Die Auswirkungen von Stress auf den Hippocampus

Stress ist ein allgegenwärtiges Phänomen im modernen Leben. Er kann durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden, von alltäglichen Ärgernissen bis hin zu traumatischen Ereignissen. Während kurzfristiger Stress eine adaptive Reaktion sein kann, die uns hilft, mit Herausforderungen umzugehen, kann chronischer Stress schädliche Auswirkungen auf unsere körperliche und geistige Gesundheit haben. Ein besonders anfälliges Gehirnareal für die Auswirkungen von Stress ist der Hippocampus, eine Struktur, die eine entscheidende Rolle für das Gedächtnis, das Lernen und die Emotionsregulation spielt.

Stress und seine vielfältigen Auswirkungen

Stress hinterlässt langfristige Spuren in Psyche und Gehirn. Ständige seelische Belastung macht beispielsweise anfälliger für Depression, Phobien, aber auch Demenz. Schon seit längerem ist bekannt, dass schwerer Stress die geistige und körperliche Gesundheit noch Jahrzehnte später beeinflussen kann. Ursache sind in erster Linie die in einer Stresssituation massenhaft ausgeschütteten Stresshormone. Die meisten ihrer Wirkungen sind zwar vorübergehend, mehr und mehr aber häufen sich Hinweise auf bleibende Veränderungen. „Stresserfahrungen können eine anhaltende Anfälligkeit für mentale Krankheiten verursachen, die noch viele Jahre nach der Stresserfahrung anhalten“, erklären Sundari Chetty von der University of California in Berkeley und ihre Kollegen. Und auch an der Hirnanatomie lassen sich bleibende Veränderungen ablesen: Betroffene mit Langzeitfolgen wie Posttraumatischen Stresserkrankungen, Schizophrenie oder Depression zeigen beispielsweise oft eine Zunahme der weißen Substanz - dem von weißlichen Hüllscheiden umgebenen Faserteil der Nervenzellen.

Die Rolle des Hippocampus

Der Hippocampus ist eine Hirnstruktur, die sich im medialen Temporallappen befindet. Er ist essenziell für die Bildung neuer Erinnerungen, insbesondere für das episodische Gedächtnis, das persönliche Erfahrungen und Ereignisse speichert. Mit Hilfe des episodischen Gedächtnisses können wir komplexe Alltagserfahrungen in einen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang stellen. Der Hippocampus ist auch an der räumlichen Orientierung und Navigation beteiligt. Darüber hinaus spielt er eine Rolle bei der Emotionsregulation und der Stressbewältigung.

Stressbedingte Veränderungen im Hippocampus

Studien haben gezeigt, dass chronischer Stress zu einer Reihe von Veränderungen im Hippocampus führen kann, darunter:

  • Verringertes Volumen: Chronischer Stress kann zu einer Schrumpfung des Hippocampus führen. Dies wurde in Studien mit Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und anderen stressbedingten Erkrankungen beobachtet.
  • Reduzierte Neurogenese: Neurogenese ist die Bildung neuer Neuronen. Chronischer Stress kann die Neurogenese im Hippocampus reduzieren, was die Fähigkeit des Gehirns beeinträchtigen kann, neue Erinnerungen zu bilden und zu lernen.
  • Veränderte synaptische Plastizität: Synaptische Plastizität ist die Fähigkeit von Synapsen, sich im Laufe der Zeit zu verstärken oder zu schwächen. Chronischer Stress kann die synaptische Plastizität im Hippocampus beeinträchtigen, was die Kommunikation zwischen Neuronen stören kann.
  • Erhöhte Hüllzellproduktion: Wird das Gehirn mit Stresshormonen überflutet, entstehen im Hippocampus weniger neue Gehirnzellen. Stattdessen werden dort dauerhaft vermehrt Hüllzellen gebildet. Schon seit längerem ist bekannt, dass schwerer Stress die geistige und körperliche Gesundheit noch Jahrzehnte später beeinflussen kann. Ursache sind in erster Linie die in einer Stresssituation massenhaft ausgeschütteten Stresshormone. Die meisten ihrer Wirkungen sind zwar vorübergehend, mehr und mehr aber häufen sich Hinweise auf bleibende Veränderungen. „Stresserfahrungen können eine anhaltende Anfälligkeit für mentale Krankheiten verursachen, die noch viele Jahre nach der Stresserfahrung anhalten“, erklären Sundari Chetty von der University of California in Berkeley und ihre Kollegen. Und auch an der Hirnanatomie lassen sich bleibende Veränderungen ablesen: Betroffene mit Langzeitfolgen wie Posttraumatischen Stresserkrankungen, Schizophrenie oder Depression zeigen beispielsweise oft eine Zunahme der weißen Substanz - dem von weißlichen Hüllscheiden umgebenen Faserteil der Nervenzellen.

