Die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV) ist ein wichtiges Thema, das sowohl in der Fachwelt als auch in den Medien kontrovers diskutiert wird. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfung, insbesondere im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen wie Lähmungen. Dieser Artikel beleuchtet das Thema umfassend und geht dabei auf aktuelle Empfehlungen, Studienergebnisse und gemeldete Verdachtsfälle ein.
Was ist die HPV-Impfung und warum wird sie empfohlen?
Humane Papillomviren (HPV) sind weit verbreitet und können verschiedene Erkrankungen verursachen, darunter Genitalwarzen, Krebsvorstufen und Krebserkrankungen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die HPV-Impfung seit 2007 für Mädchen und seit 2018 auch für Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren, um vor einer möglichen Infektion mit HPV zu schützen. Die Impfung soll idealerweise vor dem ersten sexuellen Kontakt erfolgen, da das Immunsystem in jüngerem Alter besser auf die Impfung reagiert. Die HPV-Impfung kann in Praxen verschiedener Fachrichtungen durchgeführt werden.
Jährlich gibt es in Deutschland etwa 9.150 Krebserkrankungen bei Männern und Frauen, die durch HPV ausgelöst werden. Zudem erkranken jedes Jahr etwa 120.000 Menschen an Genitalwarzen. Die HPV-Impfung soll vor allem vor Gebärmutterhalskrebs schützen, der fast ausschließlich durch HPV verursacht wird. Die Typen 16 und 18 sind für etwa 80 Prozent aller HPV-Infektionen verantwortlich, die zu Gebärmutterhalskrebs führen. Auch im Analbereich und im Mund-Rachen-Raum werden die meisten HPV-bedingten Karzinome durch diese beiden Typen verursacht.
Wie wirkt die HPV-Impfung?
Gardasil® ist ein Impfstoff, der virusähnliche Partikel (VLP) der onkogenen HPV-Subtypen 16 und 18 sowie der Subtypen 6 und 11 enthält. Diese Subtypen sind für etwa 90 % der Genitalwarzen verantwortlich. Durch die Impfung mit Gardasil® soll die Möglichkeit einer späteren Erkrankung mit Gebärmutterhalskrebs reduziert werden.
Sicherheitsprofil der HPV-Impfstoffe
Die HPV-Impfstoffe, die derzeit auf dem Markt sind, gelten in der Regel als gut verträglich. Das Sicherheitsprofil der HPV-Impfstoffe wird laufend von nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden überwacht. In den Tagen nach der HPV-Impfung können Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen an der Einstichstelle auftreten. Manchmal kann es auch zu einer Temperaturerhöhung, Übelkeit, Kopfschmerzen oder Abgeschlagenheit kommen. Diese Nebenwirkungen sind für eine Impfung ganz normal. Vermehrt wurden Kreislaufreaktionen wie Schwindel oder „Schwarz werden vor den Augen“ beschrieben. Da kurzfristige Kreislaufreaktionen auch bei anderen Impfungen bei Jugendlichen beobachtet werden, sollte die Impfung nicht im Stehen durchgeführt werden.
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Meldungen über mögliche Komplikationen und Lähmungsrisiko
Zwischen Mai 2007 und September 2008 wurden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) 158 Verdachtsfälle von Impfkomplikationen im Zusammenhang mit Gardasil® berichtet. Von den berichteten Reaktionen wurden 45 (28,5 %) als schwerwiegend eingestuft. In den UAW-Berichten zu Gardasil® werden zentrale und periphere neurologische Symptome häufiger als Symptome aus anderen Organbereichen genannt. Die am häufigsten geschilderten Einzelsymptome sind Kopfschmerz (33) und Schwindelgefühl (30). Häufig berichtete Allgemeinsymptome sind Schwäche (14), Ermüdung (13) und Fieber (13), aber auch Kreislaufsymptome wie Synkope (7) oder Kreislaufkollaps (12).
Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hatte seit Zulassung der HPV-Vakzine Gardasil® im Juni 2006 bereits 1637 Berichte über mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) erhalten. Die meisten UAW waren harmlose Reaktionen wie Jucken oder Rötungen an der Injektionsstelle. Bei 371 Personen traten jedoch schwere Ereignisse auf wie Fazialis-Lähmungen, Guillain-Barré-Syndrom und Krampfanfälle. Drei Mädchen starben in zeitlichem Zusammenhang mit einer HPV-Impfung. Ob ein kausaler Zusammenhang besteht, ist unklar.
Fallbeispiele und Studien zu neurologischen Komplikationen
Die AkdÄ wurde der Fall einer 18-jährigen Frau gemeldet, die acht Wochen nach der zweiten Injektion von Gardasil® zunächst ein Schweregefühl in den beiden Extremitäten verspürt hatte. Am nächsten Tag konnte sie den Arm nicht mehr anheben, das Greifen war erschwert, und es bestand ein fleckförmiges Taubheitsgefühl im Bereich des rechten Unterarms, der Hand und der Schulter. Bei der neurologischen Untersuchung zeigte sich eine proximal betonte Parese des rechten Arms sowie ein Absinken des rechten Beins im Halteversuch. Es wurde die Diagnose einer vorwiegend rechtsseitigen Neuritis des Plexus cervicobrachialis gestellt und eine Behandlung mit Prednisolon begonnen. Die neurologischen Symptome waren im weiteren Verlauf deutlich rückläufig. Zusammenfassend wird der Kausalzusammenhang zwischen der Impfung mit Gardasil® und der Armplexusneuritis bei dem an die AkdÄ gemeldeten Fall als "möglich" eingestuft.
Sutton et al. berichteten über fünf Fälle entzündlicher Erkrankungen des ZNS, die innerhalb von 28 Tagen nach Impfung mit Gardasil® aufgetreten sind. Die Patientinnen waren zwischen 16 und 26 Jahre alt, und die Symptome traten ein bis 21 Tage nach der zweiten oder dritten Impfdosis auf. Drei Patientinnen hatten bereits zuvor erstmals klinische Symptome einer demyelinisierenden Erkrankung im Sinne eines sogenannten klinisch-isolierten Syndroms (KIS), sodass bei der jetzigen neuerlichen Symptomatik eine multiple Sklerose (MS) diagnostiziert wurde. Die beiden anderen Patientinnen zeigten nach Impfung erstmalig neurologische Symptome, eine hat inzwischen eine MS entwickelt.
In der deutschen Datenbank zu Verdachtsfällen von Impfkomplikationen und Impfnebenwirkungen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) sind zehn Fälle von MS im zeitlichen Zusammenhang mit einer HPV-Impfung erfasst, davon neun nach Gardasil® und einer nach Cervarix® (Stand Mai 2009). In fünf Fällen wurde der Kausalzusammenhang als "unwahrscheinlich" eingestuft, viermal als "nicht beurteilbar" und in einem Fall werden noch zusätzliche Informationen erwartet.
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Bewertung des Kausalzusammenhangs
Durch die Impfung einer großen Bevölkerungsgruppe innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums kommt es zwangsläufig zum Auftreten von Erkrankungen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung, ohne dass ein kausaler Zusammenhang bestehen muss. Auch wenn kein Pathomechanismus für eine Reaktion bekannt ist, reicht ein plausibler zeitlicher Zusammenhang zwischen Impfung und Reaktion definitionsgemäß aus, um eine Kausalität als "möglich" einzustufen. Für eine Bewertung des Kausalzusammenhangs als "wahrscheinlich" oder "gesichert" sind Informationen erforderlich, die bei Spontanmeldungen nicht immer vorliegen. Andererseits soll das Spontanmeldesystem den Zusammenhang zwischen Impfungen oder Arzneimitteln mit medizinischen Ereignissen nicht abschließend belegen, sondern lediglich Hinweise auf mögliche Zusammenhänge (Signale) geben, die durch Studien geprüft werden müssen.
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