Kann das Gehirn Durchfall beeinflussen? Die komplexe Verbindung zwischen Darm und Gehirn

Wenn wir Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“ treffen, wir „Schmetterlinge im Bauch“ haben oder uns etwas „auf den Magen schlägt“: dann funktioniert unser sogenanntes Bauchgehirn. Mit bis zu 200 Millionen Nervenzellen ausgestattet, ist es ähnlich komplex und funktioniert nahezu genauso wie unser Gehirn. Die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn, oft als Darm-Hirn-Achse bezeichnet, spielt eine entscheidende Rolle für unsere körperliche und psychische Gesundheit. Dieser Artikel beleuchtet, wie das Gehirn den Durchfall beeinflussen kann, die Rolle des Bauchgehirns, die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn, und die Auswirkungen von Stress und psychischen Belastungen auf unsere Verdauung.

Das Bauchgehirn: Mehr als nur ein Verdauungsorgan

Dass unser Darm weit mehr ist als ein reines Verdauungsorgan, ist wissenschaftlich längst erwiesen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der Nervenarzt Dr. Leopold Auerbach unter dem Mikroskop ein Netzwerk von Nervenzellen und -strängen in der Darmwand. Dieses Netzwerk bezeichnet man heute als enterisches Nervensystem oder auch Bauchgehirn. Anders als unser Gehirn im Kopf erbringt es keine kognitiven Leistungen, sondern verarbeitet ausschließlich Nervenimpulse. Erstaunlicherweise gehen 90 Prozent der Impulse vom Bauchgehirn aus. Es übermittelt dem Kopf zum Beispiel ein Hungergefühl, Schmerzen oder Unregelmäßigkeiten im Verdauungstrakt. Haben wir etwas Schlechtes gegessen, lösen Kopf- und Bauchgehirn gemeinsam Durchfall oder Erbrechen aus.

Das Bauchgehirn kann die Daten seiner Sensoren selbst generieren und verarbeiten. Es koordiniert zum Beispiel die Infektabwehr, indem es Millionen von chemischen Substanzen analysiert, die mit der täglichen Nahrung in unseren Körper gelangen. Die Darmwände bilden dabei eine effektive Verteidigungslinie. Viele Abwehrzellen dort sind direkt mit dem Bauchhirn verbunden. Sie lernen, zwischen „Gut“ und „Böse“ zu unterscheiden. Die Information wird gespeichert und bei Bedarf abgerufen. Gelangen Gifte in den Körper, fühlt das Bauchgehirn diese zuerst und gibt Alarmsignale ans Oberstübchen. Es soll dem Menschen bewusst machen, dass im Gedärm etwas nicht stimmt, und ihn veranlassen, sich entsprechend zu verhalten.

Ähnlichkeiten und Kommunikation zwischen Kopf- und Bauchgehirn

Dass Kopf- und Bauchgehirn sich so gut verstehen, liegt vor allem daran, dass beide sich sehr ähnlich sind: Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind identisch. Alle Botenstoffe, die im Kopf vorkommen, gibt es auch im Bauchgehirn. Dazu gehören etwa Dopamin und das Glückshormon Serotonin. Im Kopf beeinflusst Serotonin unser Wohlbefinden, im Darm steuert es den Rhythmus der Darmtätigkeit und reguliert das Immunsystem. Die zentrale Komponente des Bauchgehirns ist die Darmflora. Sie setzt sich aus rund 100.000 Milliarden Bakterien zusammen, die nicht nur bei der Verdauung helfen. Dort werden neue Substanzen produziert, die den emotionalen Teil des Kopfhirns im Gleichgewicht halten. Dieses limbische System wirkt zum Beispiel entspannend gegen Stress oder Angst.