Mechanismen der Stresswirkung auf den Hippocampus

Die genauen Mechanismen, durch die Stress den Hippocampus beeinflusst, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass Stresshormone, insbesondere Cortisol, eine wichtige Rolle spielen. Cortisol ist ein Glukokortikoid, das in Reaktion auf Stress freigesetzt wird. Es hat eine Vielzahl von Wirkungen auf den Körper, einschließlich des Gehirns.

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Cortisol kann den Hippocampus schädigen, indem es:

  • Die Neurogenese reduziert: Cortisol kann die Produktion neuer Neuronen im Hippocampus hemmen.
  • Die synaptische Plastizität beeinträchtigt: Cortisol kann die synaptische Plastizität im Hippocampus stören, was die Kommunikation zwischen Neuronen beeinträchtigen kann.
  • Entzündungen fördert: Cortisol kann Entzündungen im Gehirn fördern, was Neuronen schädigen kann.

Auswirkungen auf Gedächtnis und Kognition

Die stressbedingten Veränderungen im Hippocampus können zu einer Reihe von kognitiven Beeinträchtigungen führen, darunter:

  • Gedächtnisprobleme: Stress kann die Fähigkeit beeinträchtigen, neue Erinnerungen zu bilden und alte Erinnerungen abzurufen.
  • Lernschwierigkeiten: Stress kann das Lernen erschweren, da er die Neurogenese und die synaptische Plastizität beeinträchtigt.
  • Aufmerksamkeitsprobleme: Stress kann die Aufmerksamkeit und Konzentration beeinträchtigen.
  • Entscheidungsfindung: Chronischer Stress allerdings kann den präfrontalen Cortex verändern, so dass es schwieriger wird, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.
  • Verminderte kognitive Flexibilität: Zudem konnten wir in der Vergangenheit zeigen, dass Stress auch einen Wechsel von flexiblen, aber kognitiv aufwendigen Gedächtnisprozessen hin zu eher rigiden, aber effizienten Gedächtnisprozessen befördert.

Stress und psychische Gesundheit

Stressbedingte Veränderungen im Hippocampus können auch das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen, darunter:

  • Depression: Chronischer Stress ist ein wichtiger Risikofaktor für Depressionen. Stress kann die Stimmung, das Verhalten und die Kognition beeinflussen.
  • Angststörungen: Stress kann auch das Risiko für Angststörungen erhöhen, wie z. B. generalisierte Angststörung, Panikstörung und soziale Angststörung.
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): PTBS ist eine psychische Erkrankung, die nach einem traumatischen Ereignis auftreten kann. Stressbedingte Veränderungen im Hippocampus können die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen beeinträchtigen und das Risiko für PTBS erhöhen.
  • Schizophrenie: Betroffene mit Langzeitfolgen wie Posttraumatischen Stresserkrankungen, Schizophrenie oder Depression zeigen beispielsweise oft eine Zunahme der weißen Substanz - dem von weißlichen Hüllscheiden umgebenen Faserteil der Nervenzellen.

