Unser Gehirn, ein komplexes und dynamisches Organ, ist weit entfernt von einem fehlerfreien Computer. Es ist ungenau, anfällig für Fehler und liebt es, vom geraden Weg abzuweichen. Doch gerade diese vermeintlichen Schwächen sind es, die uns als Menschen auszeichnen und uns Maschinen überlegen machen. Dieser Artikel beleuchtet, warum Fehler nicht nur unvermeidlich, sondern auch essenziell für Kreativität, Anpassungsfähigkeit und Fortschritt sind.
Das fehlerhafte Gehirn: Ein Überblick
In unserer auf Effizienz und Perfektion ausgerichteten Welt werden Fehler oft als Makel betrachtet. Ein Tippfehler im Lebenslauf, das Vergessen eines Namens - all das wird als Zeichen geistiger Unzulänglichkeit gewertet. Viele stellen sich das Gehirn als eine Art hierarchischen Betrieb vor, in dem der "Chef" die Anweisungen gibt und die "Mitarbeiter" diese präzise ausführen. Weicht das Ergebnis ab, muss ein Fehler im System vorliegen.
Doch das Gehirn funktioniert anders. Es plant Handlungen nicht bis ins kleinste Detail vor, sondern kalkuliert Fehler systematisch ein. Diese Fehlerhaftigkeit ist kein Defekt, sondern ein wesentlicher Bestandteil unserer Anpassungsfähigkeit.
Die Anatomie des Fehlers: Wie das Gehirn "Mist baut"
Um zu verstehen, wie Fehler im Gehirn entstehen, muss man sich die beteiligten Regionen ansehen. Eine einfache Konzentrationsaufgabe, bei der man unter Zeitdruck auf bestimmte Signale reagieren muss, genügt, um fehlerhafte Handlungen hervorzurufen.
Bevor eine Handlung initiiert wird, legt das Gehirn zunächst ein Handlungsziel fest, beispielsweise: "Bei einem zentralen V drücke mit rechts." Dafür zuständig sind vordere Hirnregionen im präfrontalen Kortex, in denen bewusste Aufmerksamkeitsprozesse verarbeitet werden. Gleichzeitig treffen in den Sehzentren des Hinterkopfs optische Sinnesreize ein. Ob wir ein V oder ein W sehen, ist hier bereits klar.
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Auf halber Strecke zwischen dem Stirnhirn und der Sehrinde liegen die Basalganglien, zentrale Verschaltungsstellen zwischen Hirnregionen. Hier konkurrieren unterschiedliche Handlungsmuster miteinander. Ein bestimmter Sinnesreiz könnte ein falsches Muster begünstigen. Um dies zu verhindern, kontrolliert die vordere Gürtelrinde (Gyrus cinguli), eine angrenzende Hirnregion, die mit dem Stirnhirn verbunden ist, die Vorgänge in den Basalganglien. Die Gürtelrinde unterdrückt falsche Handlungsmuster und begünstigt diejenigen, die mit dem Handlungsziel übereinstimmen. Nach einem Fehler sorgt sie zusammen mit vorderen Hirnregionen dafür, dass dieser nicht wiederholt wird.
Deep Blue und der Zufallszug: Wenn Maschinen "kreativ" werden
Im Mai 1997 spielte der Computer Deep Blue gegen Schachweltmeister Garri Kasparow. Bemerkenswert war, wie der Computer zum Sieg kam: In der zweiten Partie machte Deep Blue einen Zug, den Kasparow noch nie gesehen hatte, einen unlogischen Zug, der dem Computer auf den ersten Blick einen Nachteil brachte. War dies ein Aufblitzen von Maschinenkreativität?
Die Analyse der Rechenprotokolle zeigte jedoch, dass die Maschine im Moment des "unmaschinellen" Zugs überlastet war und einen Zufallszug ausgewählt hatte, um das Spiel fortzusetzen. Heutige Schachprogramme sind dank ihrer Fähigkeit, Fehler zu vermeiden, unschlagbar. Doch unsere Stärke liegt woanders: Wir können neue Spiele erfinden, mit neuen Regeln und Figuren.
