Kann Corona einen Schlaganfall auslösen? Aktuelle Erkenntnisse und Risiken

Schwere Atemwegserkrankungen und Lungenentzündungen sind bekannte Folgen von COVID-19. Doch das Coronavirus kann auch das zentrale Nervensystem beeinträchtigen und insbesondere bei schweren Verläufen zu einem Schlaganfall führen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen COVID-19 und Schlaganfällen, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Empfehlungen von Experten.

COVID-19 und neurologische Komplikationen

Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen macht das Coronavirus auch vor dem zentralen Nervensystem keinen Halt. Eine Untersuchung aus China mit 214 COVID-19-Patienten ergab, dass mehr als jeder Dritte (78 Personen) unterschiedliche neurologische Beschwerden hatte. Fünf dieser Patienten erlitten einen Schlaganfall. Auch eine niederländische Studie zeigte, dass COVID-19 bei Intensivpatienten zu vermehrten thromboembolischen Komplikationen wie ischämischen Schlaganfällen führen kann. Eine Untersuchung aus New York City belegte, dass auch junge Patienten nach einer Coronavirus-Infektion einen Hirninfarkt erlitten.

Wie COVID-19 die Entstehung von Schlaganfällen begünstigen kann

Ein Schlaganfall entsteht durch eine Minderdurchblutung oder eine Blutung im Gehirn. Bei einer schweren COVID-19-Infektion wird oft das Blutgerinnungssystem beeinflusst, was die Entstehung von Schlaganfällen begünstigen kann. Professor Dr. med. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der DSG, erklärt, dass das Virus Entzündungen in den Arterien hervorrufen kann, die Hirninfarkte auslösen könnten. Menschen, die schwer an dem Virus erkranken, haben oft Vorerkrankungen wie Diabetes und hohen Blutdruck, was ihr Schlaganfallrisiko zusätzlich erhöht.

Die Rolle des Immunsystems und der Blutgerinnung

Bei jeder Infektion im Körper reagiert neben dem Immunsystem auch das Gerinnungssystem. Das Blut wird dicker, der Blutfluss langsamer, und es werden vermehrt Gerinnungsfaktoren produziert. Kleine Blutklümpchen können mit dem Blutfluss ins Gehirn gelangen und dort zu Schlaganfällen führen. Dieser Mechanismus ist nicht altersabhängig, obwohl Schlaganfälle bei jungen Menschen und Kindern selten sind.

COVID-19 als begünstigender Umstand

Professor Dr. Helmuth Steinmetz, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG), betont, dass COVID-19 keine monokausale Ursache für einen Schlaganfall ist, sondern ein begünstigender Umstand und einer von zahlreichen Risikofaktoren. Besonders gefährdet sind ältere und kränkere Menschen sowie Patienten mit Vorerkrankungen wie Übergewicht, Diabetes oder Bluthochdruck. Eine SARS-CoV-2-Erkrankung kann bei Patienten mit einer Behinderung durch einen früheren Schlaganfall schwerwiegender verlaufen.

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Schlaganfallrisiko nach Corona-Infektion erhöht

Eine neue Studie zeigt, dass in den ersten drei Monaten nach einer Corona-Infektion ein deutlich erhöhtes Risiko für Schlaganfälle besteht. Forschende beobachteten während der Corona-Pandemie ein Jahr lang COVID-19-Fälle und stellten fest, dass das Schlaganfallrisiko nach einer Corona-Infektion deutlich erhöht ist. Doch nicht nur COVID-19, auch banale Infekte können einen Schlaganfall auslösen oder begünstigen. Schlaganfälle treten beispielsweise häufiger während der Grippe-Saison im Winterhalbjahr auf. Schwelende Entzündungen im Körper können das Schlaganfallrisiko verdreifachen.

Infektionen und Schlaganfall: Ein Zusammenspiel

Mediziner beobachten immer wieder, dass Menschen aufgrund von Krankheitserregern einen Schlaganfall erleiden. Bei einer Infektion zeigen die Blutwerte meist nur, dass eine Entzündung vorliegt, ohne die genaue Art zu bestimmen. Alle Entzündungen haben jedoch dieselben Grundmechanismen, durch die bei Infektionen Schlaganfälle ausgelöst werden können.

