Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft im jungen Erwachsenenalter zwischen 20 und 40 Jahren beginnt. Sie betrifft Gehirn, Rückenmark und Sehnerven und kann zu vielfältigen Symptomen führen, die den Alltag der Betroffenen erheblich beeinflussen. Viele Menschen mit MS wünschen sich ein selbstbestimmtes Leben. Höhen und Tiefen stellen den Alltag vieler Betroffener auf den Kopf und können auch für Angehörige eine Herausforderung sein. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Möglichkeiten, die sich für junge Erwachsene mit MS im Alltag und in der Pflege ergeben, und gibt praktische Ratschläge für ein aktives und erfülltes Leben.
Therapie der MS: Konsequenz und Fortschritt
Seit den 90er Jahren gibt es wirksame Therapien gegen MS. Auch wenn die Erkrankung zum jetzigen Zeitpunkt nicht heilbar ist, kann eine konsequente medikamentöse Behandlung den Verlauf positiv beeinflussen. Die Therapie der MS zielt darauf ab, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, Schübe zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
Schubtherapie
Im akuten Schub wird in erster Linie der entzündungshemmende Wirkstoff Kortison eingesetzt, der für einige Tage als Infusion verabreicht wird. In vielen Fällen wird auf eine sogenannte Blutwäsche ausgewichen (Plasmapherese), bei der Blut entnommen, gereinigt und wieder in den Körper zurückgeleitet wird. Die Plasmapherese ist nur in speziellen Zentren möglich und wird auch nur bei schweren akuten Schüben durchgeführt. Nebenwirkungsärmer ist eine spezielle Form der Blutwäsche: die sogenannte Immunadsorption. Hierbei wird das Blut in Plasma (Blutflüssigkeit) und Blutzellen getrennt. Diese Form der Behandlung eröffnet neue Perspektiven beispielsweise bei schweren Schüben, die nicht auf eine Cortisontherapie ansprechen. Die Therapie erfolgt stationär und dauert etwa ein bis zwei Wochen. Dabei wird etwa jeden zweiten Tag eine Behandlung von etwa drei Stunden Dauer durchgeführt. Die Kosten für eine Plasmapherese oder die Immunadsorption werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen.
Schubprophylaxe
Medikamente wie Interferone, Glatirameracetat, Fingolimod oder Natalizumab senken die Entzündungsbereitschaft des Körpers und haben eine schützende Wirkung auf die Nerven. Dafür werden sie regelmäßig eingenommen. Diese sogenannte Schubprophylaxe ist wichtig, um beschwerdearme Phasen zu verlängern und neuen Schüben vorzubeugen. Bleiben Sie dabei, auch wenn Sie zurzeit kaum oder keinerlei Beschwerden haben.
Symptomatische Therapie
Zudem gibt es Medikamente, die Beschwerden symptomatisch lindern, zum Beispiel krampflösende oder schmerzlindernde Mittel, wozu auch medizinisches Cannabis gehört. Für pflegebedürftige Menschen mit Multipler Sklerose bietet das sogenannte Bobath-Konzept eine Möglichkeit, ihre motorischen Fähigkeiten zu fördern.
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Es bestehen solche Therapien wie Schub-, verlaufsmodifizierende und symptomatische Therapie. Bei der Schubtherapie liegt der Schwerpunkt auf entzündungshemmende Medikamente (Kortison) oder die Plasmapharese (Blutwäsche).
Komplementäre Therapien
Viele MS-Betroffene greifen zu Mitteln aus der Naturmedizin, um ihre Beschwerden und Symptome zu lindern. Johanniskraut ist zum Beispiel eine beliebte und wichtige Heilpflanze bei depressiven Verstimmungen. Viele Symptome, die im Verlauf einer Multiplen Sklerose auftreten, können auch begleitend mit homöopathischen Mitteln behandelt werden. Je nach MS-Symptomen und Beschwerden stehen Betroffenen unterschiedliche Homöopathische Arzneien zur Verfügung, die für ein erfolgreiches Therapieverfahren individuell ausgewählt und abgestimmt werden müssen. Um die passende homöopathische Arznei zu finden, sollten Betroffene den Einsatz daher immer mit dem Arzt und einem Therapeuten besprechen.
