Introvertiert vs. Extrovertiert: Die Unterschiede im Gehirn und ihre Bedeutung

Lange Zeit herrschte die Annahme vor, dass Menschen entweder introvertiert oder extrovertiert sind und dass sie sich nach Belieben anders verhalten können. Doch diese vereinfachende Erklärung für die Unterschiede zwischen Introvertierten und Extrovertierten ist längst überholt. Die Forschung hat gezeigt, dass die Unterschiede tiefer liegen und in der Art und Weise begründet sind, wie Introvertierte und Extrovertierte Informationen verarbeiten.

Die unterschiedliche Informationsverarbeitung

Introvertierte Menschen neigen dazu, Informationen innerlich zu verarbeiten, während extrovertierte Menschen sie eher äußerlich verarbeiten. Diese unterschiedliche Herangehensweise führt dazu, dass beide Gruppen im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Persönlichkeiten und Fähigkeiten entwickeln. Zum Beispiel sind Introvertierte eher nachdenklich und bedächtig, während Extrovertierte eher kontaktfreudig und impulsiv sind.

Diese Präferenzen spiegeln sich auch in den bevorzugten Lernstilen wider. Introvertierte Menschen lernen am besten, wenn sie Zeit haben, Informationen allein zu verarbeiten, während extrovertierte Menschen am besten lernen, wenn sie aktiv mit anderen zusammen sind.

Unterschiede im Gehirn

Die Unterschiede zwischen Introvertierten und Extrovertierten lassen sich bis in die Kindheit zurückverfolgen und sind in der Gehirnstruktur und -aktivität verankert.

Präfrontaler Kortex

Studien haben gezeigt, dass Introvertierte eher eine höhere Aktivität im präfrontalen Kortex aufweisen, dem Bereich des Gehirns, der für Planung und Entscheidungsfindung zuständig ist. Diese frühe Gehirnentwicklung führt dazu, dass Introvertierte sich besser fokussieren und auf Aufgaben konzentrieren können, während Extrovertierte anfälliger für Ablenkungen sind.

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Visueller Cortex

Intro- und Extrovertierte besitzen unterschiedliche Hirnstrukturen, unter anderem im visuellen Cortex. Wer introvertiert ist, hat einen kleineren visuellen Cortex und nimmt optische Täuschungen stärker wahr.

Dopamin und Acetylcholin

Die Gehirne von Intro- und Extravertierten funktionieren tatsächlich unterschiedlich. Der Sympathikus und der Parasympathikus, der Aktivitäts- und der Ruhe-Nerv, wirken bei ihnen gegensätzlich stark. Extrovertierte werden durch den Sympathikus dominiert, Introvertierte durch den Parasympathikus. Extrovertierte brauchen mehr Dopamin, um sich stimuliert zu fühlen. Weil ihr Gehirn stärker auf Dopamin reagiert, benötigen sie mehr Action als die Intros und fühlen sich deswegen auch schneller gelangweilt, wenn nichts los ist. Sie tanken Energie, wenn sie mit anderen Menschen interagieren. Introvertierte reagieren dagegen gereizt, wenn ihr Acetylcholinspiegel zu niedrig ist, weil sie zu viel Action haben. Sie brauchen Ruhe und Rückzug, um ihre Batterien aufzutanken.

