Die menschliche Erfahrung von Emotionen ist ein komplexes Zusammenspiel von Gehirnaktivität, Hormonen und subjektiver Wahrnehmung. Vittorio Gallese, ein renommierter italienischer Neurologe, hat sich intensiv mit den neuronalen Grundlagen von Emotionen, insbesondere im Kontext von sozialer Kognition, beschäftigt. Seine Forschung, die von der Entdeckung der Spiegelneuronen bis zur Theorie der "Embodied Simulation" reicht, bietet faszinierende Einblicke in die Art und Weise, wie unser Gehirn Gefühle verarbeitet und wie diese unsere Interaktionen mit anderen beeinflussen.
Verliebtheit vs. Liebe: Eine fatale Verwechslung?
Oft werden Verliebtheit und Liebe verwechselt, obwohl sie unterschiedliche neurologische und emotionale Prozesse darstellen. Verliebtheit, oft als ein euphorisches, fast zwanghaftes Gefühl beschrieben, kann mit Symptomen wie Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Herzrasen und Schwindel einhergehen. Dieses intensive Gefühl, das durch Liebesromane, Filme und Popsongs weiter idealisiert wird, wird häufig mit Liebe gleichgesetzt, obwohl es sich um zwei verschiedene Gefühle handelt, die nur weitläufig miteinander verwandt sind. Diese Verwechslung ist oft die Ursache für Herzensdramen und falsche Entscheidungen.
Die wissenschaftliche Erklärung für den Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe stammt aus der Gehirn- und Hormonforschung. Wissenschaftler haben untersucht, was im Gehirn passiert, wenn Menschen verliebt sind und wenn sich daraus vertraute Liebe entwickelt.
Die Neurologie der Verliebtheit
In einer Studie wurden Probanden in einen Computertomografen geschoben und ihnen für 30 Sekunden das Bild ihres Angebeteten gezeigt, gefolgt von einem nichts sagenden Bild. Diese Prozedur wurde sechsmal mit jedem Teilnehmer wiederholt. Die Ergebnisse zeigten, dass bei der Betrachtung des Bildes des Angebeteten ein bestimmter Teil des Gehirns, das sogenannte "zu Hause" der Verliebtheit, aktiviert wurde. Dieser Bereich liegt in der Mitte des Gehirns und ist Teil des Gehirns. Hier wird ein Botenstoff ausgeschüttet, der als Verliebtheits-Droge bezeichnet wird. Dieses körpereigene Aufputschmittel sorgt für Energie und Glücksgefühle, lässt das Herz schneller schlagen und führt zu Symptomen wie schwitzigen Händen und schnellerer Atmung.
Forscher fanden auch einen Geschlechtsunterschied: Bei Männern standen sexuelle Erregung (z. B. Erektion) und visuelle Stimulation im Vordergrund, was darauf hindeutet, dass Männer beim Sex mehr "Augenmenschen" sind als Frauen.
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Die neurologischen Grundlagen der Liebe
Um herauszufinden, was im Gehirn passiert, wenn sich Verliebtheit in vertraute Liebe entwickelt, untersuchte die Anthropologin Helen Fisher Paare, die im Durchschnitt seit 2,3 Jahren zusammen waren. Bei diesen Paaren zeigte die Computertomografie ein verändertes Bild: Ein anderer Bereich des Gehirns, der Anteriore Cinguläre Cortex, wurde aktiviert. Diese Region ist dafür zuständig, das Chaos der Emotionen zu verarbeiten. Dies deutet darauf hin, dass Liebe und Verliebtheit nicht dieselbe Heimat im Gehirn haben.
Die biochemische Achterbahn der Verliebtheit
Die Verliebtheit ist ein biochemischer Cocktail, der uns in Liebesbrunst versetzt. Dieser Zustand ist geprägt von Energie, Glücksgefühlen und einer gesteigerten Aufmerksamkeit für den geliebten Menschen. Gleichzeitig kann er aber auch zu Angstzuständen, Kontrollverlust und irrationalem Verhalten führen.
Adrenalin und seine Folgen
Das Adrenalin steigt, das Herz klopft schneller, die Hände werden schwitzig und die Atmung beschleunigt sich. Vor Aufregung bekommt man schwitzige Hände, atmet schneller, und es kann einem schwindelig werden. Die Konzentration auf alltägliche Aufgaben fällt schwer, aber sobald es um den geliebten Menschen geht, sind die Sinne geschärft.