Weitere Infektionen, die das Schlaganfallrisiko erhöhen

Auch eine Herzklappenentzündung (Endokarditis) kann einen Schlaganfall auslösen. Bakterien können durch einen Infekt, wie z.B. einen Harnwegsinfekt, in den Körper gelangen und sich auf einer Herzklappe ansiedeln. Dort verursachen sie eine Entzündung und beeinträchtigen den Blutfluss. Es bilden sich Thromben, die sich lösen und ins Gehirn gelangen können, wo sie ein Blutgefäß verstopfen und einen Schlaganfall auslösen.

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Schlaganfallversorgung

Die erste Welle der Pandemie hatte erhebliche Auswirkungen auf die Versorgungssituation in vielen Krankenhäusern. So haben die Aufnahmen auf Stroke Units abgenommen: 20 Prozent der Stroke Units verzeichneten Rückgänge von mehr als 30 Prozent, mehr als die Hälfte von zehn bis zu 30 Prozent, die übrigen Stroke Units weniger als zehn Prozent. Eine aktuelle Analyse der Schlaganfälle, die über deutsche Notfallaufnahmen akquiriert worden sind, bestätigt diesen Trend. Vor allem in der Hochphase der ersten Welle wurden weniger Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall in den Notfallaufnahmen aufgenommen. Auch die telemedizinische Versorgung war betroffen, mit zeitweise 30 Prozent weniger Behandlungen.

Angst vor Ansteckung als Hürde

Der Rückgang der Zahlen ist vor allem auf die Angst zurückzuführen, einen Arzt oder eine Klinik aufzusuchen. Professor Steinmetz betont jedoch, dass diese Angst unbegründet ist, da in Kliniken der Umgang mit Erregern äußerst professionell organisiert ist. Die DSG empfiehlt daher dringend, Anzeichen für einen Schlaganfall auch in Zeiten der Corona-Pandemie ernst zu nehmen und den Notarzt zu kontaktieren.

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Zeit ist entscheidend

Bei der Diagnose und Therapie eines Hirninfarkts entscheiden oft wenige Minuten darüber, wie groß der Schaden im Gehirn ist. Zeitverlust durch zu späte Vorstellung im Krankenhaus kann auch durch telemedizinische Behandlung nur noch teilweise wettgemacht werden. Jeder Zeitverlust birgt Risiken, die ungleich höher sind als eine COVID-19-Infektion im Krankenhaus.

Schlaganfall-Symptome erkennen und richtig handeln

Es ist wichtig, die Symptome eines Schlaganfalls zu erkennen und schnell zu handeln. Achten Sie auf folgende Anzeichen:

  • Verzerrtes Gesicht: Bitten Sie die Person zu lächeln. Ist das Gesicht einseitig verzogen, deutet das auf eine Halbseitenlähmung hin.
  • Kraftverlust in den Armen: Bitten Sie die Person, die Augen zu schließen, die Arme nach vorn zu strecken und die Handflächen nach oben zu drehen. Sinkt ein Arm ab oder dreht sich, kann dies ein Zeichen für eine Schwäche sein.
  • Sprachstörungen: Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen? Versteht die Person die Aufforderung nicht?

Bei Verdacht auf einen Schlaganfall sollte sofort der Notruf (112) gewählt werden.

Impfung gegen SARS-CoV-2 und Schlaganfallrisiko

Im Laufe der Corona-Pandemie konnten zahlreiche Studien nachweisen, dass die Infektion mit Covid-19 das Risiko für weitere Erkrankungen deutlich erhöht, allen voran Herz-Kreislauferkrankungen wie den Schlaganfall oder Diabetes.

Aktuelle Daten zur Impfsicherheit

Ende März letzten Jahres wurde eine schwere, wenn auch seltene Nebenwirkung nach COVID-19-Impfung mit Vektor-basierten Vakzinen beobachtet: Impfassoziiert traten vor allem bei jüngeren Frauen Sinus- und Hirnvenenthrombosen auf. Der Vektor-basierte Impfstoff ChAdOx1 (AstraZeneca) wurde daraufhin nicht mehr jungen Frauen verabreicht, außerdem wurden Geimpfte für das Leitsymptom Kopfschmerzen nach Impfung sensibilisiert und Ärztinnen und Ärzte auf das Phänomen der Bildung von anti-PF4-Antikörpern hingewiesen. Es wurde aber auch ein leicht erhöhtes Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle (sogenannte Hirnblutungen) nach Impfung mit einem mRNA-Vakzin beschrieben.

