Hippocampus-Heilung nach Trauma: Wege zur Regeneration und Integration

Trauma ist mehr als nur ein vorübergehendes Erleben von Angst; es ist eine tiefgreifende seelische Verletzung, die den ganzen Menschen in Mitleidenschaft ziehen kann. Ob durch Gewalt, Unfälle, Naturkatastrophen oder andere einschneidende Erlebnisse - das Gehirn reagiert mit einer plötzlichen Aktivierung des Überlebensmodus. Die psychischen Auswirkungen eines Traumas können weit über akute Schockreaktionen hinausgehen, aber es gibt Wege zur Heilung und Regeneration.

Die Neurologischen Grundlagen des Traumas

In Momenten extremer Gefahr werden Teile des Gehirns aktiviert, die für die Flucht- oder Kampfreaktion verantwortlich sind. Diese Reaktionen werden von einem Anstieg von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol begleitet, die den Körper auf die Bedrohung vorbereiten. Gleichzeitig verhindern komplexe neurobiologische Prozesse eine klare Verarbeitung des Erlebten. Intrusionen in Form von wiederkehrenden, unkontrollierten Erinnerungen, Albträumen und intensiven Gefühlsausbrüchen sind typische Begleiterscheinungen. Gleichzeitig reagiert der Körper mit einer anhaltenden Hyperarousal - selbst harmlose Reize können überwältigende Angst und Unruhe auslösen. Neurologisch spielen insbesondere die Amygdala und der Hippocampus eine zentrale Rolle. Chronische Überlastung kann in diesen Hirnregionen strukturelle Veränderungen bewirken, was die Symptome langfristig verstärkt.

Amygdala und Hippocampus im Fokus

Zwei wichtige Gehirnregionen, die besonders von Traumata betroffen sind, sind der Hippocampus und die Amygdala. Der Hippocampus spielt eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung von Gedächtnisinhalten und der Kontextualisierung von Ereignissen. Traumata können zu einer Schrumpfung des Hippocampus führen, was mit Gedächtnisproblemen und einer erhöhten Anfälligkeit für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) verbunden sein kann. Die Amygdala hingegen ist für die Verarbeitung von Emotionen, insbesondere von Angst, zuständig. Es wird angenommen, dass der Mandelkern durch starken Stress überaktiviert wird. Die Überaktivierung führt zu Fehlfunktionen im Hippocampus und im Frontalcortex. Hippocampus und Frontalcortex verkleinert.

Trauma und das Nervensystem

Ein verändertes Erleben und Bewerten der Gegenwart bewirkt, dass Erlebnisse im Heute mit der Erfahrung „von damals“ gefühlt und interpretiert werden. Veränderung des Grundgefühls von Sicherheit. Diese Überlastung führt zu Veränderungen der Gedächtnisleistung. Das autonome Nervensystem verliert an Anpassungsfähigkeit. Das Toleranzfenster für Stress sinkt. Das traumatisierte Nervensystem wird überwiegend vom sympathischen Teil dirigiert und steht damit unter Dauerstress. Es passt sich nicht mehr automatisch den realen Gegebenheiten an und ist in einer Schleife aus erhöhter Wachsamkeit und damit Aktivierung gefangen. Der traumatisierte Mensch leidet unter dessen Auswirkungen auch in Zeiten, wo „eigentlich alles in Ordnung“ ist. Es gibt keine Entwarnung und damit kommt er nicht zur Ruhe, selbst wenn die äußeren Bedingungen günstig sind. Die Psyche ist chronisch beunruhigt durch alltägliche Situationen. Menschen, die Bindung an sie und gesellschaftlicher Kontakt mit ihnen kann als gefährlich eingestuft werden, wenn Bindungstraumata vorliegen. Bei Schocktrauma können ganz alltägliche Situationen als Trigger fungieren, wenn ein einströmender Reiz einen Bezug zum traumatisierenden Ereignis hat. Diese Reaktionen sind kognitiv nicht so schnell steuerbar, wie es sein müsste, um die prompte Arbeitsreaktion des Sympathikus zu unterbinden.