Was im Kopf passiert, bleibt dem Bauch nicht verborgen. Forschende untersuchen aktuell, ob Krankheiten, die wir lange nur im Kopf lokalisiert haben, auch das Bauchgehirn betreffen - beispielsweise Parkinson, Alzheimer oder Depressionen. Tatsächlich fanden sie im Nervensystem des Bauchs von Parkinson-Patient*innen ähnliche Veränderungen wie im Kopf. Stresserlebnisse in der frühen Lebensphase eines Menschen werden sowohl im Kopf- als auch im Bauchgehirn gespeichert und können die Sensibilität der Darm-Hirn-Achse für das ganze Leben bestimmen. Erwachsene, deren Darm beispielsweise schnell „irritiert“ reagiert, hatten als Säuglinge nicht selten unter Koliken zu leiden, so eine Beobachtung. Auch ausgeprägte oder lang anhaltende Furcht hinterlässt Spuren in beiden Gehirnen.

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Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Kommunikationsstraße

Darm und Gehirn sind über die sogenannte Darm-Hirn-Achse eng miteinander verbunden. Bauchgrummeln, Durchfall oder auch Übelkeit - manchmal spiegeln diese Symptome keine körperlichen Ursachen wider, sondern psychische. Beispielsweise Stress, zu große emotionale Belastungen oder Depressionen. Sie beschreibt das komplexe Zusammenspiel zwischen unserem Verdauungssystem und dem Gehirn. Dass es sich dabei nicht um eine Einbahnstraße handelt, ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt. Vielmehr fließen Signale in beide Richtungen - vom Darm zum Gehirn und umgekehrt.

Bei der Kommunikation über das Nervensystem spielt der Vagusnerv eine zentrale Rolle. Als Hauptkomponente des Parasympathikus ist er entscheidend für Ruhe, Entspannung und soziale Interaktion. »Um etwa Emotionen im Gesicht unseres Gegenübers zu erkennen, muss der Vagusnerv gut funktionieren«, sagt Psychiaterin und Ernährungsmedizinerin Professor Dr. Sabrina Leal Garcia von der Medizinischen Universität Graz. Studien legen nahe, dass bestimmte probiotische Bakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien den Vagusnerv über die Darm-Hirn-Achse positiv stimulieren können.

Im Zentrum dieser Achsen-Kommunikation steht das Mikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm. Sie produzieren Stoffwechselprodukte wie etwa kurzkettige Fettsäuren. »Diese wandern entweder in ihrer ursprünglichen Form oder umgewandelt zum Hirn und senden dort Signale«, erklärt Dr. Birgit Terjung. Sie ist Chefärztin der Abteilung für Innere Medizin und Gastroenterologie am St. Auch Botenstoffe wie das Hormon Serotonin spielen eine Rolle. Etwa 90 Prozent des körpereigenen Serotonins werden mit Hilfe von Bakterien im Darm produziert. »Dort ist es für die Darmbewegung zuständig«, sagt Leal Garcia. Zu viel Serotonin kann daher zu Durchfall, zu wenig Serotonin zu depressiven Verstimmungen führen. Umgekehrt kann ein gestresstes Hirn Signale an die Nebenniere senden, wo Stresshormone wie Adrenalin gebildet werden. Das Immunsystem vermittelt ebenfalls zwischen Darm und Gehirn - etwa über Zytokine. Das sind Proteine, die Entzündungsprozesse steuern und die neuronale Aktivität beeinflussen können.

Die Rolle des Mikrobioms

Geschätzt 100 Billionen Bakterien aus mehr als 1.000 verschiedenen Arten besiedeln den Darm. Darüber, wie sich diese Darmflora zusammensetzt, entscheiden viele Faktoren, zum Beispiel, ob jemand als Kind gestillt wurde, Ernährungsgewohnheiten, aber auch die Einnahme von Medikamenten wie Antibiotika. In Versuchen lassen sich die Zusammenhänge zwischen Darm und Gehirn nachweisen: Wurden etwa Darmbakterien depressiver Menschen in den Darm von Mäusen eingepflanzt, zeigten die Tiere schnell deren Symptome. Billionen fleißiger Bakterien sorgen dafür, dass unsere Nährstoffe verarbeitet werden, produzieren Enzyme und Vitamine und verhindern, dass krankheitserregende Viren, Bakterien oder Pilze sich in der Darmschleimhaut einnisten und Infektionen auslösen. Ist unser Darm mit vielen verschiedenen guten Darmbakterien besiedelt, wirkt sich das günstig auf unsere Gesundheit aus.