Familienplanung mit MS
Sexualität, Partnerschaft und Familie spielen eine wichtige Rolle in Ihrem Leben? Auch mit MS können Sie gesunde Kinder zur Welt bringen, denn MS ist nicht vererbbar: Sind beide Elternteile erkrankt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das gemeinsame Kind MS bekommt, nur leicht erhöht und beträgt rund fünf Prozent. Auch der Verlauf Ihrer Erkrankung wird durch eine Schwangerschaft nicht dauerhaft beeinflusst, in der Schwangerschaft treten Schübe sogar seltener auf. Lediglich nach der Entbindung können Schübe vorübergehend häufiger vorkommen. Gut zu wissen: Auch während Schwangerschaft und Stillzeit kann ein Schub behandelt werden. Sprechen Sie Ihren Arzt frühzeitig auf Ihren Kinderwunsch an. Er kann offene Fragen klären und Ihre Therapie so anpassen, dass Ihrem Kinderwunsch nichts im Wege steht.
Ein aktives Leben trotz MS
Für die Lebensqualität von Betroffenen spielt insbesondere die Bewegungstherapie eine wichtige Rolle, zum Beispiel regelmäßige Physiotherapie und stationäre Rehabilitationsmaßnahmen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass körperliche Aktivität insbesondere die Fatigue-Symptomatik, also andauernde starke Erschöpfung, bessert. Fragen Sie auch Ihren Arzt oder Physiotherapeuten um Rat.
Geeignet sind leichtes bis mäßiges Ausdauertraining oder gezielte Kräftigungsübungen im Rahmen Ihrer Möglichkeiten. Mit dem Training fördern Sie Gleichgewicht, Koordination und Kraft und erzielen zudem einen stimmungsaufhellenden Effekt:
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- Bewegen Sie sich wenn möglich zwanzig bis sechzig Minuten pro Tag, entweder am Stück oder in über den Tag verteilten Einheiten von rund zehn Minuten.
- Bleiben Sie dabei. Spürbare Erfolge erzielen Sie durch regelmäßige Wiederholungen über einen längeren Zeitraum.
- Wichtiger als Messergebnisse ist Ihr persönliches Empfinden. Die optimale Anstrengung ist, wenn Sie das Training als leicht anstrengend empfinden.
- Treiben Sie Sport und sorgen Sie gezielt für Phasen der Entspannung. Geeignet sind zum Beispiel Feldenkrais, Yoga, Gymnastik, Rudern, Aquafitness, therapeutisches Reiten oder sogar Rollstuhlsport . Ob Indoor oder Outdoor: Vieles ist möglich!
- Hören Sie auf Ihren Körper und akzeptieren Sie Ihre persönliche Belastungsgrenze. Pausieren Sie das Training im akuten Schub oder bei einer Infektion.
Antientzündliche Ernährung
Auch wenn schon viele Studien das Thema Ernährung bei MS untersucht haben, gibt es bislang keine klare Empfehlung. Fakt ist, dass eine ausgewogene Ernährung Ihren Körper mit wichtigen Nährstoffen versorgt und Ihr Wohlbefinden steigern kann. Gut geeignet ist zum Beispiel eine mediterrane Kost mit viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Fisch. Einige Lebensmittel wirken zudem antientzündlich, da sie viele ungesättigte Fettsäuren und Antioxidantien enthalten:
- Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse oder Vollkornprodukte enthalten viele sekundäre Pflanzenstoffe und Vitamine. Kaufen Sie bevorzugt reife, regionale Produkte oder greifen Sie zu tiefgekühltem Rohgemüse.
- Fischsorten wie Makrele, Lachs und Hering sowie grüne Pflanzen enthalten viele wertvolle Omega-3-Fettsäuren. Essen Sie zweimal pro Woche Fisch und reduzieren Sie Ihren Fleischkonsum.
- Kochen und braten Sie mit Raps- oder Sojaöl, das viele gesunde Fette und zudem Vitamin E enthält. Für Salate ist auch Walnuss- oder Leinöl gut geeignet.
