Migräne nach Sturz: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Ein Sturz oder Schlag auf den Kopf kann neben Schwindel und Sehstörungen auch heftige Kopfschmerzen verursachen. Diese können ein Anzeichen für ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) sein. Jedes Jahr erleiden in Deutschland mehr als 400.000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma, dessen Schweregrad von einer leichten Gehirnerschütterung bis hin zu Frakturen des Schädelknochens reichen kann. Kopfschmerzen sind das häufigste Symptom eines SHT, und bei bis zu einem Drittel der Betroffenen werden diese chronisch und bleiben über Monate oder sogar Jahre nach dem Unfall bestehen.

Was ist ein Schädel-Hirn-Trauma?

Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT), auch Hirntrauma genannt, ist eine Verletzung des Schädelknochens und/oder des Gehirns, die infolge einer äußeren Gewalteinwirkung entsteht und zu einer Funktionsstörung des Gehirns führen kann. Mediziner unterscheiden zwischen einem offenen und einem geschlossenen Schädel-Hirn-Trauma. Bei einem offenen SHT ist zusätzlich zum Schädelknochen auch die äußere Hirnhaut (Bindegewebsschicht) verletzt, wodurch das Schädelinnere mit der Außenwelt in Kontakt tritt und das Risiko von Infektionen steigt. Bei einem geschlossenen SHT hingegen ist nur der Schädelknochen betroffen, während die Hirnhaut unverletzt bleibt.

Der Schweregrad eines SHT wird anhand der Glasgow-Coma-Skala (GCS) ermittelt, die neurologische Tests wie Augenöffnen, Reaktion und Schmerzempfinden berücksichtigt. Die GCS reicht von 3 bis 15 Punkten, wobei ein niedrigerer Wert einen höheren Schweregrad anzeigt. Ein leichtes SHT (Gehirnerschütterung) geht oft mit kurzzeitiger Bewusstlosigkeit (weniger als fünf Minuten) und Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit einher. Ein mittelschweres SHT (Gehirnprellung) kann mit einer Bewusstlosigkeit von bis zu 30 Minuten verbunden sein, während ein schweres SHT zu einer Bewusstlosigkeit von mehr als 30 Minuten und möglichen Spätfolgen wie Gedächtnisstörungen, Bewegungseinschränkungen oder Persönlichkeitsveränderungen führen kann.

Ursachen von Kopfschmerzen nach einem SHT

Akute Kopfschmerzen nach einem Schädel-Hirn-Trauma werden oft als normales und vorübergehendes Phänomen betrachtet. Eine gezielte Behandlung setzt häufig erst nach einigen Wochen ein, wenn die Schmerzen nicht von selbst verschwinden. PD Dr. med. Torsten Kraya, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum St. Georg in Leipzig, betont jedoch, dass dieses Problem unterschätzt wird.

Die Ursachen für Kopfschmerzen nach einem SHT sind vielfältig. Bei einem leichten SHT gibt es oft keine sichtbaren Verletzungen des Gewebes wie Blutungen oder Frakturen. Dennoch kann die Erschütterung, der das Gehirn ausgesetzt ist, weitreichende Folgen haben. Neuere Forschungen zeigen, dass sich unter der mechanischen Belastung die Durchlässigkeit der Nervenzellmembranen schlagartig verändert, was eine Kaskade von Veränderungen bei Ionenströmen, Signalstoffen, neuronaler Aktivität, dem Zellstoffwechsel und regionalen Blutflüssen im Gehirn nach sich zieht. Auch die Freisetzung entzündungsfördernder Substanzen scheint eine Rolle bei der Schmerzentstehung zu spielen.

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Diese akuten Veränderungen normalisieren sich in der Regel innerhalb einiger Tage oder Wochen wieder. Warum bei manchen Menschen die Schmerzen dennoch bestehen bleiben und chronisch werden, ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich spielen hier dauerhafte Veränderungen der Schmerzwahrnehmung, der körpereigenen schmerzhemmenden Systeme und eine Dysbalance des autonomen Nervensystems eine Rolle. Letztere könnte auch weitere Symptome eines Schädel-Hirn-Traumas wie Schlafstörungen, Depressionen oder Angststörungen erklären.

Risikofaktoren für die Chronifizierung von Kopfschmerzen nach einem SHT sind:

  • Junges Alter
  • Weibliches Geschlecht
  • Vorhandensein von Kopfschmerzen oder Migräne vor dem Trauma
  • Depressionen und Angststörungen in der Vorgeschichte

Symptome von Kopfschmerzen nach einem SHT

Die Symptome eines Schädel-Hirn-Traumas können sich von Person zu Person unterscheiden. Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom, das leicht bis stark und oft anhaltend sein kann. Weitere häufige Symptome sind:

  • Schwindelgefühl
  • Benommenheit
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Bewusstseinsstörungen (Verwirrung, Orientierungslosigkeit, Bewusstlosigkeit)
  • Sprach- und Sehstörungen
  • Krampfanfälle
  • Lähmungen oder motorische Störungen

Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome nicht immer sofort nach dem Unfall oder Sturz auftreten, sondern erst einige Stunden oder sogar Tage später. Bei der Entwicklung eines Blutergusses infolge des SHT können die Symptome auch noch Wochen oder Monate später auftreten.

Diagnose von Kopfschmerzen nach einem SHT

Die Diagnose eines Schädel-Hirn-Traumas umfasst in der Regel eine gründliche Anamnese, bei der der Arzt Fragen zu Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und dem Unfallhergang stellt. Können sich die Betroffenen an den Unfallhergang erinnern und besteht keine Gedächtnislücke, ist dies ein gutes Zeichen und spricht meist für eine Gehirnerschütterung. Bei einem schweren SHT ist es den Betroffenen oft nicht möglich, sich an den Unfallhergang zu erinnern.

