Asbest und Polyneuropathie: Ursachen und Zusammenhänge

Das Mesotheliom, ein seltener und bösartiger Tumor des Mesothels, wird oft mit Asbest in Verbindung gebracht. Doch auch andere arbeitsbedingte Belastungen können zu schweren Erkrankungen führen, darunter die Polyneuropathie, die durch organische Lösungsmittel verursacht werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Asbest, anderen Berufskrankheiten und insbesondere die Ursachen und Risiken der Polyneuropathie durch organische Lösungsmittel.

Mesotheliom und Asbest: Ein klarer Zusammenhang

Das Mesotheliom ist ein maligner Tumor, der meist im Bereich des Brustfells (Pleura) auftritt. Es betrifft etwa 10-15 von 100.000 Menschen pro Jahr und tritt häufiger bei älteren Männern auf. Das Mesothel ist ein dünnes Gewebe, das Körperhöhlen auskleidet und innere Organe überzieht. Das Brustfell besteht aus dem Rippenfell, das den Brustkorb auskleidet, und dem Lungenfell, das die Lunge überzieht.

Ursachen des Mesothelioms

In vielen Fällen wird das Mesotheliom durch das Einatmen von Asbest-Partikeln verursacht. Diese Fasern lagern sich im Mesothelgewebe ein und verbleiben dort, da sie vom Körper weder abgebaut noch abtransportiert werden können. Die Asbest-Fasern wirken als Fremdkörper und verursachen einen dauerhaften Entzündungsreiz im Gewebe, was im Laufe der Zeit zur Entartung des Mesothels und zur Entstehung eines Mesothelioms führen kann.

Manchmal wird das Mesotheliom vereinfachend als Asbestose bezeichnet. Allerdings bezieht sich der Begriff „Asbestose“ auf Vernarbungen der Lunge, die durch die Aufnahme von Asbest-Partikeln und die dadurch bedingte Entzündungsaktivität entstehen. Aus dieser Asbestose kann sich ein Pleuramesotheliom entwickeln.

Diagnose und Anerkennung als Berufskrankheit

Zwischen der Asbestexposition und dem Ausbrechen der Erkrankung liegen oft viele Jahre bis Jahrzehnte. Wenn ein Patient eine Asbestose entwickelt und beruflich Asbest ausgesetzt war, besteht der Verdacht auf eine Berufskrankheit. Der histologische Nachweis eines Mesothelioms wird automatisch als Berufskrankheit anerkannt.

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In einigen Fällen kann das Mesotheliom durch den Aufenthalt in Gegenden mit natürlichem Asbestvorkommen ausgelöst werden. Auch andere faserartige Mineralien, die über die Atemwege in die Lunge gelangen, stehen als mögliche Ursache unter Verdacht, beispielsweise das Mineral Erionit. Zudem wird eine erbliche Veranlagung diskutiert.

Symptome und Diagnose

Ein malignes Mesotheliom verursacht in der Regel erst spät Symptome, wenn die Erkrankung bereits fortgeschritten ist. Erste Symptome sind oft unspezifisch und umfassen beim Pleuramesotheliom Kurzatmigkeit, Hustenreiz und Schmerzen im Bereich der Brustwand. Diese Symptome treten oft erst auf, wenn sich die Krebserkrankung auf benachbarte Organe ausgebreitet hat. Häufig liegt ein Pleuraerguss mit übermäßiger Flüssigkeitsansammlung im Brustfellspalt vor.

Klinische Symptome beim Mesotheliom des Bauchfells (peritoneales Mesotheliom) können Bauchschmerzen und Obstipation sein. Da Symptome spät und unspezifisch sind, wird das Mesotheliom meist erst in fortgeschrittenem Stadium entdeckt. Die Diagnose kann auch ein Zufallsbefund sein. Nach einer ausführlichen Befragung und körperlichen Untersuchung erfolgen weitere diagnostische Maßnahmen wie Röntgen-Thorax-Untersuchung, Ultraschalluntersuchung des Brustkorbes und Computertomografie (CT). Meist wird eine Punktion der Pleura durchgeführt, um Flüssigkeit zu gewinnen und auf Krebszellen zu untersuchen. Eine Gewebeprobe (Biopsie) ist notwendig, um die Diagnose abzusichern.

