Die Hirnvenenthrombose, auch Hirnsinusthrombose oder Sinusvenenthrombose genannt, ist eine seltene, aber potenziell gefährliche Erkrankung, die durch ein Blutgerinnsel in den Venen des Gehirns verursacht wird. Diese Venen transportieren das Blut aus dem Gehirn zurück zum Herzen. Ein Verschluss dieser Venen kann zu einem Blutstau im Gehirn führen, was verschiedene Symptome und Komplikationen verursachen kann.
Was ist eine Hirnvenenthrombose?
Bei einer Hirnvenenthrombose kommt es durch ein Blutgerinnsel (Thrombus) zu einem teilweisen oder vollständigen Verschluss einer Vene im Gehirn. Die Hirnvenen durchziehen das gesamte Gehirn wie ein Netz. Sie sammeln das sauerstoffarme Blut aus dem Gewebe und transportieren es ab in Richtung Herz. Wenn eines dieser Gefäße ganz oder teilweise durch ein Gerinnsel verschlossen ist, kann das Blut im entsprechenden Bereich nicht mehr abfließen und staut sich. Oft kommt es gleichzeitig auch an einer anderen Stelle zu einem Blutstau. Eine Hirnvenenthrombose tritt häufig gemeinsam mit einer Sinusthrombose auf, einem gerinnselbedingten Verschluss von einem oder mehreren Hirnblutleitern (Hirnsinus). Die Kombination aus Hirnvenenthrombose und Sinusthrombose bezeichnen Mediziner als Sinusvenenthrombose. Zusammengefasst spricht man von zerebralen Sinus- und Venenthrombosen (CVST).
Mögliche Folgen des gestörten venösen Abflusses
Die Hirnvenenthrombose bzw. Sinusvenenthrombose verhindert den Abfluss von venösem Blut. Das kann schwerwiegende Folgen haben:
- Der Blutstau lässt den Druck im Gehirn ansteigen, wodurch Hirnarterien „zusammengepresst“ werden. Diese versorgen die nachgeschalteten Hirnareale nicht mehr ausreichend mit frischem, sauerstoffreichem Blut. Dann droht ein sogenannter ischämischer Schlaganfall (Schlaganfall durch Minderdurchblutung).
- Außerdem kann durch den Blutstau und den entstehenden Druckanstieg Flüssigkeit aus den Gefäßen in das umliegende Gewebe übertreten. Das zieht eine Hirnschwellung (Hirnödem) nach sich.
- Durch das angestaute Blut kann es auch zu einer Blutung (Stauungsblutung) kommen. Das liegt daran, dass der Blutstau das Blut aus den kleinsten venösen Gefäßen presst.
Ursachen und Risikofaktoren
Man unterscheidet zwei Hauptgruppen von Hirnvenenthrombosen bzw. Sinusvenenthrombosen - je nach der zugrundeliegenden Ursache:
Aseptische (blande) Hirnvenenthrombose
Meistens wird eine Hirnvenenthrombose (Sinusvenenthrombose) nicht durch eine Infektion verursacht. Ärzte bezeichnen sie dann als aseptisch oder bland. In den meisten Fällen spielen bei der Krankheitsentstehung hormonelle Faktoren ursächlich oder begünstigend eine Rolle: So sind oft Frauen betroffen, die hormonelle Verhütungsmittel („Pille“) einnehmen, schwanger oder im Wochenbett sind. Auch diejenigen, die aufgrund von Wechseljahresbeschwerden eine orale Hormonersatztherapie erhalten, erkranken häufiger als Frauen, die sich für eine transdermale Behandlung entscheiden. Besonders riskant ist die Anwendung von oral eingenommenen Hormonpräparaten in Kombination mit Rauchen und/oder Übergewicht. Häufiger tritt eine aseptische Sinus- bzw. Hirnvenenthrombose auch bei angeborener oder erworbener Neigung zur Blutgerinnselbildung (Thrombophilie) auf. Davon betroffen sind zum Beispiel Patientinnen und Patienten mit der Erbkrankheit Faktor-V-Leiden (APC-Resistenz). Manchmal tragen Blut-Erkrankungen (hämatologische Erkrankungen wie Sichelzellanämie und Polycythaemia vera) oder bösartige Gewebsneubildungen (Malignome) zu einer aseptischen Sinus- bzw. Hirnvenenthrombose bei. Außerdem begünstigen Gefäßentzündungen (Vaskulitiden) sowie Autoimmunerkrankungen die Thrombosebildung. So verursachen sie im Gehirn einen venösen Blutstau. Bei etwa einem Viertel der Betroffenen lässt sich kein Grund für eine aseptische Sinus- oder Hirnvenenthrombose finden. Das bezeichnet man als idiopathisch. Ganz selten treten Sinus- beziehungsweise Hirnvenenthrombosen nach einer Corona-Impfung auf.
