ASS100 Schlaganfallprävention: Individualisierte Dosierung als Schlüssel zur Wirksamkeit

Acetylsalicylsäure (ASS), besser bekannt als Aspirin, ist ein weit verbreitetes Medikament, das nicht nur als Schmerzmittel dient, sondern auch blutverdünnende Eigenschaften besitzt. Diese Eigenschaften machen ASS zu einem wichtigen Bestandteil in der Prävention von Herzinfarkt und Schlaganfall. Die tägliche Einnahme von 75 bis 100 mg ASS wird oft Menschen mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlen. Allerdings zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass die Wirksamkeit dieser Standarddosis stark vom Körpergewicht und anderen individuellen Faktoren abhängt.

Die Bedeutung der individualisierten Dosierung von ASS

Eine Studie der Universität Oxford unter der Leitung von Peter Rothwell hat die Schutzwirkung niedriger ASS-Dosen bei Menschen unterschiedlichen Körpergewichts untersucht. Die Auswertung von neun Studien zur Primärprävention (bei Personen ohne vorheriges Herz-Kreislauf-Ereignis) und vier Studien zur Sekundärprävention (bei Personen nach Herzinfarkt oder Schlaganfall) mit insgesamt über 117.000 Teilnehmern ergab überraschende Ergebnisse.

Körpergewicht als entscheidender Faktor

Die Analyse zeigte, dass die tägliche ASS-Tablette mit 75 bis 100 mg Wirkstoff nur bei Teilnehmern mit einem Körpergewicht unter 70 kg die erhoffte Schutzwirkung entfaltete. Bei diesen Personen sank das Risiko für einen vorzeitigen Tod durch Herzinfarkt oder Schlaganfall um 25 Prozent.

Bei schwereren Teilnehmern war die Wirksamkeit der niedrigen Dosis deutlich geringer oder nicht vorhanden. Erst eine höhere Dosis von 325 mg ASS täglich oder mehr zeigte bei ihnen eine zuverlässige blutverdünnende Wirkung. Allerdings ist eine so hohe Dosis mit einem erhöhten Risiko für Blutungen, insbesondere Magenblutungen, verbunden. Für sehr leichte Personen unter 50 kg könnte die niedrige Dosis bereits zu hoch sein.

Weitere Grenzen der ASS-Wirkung

Neben dem Körpergewicht gibt es weitere Faktoren, die die Wirksamkeit von ASS beeinflussen können. So scheint die krebsschützende Wirkung von ASS bei Darmkrebs ebenfalls von Gewicht abhängig zu sein. Hier liegt die Grenze bei etwa 80 Kilogramm Körpergewicht.

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Das Alter spielt ebenfalls eine Rolle: Teilnehmer über 70 Jahre, die täglich ASS einnahmen, erkrankten sogar um 20 Prozent häufiger an Krebs, insbesondere wenn sie weniger als 70 Kilo wogen.

Die "One-Dose-Fits-All"-Strategie ist überholt

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die gängige Praxis, ASS in einer Einheitsdosis zu verabreichen, nicht optimal ist. Stattdessen ist eine individualisierte Strategie erforderlich, die das Körpergewicht und andere individuelle Faktoren berücksichtigt.

"Es scheint ein therapeutisches Fenster zu geben, in dem eine bestimmte Dosis abhängig vom Gewicht die optimale Wirkung entfaltet", so die Autoren der Studie.

ASS in der Sekundärprävention nach Schlaganfall

ASS hat einen festen Platz in der Therapie nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt. Es gibt wissenschaftliche Belege, dass ASS zur Sekundärprophylaxe eine gute Wirkung zeigt und das Risiko eines erneuten Hirninfarktes relevant reduziert.

Eine nach TIA oder leichtem Schlaganfall sofort begonnene Sekundärprävention mit ASS scheint klinisch besonders effektiv zu sein. Demnach lässt sich durch die frühe Einnahme von ASS das Risiko für Schlaganfallrezidive in den ersten Wochen nach dem Ereignis mehr als halbieren. Zudem war der Schweregrad neurologischer Schädigungen im Fall wiederholt auftretender ischämischer Insulte deutlich niedriger.