Stress beeinflusst Gedächtnis und Erinnerung

Stress hat heutzutage ein Imageproblem. Er schade nicht nur der Gesundheit, sondern zehre auch an den mentalen Kräften. Konzentration, Denk- und Urteilsvermögen würden bei Stress enorm leiden. Doch entgegen dieser verbreiteten Ansicht sind die Folgen psychischer Beanspruchung keineswegs so eindeutig. Je mehr Puzzleteile Forscher zusammentragen, desto klarer wird: Stress kann manche geistigen Leistungen sogar fördern. Zunächst einmal ist die natürliche Stressreaktion des Körpers eine sehr sinnvolle Erfindung der Evolution. Geraten wir in eine brenzlige Lage, reagiert der Organismus mit zwei bewährten Programmen. Zum einen setzt die Nebenniere, angeregt durch das sympathische Nervensystem, vermehrt Adrenalin und Noradrenalin in die Blutbahn frei. Zum anderen kurbelt mit kurzer zeitlicher Verzögerung die so genannte Stresshormon­achse - bestehend aus dem Hypothalamus, der Hypophyse und der Nebennierenrinde - die Ausschüttung von Glucocorticoiden wie dem Stresshormon Cortisol an. In der Folge steigen Herzfrequenz und Blutdruck, so dass mehr Nährstoffe zu den Muskeln gelangen. Auf diese Weise gewinnen wir Energie für den Kampf oder für die Flucht. Diese archaischen Programme laufen immer noch genauso im menschlichen Organismus ab wie vor Tausenden von Jahren, auch wenn uns inzwischen meist keine echte Lebensgefahr mehr droht.

Stress kann das Gedächtnis blockieren oder verbessern

Die Hormone beeinflussen so auch das Gedächtnis. Dabei kann Stress das Gedächtnis jedoch nicht nur blockieren und zu einem Blackout führen, sondern auch verbessern. Eigentlich ist Stress ein Alarmzustand. Er bereitet den Körper darauf vor, im nächsten Moment zu kämpfen oder zu flüchten. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann auf das, was uns bedroht oder was uns retten könnte. Wenn eine Information wichtig ist, um eine Stresssituation zu bewältigen, brennt sie sich offenbar tief in das Gedächtnis ein. Das konnte ein Team um Carmen Sandi vom Brain Mind Institute in Lausanne 1997 an Ratten belegen. Die Neurobiologin ließ die Nager in einem Wasserlabyrinth schwimmen, aus dem sie nur über eine Plattform entkommen konnten. War das Wasser kühl, merkten sich die Tiere den Pfad zur rettenden Insel rascher, da die niedrige Temperatur bei längerem Aufenthalt eine Bedrohung für Leib und Leben ist. Durch die ausgeschütteten Stresshormone hatten die Ratten sich stärker auf den Weg konzentriert und erinnerten ihn später besser. Bei noch kühlerem Wasser verschlechterte sich jedoch die Leistung der Ratten. Einige Neurowissenschaftler sehen dies als Beleg dafür, dass nur moderater Stress das Gedächtnis verbessert, starker Stress jedoch dem Erinnerungsvermögen schadet. Moderater Stress dagegen scheint beim Lernen wie ein Filter zu wirken: Stressrelevante Information fließt besonders schnell in das Gedächtnis. Dagegen blenden wir Eindrücke aus, die nicht mit dem Stressor verknüpft sind. Wenn wir uns nach dem Lernen beispielsweise mit unserem Partner streiten, kann dies vorher aufgenommene Informationen im Gedächtnis verfestigen. Das gilt besonders für emotional aufwühlende Gedächtnisinhalte. Verantwortlich dafür ist die Amygdala, eine mandelförmige Struktur im vorderen Schläfenlappen des Großhirns. Sie drückt emotionalen Erinnerungen den Stempel „Wichtig, nicht vergessen!“ auf. Unter Stress verstärkt das Hormon Cortisol diesen Effekt. Mit bildgebenden Verfahren kann man beobachten, dass die Amygdala dann intensiver auf emotionale Stimuli reagiert. Sogar in Studien mit neutralem Lernmaterial verfestigte Stress nach dem Lernen die Erinnerung.

