Die Hormontherapie (HT), insbesondere in den Wechseljahren, ist ein viel diskutiertes Thema, wenn es um ihre Auswirkungen auf das Gehirn geht. Studien und persönliche Erfahrungen zeigen, dass die hormonellen Veränderungen in dieser Lebensphase eine Reihe von kognitiven und emotionalen Veränderungen auslösen können. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Hormontherapie und Gehirnfunktion, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und Expertenmeinungen.
Einführung
Die Wechseljahre, ein natürlicher Übergang im Leben einer Frau, sind durch das Ende der Menstruation und einen signifikanten Rückgang der Östrogenproduktion gekennzeichnet. Diese hormonellen Veränderungen können eine Vielzahl von Symptomen auslösen, darunter Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und kognitive Beeinträchtigungen. Die Forschung hat gezeigt, dass diese Symptome mit Veränderungen im Gehirn zusammenhängen können, wie z. B. einem schrumpfenden Gehirnvolumen und einer verminderten Durchblutung.
Kognitive Veränderungen in den Wechseljahren
Viele Frauen berichten während der Wechseljahre über kognitive Probleme wie Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und einen allgemeinen "Gehirnnebel". Susan Shaw, eine Gynäkologin, beschreibt, wie sie selbst nach ihrem 50. Geburtstag ähnliche Symptome erlebte. Sie vergaß häufig, wo sie ihr Auto geparkt hatte oder wen sie anrufen musste, und fühlte sich bei der Arbeit leichter ablenken.
Forscher bestätigen zunehmend, dass diese kognitiven Beschwerden mit tatsächlichen Veränderungen im Gehirn zusammenhängen könnten. Angélica Rodríguez, Doktorandin an der Ponce Health Sciences University, betont, dass es sich bei den Wechseljahren nicht nur um einen hormonellen Prozess handelt, sondern auch um einen Umbruch im Gehirn, der strukturelle Veränderungen mit sich bringt.
Studien zu Gehirnveränderungen
Rodriguez untersuchte in ihrer Übersichtsarbeit fünf wichtige Studien, die zwischen 2020 und 2024 veröffentlicht wurden. Eine dieser Studien, die in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschien, analysierte die Gehirne von mehr als 150 Frauen. Die Untersuchung ergab, dass das Volumen der Großhirnrinde - der Bereich, der für Gedächtnis, Informationsverarbeitung und andere kognitive Funktionen zuständig ist - sowie die weiße Substanz, die die Neuronen verbindet, während der Perimenopause tatsächlich abnehmen. Auch die Durchblutung des Gehirns geht zurück.
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Eine weitere Studie hob hervor, dass sich im Laufe der Wechseljahre die Dichte der Östrogenrezeptoren im Gehirn erhöht. Es wurde auch festgestellt, dass das Alter zum Zeitpunkt der Menopause eine Rolle spielen kann, wobei Frauen, deren Menstruation vor dem 47. Lebensjahr endet, eine höhere Wahrscheinlichkeit für kleinere Schäden an den kleinen Blutgefäßen in der weißen Substanz aufweisen.
Hormonelle Veränderungen vs. Alterung
Eine zentrale Frage für Forscher ist, ob die beobachteten Veränderungen im Gehirn in den Wechseljahren auf die hormonellen Umstellungen oder allein auf das Altern zurückzuführen sind. Es ist bekannt, dass das Gehirnvolumen bei allen Menschen nach dem 35. Lebensjahr abnimmt, wobei sich dieser Prozess nach dem 60. Lebensjahr beschleunigt. Einige Studien deuten jedoch darauf hin, dass das Alter nicht der entscheidende Faktor für die festgestellten Veränderungen ist.
Hormontherapie: Eine mögliche Lösung?
Angesichts der kognitiven und emotionalen Herausforderungen, die mit den Wechseljahren einhergehen können, suchen viele Frauen nach Möglichkeiten, diese Symptome zu lindern. Die Hormontherapie, bei der Östrogen und/oder Progesteron ersetzt werden, ist eine gängige Behandlungsmethode.
Die Rolle von Östrogen
Östrogen spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit des Gehirns. Es beeinflusst die Gedächtnisleistung, die Stimmung und andere kognitive Funktionen. In den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel drastisch, was zu den oben genannten Symptomen führen kann.
Kontroverse um die Hormontherapie
Die Hormontherapie ist jedoch umstritten. Einige Studien deuten darauf hin, dass sie das Demenzrisiko erhöhen kann, insbesondere bei langfristiger Anwendung oder bei Beginn nach dem 60. Lebensjahr. Andere Studien zeigen, dass eine frühzeitige Hormontherapie, insbesondere mit Östrogen allein, das Demenzrisiko sogar verringern kann.
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Aktuelle Forschungsergebnisse
Eine Studie, die in der Fachzeitschrift "eLife" veröffentlicht wurde, deutet darauf hin, dass eine Hormontherapie in den Wechseljahren moderate Auswirkungen auf die Gesundheit des Gehirns haben könnte. Die Forscher analysierten Daten von rund 20.000 Frauen und fanden heraus, dass Frauen, die derzeit eine Hormontherapie einnahmen, im Durchschnitt höhere Alterslücken in der grauen und weißen Substanz des Gehirns aufwiesen, was darauf hindeutet, dass ihr Gehirnalter älter war als ihr tatsächliches chronologisches Alter.
Es gab jedoch auch Unterschiede je nach Alter bei der letzten Einnahme von MHT und ob die Frauen eine operative Entfernung der Gebärmutter und/oder beider Eierstöcke hatten. Die Autoren betonten die Notwendigkeit eines personalisierten Ansatzes für die Einnahme von MHT.