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ASS in der Primärprävention: Vorsicht geboten

Obwohl ASS in der Sekundärprävention von großem Nutzen ist, ist die Anwendung zur Vorbeugung eines erstmaligen Schlaganfalls (Primärprävention) umstritten. Studien konnten keinen eindeutigen Nutzen von ASS in der Primärprävention nachweisen. Vielmehr kann Aspirin schaden, wenn es ohne klare Notwendigkeit eingesetzt wird, da es das Blutungsrisiko erhöht.

Eine aktuelle Studie hat sich mit der Frage beschäftigt, ob ältere Menschen, die an sich ein höheres Schlaganfallrisiko haben, von niedrigdosierten Aspirin profitieren. Auch in dieser Studie waren die Ergebnisse eindeutig: Das Schlaganfallrisiko war etwas niedriger in der Aspirin-Gruppe (-11%), wobei das als nicht relevant eingestuft wurde. Das Risiko für Hirnblutungen war aber deutlich erhöht (+38%).

ASS sollte daher nicht zur Vorbeugung eines Schlaganfalls eingenommen werden, wenn keine entsprechenden Risikofaktoren vorliegen.

Wer profitiert von einer regelmäßigen ASS-Einnahme?

Von einer langfristigen, regelmäßigen ASS-Einnahme profitieren Menschen, die bereits einen Herzinfarkt oder ischämischen (durch Durchblutungsstörungen) ausgelösten Schlaganfall in der Vergangenheit erlitten haben. Auch bei der koronaren Herzkrankheit mit fortschreitender Brustenge (instabiler Angina pectoris) verordnen Kardiologen ASS - in der Regel in einer Dosierung von 100 mg einmal täglich. Der Wirkstoff kommt in dieser niedrigen Dosierung ebenfalls zum Einsatz, falls ein Blutgefäß geweitet und mit einem Metallgitter (Stent) stabilisiert worden ist.

Auch Personen ohne Herzinfarkt oder koronarer Herzerkrankung profitieren vermutlich von einer prophylaktischen ASS-Einnahme, aber nur wenn ihr Risiko, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden, über 20 Prozent liegt. Das Herzrisiko lässt sich anhand von speziellen Programmen zur Risikoabschätzung, dem PROCAM- oder CARRISMA-Score, ermitteln.

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Neue Empfehlungen in den USA

In den USA hat ein Expertengremium im Jahr 2022 seine Empfehlung ebenfalls eng gesteckt: Danach sollten nur 40-59-Jährige mit einem mindestens zehnprozentigen Risiko, in den nächsten zehn Jahren eine atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln, ASS vorbeugend einnehmen. Ab 60 Jahren, so die Einschätzung der Experten, sei das Verhältnis von Nutzen zu Risiken zu ungünstig - zumindest, um mit dieser Form des Herzschutzes zu beginnen. Wer aber schon vorher ASS niedrigdosiert eingenommen habe, könne das auch bis etwa zum 75. Lebensjahr fortsetzen.

Apixaban als Alternative zu ASS?

Eine Studie des Universitätsklinikums Tübingen hat untersucht, ob der Blutverdünner Apixaban bei Patientinnen und Patienten mit einem zusätzlichen Risiko für Blutgerinnselbildung im Herzen besser zur Vermeidung eines erneuten Schlaganfalls geeignet sein könnte. Zwar zeigte Apixaban gegenüber ASS keine besseren Behandlungserfolge. Allerdings brachte die Studie wichtige Erkenntnisse über den Zusammenhang von Risikofaktoren und dem Auftreten von Vorhofflimmern bei Patientinnen und Patienten mit ungeklärtem Schlaganfall. Insbesondere ältere Betroffene über 75 Jahre mit zusätzlichen Risikofaktoren könnten von einer frühzeitigen Einnahme von Apixaban profitieren.

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