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Strategien zur Stressbewältigung

Es gibt eine Reihe von Strategien, die helfen können, Stress zu bewältigen und die Auswirkungen auf den Hippocampus zu minimieren:

  • Regelmäßige Bewegung: Bewegung ist ein wirksames Mittel zur Stressreduktion. Sie kann helfen, Stresshormone abzubauen und die Stimmung zu verbessern.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga und Atemübungen können helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
  • Soziale Unterstützung: Soziale Unterstützung von Freunden und Familie kann helfen, Stress zu bewältigen und das Gefühl der Isolation zu reduzieren.
  • Ausreichend Schlaf: Ausreichend Schlaf ist wichtig für die körperliche und geistige Gesundheit. Schlafmangel kann Stress verstärken und die kognitive Funktion beeinträchtigen.
  • Gesunde Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann helfen, den Körper mit den Nährstoffen zu versorgen, die er benötigt, um Stress zu bewältigen.
  • Vermeidung von Stressoren: Wenn möglich, sollten Stressoren vermieden werden. Dies kann bedeuten, dass man sich von belastenden Situationen distanziert oder Aufgaben delegiert.
  • Achtsamkeit: Achtsamkeit ist eine Technik, bei der man sich auf den gegenwärtigen Moment konzentriert, ohne ihn zu bewerten. Achtsamkeit kann helfen, Stress abzubauen und die Emotionsregulation zu verbessern.

Forschungsergebnisse aus der Antarktis

Wissenschaftliche Studien konnten in der Vergangenheit zeigen, dass innerhalb des Gehirns insbesondere die Struktur und Funktion des Hippocampus durch Stress gefährdet ist. Neben erhöhten Cortisolwerten werden auch Veränderungen der Expression der neurotrophen Wachstumsfaktoren BDNF und VEGF als mitverursachend vermutet. Ziel dieser Arbeit ist es, den Einfluss eines 14-monatigen Aufenthaltes in der Antarktis auf die hippocampale Struktur, die zu Grunde liegenden neurophysiologischen Veränderungen und die kognitiven Fähigkeiten zu untersuchen.

Im Rahmen der 33. Überwinterungskampagne wurden an neun Expeditionsteilnehmern vor und nach der Überwinterung in der Antarktis MRT-Aufnahmen des Hippocampus durchgeführt, um das Volumen der Hippocampussegmente zu bestimmen. Zusätzlich erfolgten vor, während und nach der Überwinterung in regelmäßigen Abständen Entnahmen von Speichelproben und Blutproben zur Bestimmung von Cortisolwerten und Serumkonzentrationen der Wachstumsfaktoren BDNF und VEGF. Die kognitive Leistungsfähigkeit wurde mittels standardisierter computerbasierter Testverfahren ermittelt. Die Daten der Überwinterer wurden mit den Ergebnissen einer Kontrollgruppe, welche nicht an der Überwinterung teilnahm, verglichen. Die erhobenen Daten wurden mittels gemischt linearem Modell analysiert.