P300-Welle

Konkret erforscht wurde von Neurologen die Gehirnaktivität der Studienteilnehmer. Dabei wurden ihnen Bilder gezeigt: Aufnahmen von Gesichtern und von Blumen. Während sie die Bilder sahen, wurde ihre elektrische Aktivität im Gehirn gemessen. Entscheidend ist dabei die P300 (Wikipedia), eine ins Positive ausschlagende elektrische Welle in der Gehirnaktivität, die nach sich verändernden äußerlichen Reizen auftritt. Der Ausschlag dieser Welle sagt etwas darüber aus, wie viel Aufmerksamkeit das Gehirn dem vorhergehenden Reiz (in diesem Fall dem Bild) zukommen lässt. In der Studie hat sich gezeigt, dass bei Extrovertierten diese Welle stärker auf Gesichter von Menschen reagiert als bei Introvertierten. Umso stärker die Extroversion der Person, umso stärker war die Welle. Gesichter spielen für Extrovertierte eine größere Rolle als für Introvertierte. Das ist erst einmal nicht weiter überraschend, schließlich gelten Extrovertierte als geselliger und kommunikativer, suchen aktiver nach sozialen Kontakten. Interessant ist aber, dass sich diese Vorliebe für die Gesellschaft anderer Menschen tatsächlich auch im Gehirn messen lässt. Es zeigt sich, dass soziale Aktivitäten (=Gesichter) im Gehirn von Extrovertierten eine höhere Aufmerksamkeit erzeugen. Wörtlich interpretiert bedeutet dies, Extrovertierte richten in ihrem Gehirn mehr Aufmerksamkeit auf andere Menschen. Introvertierte reagieren dagegen nicht so stark auf Gesichter, sie zeigen kaum eine stärkere Reaktion wie bei Bilden von anderen Dingen - ein möglicher Grund, warum sie gerne alleine sind und nicht so viel Gesellschaft und soziale Kontakte brauchen bzw. suchen wie Extrovertierte.

Stärken und Schwächen von Introvertierten und Extrovertierten

Jeder Persönlichkeitstyp hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Es ist wichtig, diese zu verstehen, um die eigenen Fähigkeiten optimal zu nutzen und die Herausforderungen zu meistern.

Stärken von Introvertierten

  • Gute Zuhörer: Da sie Gespräche seltener dominieren, können Introvertierte anderen besser zuhören und deren Sichtweise verstehen.
  • Nachdenklichkeit: Introvertierte denken, bevor sie sprechen, was ihnen hilft, ihre Worte und Handlungen sorgfältig abzuwägen und keine voreiligen Entscheidungen zu treffen.
  • Konzentrationsfähigkeit: Aufgrund ihrer Fähigkeit, sich ausdauernd mit einer Sache zu beschäftigen, verfügen einige Introvertierte über eine ausgezeichnete Allgemeinbildung und/oder sind Experten auf einem oder mehreren Fachgebieten.
  • Unabhängigkeit: Introvertierte können gut allein sein und sich mit ihren zahlreichen Interessen beschäftigen. Sie sind unabhängiger von äußerer Anerkennung als die geselligen Extros.
  • Wachsamer: Aufgrund ihrer erhöhten Vorsichtigkeit sind sie jedoch auch wachsamer und aufmerksamer für Informationen aus der Außenwelt. Sie sind genaue Beobachter.

Schwächen von Introvertierten

  • Schüchternheit und soziale Ängste: Aufgrund ihrer höheren Angstbereitschaft sind sie auch anfälliger für Schüchternheit und soziale Ängste.
  • Zurückgezogenheit: Ihre Zurückgezogenheit kann abweisend, mitunter sogar arrogant wirken.
  • Längere Reaktionszeit: Sie brauchen vielleicht manchmal etwas länger, um ihre Ansichten zu formulieren, dafür haben sie dann Hand und Fuß.

Stärken von Extrovertierten

  • Euphorie und Begeisterung: Extrovertierte neigen - dopaminbedingt - zu mehr Euphorie, Begeisterung und Überschwang als Introvertierte.
  • Mut und Risikobereitschaft: Sie sind oft mutig und risikobereit, sie haben viele Ideen und können ihre Anliegen gut vertreten.
  • Kontaktfreudigkeit: Extrovertierte blühen in sozialen Situationen auf. Sie genießen es, in großen Gruppen zu interagieren, sind oft gesellig und haben keine Scheu, neue Leute kennenzulernen.
  • Tatkräftigkeit und Anpassungsfähigkeit: Extrovertierte sind in der Regel tatkräftig und anpassungsfähig.