Intelligenz ist nicht alles: Warum Fehler uns anpassungsfähig machen
Wären wir immer schnell, fehlerfrei und perfekt, wären wir zweifellos äußerst intelligent. Doch Intelligenz allein genügt nicht, um die Welt zu verändern. Dazu muss man etwas Neues wagen, ohne vorher zu wissen, ob es gut geht. Man muss sich trauen, Fehler zu machen. Das Gehirn kalkuliert dieses fehlerhafte Denken systematisch ein und ist dadurch mehr als nur perfekt: Es ist anpassungsfähig.
Viele Menschen wünschen sich ein fehlerfreies Gehirn, vergessen dabei aber, dass dieses auch langweilig, vorhersehbar und wenig kreativ wäre. Umgekehrt wäre ein Gehirn, das ständig Fehler macht, auch nicht besonders nützlich.
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Disruptive Innovationen: Wenn Regelbrüche die Welt verändern
Viele disruptive Geschäftsmodelle der heutigen Zeit sind durch Regelbrüche entstanden: Uber hinterfragt die Notwendigkeit von Taxifahrern, Snapchat bricht mit dem Prinzip der dauerhaften Speicherung von Nachrichten, und Airbnb wendet sich von der Grundregel des Hotelgewerbes ab, dass Reisende ein Hotel für eine Übernachtung benötigen.
Heutige Algorithmen optimieren die Geschäftsabläufe von IT-Unternehmen, doch deren kontraintuitive Geschäftsidee konnten sie nicht erahnen. Die Angst, von künstlicher Intelligenz ersetzt zu werden, ist unbegründet, da wir unpräzise, langsam und fehlerhaft sind.
Brain Fog: Wenn der Nebel im Gehirn die Sicht trübt
Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Probleme beim Strukturieren von Handlungen - wenn das Gehirn wie in Wolken liegt, kann das den Alltag schwer beeinträchtigen. Dieser Zustand, bekannt als "Brain Fog", ist keine exakte medizinische Diagnose, sondern eine Reihe von Symptomen, die durch unterschiedliche Ursachen ausgelöst werden können.
Mögliche Ursachen sind Flüssigkeitsmangel, Schlafmangel, Bewegungsmangel, schlechte Ernährung, Stress, Schwangerschaft, Wechseljahre, Diabetes, ADHS, Long Covid, das Posturale Tachykardiesyndrom, Depressionen, Angststörungen, Migräne, Gehirnerschütterungen, Chemotherapien und lange Krankenhausaufenthalte.
Auch eine Entzündung im Gehirn, eine fehlerhafte Regulierung des Blutflusses im Hirn oder ein Mangel an Serotonin könnten eine Rolle spielen.
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Was tun gegen Brain Fog?
Die Behandlung von Brain Fog ist oft schwierig, da die genauen Mechanismen, die für die Probleme im Gehirn sorgen, noch nicht vollständig verstanden sind. Gesünderer Schlaf, mehr Bewegung, Stressabbau und eine gute Ernährung können jedoch hilfreich sein.
Eine gute Ernährung sollte Kohlenhydrate aus Vollkorn, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Eiweiß, Gemüse, Obst und mindestens anderthalb Liter Wasser oder ungesüßten Tee pro Tag umfassen.
Ärzte versuchen, die Ursache des Brain Fogs zu finden und zu behandeln. Solange das keine Linderung bringt, können Betroffene versuchen, sich mit den Symptomen zu arrangieren und Pausen einzulegen, um dem Gehirn die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen.
Emotionen: Botschaften an uns selbst
Emotionale Zustände sind im Grunde Botschaften an uns selbst: dass unser Tun entweder dazu führt, dass wir einen Zustand erreichen, der uns anstrebenswert erscheint, oder aber, dass wir uns weit von diesem Zustand zu entfernen beginnen. Im Hirn wird dann eine Inkohärenz ausgelöst, die zu einer sich ausbreitenden Erregung führt, die auch tiefer liegende Bereiche des Gehirns erfasst.
In diesen Bereichen werden Netzwerke aktiviert, die wiederum eng mit körperlichen Reaktionen verbunden sind. Das nehmen wir dann als eine emotionale Reaktion wahr. Emotionen helfen uns, uns im Leben zurechtzufinden. Denken, Fühlen und Handeln sind dabei hirntechnisch immer untrennbar miteinander verbunden.
Die Kontrolle des Unbewussten: Unser Wille ist freier als gedacht
Hirnforscher haben herausgefunden, dass unser Bewusstsein unbewusste Prozesse im Gehirn kontrolliert. Der Wille und die automatische Verarbeitung arbeiten Hand in Hand, nicht gegeneinander. Bewusste Vorsätze steuern die Arbeit unserer automatischen Systeme im Gehirn.
