Der Zusammenhang zwischen Hippocampus, Schlaf und Emotionen

Einführung

Der Schlaf ist ein faszinierendes und komplexes Phänomen, das einen großen Teil unseres Lebens einnimmt. Während wir schlafen, finden im Gehirn vielfältige Prozesse statt, die für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden von entscheidender Bedeutung sind. Insbesondere der Hippocampus, eine Hirnstruktur, die eine Schlüsselrolle bei der Gedächtnisbildung spielt, ist während des Schlafs aktiv und interagiert mit anderen Hirnregionen, um Erinnerungen zu festigen und Emotionen zu verarbeiten. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Hippocampus, Schlaf und Emotionen und geht auf die verschiedenen Aspekte dieses komplexen Zusammenspiels ein.

Die Rolle des Hippocampus bei der Gedächtnisbildung

Der Hippocampus ist eine Struktur des Schläfenlappens, die für die Speicherung temporärer Erinnerungen verantwortlich ist. Er fungiert als eine Art Zwischenspeicher, in dem all die Erlebnisse, Gedanken und Eindrücke des Tages gesammelt werden. Da dieser neuronale Kurzzeitspeicher nur begrenzte Kapazitäten hat, muss nachts im Schlaf neuer Platz geschaffen werden. Informationen, die das Gehirn als wichtig bewertet, werden für die Langzeitspeicherung in die Hirnrinde übertragen, belanglose Erinnerungen gelöscht.

Im Schlaf sendet der Hippocampus die Informationen, die er während des Tages gespeichert hat, an die Großhirnrinde zurück. Diese Netzwerkaktivitäten im Gehirn ähneln denen, die während des Lernens am Tage auftreten. Forscher vermuten, dass sich durch eine solche Wiederholung die Erinnerung konsolidiert. Für das deklarative Gedächtnis sind vor allem die Tiefschlafphasen wichtig. Handlungsabläufe und emotionale Ereignisse dagegen bearbeitet das Gehirn vor allem in den Traumschlafphasen.

Der Einfluss von Schlaf auf die Gedächtniskonsolidierung

Studien haben gezeigt, dass der Schlaf wesentlich dafür ist, dass sich das Gedächtnis bildet. Während des Schlafs werden neue Erfahrungen kurzzeitig im Hippocampus gespeichert und anschließend - während Ruhezeiten - reaktiviert. Beispielsweise während des Schlafes werden dann die Verbindungen in der Hirnrinde gestärkt, die dem Langzeitgedächtnis zu Grunde liegen. Die Nervenzellen, die dabei in einer bestimmten Reihenfolge aktiviert und dauerhaft miteinander verbunden werden, entsprechen dann einem bestimmten Gedächtnisinhalt.

Der Prozess, der die Erinnerungen als neokortikale Repräsentation festigt, geschieht in zwei aufeinanderfolgenden Schritten, bei denen beide Male der Hippocampus als Teil des Temporallappens und der Kortex im Zusammenspiel eingebunden sind. Im ersten Schritt, der Enkodierungsphase, findet im Hippocampus eine schnelle Verknüpfung der neokortikalen Repräsentation in lokalen Gedächtnisspuren statt.

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Die Bedeutung von Emotionen für das Gedächtnis

Emotionen spielen eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung. Emotionale Momente werden über das limbische System gefiltert, das aus Hippocampus und Amygdala besteht. Deshalb können wir uns so gut an die erste große Liebe erinnern. Unser Gehirn wählt gezielt aus, was es wirklich behalten möchte.

Eine Studie von 2001 testete, wie der Schlaf sich auf emotionale Erinnerungen auswirkt. Probanden bekamen zutiefst aufwühlende Texte zu lesen, etwa die minutiöse Schilderung eines Kindsmordes. Wieder durften manche Versuchsteilnehmer ab 23 Uhr für drei Stunden schlafen, andere erst in den Morgenstunden. Eine dritte Gruppe musste die gesamte Nacht durchwachen. Letztere konnte sich anderntags kaum erinnern, den Frühschläfern gelang das ein wenig besser. Mit Abstand am besten schnitten die Spätschläfer ab, die also vor allem in den Genuss des Traumschlafes gekommen waren. Sie wussten noch viele Details der fürchterlichen Geschichten - sogar noch vier Jahre später. Emotionale Erlebnisse werden im Wesentlichen während der REM-​Phasen konsolidiert und ins Gedächtnis übertragen.