Frühe Widerstandskraft: Ein Trugschluss?

Traumata in der Kindheit hinterlassen oft tiefe Spuren, aber nicht alle Kinder zeigen sofort offensichtliche Anzeichen von Belastung. Manche scheinen erstaunlich widerstandsfähig zu sein und bewältigen das Trauma scheinbar gut. Doch kann diese Widerstandskraft dauerhaft anhalten? Kinder sind bemerkenswert anpassungsfähig und zeigen oft erstaunliche Belastungsfähigkeit in schwierigen Situationen. Sie scheinen Traumata zu überwinden, spielen weiter, gehen zur Schule und interagieren mit ihrer Umgebung, als ob nichts passiert wäre. Ein Schlüsselaspekt dieser frühen Widerstandskraft ist die Resilienz - die Fähigkeit, sich von Schwierigkeiten zu erholen und gestärkt daraus hervorzugehen. Resiliente Kinder können sich an neue Situationen anpassen, Schwierigkeiten überwinden und eine positive Einstellung zum Leben bewahren, trotz der Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen. Das soziale Umfeld spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Resilienz bei Kindern. Unterstützende Beziehungen zu Eltern, Lehrern, Freunden und anderen Bezugspersonen können Kindern helfen schwierige Zeiten zu überstehen und gestärkt daraus hervorzugehen. Die Idee, dass Kinder ein Trauma einfach überwinden können, ist jedoch ein Trugschluss. Studien zeigen, dass unbehandelte Traumata langfristige Auswirkungen auf Bewältigungsstrategien sowie Selbstregulierungsfähigkeiten und damit die psychische Gesundheit haben können. Auch Kinder, die scheinbar gut mit ihnen umgehen, können später im Leben mit einer Vielzahl von psychischen Problemen konfrontiert sein, darunter Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und Beziehungsprobleme. Die scheinbare Widerstandsfähigkeit von Kindern kann deswegen eine Illusion sein. In der Kindheit befindet sich das Gehirn in einem entscheidenden Entwicklungsstadium und traumatische Ereignisse können die Entwicklung des Nervensystems beeinträchtigen.

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Therapeutische Ansätze zur Heilung

Die therapeutische Begleitung von traumatisierten Menschen hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Moderne Traumatherapie basiert auf einem multimodalen Ansatz, der sowohl psychische als auch körperliche Ebenen einbezieht. Ergänzend dazu gewinnen körperorientierte Verfahren wie Somatic Experiencing an Bedeutung, bei denen der Körper als Speicher traumatischer Erfahrungen wahrgenommen wird. Weitere innovative Ansätze umfassen trauma-informierte Achtsamkeit und erste experimentelle Virtual-Reality-Therapien, die den Heilungsprozess unterstützen.

Psychotherapie, einschließlich kognitiver Verhaltenstherapie, Traumatherapie und EMDR, kann helfen erschütternde Erinnerungen zu verarbeiten und die Symptome von Traumafolgestörungen zu lindern. Frühzeitige Intervention und Unterstützung umfassen auch den Aufbau unterstützender Umgebungen, die den Betroffenen helfen können sich zu erholen und zu entwickeln.

Extinktionslernen und Virtuelle Realität

In der kognitiven Verhaltenstherapie macht man sich das Prinzip des Extinktionslernens zunutze: PTBS-Patienten sollen die neu erlernte Angstreaktion umlernen. Das umgelernte Verhalten lässt sich aber mitunter schwer abrufen. Forscher vermuten, dass dies mit der reduzierten Aktivität im vmPFC und Hippocampus zu tun hat. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle, wenn ein Kontext als gefährlich oder sicher beurteilt werden soll. Es kann sein, dass diese Kontrollfunktion entfällt, wenn diese Hirnregion weniger aktiv ist - was bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung der Fall sein kann. Die bisherigen Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es vielleicht sinnvoll sein kann, das Extinktionslernen in verschiedenen Kontexten, also Umgebungen, durchzuführen.