Beim Pleuramesotheliom erfolgt die Sicherung der Diagnose meist thoraxchirurgisch im Rahmen einer Thorakoskopie. Dabei wird ein Endoskop mit Kamera und kleinen Zangen in die Brusthöhle eingeführt, um Gewebeproben zu entnehmen und histologisch zu untersuchen. Bei übermäßiger Flüssigkeitsansammlung kann während der Thorakoskopie auch eine Pleurodese (Verklebung des Pleuraspalts) vorgenommen werden. Bestätigt sich die Diagnose eines Mesothelioms, wird die Ausbreitung des Tumors im Körper festgestellt, unter anderem durch Positronen-Emissions-Tomografie (PET-CT), Ultraschalluntersuchungen, Knochenszintigrafie oder Magnetresonanztomografie (MRT).

Meldung als Berufskrankheit

Bei Patienten, die beruflich Asbest ausgesetzt waren, wird unverzüglich der Verdacht auf eine Berufskrankheit bei der zuständigen Berufsgenossenschaft gemeldet.

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Polyneuropathie durch organische Lösungsmittel: Eine weitere Berufskrankheit

Neben den durch Asbest verursachten Erkrankungen gibt es weitere Berufskrankheiten, die durch chemische Expositionen entstehen können. Eine davon ist die Polyneuropathie, die durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische verursacht wird.

Ursachen und Risikofaktoren

Toxische Einwirkungen von organischen Lösungsmitteln können Polyneuropathien oder Enzephalopathien verursachen. Nerven- bzw. neurotoxische Lösungsmittel kommen in zahlreichen Produkten einzeln oder in Gemischen vor, und zwar zum Reinigen und Entfetten in der Metall-, Textil- und Kunststoffindustrie, als Lösungsmittel für Farben, Lacke, Klebstoffe, Holzschutzmittel, Gummilösungen und zum Abbeizen, für zahlreiche chemische Reaktionen als Ausgangs- oder Zwischenprodukt oder als Lösungsvermittler.

Neurotoxisch sind insbesondere aliphatische Kohlenwasserstoffe wie n-Hexan, n-Heptan, Ketone wie Butanon-2, 2-Hexanon, Alkohole wie Methanol, Ethanol, 2-Methoxyethanol, aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, Toluol, Xylol, Styrol, chlorierte aliphatische Kohlenwasserstoffe wie Dichlormethan, 1,1,1-Trichlorethan, Trichlorethen, Tetrachlorethen.

Erhöhte Risiken bestehen beim Abbeizen, Versiegeln, großflächigem Aufbringen von Klebstoffen oder Lacken. Besondere Risikoberufe sind Bodenleger, Parkettleger, Tankreiniger, Säurebaumonteure.

Aufnahmewege und Verteilung im Körper

Die neurotoxischen Lösungsmittel werden über die Lungen eingeatmet und zum Teil auch durch die Haut resorbiert. Sie verteilen sich im gesamten Organismus, insbesondere auch im Nervenssystem.

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Symptome und Diagnose

Typisch für eine neurotoxische Polyneuropathie sind beinbetonte sensomotorische Ausfälle mit strumpf- bzw. handschuhförmiger Verteilung.

Differentialdiagnose

Differentialdiagnostisch denkt die Berufsgenossenschaft in erster Linie an alkoholische oder diabetische Polyneuropathien, wobei die Mitursächlichkeit verschiedener Kausalketten berücksichtigt werden muss. Bei der toxischen Enzephalopathie finden sich Störungen der Hirnfunktion und Persönlichkeitsveränderungen.

Anerkennung als Berufskrankheit

Die Polyneuropathie oder Enzephalopathie durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische kann als Berufskrankheit anerkannt werden (BK-Listennummer 1317). Der Berufsgenossenschaftliche Report 1/2018 dient hier als fundierte Beurteilungsgrundlage für Unfallversicherungsträger und medizinische Sachverständige. Er enthält Hinweise zur Exposition mit speziellen Informationen zu Lösungsmitteln und Gemischen, deren Neurotoxizität nach aktuellem Erkenntnisstand gesichert ist. Übersichten über das Vorkommen der Stoffe in verschiedenen Branchen sowie Stoffdossiers mit chemischen und physikalischen Daten, Grenzwerten und Aufnahmewegen sind dort zu finden.