Expertenmeinungen
Pauline Maki von der University of Illinois in Chicago erklärt, dass keine randomisierte klinische Studie die Hormontherapie hinsichtlich der kognitiven Fähigkeiten von Frauen mit Hitzewallungen untersucht hat. Sie sollte daher für diesen Zweck nicht verschrieben werden. Allerdings könnten Ärzte, die den Hormonersatz gegen andere Beschwerden verschreiben, feststellen, dass ihre Patientinnen auch kognitive Vorteile davon haben.
Emily Jacobs, Neurowissenschaftlerin an der University of California, betont, dass Vergesslichkeit und andere kognitive Symptome bei den meisten Frauen nicht mit einem erhöhten Demenzrisiko zusammenhängen.
Weitere Faktoren, die die Gehirnfunktion beeinflussen
Neben den hormonellen Veränderungen und der Hormontherapie gibt es noch weitere Faktoren, die die Gehirnfunktion in den Wechseljahren beeinflussen können.
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Lebensstil
Ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Schlaf kann dazu beitragen, die kognitive Funktion zu verbessern. Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und kann das Wachstum neuer Nervenzellen anregen. Eine ausgewogene Ernährung liefert die notwendigen Nährstoffe für eine optimale Gehirnfunktion.
Psychische Gesundheit
Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angstzustände können die kognitive Funktion beeinträchtigen. Es ist wichtig, diese Erkrankungen zu behandeln, um die Gehirnfunktion zu verbessern.
Genetische Faktoren
Genetische Faktoren können ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung von Demenz spielen. Frauen mit einer Familiengeschichte von Demenz haben ein höheres Risiko, selbst an der Krankheit zu erkranken.
Neuropsychiatrische Aspekte und Geschlechterunterschiede
Unser psychisches Wohlbefinden ist eng mit dem hormonellen Profil verknüpft. Frauen erkranken zum Beispiel doppelt so häufig an Depressionen wie Männer, was darauf hindeutet, dass Sexualhormonen eine Schlüsselrolle bei der Entstehung der Depression zukommt. Zahlreiche neuropsychiatrische Erkrankungsbilder sind auffallend unterschiedlich zwischen den Geschlechtern verteilt.
Hormonelle Übergänge und Stimmungsschwankungen
In der fruchtbaren Lebensphase durchlebt das weibliche Gehirn zahlreiche hormonelle Übergänge, die mit einer erhöhten Anfälligkeit für Gemütsschwankungen einhergehen: die Pubertät, eventuelle Schwangerschaften und Wochenbettzeiten sowie den Wechsel zur Menopause als Endpunkt des „reproduktiven Alters“. Diese hormonellen Übergangsphasen gehen mit deutlichen Östrogenveränderungen einher.
Serotonin und Depression
Forscher haben parallel zum Abfall des Östrogenspiegels einen Anstieg von Monoaminoxidase-A festgestellt, einem Enzym, das Monoamin-Neurotransmitter - in erster Linie das „Glückshormon“ Serotonin - abbaut. Bei der Depression geht man von einem Ungleichgewicht im Serotoninhaushalt aus. Zur Behandlung dieses Ungleichgewichts werden Antidepressiva eingesetzt, die den Serotonintransporter blockieren und damit zu einem längeren Verbleib des Botenstoffs Serotonin zwischen den Nervenzellen führen.
Menstruationszyklus und prämenstruelle Dysphorie
Auch während der Schwankungen der Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron im Verlauf des Menstruationszyklus erleben viele geschlechtsreife Frauen kurzzeitig Symptome wie Affektlabilität, Stimmungsschwankungen und Antriebslosigkeit. Eine kleinere Gruppe von Frauen berichtet schwerwiegende depressive Symptome, die als prämenstruelle Dysphorie (PMDD) bezeichnet werden.
Forschung zu neuronalen Mechanismen
Die Minerva-Forschungsgruppe „EGG (Emotion & neuroimaGinG)-Labor“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften untersucht, inwieweit die Einmalgabe des SSRIs Escitalopram die Netzwerk-Kommunikation im Gehirn beeinflusst. Mittels funktioneller Ruhe-Magnet-Resonanz-Tomographie (Ruhe-fMRT) konnte erstmals ein beträchtlicher Abfall der funktionellen Netzwerkkonnektivität in den meisten kortikalen und subkortikalen Hirnregionen bereits drei Stunden nach der Einnahme von Escitalopram beschrieben werden.
Aktuelle Forschungsprojekte
Das europäische Forschungsnetzwerk MenoBrain, koordiniert vom Universitätsklinikum Jena, zielt darauf ab, die Wissenslücke über die Auswirkungen der Wechseljahre auf die Gehirngesundheit zu schließen. An 18 wissenschaftlichen Institutionen untersuchen Doktoranden den Zusammenhang der Gehirngesundheit mit der Menopause, wie sich die Hormontherapie auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt, identifizieren Biomarker zur Früherkennung kognitiver Beeinträchtigungen und entwickeln neue Therapieansätze.
Ein weiteres Forschungsprojekt untersucht den Einfluss von Östradiol auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Frauen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren. Die Studienteilnehmerinnen nehmen an Laborterminen und MRT-Untersuchungen teil, bei denen sie ein Studienmedikament zur Erhöhung des Östradiol-Levels einnehmen und während der MRT-Aufnahme eine mathematische Aufgabe durchführen.
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