Die Achterbahn der Gefühle
Die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren, ist allgegenwärtig. Schon die kleinste Verzögerung eines Anrufs kann zu einem emotionalen Absturz führen. Man malt sich immer wieder Szenarien mit dem Partner aus, was die Verliebtheit gleichzeitig glücklich und unglücklich macht. Diese Phase, die als "limerence" bezeichnet wird, raubt einem die Energie und Konzentration, die man eigentlich für andere Bereiche des Lebens benötigt.
Das Ende der Verliebtheit
Die Verliebtheit ist ein vorübergehender Zustand. Sie dauert nur wenige Wochen oder Monate, im Höchstfall 30 Monate. Danach lässt die Intensität der Gefühle nach. Die Hormone fahren Achterbahn, und die Realität holt einen ein. Der Sex ist nicht mehr so aufregend, und die Fehler des Partners werden sichtbar. Dieses Erwachen kennt jeder, der schon einmal verliebt war.
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Von der Verliebtheit zur Liebe: Ein Neuanfang
Das Ende der Verliebtheit muss nicht das Ende der Beziehung bedeuten. Es kann auch der Anfang von Zuneigung und Verbundenheit sein. Wenn die Hormone wieder ins Gleichgewicht kommen, können Oxytocin und Vasopressin ihre Wirkung entfalten.
Die Rolle von Oxytocin und Vasopressin
Oxytocin ist immer im Spiel, wenn Gefühle von Bindung und Liebe auftauchen. Es wird ausgeschüttet, wenn sich ein Paar zum ersten Mal in die Arme nimmt oder wenn eine Mutter ihr Kind stillt. Vasopressin ist ebenfalls an der Entstehung von Bindung beteiligt, wie Tierversuche gezeigt haben.
Monogamie im Tierreich
Präriewölfe, die von Natur aus monogam sind, bleiben in der Regel ein Leben lang zusammen, sobald sie einen Partner gefunden haben. Wenn man Single-Wölfen das Hormon Vasopressin spritzt, werden sie zu anhänglichen und besitzergreifenden Partnern. Umgekehrt führt die Unterbindung der körpereigenen Vasopressin-Produktion im Gehirn zu einem Verlust der Euphorie und des Wunsches nach Nähe.
Die Haltbarkeit der Liebe
Oxytocin und Vasopressin sorgen für Bindung und Solidarität, aber auch hier gibt es keine Haltbarkeitsgarantie. Der Mensch befindet sich in einem Dilemma: Bindung dient der gemeinsamen Aufzucht der Nachkommen und damit der Fortpflanzung. Andererseits sind wir - im Gegensatz zu anderen Lebewesen - für "serielle Monogamie" geschaffen. Die natürliche Dauer der Mann-Frau-Verbindung liegt bei ca. vier Jahren, also dem Zeitraum, in dem das Kind aus "dem Gröbsten heraus" ist.
Reife und Biochemie
Trotz dieser biologischen Prädispositionen sind wir nicht zwangsläufig Sklaven unserer Biochemie. Mit zunehmender Reife können wir lernen, Toleranz für den Partner und für uns selbst zu entwickeln. Studien haben gezeigt, dass Paare, die länger als zehn Jahre zusammen sind, mehr Glück empfinden als Paare, die seit fünf Jahren verheiratet sind.
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Vittorio Gallese und die Spiegelneuronen: Ein Schlüssel zum Verständnis sozialer Interaktion
Vittorio Gallese gehört zu den Entdeckern der Spiegelneuronen, einer Klasse von Nervenzellen, die sowohl dann aktiv sind, wenn wir eine Handlung ausführen, als auch wenn wir beobachten, wie jemand anderes diese Handlung ausführt. Diese Entdeckung hat unser Verständnis von Empathie, sozialer Kognition und zwischenmenschlicher Kommunikation revolutioniert.
Die zufällige Entdeckung
Gallese und sein Team experimentierten mit Affen, denen sie Erdnüsse vor die Nase hielten. Sie untersuchten Neuronen, die die Bewegung der Hand beim Greifen nach einem Objekt steuern. Plötzlich ertönte das Signal eines Neurons, obwohl der Affe gar nicht nach der Nuss gegriffen hatte, sondern nur gesehen hatte, dass einer der Forscher das tat. So stellten sie fest, dass es Neuronen gibt, die beim bloßen Zusehen einer Handlung feuern - die Spiegelneuronen.
Spiegelneuronen und Empathie
Die Spiegelneuronen ermöglichen es uns, die Handlungen anderer zu verstehen, indem wir sie in unserem eigenen Gehirn simulieren. Diese Simulation erzeugt ein Gefühl des Mitgefühls und ermöglicht es uns, uns in andere hineinzuversetzen. Die Spiegelneuronen sind somit ein Schlüssel zum Verständnis sozialer Interaktion und Empathie.