Die Ergebnisse der Analyse zeigten eine signifikante Zunahme der Cortisolkonzentration während des Antarktisaufenthaltes. Für die neurotrophen Wachstumsfaktoren BDNF und VEGF konnte eine signifikante Abnahme im Verlauf nachgewiesen werden. Das Gyrus dentatus-Volumen der Überwinterer zeigte in der Nachmessung eine signifikante Volumenreduktion, die mit einem signifikanten Wechselwirkungseffekt für die Faktoren Zeit und Gruppe einherging.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein längerer Aufenthalt in der Antarktis mit einer Aufrechterhaltung der Stressreaktion sowie einer Verringerung der Serumkonzentrationen neurotropher Wachstumsfaktoren einhergeht und darüber hinaus zu strukturellen hippocampalen Veränderungen und funktionellen kognitiven Veränderungen führt. gekennzeichnet und dienen als Analogmodell zur Erforschung der Auswirkungen von Weltraummissionen auf den menschlichen Organismus. Die extremen Bedingungen während einer Überwinterung in der Antarktis können zu einer erheblichen Beeinträchtigung der physischen und psychischen Gesundheit führen. Bereits in früheren Studien konnte gezeigt werden, dass es während Aufenthalten in extremen Umwelten zu einer Aufrechterhaltung der Stressreaktion kommen kann, welche mit einer gesteigerten Cortisolsekretion einhergeht. Wissenschaftliche Studien konnten in der Vergangenheit zeigen, dass innerhalb des Gehirns insbesondere die Struktur und Funktion des Hippocampus durch Stress gefährdet ist. Neben erhöhten Cortisolwerten werden auch Veränderungen der Expression der neurotrophen Wachstumsfaktoren BDNF und VEGF als mitverursachend vermutet. Ziel dieser Arbeit ist es, den Einfluss eines 14-monatigen Aufenthaltes in der Antarktis auf die hippocampale Struktur, die zu Grunde liegenden neurophysiologischen Veränderungen und die kognitiven Fähigkeiten zu untersuchen.Methoden: Im Rahmen der 33. Überwinterungskampagne wurden an neun Expeditionsteilnehmern vor und nach der Überwinterung in der Antarktis MRT-Aufnahmen des Hippocampus durchgeführt, um das Volumen der Hippocampussegmente zu bestimmen. Zusätzlich erfolgten vor, während und nach der Überwinterung in regelmäßigen Abständen Entnahmen von Speichelproben und Blutproben zur Bestimmung von Cortisolwerten und Serumkonzentrationen der Wachstumsfaktoren BDNF und VEGF. Die kognitive Leistungsfähigkeit wurde mittels standardisierter computerbasierter Testverfahren ermittelt. Die Daten der Überwinterer wurden mit den Ergebnissen einer Kontrollgruppe, welche nicht an der Überwinterung teilnahm, verglichen. Die erhobenen Daten wurden mittels gemischt linearem Modell analysiert. signifikante Zunahme der Cortisolkonzentration während des Antarktisaufenthaltes. Für die neurotrophen Wachstumsfaktoren BDNF und VEGF konnte eine signifikante Abnahme im Verlauf nachgewiesen werden. Das Gyrus dentatus-Volumen der Überwinterer zeigte in der Nachmessung eine signifikante Volumenreduktion, die mit einem signifikanten Wechselwirkungseffekt für die Faktoren Zeit und Gruppe einherging.

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Stressreaktion und Gehirn

Unser Körper ist darauf eingerichtet, uns so gut wie möglich vor Gefahren zu schützen. Das Gehirn spielt dabei eine maßgebliche Rolle. In den frühen evolutionären Zeiten, aus denen die Stressreaktion stammt, ging es oft um Gefahren für Leib und Leben. Heute stehen in vielen Gesellschaften andere Gefahren im Vordergrund. Menschen erleben beispielsweise Stress, wenn ihr Selbstwert bedroht ist, wenn sie Angst haben, zu versagen oder von wichtigen anderen Menschen getrennt zu sein. Oder manchmal ganz einfach, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es gerne möchten. Doch egal was die Ursache ist, die Stressreaktion läuft immer noch nach dem gleichen alten Muster ab - selbst wenn man sich die stressige Situation nur vorstellt. Dann werden verschiedene Regionen unseres Gehirns aktiv. Wie bei einem guten Team arbeiten diese Regionen zusammen, um uns für Kampf oder Flucht fit zu machen. Manche Teile des Gehirns sind eher für die emotionale Verarbeitung "zuständig", andere fürs Planen und Denken. Wieder andere sorgen dafür, dass die Vorgänge in Gang gesetzt werden, die notwendig sind, damit die Stresshormone ausgeschüttet werden.