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Septische Hirnvenenthrombose
Eine septische (infektiöse) Hirnvenenthrombose oder Sinusvenenthrombose wird, wie der Name sagt, durch eine Infektion ausgelöst. Manchmal ist eine lokale Infektion im Kopfbereich die Ursache, zum Beispiel:
- Mittelohrentzündung (Otitis media)
- Mandelentzündung (Tonsillitis)
- Entzündung des Warzenfortsatzes des Schläfenbeins (Mastoiditis)
- Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis)
- Entzündung der Mundschleimhaut (Stomatitis)
- Entzündung und/oder Abszess im Bereich des Kiefers und der Zähne
- Hirnabszess
- Hirnhautentzündung (Meningitis)
Daneben verursachen auch systemische Infektionen, die den ganzen Körper betreffen, eine Hirnvenenthrombose bzw. Sinusvenenthrombose, zum Beispiel:
- „Blutvergiftung“ (Sepsis)
- Herzinnenhautentzündung (Endokarditis)
- Typhus
- Tuberkulose
- Malaria
- Masern
- Infektionsbedingte Leberentzündung (Hepatitis)
- Infektionen mit Herpes-simplex-Viren
- Zytomegalie
- Covid-19
- Aspergillose (Pilzerkrankung)
- Trichinose (Wurmerkrankung)
Hirnvenenthrombose als Impfnebenwirkung
In sehr seltenen Fällen tritt eine Hirnvenenthrombose beziehungsweise Sinusvenenthrombose als Nebenwirkung der Impfung gegen das Coronavirus auf. Entsprechende Meldungen gibt es hauptsächlich zum Impfstoff von AstraZeneca. In manchen Ländern gibt es auch vereinzelte Berichte zu dem Impfstoff von Janssen (Johnson & Johnson). In beiden Fällen handelt es sich um einen sogenannten Vektorimpfstoff. Untersuchungen zufolge entwickelt sich bei einzelnen Betroffenen nach der Verabreichung eines dieser Impfstoffe ein sogenanntes Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS). Das sind Thrombosen in Kombination mit einem Blutplättchenmangel: Der Körper bildet vermehrt spezielle Antikörper, die an den Blutplättchen (Thrombozyten) andocken. Diese werden dadurch aktiviert und verklumpen miteinander. Diese „Klumpen“ können dann die feinen Gefäße verstopfen - zum Beispiel die Hirnvenen. Bei dieser Reaktion handelt es sich um eine sogenannte „Vakzin-induzierte prothrombotische Immunthrombozytopenie“ (VIPIT). Sie heißt in Fachkreisen auch VITT (impfstoffinduzierte immunthrombotische Thrombozytopenie). Der Zusammenhang zwischen den Vektorimpfstoffen und der beschriebenen immuninduzierten thrombotischen Thrombozytopenie ist inzwischen nachgewiesen. Trotzdem handelt es sich hierbei um eine extrem seltene Komplikation der Impfung, die weniger als einmal pro 10.000 Menschen vorkommt, die mit einem Vektor-Impfstoff behandelt wurden. Die Sinusvenenthrombose und die Hirnvenenthrombose konnte man nur als Nebenwirkung von Vektor-Impfstoffen beobachten. Bei den anderen Arten von Impfstoffen (z.B. mRNA-Impfstoffe und proteinbasierte Impfstoffe) ist diese Nebenwirkung nicht beschrieben. Das Risiko einer Sinus-/Hirnvenenthrombose ist bei einer Coronavirus-Erkrankung (COVID-19) höher als nach einer Corona-Impfung.