Die Anwendung eines virtuellen Raumes ist eine beliebte Methode in der Wissenschaft. Ausgestattet mit einem Gamepad und einer Art Brille mit integriertem Bildschirm können die Probanden frei durch den realen Raum gehen. Gleichzeitig nehmen sie selbst einen ganz anderen Raum - den virtuellen Raum - um sich herum wahr, in dem sie agieren und sich bewegen können. Die Ziele der Therapien für PTBS-Patienten sind aktive Konfrontation und bewusste Auseinandersetzung mit dem Trauma. So geht es bei der kognitiven Verhaltenstherapie darum, über Gedanken und Wahrnehmung das Erleben und Verhalten positiv zu beeinflussen. Dies wird zum Beispiel bei der Konfrontationstherapie erreicht. Dabei wird der Patient, begleitet von seinem Therapeuten, direkt mit der Angst auslösenden Situation konfrontiert. Eine Alternative ist die Augenbewegungsdesensibilisierung. Diese Therapie beruht auf bilateraler Stimulation: Während der Patient sich aktiv in die traumatische Situation begibt, folgt er mit seinen Augen zufälligen Bewegungen.

Pharmakotherapie

PTBS wird außer mit Expositionstherapie und kognitiv-behavioraler Therapie auch durch Pharmakotherapie und EMDR behandelt. In der medikamentösen Therapie werden Antidepressiva und Anxiolytika eingesetzt. Das Mittel der Wahl sind nach Angaben von Steil jedoch SSRIs. Vergleichsstudien haben ergeben, dass Expositionstherapie und kognitiv-behaviorale Therapie gleich wirksam sind. EMDR hat sich als effektiv erwiesen, ist jedoch nicht effektiver als die anderen beiden Therapieformen. Pharmakotherapie ist zwar wirksamer als keine Behandlung, wird aber häufig abgebrochen. „Eine Psychotherapie ist gegenüber einer alleinigen Pharmakotherapie vorzuziehen“.

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Praktische Übungen zur Selbsthilfe

Zum Glück können wir dennoch aktiv Einfluss nehmen auf unsere körperlichen Erregungsreaktionen: wir arbeiten mit dem Parasympathikus. Wenn es allerdings Ihr Ziel ist, DAUERHAFT wieder stabil und regulierbarer zu sein, dann empfehlt es sich, die Übungen so lange durchzuführen, wie sie nötig sind. Und das kann eben für immer sein oder zumindest jahrelang. Mir selbst sind einige der Übungen vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen, so dass ich sie im Alltag unauffällig aber permanent einsetze. Übung macht den Meister - das heißt, wenn Sie die Übungen als „Trockenübungen“ täglich anwenden, sinkt der Grundpegel an Stress und im Bedarfsfall funktioniert alles gleich viel schneller.