Die Rolle des Schlafs bei der Verarbeitung von Träumen

Noch rätselhafter als der Schlaf an sich ist die fantastische Welt der Träume, denen der Mensch nicht erst seit Freud einen tieferen Sinn zugeschrieben hat. Eine mögliche Erklärung ist, dass das Träumen eine Art virtuelle Realität darstellt, eine sichere Simulation, in der wir neue und gefährliche Situationen ausprobieren und entsprechende Verhaltensweisen eintrainieren können. Eine andere Theorie ist, dass im Traum eine Erinnerung von ihren negativen Emotionen befreit wird und wir hinterher aufwachen und die Erinnerung noch haben, aber losgelöst von negativen Gefühlen. Dafür spricht, dass im Traum das Emotionszentrum des Gehirns hochaktiv ist.

Ob Träume eine Funktion haben, ist bisher ungeklärt. Manche gehen davon aus, dass sie tatsächlich nur Abbilder sind, die durch die Gedächtnisbildung entstehen. Andere sehen es philosophischer und beschreiben Träume als unerfüllte Wünsche oder das Tor zu den tiefsten Geheimnissen.

Die Manipulation von Erinnerungen durch Schlafentzug

Schlafmangel kann dazu führen, dass Erinnerungen ungenau und falsch werden. Aber auch Lebensereignisse können unsere Erinnerungen im Nachhinein anders einfärben: Sahen wir zuvor das erste Rendezvous mit einem Partner in rosigem Licht, ruft es eher negative Gefühle hervor, wenn wir gerade eine hässliche Trennung mit diesem Partner hinter uns haben. In diesem Fall bleibt die Erinnerung an das Ereignis intakt, aber die damit verknüpften Emotionen ändern sich.

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Die neuronale Umbewertung von Erinnerungen

Eine angsteinflößende Erfahrung stärkt demnach die Verschaltung zwischen der sachlichen Erinnerung im Hippocampus und den Angst-kodierenden Zellen in der Amygdala. Diese Plastizität der Verbindung zwischen Hippocampus und Amygdala spielt eine entscheidende Rolle für die emotionale Umbewertung unserer Erinnerungen. Diese veränderliche Verknüpfung erklärt, warum beispielsweise Menschen mit Phobien durch Verhaltenstherapie lernen können, diese zu überwinden.

Die Bedeutung von Offline-Modi für die Gedächtniskonsolidierung

Wenn keine Interaktion mit der äußeren Welt stattfindet, spiegeln die Aktivitätszustände des Gehirns verschiedene mentale Funktionen wider. Dazu gehört die Gedächtniskonsolidierung. Nach einer vorherrschenden Theorie des Gedächtnisses werden neue Erfahrungen kurzzeitig im Hippocampus gespeichert und anschließend - während Ruhezeiten - reaktiviert.

Der Begriff Offline-Modus bezeichnet Zustände, in denen das Individuum nicht aktiv mit der Außenwelt interagiert. Offline-Modi treten im ruhigen Wachzustand, während des Schlafes oder unter Narkose auf. Sie alle sind durch Aktivität innerhalb eines bestimmten Netzwerks von eng miteinander verknüpften Hirnregionen gekennzeichnet.

Eine faszinierende Funktion des Offline-Modus ist die Speicherung neuer Erfahrungen. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es breite Unterstützung für die Ansicht, dass frische Erinnerungen sehr Interferenz-anfällig sind und daher Zeit brauchen, um sich zu stabilisieren. Der Hippocampus gilt als das Beispiel schlechthin für einen solchen Mikroschaltkreis-Verband: Er speichert frische Erinnerungen und kann sie reaktivieren, um die kortikale Plastizität zu fördern. Perioden der Ruhe oder des Schlafes begünstigen dabei die Gedächtnisstabilisierung.

Neuronales Replay und Gedächtnisstärkung

Der Stärkung des Gedächtnisses im Schlaf soll ein intern generierter Zustand des Gehirns, das neuronale Replay, zu Grunde liegen. Kurz gesagt, Informationen aus der externen Welt aktivieren spezifische Neuronen, die für diese Art Information empfänglich sind. Diese neuronale Aktivierung geschieht in einer bestimmten Reihenfolge. Überraschenderweise wird nun im Offline-Modus, etwa bei ruhiger Wachsamkeit oder im Schlaf, dieselbe Abfolge an neuronaler Aktivität wiederholt, quasi erneut abgespielt.

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Es wurde gezeigt, dass Episoden neuronaler Wiederholung vorzugsweise im Hippocampus während enger Zeitfenster mit wenigstens zwei charakteristischen Signal-Dynamiken vorkommen: (a) große Abweichungen im lokalen Feldpotenzial und (b) damit verbundene schnelle Schwingungen, die Ripples genannt werden und das synchrone Feuern von 50.000-100.000 interagierenden Projektionsneuronen und Interneuronen widerspiegeln.