Mittlerweile gibt es klare Anzeichen, dass das Mikrobiom des Darms bei MS verändert ist. Allerdings ist die Datenlage bis jetzt so begrenzt, dass daraus noch keine therapeutischen Empfehlungen abgeleitet werden können. Bekannt ist, dass Mikronährstoffe (Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine) sowie sekundäre Pflanzenstoffe aus der Nahrung (u.a. Isoflavone) an Prozessen beteiligt sind, die direkt oder indirekt mit der MS zu tun haben (z.B. bei der Myelin-Neubildung oder der Reduzierung des oxidativen Stresses im ZNS durch die Entzündungsprozesse bei MS). Deshalb wird eine ausreichende Versorgung mit allen Nährstoffen über die Nahrung und der Ausgleich von etwaig bestehenden Mängeln (z.B. Eisen, B-Vitamine) sowohl in der Prävention als auch bei bereits Erkrankten empfohlen. Studien belegen, dass eine sogenannte mediterrane Ernährung und entzündungshemmende Nahrungsmittel die Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen und Stoffwechselerkrankungen senken können. Und neuere MS-Studien zeigen, dass eine mediterrane Ernährung, aber auch andere gesunde Ernährungsmuster, das Risiko, an MS zu erkranken, senken können.
MS-Erkrankte, die ungünstige Essgewohnheiten verändern möchten, können von einer Ernährungsberatung profitieren, die auch ärztlich verordnet werden kann. Wird die Beratung von zertifizierten Ernährungsexperten durchgeführt, werden die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen anteilig erstattet.
Unterstützung: gesucht und gefunden
Mit Ihrer Erkrankung sind Sie nicht allein! Zahlreiche Patientenorganisationen bieten eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige, zum Beispiel der AMSEL e. V. oder die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Dort können Sie sich zum Beispiel mit anderen Betroffenen vernetzen, Veranstaltungen besuchen und an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen. Beratungsstellen bieten Ihnen auch Hilfestellung bei sozialrechtlichen oder finanziellen Fragen. Es gibt mittlerweile viele MS-Selbsthilfegruppen. Die MS-Selbsthilfe gibt Betroffenen Halt und ermöglicht den Austausch untereinander. Das erhöht die Lebensqualität immens.
REMUS - Ressourcen aktivieren, Eigenverantwortung stärken
Mit seinem speziell für junge und neu erkrankte MS-Patienten entwickelten Programm REMUS möchte der Quellenhof einen wesentlichen Beitrag zur Minderung der Krankheitsfolgen leisten. Durch strukturierte Schulungsangebote und Beratungen sollen Patienten frühzeitig auf zu erwartende Schwierigkeiten vorbereitet werden, um langfristig eine möglichst hohe Lebensqualität zu erhalten. Ziel der Schulung ist es, eine Verbesserung der Krankheitsbewältigung zu ermöglichen. Angestrebt wird die größtmögliche Autonomie des Patienten. Dieser soll so beraten werden, dass er in der Lage ist, seine Therapie aktiv mit zu gestalten und eigene Therapieentscheidungen selbst treffen zu können (Aktivität versus Passivität). Um einen möglichst guten Transfer in den Alltag zu gewährleisten, beinhalten die Schulungen Informationsveranstaltungen, die durch Eigenerfahrung in Gesprächs- und Arbeitsgruppen mit Hilfe von praktischen Übungen ergänzt werden.
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Die wichtigsten Informationen zum Programm im Überblick:
- Das dreiwöchige Programm ist in den Rahmen der stationären Therapie integriert bzw. ergänzt diese.
- Personen, die sich akut mit ihrer Erkrankung auseinander setzen müssen: d. h. Personen, bei denen erst kürzlich die Diagnose MS gestellt wurde oder die krankheitsbedingte Verluste erleiden, die eine Anpassung an eine veränderte Lebenssituation oder die Auseinandersetzung mit der Erkrankung erforderlich machen
- Stärkung der Eigenverantwortung / Autonomie / Compliance
- Informationsvermittlung
- Hilfe zur Selbsthilfe
- Ressourcenaktivierung
Multiple Sklerose im Berufsleben
Viele Menschen mit MS sind trotz ihrer Beschwerden über Jahre hinweg in der Lage, weiter produktiv und ohne Einschränkungen zu arbeiten. Gehen Chefin oder Abteilungsleiter und Mitarbeitende offen mit der Erkrankung um, gibt es viele Möglichkeiten, die Arbeit an die veränderte Situation anzupassen. Manchmal schränkt Multiple Sklerose die körperliche Leistungsfähigkeit aber auch so weit ein, dass es für die Betroffenen nur noch teilweise oder gar nicht mehr möglich ist, ihren ursprünglichen Beruf auszuüben. Neben körperlicher Behinderung sind abnorme Müdigkeit (Fatigue) und Konzentrationsstörungen häufige Gründe, warum Menschen mit MS vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden.