Schwächen von Extrovertierten

  • Impulsivität: Allerdings sind sie auch impulsiver als Introvertrierte, unter Stress kann dies in Aggressivität ausarten.
  • Anstrengend für das Umfeld: In ihrer Begeisterung - von einer Sache und von ihren Ideen - können sie außerdem für ihr Umfeld anstrengend sein, wenn sie anderen zu wenig zuhören.
  • Selbstinszenierung: Sie müssen jedoch aufpassen, sich in ihrer Interaktion mit der Welt nicht zu verausgaben. Sie neigen dazu, die kritische Auseinandersetzung mit sich selbst zu vernachlässigen. Sie müssen also bewusst darauf achten, ob sie hinreichend auf ihr Umfeld achten, damit ihr Überschwang nicht zur nervigen Selbstinszenierung wird.

Tipps für ein harmonisches Zusammenleben von Introvertierten und Extrovertierten

Introvertierte und Extrovertierte können wunderbar miteinander harmonieren, wenn sie die Bedürfnisse des jeweils anderen verstehen und respektieren.

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  • Vorurteile abbauen: Beide Persönlichkeitstypen begegnen sich oft mit Vorurteilen: Introvertierte halten Extrovertierte für dominant und oberflächlich. Introvertierte werden als unsicher, langweilig und unsozial eingestuft. Das ist in beiden Fällen nicht fair.
  • Unterschiedlichkeit anerkennen und nutzen: Viel schlauer wäre es, wenn beide bereit wären, ihre Unterschiedlichkeit anzuerkennen und beispielsweise im Job gewinnbringend zu nutzen. Extrovertierte Menschen sind prädestiniert für die Anfangsphase von Projekten: Sie sind sehr stark darin, Ideen und Konzepte zu entwickeln. Aber sie ermüden verhältnismäßig schnell, wenn die Umsetzung sich hinzieht. Das wiederum ist die Stärke von introvertierten Menschen: Sie sind anfangs oft die Bedenkenträger. Dann aber bleiben sie am Ball, bis die Nuss geknackt ist. Oft geben sie mit ihrer Gründlichkeit den Projekten zusätzlichen Schliff und Tiefe.
  • Bedürfnisse respektieren: Auch in Partnerschaften können Extros und Intros wunderbar harmonieren, wenn die Partner das Energie- und Ruhe-Bedürfnis des jeweils anderen unterstützen.
  • Kommunikation: Der Schlüssel zu einer effektiven Kommunikation zwischen Introvertierten und Extrovertierten liegt darin, die Stärken und Schwächen des jeweiligen Persönlichkeitstyps zu verstehen. Wenn wir verstehen, wie jeder Typus kommuniziert, können wir lernen, die unterschiedlichen Stile und Methoden zu schätzen, die jeder Typus mitbringt.

Die Rolle von Introvertierten und Extrovertierten in Führungspositionen

Es wird oft gesagt, dass gute Führungskräfte extrovertiert sind, aber das stimmt nicht unbedingt. Auch wenn extrovertierte Menschen für manche Führungsaufgaben besser geeignet sind, können auch introvertierte Menschen hervorragende Führungskräfte sein.

Eine der größten Stärken von Introvertierten ist ihre Fähigkeit, zuzuhören. Da sie Gespräche seltener dominieren, können Introvertierte anderen besser zuhören und deren Sichtweise verstehen. Das kann ein wertvoller Vorteil in Führungspositionen sein, wo es wichtig ist, die Bedürfnisse und Ansichten anderer zu berücksichtigen.

Eine weitere Stärke von Introvertierten ist ihre Fähigkeit, zu denken, bevor sie sprechen. Dadurch können sie ihre Worte und Handlungen sorgfältig abwägen, was ihnen helfen kann, keine voreiligen Entscheidungen zu treffen. In der heutigen schnelllebigen Welt kann die Fähigkeit, die Dinge zu verlangsamen und zu durchdenken, für jede Führungskraft ein echter Vorteil sein.

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