  1. Längere Ausatmung: Sie atmen länger aus als ein! Je länger Sie ausatmen, desto mehr dämpfen Sie. Das ist das ganze Geheimnis! Sie können dabei variieren. Mehrfach hintereinander durchgeführt beruhigt diese Übung und tut unfehlbar ihren Dienst. Sie haben den Parasympathikus aktiviert.
  2. Strohhalm-Atmung: Beim Ausatmen bilden Sie sich ein, in einen Strohhalm pusten zu müssen. Diese Übung sollten Sie 3-5 mal hintereinander ausführen, bei Bedarf und Ausdauer natürlich gerne länger. Mit der Zeit werden Sie die Ausatmungszeit verlängern können.
  3. Vokal-Atmung: Sie atmen langsam durch die Nase ein, wobei Sie sich das rechte Nasenloch leicht zuhalten. Dann atmen Sie langsam aus und sprechen dabei einen Vokal aus (z.B. "Aaaaa…"). Wiederholen Sie dies mit allen Vokalen.
  4. Erdungsübung: Richten Sie nun Ihre innere Aufmerksamkeit ganz absichtslos auf die Füße. Stellen Sie sicher, dass beide Füße ganz auf den Fußboden sind. Und nun fühlen Sie, wie es sich anfühlt, den rechten Fuß auf dem Boden zu spüren. Wechseln Sie nun mit der Aufmerksamkeit auf den linken Fuß und wiederholen Sie die aufmerksamen Schritte.
  5. 5-4-3-2-1 Übung: Sehen Sie sich nun aufmerksam im Raum um und drehen Sie auch gerne den ganzen Körper dabei. Benennen Sie laut und ganz bewusst Gegenstände, die Sie wahrnehmen. Wechseln Sie zum Hören. Schließen Sie die Augen und hören aufmerksam auf die Geräusche Ihrer Umgebung, benennen Sie auch diese laut. Nun wechseln Sie ins Spüren und benennen alles, was Sie im Körper oder um den Körper herum spüren.
  6. Reorientierungsübung: Entscheiden Sie selbst und geben Sie sich einen kleinen Auftrag. Beispielsweise: „Zähle alle Brillenträger im jetzigen Umfeld“. „Suche 5 rote Gegenstände, die dich jetzt umgeben“. „Finde ein Wolkenbild mit Gesicht“…. etc. Auch diese Übung zielt darauf ab, sich zu re-orientieren und den Bezug zur Gegenwart herzustellen.
  7. Nah- und Fernsicht: Halten Sie den Zeigefinger oder einen Stift in angenehme Entfernung vor sich und fixieren Sie den Blick darauf („Nahsicht“). Zählen Sie innerlich bis 3. Dann stellen Sie den Blick auf „Weitsicht“, schauen durch den Stift hindurch und fixieren bitte einen weit entfernten Punkt an der Wand hinter Stift oder Finger. Zählen Sie dort innerlich bis 3. Kommen Sie zurück auf Nahsicht und wiederholen Sie diese Übung im Wechsel etliche Male.
  8. Zungenentspannung: Sie entspannen jetzt ihre Zunge und konzentrieren sich ganz darauf, dass sie in Ihrem Mund ganz leicht an den oberen Zähnen liegt.
  9. Augendruck: Nehmen Sie bequem Platz und wenn möglich, stützen Sie beide Ellenbogen auf einen Tisch. Dann drücken Sie leicht gegen die Augen und üben einen sanften, aber wahrnehmbaren Druck aus. Am besten funktioniert es, wenn Sie die Handballen dazu benutzen.

Die Rolle des Hippocampus im Heilungsprozess

Der Hippocampus ist der innere Chronist deiner Lebensgeschichte - Trauma zerreißt seine Erzählung in Splitter, die Coaching wieder verweben kann. Wenn ein Trauma geschieht, wird das Gehirn mit Stresshormonen wie Cortisol überflutet. Diese wirken direkt auf den Hippocampus - und können seine Funktion massiv beeinträchtigen. Studien zeigen: Chronischer oder starker Stress lässt den Hippocampus schrumpfen und schwächt seine Leistung.

Traumasensible Begleitung unterstützt dabei, den Hippocampus in seiner Funktion zu stärken, indem sie das Nervensystem beruhigt und stabilisiert. Durch Co-Regulation und somatische Arbeit wird ein sicherer Raum geschaffen, in dem traumatische Erinnerungen langsam und behutsam neu erlebt und geordnet werden können. So kann der Hippocampus wieder effektiver arbeiten, Erinnerungen besser abspeichern und verarbeiten.Zudem fördern Übungen, die Achtsamkeit und Embodiment einschließen, die Verbindung zwischen Körper und Gehirn. Dies hilft, das implizite Gedächtnis (körperliche Erinnerungen) mit dem expliziten Gedächtnis (bewusste Erinnerungen) zu verbinden - eine wichtige Voraussetzung für Heilung und Integration.

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