Ansprechen oder verschweigen?
Sie sind grundsätzlich nicht verpflichtet, Ihren Arbeitgeber über eine chronische Erkrankung (wie MS) oder eine Behinderung zu informieren - es sei denn, Sie gefährden bei der Arbeit sich selbst oder andere (zum Beispiel bei der Arbeit als Pilot, Busfahrer oder Dachdecker) oder sind nicht mehr in der Lage, Ihre Arbeitsleistung zu erbringen. In den anderen Fällen entscheiden Sie selbst darüber. Eine pauschale Antwort auf die Frage „Mitteilen oder nicht?“ gibt es hier nicht. Das Klima am Arbeitsplatz und der individuelle Krankheitsverlauf spielen eine wichtige Rolle.
Wenn Sie in einer verständnisvollen Arbeitsumgebung tätig sind, bringt es Ihnen unter Umständen entscheidende Vorteile, wenn Sie offen über Ihre MS-Erkrankung sprechen. Arbeitgeber, Kolleginnen und Kollegen empfinden es gegebenenfalls als Zeichen von Vertrauen. Zudem besteht dann die Möglichkeit, die Arbeitsbelastung und den Arbeitsplatz an Ihre individuellen Bedürfnisse anzupassen. Ihre Kollegen haben die Möglichkeit, sich ebenfalls auf die veränderte Arbeitssituation einzustellen, wenn sie über Ihre Erkrankung Bescheid wissen. Bei einem weniger guten Arbeitsklima hat Offenheit aber möglicherweise auch negative Folgen - etwa Zweifel auf Seiten des Arbeitgebers und der Kollegen an der eigenen Arbeitskraft, Ausgrenzung oder sogar offene Ablehnung. Bei einem leichten Krankheitsverlauf mit keinen oder nur wenigen Beeinträchtigungen beziehungsweise seltenen Schüben ist es eventuell besser, die Erkrankung (vorerst) zu verschweigen.
Anpassungen am Arbeitsplatz
Trotz möglicher Einschränkungen sollten MS-Betroffene ihren Beruf nicht vorschnell an den Nagel hängen. In Absprache mit dem Arbeitgeber lassen sich Anpassungen vereinbaren, zum Beispiel der Wechsel von einer Vollzeit- zu einer Teilzeit-Beschäftigung, zusätzliche Pausen oder ein neues Aufgabenfeld. Einige Betroffene profitieren zudem von einer niedrigeren Raumtemperatur. Auch Zugangsrampen für Rollstühle und ein Büro in WC-Nähe sind im Einzelfall von Vorteil. Ist vor Ort kein normales Arbeiten möglich, ist die Tätigkeit im Home-Office inzwischen eine etablierte Alternative - zumal dann auch die Fahrt zum Arbeitsplatz entfällt.
Reisen mit Multipler Sklerose
Auch wenn Sie Multiple Sklerose haben, müssen Sie nicht auf Reisen verzichten. Wichtig ist aber, dass die Reise nicht mehr Belastung als Erholung bringt. Denn manche Dinge sind mit MS anstrengender, als es im Vorfeld den Anschein hat. Das gilt etwa für mehrstündige Sprachkurse an aufeinander folgenden Tagen oder ausgedehnte Stadt-Besichtigungen.
Reise-Planung
Wenn Sie an MS erkrankt sind, ist es ratsam, Reisen nach Möglichkeit frühzeitig zu planen, um sich vorzubereiten, Auswahlmöglichkeiten (etwa bei Flugzeiten) zu haben und nicht in Stress zu geraten. Bei längeren Reisen empfiehlt es sich Pausen einzuplanen, um den eigenen Körper nicht zu überlasten.
