Mundhygiene ist daher besonders wichtig.
Weitere Hilfsmittel und Tipps für den Alltag mit Schluckstörungen
Neben den genannten Therapieansätzen und der PEG-Sonde gibt es weitere Hilfsmittel und Tipps, die den Alltag mit Schluckstörungen erleichtern können:
- Spezielles Geschirr und Besteck: Nasenkerbenbecher ermöglichen das Trinken, ohne den Kopf in den Nacken legen zu müssen.
- Andickungsmittel: Zum Andicken von Flüssigkeiten, um das Verschlucken zu erschweren.
- Pürierte Kost: Nahrungsmittel können püriert werden, um die Konsistenz anzupassen. Förmchen können verwendet werden, um pürierte Kost ansehnlicher zu gestalten.
- Rezepte für Menschen mit Schluckstörungen: Es gibt spezielle Rezeptsammlungen, die das Schlucken erleichtern.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Um eine ausreichende Nährstoffversorgung zu gewährleisten, sollten regelmäßige Mahlzeiten eingehalten werden.
- Ruhe und Konzentration beim Essen: Essen und Trinken ist ein anstrengender Vorgang, der Ruhe und Konzentration erfordert.
- Vermeidung von Ablenkungen: Ablenkungen während des Essens sollten vermieden werden, um die Konzentration auf den Schluckvorgang zu erhöhen.
- Unterstützung durch Angehörige und Pflegepersonal: Angehörige und Pflegepersonal können den Patienten bei der Nahrungsaufnahme unterstützen und auf Anzeichen von Aspiration achten.
Fazit
Schluckstörungen nach einem Schlaganfall sind eine komplexe Herausforderung, die eine umfassende und interdisziplinäre Betreuung erfordert. Eine frühzeitige Diagnose, individuelle Therapieansätze und die gegebenenfalls notwendige Anlage einer PEG-Sonde können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern und Komplikationen vermeiden. Die PEG-Sonde ist dabei nicht als endgültige Lösung zu sehen, sondern als Möglichkeit, den Ernährungszustand zu sichern und die Rehabilitation zu fördern. Ziel ist es, die Schluckfunktion wiederherzustellen und die orale Nahrungsaufnahme langfristig wieder zu ermöglichen. Durch die Kombination aus medizinischer Behandlung, logopädischer Therapie, angepasster Ernährung und unterstützenden Maßnahmen können Patienten mit Schluckstörungen nach einem Schlaganfall ein möglichst selbstständiges und erfülltes Leben führen.
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