Wer sich ungesund und unausgewogen ernährt, verringert die Vielfalt seiner Darmbakterien. Durch eine abwechslungsreiche Ernährung nehmen dagegen gute Darmhelfer wie Bifidobakterien und Lactobacillus zu. Besonders eine ballaststoffreiche Ernährung mit reichlich Gemüse, Obst, Nüssen, Hülsenfrüchten und gesunde pflanzliche Fette wie Olivenöl stärken die Darmflora und damit die körperlichen und psychischen Widerstandskräfte. Tipp: Je farbiger unsere Ernährung, desto besser. Also zum Beispiel öfter mal zu Orangen, Grünkohl, rote Bete, Blaubeeren und Rotkraut greifen. Natürlich sind auch andere Obst- und Gemüsesorten willkommen. Künstliche Farbstoffe sollten dagegen gemieden werden. Günstig für die Darmflora sind außerdem milchsäurehaltige Produkte wie Sauerkraut, Joghurt und Kefir.

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Ernährungsempfehlungen für ein gesundes Mikrobiom

Entscheidend für ein vielfältiges Mikrobiom im Darm ist die Ernährung. Die sollte den Expertinnen zufolge mediterran sein, also viele Ballaststoffe, eine große Menge Obst und Gemüse, Nüsse, Samen, Öle wie Olivenöl mit hohem Anteil an Omega-3-Fettsäuren, wenig Fleisch, viel Fisch. Auch fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Kombucha oder Kimchi sind sogenannte Synbiotika. Aber: »Es ist nicht wissenschaftlich erwiesen, dass eine bestimmte Anzahl an Gemüse- und Obstsorten notwendig wäre«, sagt Terjung. Die Vielfalt sei wichtiger als einzelne vermeintliche »Superfoods«. Auch die Auswahl verschiedenfarbiger pflanzlicher Lebensmittel kann sinnvoll sein, da sie unterschiedliche Inhaltsstoffe liefern. Die Ernährungsform muss zur Person passen, sagt Leal Garcia. Trends wie die Keto-Diät mit wenig Kohlenhydraten und viel Fett wurden zunächst für gefährlich gehalten. Mittlerweile hätten Studien gezeigt, dass diese Ernährungsform bei psychischen Erkrankungen Linderung verschafft.

Wer sich nicht sicher ist, ob die eigene Verdauung in Ordnung ist, kann sich zunächst mit dem Stuhlgang beschäftigen. Der sollte einmal am Tag stattfinden, gut geformt, also nicht zu weich und nicht zu hart sein. Zur Beurteilung dient die sogenannte Bristol Stool Scale. Auch das Befinden nach dem Essen kann Hinweise liefern. Eine Analyse des Mikrobioms sei jedoch schwierig, so Terjung. Eine Stuhlprobe liefere nur begrenzte Informationen, da sich die bakterielle Zusammensetzung im Darm je nach Abschnitt stark unterscheide. »Viele Bakterien haften zudem an der Darmwand und werden durch eine Probe nicht erfasst«, sagt die Gastroenterologin.