Medizinische Reise-Vorbereitung
Als Betroffene oder Betroffener ist es ratsam, dass Sie im Vorfeld Ihre Reisefähigkeit ärztlich abklären lassen, etwa bei Ihrem Neurologen oder Hausarzt. Die Reisefähigkeit sollte in einem Arztbericht (Arztbrief) festhalten werden zur Vorlage bei der Fluggesellschaft. Es empfiehlt sich auch, Ihren Medikamenten-Pass (Medikamenten-Ausweis) und eine ärztliche Bestätigung der medikamentösen Behandlung mitzunehmen - bei Reisen ins fremdsprachige Ausland am besten in verschiedenen Sprachen. Ratsam ist auch ein (mehrsprachiger) Hilfsmittel-Pass für die Mitnahme von Spritzen und anderen medizinischen Hilfsmitteln im Handgepäck auf Flugreisen (für die Sicherheitskontrolle).
Sonstige Reise-Tipps
Achten Sie auf einen sorgsamen Schutz vor Infektionen. Infekte lösen nämlich manchmal einen MS-Schub aus. Um etwa einer Erkältung vorzubeugen, ist es hilfreich, Zugluft zu meiden und sich nach dem Zwiebel-Prinzip zu kleiden.
Der MS-Schub
Häufig kennzeichnet sich der Beginn einer Multiplen Sklerose (MS-Krankheit) durch einen sogenannten Schub. Einen MS-Schub zu erkennen, ist gar nicht so einfach. Die Dauer eines Multiple Sklerose-Schubs variiert zwischen einigen Stunden, Tagen oder Wochen. Danach klingen die Beschwerden langsam ab. Ein MS-Schub tritt auf, wenn mehr als 24 Stunden und mehr als 30 Tage nach Beginn des letzten Schubs neue oder bekannte Symptome auftreten. Ein akuter MS-Schub ist immer ein Notfall. Die Schubsymptome sollten möglichst innerhalb der nächsten zwei bis fünf Tage behandelt werden. Wenn bei Ihnen plötzlich neue neurologische Symptome auftreten oder sich bereits bekannte MS-Symptome verstärken, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Am besten Ihren behandelnden Neurologen.
Was tun bei einem MS-Schub?
Für die Schubtherapie stehen vor allem Kortisonpräparate zur Verfügung, die die Entzündungen eindämmen sollen. Im akuten Schub werden sie über drei bis fünf Tage als Infusion verabreicht (Hochdosis-Schubtherapie). In vielen Fällen wird auf eine sogenannte Blutwäsche ausgewichen (Plasmapherese), bei der Blut entnommen, gereinigt und wieder in den Körper zurückgeleitet wird.
Einfluss von Lebensstilfaktoren
Ein Drittel Gene, zwei Drittel Umwelt: So ungefähr verteilen sich die Ursachen für einige neurodegenerative Erkrankungen, zu denen auch die MS gehört. Ihre Gene können Sie nicht ändern, aber einige Lebensstilfaktoren schon. So können Nikotinkarenz, regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung und Stressreduktion den Verlauf einer MS nachhaltig beeinflussen. Zwar ist MS keine Erbkrankheit, aber über 230 Gene sowie zahlreiche Umwelt- und Lebensstilfaktoren können in Kombination Auslöser für eine MS sein. Konkret heißt das: Während das (angeborene) Erbgut ein Grundrisiko bestimmt, an MS zu erkranken, verstärken (erworbene) Faktoren wie Rauchen, Vitamin D-Mangel, Eppstein-Barr-Virus-Infektionen, schweres Übergewicht und Bewegungsmangel im Kindes- und jungen Erwachsenenalter die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch der Erkrankung. Ist die MS bereits diagnostiziert, können einige dieser Faktoren auch den weiteren Verlauf der Erkrankung mitbestimmen.
Selbstwirksamkeit stärken
Die Veränderung von Gewohnheiten nach der MS-Diagnose kann ein Mittel zur Stärkung der eigenen Selbstwirksamkeit und zur Rückgewinnung der Kontrolle über das eigene Leben sein. Lebensstilveränderungen sollten schrittweise angegangen werden, mit realistischen und erreichbaren Zielen, die sich gut in den Alltag integrieren lassen. Einzige Ausnahme: Einen Rauchstopp sollten Sie möglichst sofort angehen.