Weitere anerkannte Berufskrankheiten

Die Liste der anerkannten Berufskrankheiten ist lang und wird stetig erweitert. Seit Anfang 2015 können beispielsweise Leukämie durch Butadien, Harnblasenkrebs durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und fokale Dystonie als Berufskrankheiten anerkannt werden. Zudem wurden bestehende Berufskrankheiten um weitere Formen erweitert: Lungenkrebs durch PAK um Kehlkopfkrebs und Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs in Verbindung mit Asbest um Eierstockkrebs.

Berufsgruppen und Risiken

Mit dem Gas Butadien haben in erster Linie Chemiearbeiter zu tun, während Handwerker im Laufe ihres Berufslebens mit PAK in Kontakt kommen können. Diese entstehen, wenn Kohlenstoffverbindungen unvollständig verbrannt werden. Betroffen sein können Schornsteinfeger oder Beschäftigte aus Metallbranchen. Damit die Krebserkrankungen als Berufskrankheit anerkannt werden, ist eine bestimmte Dosis-Wirkung-Beziehung Voraussetzung. Die fokale Dystonie betrifft ausschließlich Berufsmusiker, die über lange Jahre stereotype, feinmotorische Bewegungen ausgeführt haben.

Meldung einer Berufskrankheit

Beschäftigte, die den Verdacht haben, dass ihre Erkrankung auf eine arbeitsbedingte Ursache zurückgeht, sollten fachmedizinischen oder arbeitsmedizinischen Rat einholen. Wenn ein begründeter Verdacht für eine Berufskrankheit besteht, erfolgt die Meldung an den zuständigen Unfallversicherungsträger. Eine solche "Verdachtsanzeige" können auch der Arbeitgeber, die Krankenversicherung oder der Versicherte selbst stellen.

Kausaler Zusammenhang

Nicht jede Krankheit, von der man meint, sie komme von der Arbeit, ist automatisch eine Berufskrankheit. Die Krankheiten müssen in der Berufskrankheitenliste offiziell genannt sein und es muss einen "kausalen Zusammenhang" geben zwischen der Erkrankung und der Arbeit des Betroffenen.

Prävention und Schutzmaßnahmen

Da viele Berufskrankheiten vermeidbar sind, ist es wichtig, die verantwortlichen arbeitsbedingten Expositionen zu beseitigen und krankheitsbegünstigende Faktoren zu minimieren. Dazu gehören technische, organisatorische und persönliche Schutzmaßnahmen.

Schutz vor UV-Strahlung

Handwerker, die im Freien arbeiten, sind besonders gefährdet, an hellem Hautkrebs zu erkranken. Die Hauptursache ist UV-Strahlung. Schutzmaßnahmen umfassen:

  • Technische Schutzmaßnahmen: Künstlich Schatten erzeugen, wenn möglich nicht direkt in der Sonne arbeiten.
  • Organisatorische Schutzmaßnahmen: Arbeitszeiten im Freien auf früh morgens oder spät abends verlegen, da die UV-Strahlung in der Mittagszeit am größten ist.
  • Persönliche Schutzmaßnahmen: Sonnenbrille, Kopfschutz und langärmelige Shirts und Hosen verwenden.

Schutz vor chemischen Expositionen

Um das Risiko von Polyneuropathien und anderen Erkrankungen durch chemische Expositionen zu minimieren, sind folgende Maßnahmen wichtig:

  • Substitution gefährlicher Stoffe: Verwendung weniger gefährlicher Stoffe, wenn möglich.
  • Technische Schutzmaßnahmen: Absaugung von Dämpfen und Stäuben, Kapselung von Anlagen.
  • Organisatorische Schutzmaßnahmen: Begrenzung der Expositionsdauer, Schulung der Mitarbeiter.
  • Persönliche Schutzausrüstung: Atemschutz, Handschuhe, Schutzkleidung.

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