Stress und seine Auswirkungen auf den Darm

Stress ist gefährlich, und gilt als das gesundheitliche Problem des 21. Jahrhunderts. Oft beeinträchtigt er nicht nur deine mentale Stimmung relativ unbemerkt, sondern verursacht auch in deinem Organismus zahlreiche Schäden. Besonders häufig ist davon der Darm betroffen. Obwohl der Darm teilweise unabhängig vom Gehirn agieren kann, reizt Stress ihn stark. Verantwortlich dafür ist der Sympathikus. In stressigen Situationen sendet er Signale, die die Aktivität deines Darms stark einschränken. Ein Mechanismus, der früher dem Überleben diente. Konkret heißt das: In einer Stresssituation leitet das Gehirn dein Blut in essenzielle Areale und schaltet nicht akut benötigte Funktionen vorübergehend ab oder in den Sparmodus. Auch der Darm zählt dazu.

Auch können starke Symptome wie Erbrechen oder Durchfall auftreten. Dafür sorgen Hormone, die dein Gehirn unter Stress vermehrt ausschüttet. Sie können beispielsweise die Flüssigkeitszufuhr in deinem Darm erhöhen. Du bekommst Durchfall. Zusätzlich können die Hormone verhindern, dass weitere Nahrung in den Darmtrakt gelangt. Chronischer Stress kann noch schwerwiegendere Folgen haben. So kann sich die Schleimhaut deines Darms verändern. Dadurch lässt sie mehr Bakterien passieren, die wiederum im Blut die Mastzellen aktivieren. Die können eine Entzündungsreaktion auslösen und die Darmgesundheit schädigen. Zusätzlich schränkt Stress die Aktivität deiner Darmmuskulatur ein. Dadurch verbleibt Nahrung länger als nötig im Darm. Deine Darmflora gerät dadurch aus dem Gleichgewicht und der Anteil an schädlichen Bakterien nimmt zu. Und obwohl die Nahrung länger im Darm verweilt, ist die Aufnahme von Nährstoffen durch die geschädigte Darmschleimhaut, Entzündungen und Trägheit beeinträchtigt. Wer bereits unter Darmerkrankungen leidet, ist davon noch stärker betroffen. Forschende fanden heraus, dass das Gehirn bei Stress ein Signal an die Nebennieren sendet. Diese schütten körpereigenes Kortison aus, das akute Entzündungsreaktionen eigentlich hemmen soll.

Mentale Gesundheit und Darmgesundheit

Eine schwache Darmgesundheit löst nicht nur körperliche Symptome aus. Auch deine mentale Gesundheit kann betroffen sein. Besonders wenn sich die Bakterienvielfalt deines Darms verändert. Forschende wiesen nach, dass ein verändertes Mikrobiom im Darm direkten Einfluss auf das Gehirn hat. Seine Beschaffenheit kann deine Anfälligkeit für Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen stark erhöhen. Besonders Leistungssportlerinnen und -sportler leiden unter Verdauungsproblemen. Tennis-Ass Rafael Nadal plagten häufig Magenprobleme vor oder während seiner Spiele. Expertinnen und Experten sehen eine Ursache im permanenten Leistungsdruck. Durch die hohen Erwartungen von innen und außen gerät der Körper in eine Stresssituation. Forschende bezeichnen dieses Phänomen als Wettkampfangst. Sie betrifft fast alle Profisportlerinnen und Profisportler. Wichtig: Auch abgesehen vom Leistungsdruck leiden gerade Aktive aus Ausdauersportarten häufig unter Magenbeschwerden.

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Maßnahmen zur Stressreduktion und Darmgesundheit

Stress lässt sich im Alltag nicht immer vermeiden. Umso wichtiger ist es, dass du deinem Körper ausreichend Ruhe gönnst und dein Körper regeneriert. Schlaf ist besonders essenziell. Schläfst du schlecht, summieren sich die negativen Effekte. Auch sind Pausen im Alltag wichtig. An vollgepackten Tagen oder nach intensiven Workouts solltest du dir regelmäßig eine kurze Auszeit gönnen. Sonst gerät dein Körper schnell in einen Stresszustand. Expertinnen und Experten empfehlen eine Pause nach spätestens 90 Minuten körperlicher oder mentaler Belastung. Mit den Atemübungen auf deiner Garmin Uhr gelingt dir das besonders effektiv. Atemübungen mit deiner Garmin-Uhr können dir dabei helfen, dich schneller zu entspannen. Die Atemübungen auf deiner Smartwatch können dir zu mehr Entspannung verhelfen. Wähle dazu die Aktivität „Atemtechnik“ auf deiner Uhr und entscheide dich für eine Übung. Mit Anweisungen und Vibrationen am Handgelenk leitet dich deine Uhr durch die Übung.