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Eine im Oktober 2021 publizierte Auswertung zeigte diesbezüglich ein erhöhtes Risiko an den Tagen 1-7 und den Tagen 15-21 nach Impfung mit BNT162b2 (IRR: 1,27 und 1.38). Seitdem haftet allen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 das Stigma an, sie könnten Schlaganfälle auslösen, eine Sorge, die verständlicherweise zu Ängsten führt und zur Impfskepsis beiträgt.

Systematische Reviews und Meta-Analysen

In einem publizierten, systematischen Review wurden zwei randomisierte Studien, drei Kohortenstudien und elf Register-basierte Studien ausgewertet. Insgesamt wurden 17.481 Fälle ischämischer Schlaganfälle erfasst - bei einer Gesamtzahl von 782.989.363 Impfungen. Die Schlaganfallrate betrug insgesamt 4,7 Fälle pro 100.000 Impfungen. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgerten, dass die Schlaganfallrate nach Impfung mit der in der Allgemeinbevölkerung vergleichbar ist und die TTP, die zu Sinus- und Hirnvenenthrombosen führte, zumindest nach den Vorkehrungen, die getroffen wurden, eine sehr seltene Komplikation darstellt.

Französische Studie bestätigt Sicherheit von mRNA-Impfstoffen

Eine aktuelle Auswertung des „French National Health Data System“ untersuchte, wie häufig nach erster und zweiter Gabe von Vakzinen gegen SARS-CoV-2 bei Menschen im Alter von 18 bis 75 Jahren kardiovaskuläre Ereignisse (Myokardinfarkte, Lungenembolien oder Schlaganfälle) auftraten. Im Ergebnis zeigte die Studie, dass es keine Assoziation zwischen mRNA-Impfstoffen und dem Auftreten dieser schweren kardiovaskulären Komplikationen gab. Die erste Dosis des Vektor-basierten Impfstoffs ChAdOx1 war in Woche 2 nach der Impfung mit einer erhöhten Rate an Myokardinfarkten und Lungenembolien vergesellschaftet, auch beim Impfstoff von Janssen-Cilag konnte eine Assoziation mit dem Auftreten von Myokardinfarkten in Woche 2 nach Vakzinierung nicht ausgeschlossen werden.

Expertenmeinung

DGN-Generalsekretär Professor Dr. Peter Berlit schlussfolgert: „Die vorliegenden Daten zeigen zumindest für die mRNA-Impfstoffe keinerlei Sicherheitssignale in Bezug auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Ganz im Gegenteil: Der Experte betont, dass die SARS-CoV-2-Infektion mit einer höheren Schlaganfallrate einhergeht und die Impfung somit vor Schlaganfällen schütze.“ Eine koreanische Studie bestätigte dies, indem sie zeigte, dass geimpfte Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer seltener schwere oder kritische COVID-19-Verläufe sowie Folgeerkrankungen aufwiesen.

Was Schlaganfall-Patienten und Angehörige wissen sollten

Grundsätzlich gilt: Die meisten Menschen, die vom Corona-Virus (COVID-19) infiziert sind, erholen sich schnell. Aber einige Menschen können schwerere Symptome ausbilden, zum Beispiel eine Lungenentzündung. Ein Schlaganfall an sich birgt zunächst kein höheres Risiko für Sie. Aber viele Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, gehören einer Risikogruppe an. Ältere und insbesondere hochbetagte Menschen verfügen über ein geschwächtes Immunsystem. Dieses kann auch durch einige Behandlungen wie eine Chemotherapie beeinflusst sein. Schwere Infektionen, auch zum Beispiel eine Grippe, können das Schlaganfall- und Herzinfarkt-Risiko erhöhen.