Die Amygdala als "Angstzentrale"

Eine sehr wichtige Hirnregion für unsere Erleben von Stress und Angst ist die Amygdala, ein kleiner, mandelförmiger Komplex von Nervenzellen im unteren Bereich des Gehirninneren. Sie ist Teil des sogenannten Limbischen Systems. Das ist ein Verbund verschiedener Hirnstrukturen im Innern des Gehirns, der eine große Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt. Die Amygdala steuert - zusammen mit anderen Hirnregionen - unsere psychischen und körperlichen Reaktionen auf stress- und angstauslösende Situationen. Treffen bei ihr Signale ein, die höhere Aufmerksamkeit erfordern, zum Beispiel, wenn etwas neu oder gefährlich ist, dann feuern ihre Nervenzellen. Wir werden wacher und aufmerksamer. Dies geschieht bereits, bevor wir die Gefahr bewusst erkennen. Ab einer bestimmten Schwelle der Nervenaktivität setzt die Amygdala die Stressreaktion in Gang und aktiviert so die Kampf- und Flucht-Reaktion.

Um die Kampf- und Fluchtreaktion auszulösen, nutzt die Amygdala zwei Wege. Der schnellere Weg läuft über das sogenannte sympathische Nervensystem, das den Körper auf Aktivität einstimmt. Etwas langsamer ist der Weg über den Hypothalamus. Der Hypothalamus ist ein komplexes Gebilde im Zwischenhirn, das grundlegende Funktionen unseres Körpers steuert. Für die Stressreaktion setzt er eine ganze Kaskade von Hormonen in Gang.

Die zwei Wege der Stressreaktion

Über die Nervenstränge des sympathische Nervensystem im Rückenmark gelangt die Information "Gefahr" zum Mark der Nebenniere. Dort werden Adrenalin und - in geringerem Maß - Noradrenalin ausgeschüttet. Diese Hormone nennt man auch Katecholamine. Sie treiben zum Beispiel den Herzschlag und den Blutdruck in die Höhe, sorgen für eine größere Spannung der Muskeln und bewirken, dass mehr Blutzucker freigesetzt wird, so dass die Muskelzellen besser versorgt werden können. Parallel informiert die Amygdala den Hypothalamus, dass Gefahr im Verzug ist. Der Hypothalamus schüttet hormonelle Botenstoffe aus, unter anderem das Corticotropin-releasing-Hormon. Dieses Hormon wirkt auf die Hirnanhangdrüse im Gehirn - auch Hypophyse genannt. Es sorgt dafür, dass sie ein weiteres Hormon freisetzt, das Adrenocorticotropin, kurz ACTH. Es gelangt mit dem Blut zur Rinde der Nebenniere und veranlasst diese, das Stresshormon Kortisol auszuschütten. Kortisol ist ein lebenswichtiges Glukokortikoid, das auch viele andere Funktionen im Körper hat. Ist es im Übermaß vorhanden, kann es den Körper aber auch schädigen. Zusammen sorgen die Hormone und das sympathische Nervensystem dafür, dass unser Körper mehr Sauerstoff und Energie bekommt, um schnell zu handeln.

Die Auswirkungen der Hormone

Die Ausschüttung der Stresshormone bewirkt eine Reihe von körperlichen Veränderungen:

  • Der Atem beschleunigt sich
  • Puls und Blutdruck steigen an
  • Die Leber produziert mehr Blutzucker
  • Die Milz schwemmt mehr rote Blutkörperchen aus, die den Sauerstoff zu den Muskeln transportieren
  • Die Adern in den Muskeln weiten sich. Dadurch werden die Muskeln besser durchblutet
  • Der Muskeltonus steigt. Das führt oft zu Verspannungen. Auch Zittern, Fußwippen und Zähneknirschen hängt damit zusammen
  • Das Blut gerinnt schneller. Damit schützt sich der Körper vor Blutverlust
  • Die Zellen produzieren Botenstoffe, die für die Immunabwehr wichtig sind
  • Verdauung und Sexualfunktionen gehen zurück. Das spart Energie