Die Anwendung multimodaler Methoden zur Erforschung kognitiver Prozesse

Fähigkeiten wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis sind Eigenschaften, die aus einem komplexen System wie dem Gehirn hervorgehen und sich am besten mit multimodalen Ansätzen erforschen lassen. Eine neue multimodale Methodik, das sogenannte neural event-triggered functional magnetic resonance imaging (NET-fMRI oder NET-fMRT), ermöglicht Einblicke in die umfassende Netzwerktätigkeit des Gehirns. Bei dieser Methode werden vom Gehirn selbst erzeugte Signale mittels intrakranieller Multikontakt-Elektroden erfasst, welche vor allem während des Non-REM-Schlafs und der Ruhephasen auftreten. Diese Signale werden dann als Trigger genutzt, um bei der Datenanalyse Änderungen anderer Signale, wie jene, welche mithilfe der fMRT gemessen werden, zu entdecken oder vorherzusagen.

Was denkt das Gehirn im Schlaf?

Forschende der Universität Genf konnten erstmals belegen, dass im Schlaf ein Dialog zwischen verschiedenen Hirnregionen stattfindet. Und: Informationen, die mit einer Belohnung assoziiert werden, werden vom Gehirn bevorzugt im Langzeitgedächtnis abgespeichert.

Die Forschenden ließen Freiwillige zwei verschiedene Videospiele spielen. Gleichzeitig machten sie ein MRI (Kernspintomographie-Aufnahme). Das eine war ein Gesichtserkennung-Spiel, beim anderen Spiel musste man den Ausgang aus einem 3D-Labyrinth finden. Mit den beiden Spielen ließen sich, so die Forschenden, zwei sehr unterschiedliche Hirnregionen aktivieren - was man auf dem MRI-Bild gut sehen konnte.

In Phase zwei der Untersuchung schliefen die Probandinnen und Probanden ein bis zwei Stunden in der MRI-Röhre. Also genauso lange, wie ein Schlafzyklus dauert. Während dieser Zeit wurde ihre Hirnaktivität erneut gemessen. Als sie die MRI-Aufzeichnungen der Wachphase mit denen der Schlafphasen verglichen, entdeckten die Forschenden, dass die Muster der Hirnaktivität während Spiel und Tiefschlafphase sehr ähnlich waren. Darüber hinaus konnten sie an ihnen ablesen, dass verlorene und gewonnene Spiele (Gewinn = Belohnung) im Schlaf unterschiedlich verarbeitet wurden.

In Phase drei der Untersuchung, die zwei Tage nach der Spiel- und Schlafphase stattfand, absolvierten die Proband*innen einen Gedächtnistest. Sie sollten versuchen, alle Gesichter aus dem Gesichterkennungs-Spiel wiederzuerkennen und den Startpunkt des Labyrinths aus dem zweiten Spiel zu finden. Es zeigte sich: Je mehr die mit dem Spiel verbundenen Hirnregionen während des Schlafs aktiviert wurden, desto besser waren die Gedächtnisleistungen.

Praktische Tipps für einen besseren Schlaf und ein besseres Gedächtnis

  • Sorgen Sie für ausreichend Schlaf: Die empfohlene Schlafdauer für Erwachsene beträgt 7-8 Stunden pro Nacht.
  • Schaffen Sie eine entspannende Schlafumgebung: Achten Sie auf ein dunkles, ruhiges und kühles Schlafzimmer.
  • Etablieren Sie eine regelmäßige Schlafroutine: Gehen Sie jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett und stehen Sie zur gleichen Zeit auf, auch am Wochenende.
  • Vermeiden Sie Koffein und Alkohol vor dem Schlafengehen: Diese Substanzen können den Schlaf stören.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig: Körperliche Aktivität kann den Schlaf verbessern, sollte aber nicht kurz vor dem Schlafengehen erfolgen.
  • Entspannen Sie sich vor dem Schlafengehen: Nehmen Sie ein warmes Bad, lesen Sie ein Buch oder hören Sie beruhigende Musik.
  • Arbeiten Sie aktiv mit Ihren Träumen: Traumtagebücher können helfen, sich selbst besser zu verstehen und mit negativen Träumen umzugehen.
  • Trainieren Sie Ihr Gehirn täglich: Lernprogramme und Gehirnjogging können helfen, das Gedächtnis fit zu halten.
  • Achten Sie auf eine gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit vielen Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig für die Gesundheit des Gehirns.
  • Vermeiden Sie Stress: Stress kann den Schlaf und das Gedächtnis beeinträchtigen. Suchen Sie nach Möglichkeiten, Stress abzubauen, z.B. durch Yoga, Meditation oder Spaziergänge in der Natur.

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