Kritik und Missverständnisse
Obwohl die Entdeckung der Spiegelneuronen bahnbrechend war, wurde sie auch kritisiert und missverstanden. Der Begriff "Spiegelneuronen" ging in die Alltagssprache ein und wurde sogar in Romanen verwendet. Oft wurde die Funktion der Spiegelneuronen überbewertet und als Erklärung für komplexe Phänomene wie Altruismus herangezogen. Gallese betont, dass die Forschung über Spiegelneuronen noch lange nicht abgeschlossen ist und dass es noch viele offene Fragen gibt.
Die Theorie der "Embodied Simulation"
Gallese entwickelte die Theorie der "Embodied Simulation", die über die Spiegelneuronen hinausgeht. Diese Theorie besagt, dass wir einen direkten Zugang zum Geist anderer haben, und zwar nicht durch konzeptuelles Nachdenken, sondern durch direkte Simulation des beobachteten Verhaltens. Das bedeutet, dass wir unsere Umgebung im Gehirn abbilden - und zwar nicht allein mittels sprachlicher Prozesse oder auf den Aktivitäten der Sehnerven beruhender Vorgänge, sondern auch durch Bewegungsneuronen.
Die Bedeutung des Körpers
Gallese betont die Bedeutung des Körpers für unsere Kognition und unser soziales Verständnis. Er argumentiert, dass unsere Kognition nicht nur von unserer Sprachfähigkeit abhängt, sondern auch von unseren körperlichen Erfahrungen und unseren Interaktionen mit der Umwelt.
Weitere Forschungsbereiche und Erkenntnisse
Neben seiner Arbeit über Spiegelneuronen und "Embodied Simulation" hat sich Gallese auch mit anderen Bereichen der Neurowissenschaften beschäftigt, darunter die Entwicklung sozio-kultureller Identität und die Auswirkungen digitaler Kommunikation auf soziale Interaktion.
Der Verlust des Gedächtnisses: Eine persönliche Erfahrung
Der Neurologe Magnus Heier erlebte selbst einen Gedächtnisverlust in Form einer transienten globalen Amnesie (TGA). Diese Erfahrung veranlasste ihn, sich auf die Suche nach seinem Gedächtnis zu begeben und zu verstehen, was damals geschah und warum ihn die verlorenen Stunden bis heute beschäftigen. Seine Reise führte ihn zurück nach Finnland, wo er seinen behandelnden Notarzt traf, und quer durch Deutschland und bis nach Italien, wo er andere Menschen mit Gedächtnisstörungen kennenlernte.
Die Bedeutung des Gedächtnisses für die Identität
Heiers Reise verdeutlichte, dass das menschliche Gedächtnis viel mehr ist als ein Wissensspeicher - es ist das Fundament der eigenen Identität. Fällt das Erinnerungsvermögen aus, bleibt nur ein Schatten des Selbst zurück.
Hightech-Prothesen und die Illusion des Fühlens
Forschungsteams arbeiten an der Entwicklung von Hightech-Prothesen, die es Amputierten ermöglichen, wieder zu fühlen. Eine innovative Technik aus Pisa nutzt einen Sensor an der Prothese und kleine Wärme-Kälte-Platten, die auf der Haut am verbliebenen Armstumpf aufliegen und die Wärmeinformation weiterleiten. Diese Technik vermittelt die Illusion, dass sich die fehlende Hand abkühlt und erwärmt, und trickst so das Gehirn aus.
Die Puppenhand-Illusion und das Körpergefühl
Die Puppenhand-Illusion ist ein psychologisches Experiment, bei dem bei einer Versuchsperson die Illusion erzeugt wird, dass die Hand einer Schaufensterpuppe als zum eigenen Körper zugehörig empfunden wird. Studien haben gezeigt, dass eine Störung dieser Illusion entsteht, wenn die Verbindungen zwischen bestimmten Hirnarealen unterbrochen sind.
Neurokognitive Rehabilitation nach Prof. C. Perfetti
Prof. C. Perfetti ist ein italienischer Neurologe/Rehabilitationsarzt, der ein eigenes Therapiekonzept auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse entwickelt hat. Dieses Konzept, die Neurokognitive Rehabilitation, basiert auf der Annahme, dass Fähigkeiten des Menschen wie Bewegung, Wahrnehmung und mentale Leistungen nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern als funktionelle Einheit.
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