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Im Krankenhaus erfolgen weitere Untersuchungen, um neurologische Ausfallerscheinungen festzustellen. Dazu gehören körperliche Untersuchungen zur Sensibilität, Koordination, Hirnnervenfunktion und Muskeleigenreflexe. Auch Laboruntersuchungen wie Blutbild, Blutzucker, Blutgase, Blutalkoholspiegel, Blutgerinnung sowie Leber- und Nierenwerte können durchgeführt werden.

Zur sicheren Diagnostik eines SHT kommen auch bildgebende Verfahren zum Einsatz. Mit einer Computertomografie (CT) kann der Arzt Verletzungen im Gehirn, Blutungen, die den Hirndruck erhöhen können, und die Notwendigkeit einer Operation erkennen. Eine Magnetresonanztomografie (MRT) kann detaillierte Bilder des Gehirns liefern und Hirnverletzungen, Schädelfrakturen, Hämatome und Nervenverletzungen darstellen. Bei einem leichten SHT gehört ein CT jedoch nicht zur ersten Wahl. Ob diese Untersuchung eingesetzt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie dem Alter des Patienten, der Einnahme blutverdünnender Medikamente und der Klarheit des Unfallhergangs. Mithilfe einer Röntgenuntersuchung lassen sich Knochenbrüche am Schädel oder der Halswirbelsäule nachweisen.

Behandlung von Kopfschmerzen nach einem SHT

Die Behandlung eines Schädel-Hirn-Traumas hängt stark vom Schweregrad der Verletzung ab. Bei einem leichten SHT genügt es oft, wenn sich der Patient einige Tage schont. Bei einem schweren Trauma steht zunächst die Stabilisierung des Patienten im Vordergrund. Danach folgen gezielte medizinische Maßnahmen.

Bei Gehirnblutungen oder Schädelbrüchen kann eine Operation notwendig sein. Kommt es verzögert zu inneren Blutungen, etwa zwischen harter Hirnhaut und Schädelknochen, muss das Gehirn schnell entlastet werden - meist durch einen neurochirurgischen Eingriff. Auch Drainagen können eingesetzt werden, um Blut abzuleiten. Schwillt das Gehirn an, senken Ärzte den Sauerstoffverbrauch durch künstliche Beatmung in Narkose. Bei starker Schwellung wird unter Umständen ein Teil der Schädeldecke entfernt, um dem Gehirn mehr Raum zu geben.

Ein posttraumatischer Kopfschmerz vom Migräne-Typ wird oft mit Triptanen behandelt, Spannungskopfschmerzen eher mit Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen. Oft gibt es auch Mischformen. Neben der Wahl der Medikamente scheint jedoch auch der Zeitpunkt der Behandlung entscheidend zu sein. „Wenn der Schmerz sich erst einmal verselbständigt hat, ist ihm nur noch schwer beizukommen“, sagt Kraya. Daher gehe die Tendenz heute dahin, möglichst früh medikamentös gegenzusteuern - besonders bei Patienten, die Risikofaktoren für eine Chronifizierung des Schmerzes aufweisen.

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Um den Übergebrauch von Schmerzmitteln zu reduzieren, sollten auch nichtmedikamentöse Möglichkeiten ausgeschöpft werden, wie Sport und Entspannungsverfahren (z. B. autogenes Training). Auch psychosoziale Belastungen wie Stress am Arbeitsplatz oder familiäre Probleme sollten berücksichtigt werden, da an der Entstehung und Aufrechterhaltung von chronischen Schmerzen neben biologischen Ursachen auch psychische und soziale Komponenten beteiligt sind.

Rehabilitation nach einem SHT

Für schwer erkrankte Personen steht häufig noch während des Krankenhausaufenthalts die sogenannte Frührehabilitation an. Sie umfasst besonders bei neurologischen Symptomen eine Kombination aus Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen so gut wie möglich wiederherzustellen. Noch vor der Entlassung besprechen die behandelnden Ärzte die weiteren Rehamaßnahmen mit dem Patienten. Je nach Schweregrad erfolgen sie ambulant, stationär oder mobil.

Die Kliniken für neurologische Reha der St. Augustinus Gruppe sind auf die Behandlung von neurologischen Symptomen infolge eines Schädel-Hirn-Traumas spezialisiert. Für einen ganzheitlichen Ansatz stehen unterschiedliche Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, wie Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Die Therapieplanung erfolgt individuell und richtet sich an die persönlichen Bedürfnisse und Fortschritte des Patienten.

Langzeitfolgen und Prognose

Die Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas hängen überwiegend vom Schweregrad der Verletzung ab. Patienten mit einem leichten Schädeltrauma können bereits nach wenigen Wochen problemlos ihrem gewohnten Alltag nachgehen, da sie in der Regel zu diesem Zeitpunkt wieder komplett beschwerdefrei sind. Eine Prognose für ein schweres Schädel-Hirn-Trauma lässt sich nur schwer stellen, da der weitere Verlauf von unterschiedlichen Faktoren abhängt, wie Lebensalter, Verletzung des Hirngewebes sowie Größe und Lage. Ärzte können häufig erst nach Abschluss der rehabilitationsmedizinischen Maßnahmen eine erste Prognose stellen.

Bei einigen Betroffenen kommt es zu Langzeitfolgen wie Sprachstörungen, Problemen mit der Feinmotorik oder psychischen Veränderungen. Studien haben gezeigt, dass Patienten nach einem SHT ein erhöhtes Risiko für Kopfschmerzen, Epilepsie, kognitive Defizite, endokrine Störungen, Demenz, Immobilität, Depressionen, Schlafstörungen sowie Sprach- und Sehbehinderungen haben.

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