Risikofaktoren im Überblick
- Hormonelle Faktoren: Einnahme der Pille, Schwangerschaft, Wochenbett, Hormonersatztherapie
- Thrombophilie: Angeborene oder erworbene Neigung zur Blutgerinnselbildung
- Bluterkrankungen: Sichelzellanämie, Polycythaemia vera
- Gefäßentzündungen: Vaskulitiden
- Autoimmunerkrankungen
- Infektionen: Lokal im Kopfbereich oder systemisch
- Corona-Impfung: Sehr selten, insbesondere bei Vektorimpfstoffen
- Rauchen und Übergewicht: In Kombination mit hormonellen Faktoren
Symptome
Die Symptome einer Hirnvenenthrombose können vielfältig sein und variieren je nach Lage und Ausdehnung des Blutgerinnsels. Sie können sich langsam über Tage oder Wochen entwickeln oder plötzlich auftreten. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Kopfschmerzen: Variabler Stärke oder Region (häufigstes Symptom)
- Epileptische Anfälle: Krampfanfälle
- Neurologische Ausfälle: Je nach Ort der Thrombose, z.B. motorische Störungen (wie Halbseitenlähmung oder Schwäche/Lähmung in einer Extremität), Sprachstörung (Aphasie), Sehstörung
- Sehstörung: Stauungspapille (Schwellung der Papille am Augenhintergrund)
- Übelkeit und Erbrechen
- Bewusstseinsstörungen
Diagnose
Bei Verdacht auf eine Hirnvenenthrombose ist eine schnelle Diagnose entscheidend. Folgende Untersuchungsmethoden kommen zum Einsatz:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, um mögliche Ursachen und Risikofaktoren zu identifizieren
- Bildgebung des Gehirns:
- Computertomografie (CT): Mit Kontrastmittel, um Thrombosen im Gehirn sichtbar zu machen
- Magnetresonanztomografie (MRT): Mit Kontrastmittel, um Blutgefäße und mögliche Verschlüsse darzustellen (bevorzugt bei jüngeren Patienten und Schwangeren)
- D-Dimere: Blutwert, der bei Verdacht auf Thrombose bestimmt wird, aber nicht allein zur Diagnose einer Hirnvenenthrombose ausreicht
Therapie
Die Behandlung einer Hirnvenenthrombose zielt darauf ab, das Blutgerinnsel aufzulösen, die Durchblutung des Gehirns wiederherzustellen und Komplikationen zu vermeiden. Die Therapie erfolgt in der Regel auf einer Stroke Unit.
- Medikamentöse Gerinnungshemmung (Antikoagulation):
- Heparin: In der Akutphase, auch bei Hirnblutungen
- Vitamin-K-Antagonisten (z.B. Marcumar®): Für die Langzeitbehandlung
- Neue orale Antikoagulanzien (NOAK): In Einzelfällen
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei septischer Hirnvenenthrombose (Antibiotika, ggf. Operation)
- Weitere Maßnahmen nach Bedarf:
- Medikamente gegen epileptische Anfälle (Antikonvulsiva)
- Hirndrucksenkung: Oberkörper hochlagern, ggf. Operation (Kraniektomie)
- Schmerzmittelgabe: Paracetamol oder Opioide (Acetylsalicylsäure (ASS) ist wegen seiner blutverdünnenden Wirkung nicht geeignet!)
- Lumbalpunktion oder ventrikuloperitonealer Shunt: Bei erhöhtem Druck im Liquorkanal
- Endovaskuläre Therapie: In seltenen Fällen, wenn andere Verfahren erfolglos sind
Prognose
Die Hirnvenenthrombose ist eine gefährliche und potenziell tödliche Erkrankung. Dennoch ist die Prognose bei richtiger Behandlung in den meisten Fällen gut. Viele Patienten erholen sich vollständig oder nahezu vollständig. In einigen Fällen können jedoch Spätfolgen wie neurologische Ausfälle bestehen bleiben.
Vorbeugung
Eine aktive Prävention der Hirnvenenthrombose ist nicht immer möglich. Dennoch können folgende Maßnahmen helfen, das Risiko zu senken:
- Vermeidung von Risikofaktoren: Rauchen, Übergewicht, fettreiche Ernährung, Bewegungsmangel
- Konsequenter Rauchstopp
- Vorsicht mit Hormonen: Absetzen hormonhaltiger Verhütungsmittel bei erhöhtem Risiko
- Regelmäßige körperliche Bewegung
- Gesunde Ernährung
- Regelmäßige Gerinnungstests: Bei Einnahme von Blutgerinnungshemmern
- Ausweis bereithalten: Bei Einnahme von Blutgerinnungshemmern
- Vorsicht mit Essen und Trinken: Alkohol, Ingwer und Goji-Beeren können die Wirkung von Blutgerinnungshemmern beeinflussen
- Bei Kinderwunsch umsteigen: Phenprocoumon kann während der Schwangerschaft zu Fehlbildungen führen
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