Diese Kontrolle des Unbewussten durch das Bewusstsein zeigt sich auch im Alltag: Wenn ich in den Supermarkt gehe, um Spülmittel zu kaufen, bin ich wenig empfänglich für die Schokolade im Süßwarenregal. Die Situation ist ganz anders, wenn ich gerade hungrig und dabei bin, Nahrungsmittel einzukaufen.
ADHS: Eine besondere Art zu sein
ADHS ist eine besondere Art zu sein, und das bedeutet, dass das Gehirn nicht schlechter arbeitet als andere Hirne, aber eben anders. Es ist gut, die Gebrauchsanweisung dafür zu kennen, um die Genialität und Besonderheiten dieses Gehirns nutzen zu können.
Das ADHS-Gehirn hat die Eigenschaft, dass es besonders gut arbeitet, wenn eine Tätigkeit Spaß macht oder eine spannende Belohnung winkt. Dann kann es zur wahren Hochform auflaufen und Berge versetzen, denn es hat die Eigenschaft zu hyperfocussieren.
Ganz anders sieht es für Tätigkeiten aus, die keinen Spaß und keine Belohnung verheißen. Dann kann sich das ADHS-Gehirn völlig verweigern und selbst kleine Verpflichtungen werden zum unüberwindbaren Hindernis, weil sich Prokastination und Trägheit einstellen.
Wichtig ist es für Betroffene, dass sie ADHS nicht als Ausrede benutzen, sondern an den eigenen Schwierigkeiten arbeiten und wachsen. Dazu ist es notwendig, den Floweffekt zu nutzen und spontane Einfälle und Gedanken festzuhalten.
Bewusstsein und das Gehirn: Ein ungelöstes Rätsel
Das Gehirn arbeitet still und unbemerkt vor sich hin. Wie unersetzlich das Organ mit seinen vielfältigen Fertigkeiten ist, wird meist erst deutlich, wenn Teile des Gehirns nicht mehr funktionieren.
Für ein höherstufiges Bewusstsein als Wissen um das eigene Selbst und die Umwelt bedarf es der Großhirnrinde. Massive Schädigungen der Großhirnrinde können zu einem Wachkoma führen; sind eng umgrenzte Gebiete der Hirnrinde defekt, können Patienten beispielsweise Teile der räumlichen Wirklichkeit abhandenkommen oder für die Persönlichkeit wichtige biografische Erlebnisse.
Verteilte Netzwerke in verschiedenen Hirnregionen der Großhirnrinde müssen zusammenspielen, damit wir die Welt bewusst erleben.
Die Delfin-Metapher: Gedanken, die auftauchen und abtauchen
Was die meisten von uns immer noch als "unsere eigenen bewussten Gedanken" bezeichnen, sind in Wirklichkeit eher so etwas wie kognitive Delfine in unserem Kopf, die für kurze Zeit aus dem Ozean unseres Unterbewusstseins auftauchen, bevor sie wieder abtauchen.
Die Zeitfenster, in denen sich diese Sprünge ins Bewusstsein entfalten, sind unterschiedlich groß. Ähnlich wie Delfine die Wasseroberfläche durchbrechen, überschreiten Gedanken oft die Grenze zwischen bewusster und unbewusster Informationsverarbeitung, und zwar in beide Richtungen.
Die Bedeutung von Fehlern: Freiheit, Kreativität und Fortschritt
Anstatt Ausrutscher prinzipiell zu verteufeln, sollten wir uns klarmachen, was sie auch sind: die geheime Stärke unseres Denkens. Ohne sie gäbe es keinen Raum für Freiheit, Mut und Heldentaten, für Draufgänger, Erfinder und Entdecker, für Verrückte und anfangs Belächelte, deren Ideen vielleicht kompletter Unsinn sind - und manchmal doch die Welt umkrempeln.
Nur dadurch, dass wir Fehler machen können und in unserem Denken gezielt einkalkulieren, sind wir mehr als bloß intelligente Lebewesen: Wir sind frei, weil wir die Grundsätze unseres Lebens ändern können. Wir sind kreativ, weil wir uns nicht immer an feste Regeln binden lassen. Und wir sind humorvoll, weil uns jeder unerwartete Bruch unserer Erwartung, jede Überraschung in Erstaunen versetzt.