Impfungen und Booster-Impfungen

In Deutschland werden die Menschen seit Ende Dezember 2020 geimpft. Für Menschen, deren Impfung bereits länger als sechs Monate zurück liegt oder die eine einmalige Impfung mit Johnson&Johnson erhalten haben, sind jetzt Booster-Impfungen möglich.

Das deutsche Gesundheitssystem ist leistungsfähig

Deutschland hat eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt. Wir verfügen über mehr als 330 zertifizierte Stroke Units (Schlaganfall-Spezialstationen) und die meisten Intensivbetten in Europa. Darüber hinaus haben wir hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und Therapeuten. Alle Krankenhäuser in Deutschland verfügen über Notfallpläne und haben sich in den vergangenen Wochen gewissenhaft auf die Situation vorbereitet.

Isolierung von Corona-Patienten in Kliniken

Corona-Patienten werden isoliert, Kliniken schaffen hierfür gesonderte Bereiche. Im Normalfall werden Sie als Schlaganfall-Patient in der Klinik also nicht mit Corona-Patienten in Kontakt kommen. Die akute Schlaganfall-Versorgung war in der ersten Phase der Pandemie nicht in Gefahr.

Neuro-Covid: Angriff aufs Gehirn

Viele Covid-19-Patientinnen entwickeln neurologische Beschwerden, die unter dem Begriff "Neuro-Covid" zusammengefasst werden. Anhaltende Erschöpfung, Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme und Schlafstörungen - nicht nur viele Intensivpatientinnen, sondern auch leicht Erkrankte leiden während und noch Monate nach einer Covid-19-Erkrankung unter Neuro-Covid. In extremen Fällen kommt es sogar zu demenzähnlichen Symptomen oder Psychosen.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 kann auch das Nervensystem befallen. Riechstörungen, Erschöpfung und kognitiven Defiziten können die Folge sein. Covid-19 erhöht das Schlaganfallrisiko Schwere neurologische Komplikationen wie Schlaganfälle und Hirnblutungen haben ihre Ursache in der Blutgerinnung. Störungen der Gerinnung sind bei Covid-19-Pneumonie eher die Regel als die Ausnahme und bilden eine eigene Entität der Covid-19-Erkrankung. Es bilden sich in der Folge Gerinnsel, die ischämische Schlaganfälle oder Embolien auslösen können.

Erhöhte Schlaganfallsterblichkeit auch ohne Infektion

In der Pandemie haben Menschen das Krankenhaus gemieden - mit fatalen Folgen. Betroffen vom Schlaganfallrisiko sind aber auch Patient*innen, die das Virus nicht haben. Im Laufe der Pandemie kamen deutlich weniger Menschen vor allem mit leichteren Schlaganfallsymptomen in die Kliniken. Eine beunruhigende Entwicklung, die Menschenleben kostet. „Aus Angst vor Ansteckung erreichten Betroffene zu spät oder gar nicht die Notaufnahmen. Deshalb nahm die Schlaganfallsterblichkeit zu.“ Prof. Dr. Helge Topka

Prävention und Schutzmaßnahmen

Um das Risiko eines Schlaganfalls im Zusammenhang mit COVID-19 oder anderen Infektionen zu minimieren, sind folgende Maßnahmen wichtig:

  • Impfungen: Lassen Sie sich gegen Grippe und COVID-19 impfen, um das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren.
  • Infektionen nicht verschleppen: Behandeln Sie Infektionen frühzeitig und konsequent, um Komplikationen zu vermeiden.
  • Risikofaktoren minimieren: Achten Sie auf eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung und Vermeidung von Übergewicht, Rauchen und übermäßigem Alkoholkonsum. Kontrollieren Sie regelmäßig Ihren Blutdruck und Blutzuckerspiegel.
  • Schutzmaßnahmen beachten: Halten Sie sich an die aktuellen Hygieneempfehlungen, wie regelmäßiges Händewaschen, Tragen von Masken und Abstandhalten, um Infektionen vorzubeugen.
  • Arztbesuche nicht vermeiden: Nehmen Sie Anzeichen für einen Schlaganfall ernst und zögern Sie nicht, den Notarzt zu rufen, auch in Zeiten der Pandemie. Die Kliniken sind gut vorbereitet und schützen Patienten vor einer Infektion.

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