Lebensstil- und Einflussfaktoren im Überblick
- Rauchen: Rauchen beschleunigt die Krankheitsprogression und steigert sowohl die Schubrate als auch die Sterblichkeit. Umgekehrt gilt: Hören MS-Erkrankte mit dem Rauchen auf, kann das einen positiven Effekt auf die Behinderungsprogression haben.
- Ernährung: Mittlerweile gibt es klare Anzeichen, dass das Mikrobiom des Darms bei MS verändert ist. Eine ausreichende Versorgung mit allen Nährstoffen über die Nahrung und der Ausgleich von etwaig bestehenden Mängeln (z.B. Eisen, B-Vitamine) sowohl in der Prävention als auch bei bereits Erkrankten empfohlen. Eine sogenannte mediterrane Ernährung und entzündungshemmende Nahrungsmittel können die Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen und Stoffwechselerkrankungen senken.
- Vitamin D: MS-Erkrankte sollten ihren Vitamin-D-Spiegel überprüfen lassen und nur bei bestehendem Mangel durch eine tägliche (800 bis 1.000 IE) oder wöchentliche (20.000 IE) Supplementation ausgleichen.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann sowohl auf körperlicher und geistiger als auch auf psychologischer Ebene bei Menschen mit MS positiv wirken und die Lebensqualität erhöhen. Darüber hinaus kann körperliche Aktivität die Kraft und Fitness sowie den Gleichgewichtssinn und die Gehfähigkeit verbessern. Gleichzeitig können regelmäßiges Training und körperlich aktives Verhalten das Gefühl der Erschöpfung und die Belastung durch Fatigue reduzieren.
Leben mit MS: Selbstbestimmung und Akzeptanz
Die Diagnose Multiple Sklerose macht den meisten Menschen zunächst große Angst. Natürlich ist das Leben auch mit einer MS-Diagnose lebenswert. Vorausgesetzt, die Betroffenen nehmen ihre Erkrankung an und gestalten ihr Leben mit der MS - statt gegen sie. Beeinträchtigungen annehmen, aber nicht zum Hauptinhalt des Lebens zu machen: Wenn das Gehen mal schwerfällt, ist Radfahren vielleicht leichter. Die körperlichen Belastungsgrenzen anerkennen und zum Beispiel das Sportprogramm so dosieren, dass Sie Ihre Leistungsfähigkeit nicht überschreiten. Generell sind Ihren Vorlieben beim Sport keine Grenzen gesetzt. Ob Sie nun Wassergymnastik bevorzugen oder Klettern im Hochgebirge. Auf Dauer kann eine MS die Psyche belasten - vor allem bei regelmäßigen Schmerzen. Dabei entwickeln viele Patienten depressive Symptome und Ängste.
Digitale Unterstützung
Manchmal ist es schwer, mit anderen Menschen über die eigenen Belastungen zu sprechen und Hilfe anzunehmen. Doch ist genau das in vielen Situationen hilfreich. Wenn für Sie die Hürde zu groß erscheint, können Sie auch auf digitale Programme zurückgreifen. levidex ist eine DiGA für Menschen mit MS, in der Sie wertvolles Krankheitswissen, psychologische Unterstützung und spezielle Bewältigungsstrategien an die Hand bekommen. Das Programm können Sie ergänzend zu Ihrer aktuellen Therapie nutzen. Sprechen Sie dazu Ihren Arzt an. Er kann Ihnen ein Rezept für levidex ausstellen, das Sie bei Ihrer Krankenkasse einreichen.
Patientenverfügung
Eine Patientenverfügung stellt sicher, dass Ihre medizinischen Wünsche auch in unerwarteten Situationen respektiert werden und bewahrt so Ihre Selbstbestimmung. Sie greift in Situationen, in denen Sie aufgrund von Krankheit oder Verletzung nicht in der Lage sind, sie selbst auszudrücken. Dieses Dokument entlastet zudem Ihre Angehörigen von schwierigen Entscheidungen, vermeidet Missverständnisse und schützt vor unerwünschter Über- oder Unterbehandlung.