Stress und Gedächtnis: Eine komplexe Beziehung

Die Amygdala setzt nicht nur die Stressreaktion in Gang. Sie veranlasst auch eine bedeutende Gedächtnisregion im Gehirn, den ganz in der Nähe gelegenen Hippocampus, sich die stressauslösende Situation gut zu merken. Auf diese Weise lernen wir, uns vor dem Stressor in Acht zu nehmen. Kommen wir erneut in eine derartige Situation, läuft die Stressreaktion noch schneller ab. Forschungen haben gezeigt, dass chronischer Stress die Zellfortsätze im Hippocampus schädigen kann. Sie sind Teil der Nervenzelle und wichtig für die Aufnahme von Information. Schrumpfen sie, wirkt sich das negativ auf das Gedächtnis aus.

Auch mit dem "denkenden" Teil des Gehirns ist die Amygdala eng verbunden, vor allem mit einem stammesgeschichtlich jüngeren Teil unseres Hirns, dem Stirnlappen. Er ist wichtig für die Kontrolle der Emotionen. Wie der Name sagt, sitzt er hinter der Stirn. Er wird auch präfrontaler Cortex genannt. Mit seiner Hilfe können wir durch logische Analyse und Denken unsere Emotionen beeinflussen. Er spielt eine große Rolle bei der Bewertung, ob wir einen Stressor für bewältigbar halten oder nicht, und für unser Verhalten in der stressigen Situation. Chronischer Stress allerdings kann den präfrontalen Cortex verändern, so dass es schwieriger wird, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Die eingebaute Stressbremse

Zum Glück regen wir uns meistens nach Stress auch wieder ab. Dabei hilft eine eingebaute Stressbremse. Ist nämlich das Stresshormon Kortisol in ausreichendem Maß im Blut vorhanden, merken das bestimmte Rezeptoren im Drüsensystem und im Gehirn, die Glucocorticoidrezeptoren. Daraufhin stoppt die Nebennierenrinde die Produktion von weiterem Kortisol. Das parasympathische Nervensystem - der Teil des Nervensystems, der unseren Körper zur Ruhe kommen lässt - wird aktiv. Wir werden wieder ruhiger und entspannen uns.

Anders sieht es aus, wenn das Zusammenspiel der Hormone nicht optimal funktioniert. Zum Beispiel, wenn nicht genug Rezeptoren vorhanden sind, die merken könnten, dass genug Kortisol vorhanden ist. Oder wenn die vorhandenen Rezeptoren nicht richtig arbeiten. Dann wird die Achse aus Hypothalamus, Hirnanhangdrüse und Nebenniere zu aktiv. Sie produziert zu viel Kortisol.

So etwas kann in schlimmen Fällen zu Denkstörungen, zu Gewebeschwund im Hirn und zu Störungen des Immunsystems führen. Auch die Entstehung von Depressionen wird auf diesen Einfluss zurückgeführt, ebenso Stoffwechselstörungen, die Diabetes fördern.

Frühe traumatische Erfahrungen und ihre Auswirkungen

Intensiver Stress in der frühen Kindheit kann die Arbeitsweise von Genen, die an der Stressreaktion beteiligt sind, so beeinflussen, dass Stresshormone schneller und intensiver ausgeschüttet werden. Das wiesen Neurowissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München an Tieren nach. Dieser Effekt bleibt lebenslang bestehen. Ähnliche Ergebnisse scheint es unter bestimmten genetischen Bedingungen auch bei Menschen zu geben, die ein Trauma erlebt haben, etwa durch eine Naturkatastrophe, durch Missbrauch oder durch Gewalt.

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