Gegenmaßnahmen helfen nur wenig, wenn du nicht die Stressoren ausmachst. Das kann eine drohende Deadline im Job, ein vollgestopfter Terminkalender oder ein nahender Wettkampf sein. Identifiziere sie und strukturiere deinen Alltag um, damit sie dich weniger belasten. Kannst du die Stressfaktoren nicht vermeiden, versuche es mit Musik. Langsame Rhythmen, insbesondere solche zwischen 50 und 60 BPM, sind besonders entspannend. Der Grund? Dein Herzschlag passt sich während des Hörens an den Rhythmus der Musik an. Sport ist eines der effektivsten Mittel gegen Stress. In einer Untersuchung der Universität Basel erzielten Ausdauersportarten die besten Ergebnisse, die Probandinnen und Probanden waren danach deutlich entspannter. Auch verbesserte sich die Schlafqualität durch den Ausdauersport enorm. Neben Ausdauertraining wirkt auch Yoga sehr stressmindernd. Besonders, wenn du die verschiedenen Elemente aus körperlichen Bewegungen, Meditationen und Atemübungen kombinierst. Finde heraus, ob du einen ruhigen, ausgeglichenen oder anstrengenden Tag hast.

Reizdarmsyndrom: Eine Störung der Darm-Hirn-Achse

Beim einem Reizdarm handelt es sich um eine Störung der Darm-Hirn-Achse, die zu wiederkehrenden Symptomen wie Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall führt. In der Allgemeinbevölkerung tritt der Reizdarm häufig auf - mindestens 10 Prozent der Menschen sind weltweit betroffen.

Symptome und Ursachen des Reizdarms

Typisch für einen Reizdarm sind die folgenden Beschwerden:

  • Abdominale Schmerzen
  • Durchfall und/oder Verstopfung
  • Blähungen
  • Übelkeit und Völlegefühl
  • Krämpfe
  • Schlafstörungen

Die Symptome treten bei jedem Menschen individuell auf und sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Lange Zeit wurde der Reizdarm nur als eine gastrointestinale Störung bezeichnet. Neue Forschungserkenntnisse zeigen jedoch, dass eine Störung der Darm-Hirn-Achse (Gut-Brain-Axis) vorliegt.

Unser Darm und unser Gehirn kommunizieren über Darmmikroben, Hormone, Botenstoffe und sensorische Neuronen miteinander. Das hat sicherlich jeder schon einmal bemerkt: Sind wir aufgeregt, ist uns flau im Magen. Bei einem Reizdarmsyndrom ist die Kommunikation zwischen dem Nervensystem des Darms und dem zentralen und vegetativen Nervensystem verändert. Eine Reihe von Substanzen wie Lebensmittelallergene und Stoffwechselprodukte der Darmbakterien, aber auch emotionale Faktoren wie Stress und Angst können daher Symptome des Reizdarms auslösen. Die Darmmikrobiota beeinflusst eine Reihe von Substanzen, die für die Kommunikation zwischen unserem Darm und dem Gehirn verantwortlich sind. Reizdarmbetroffene haben eine veränderte Darmmikrobiota und leiden somit an einer Störung der Interaktion zwischen Darm und Hirn.

Diagnose und Therapie des Reizdarms

Ein Reizdarm kann sich zurückbilden, verläuft aber meistens chronisch. Er ist nicht heilbar, aber gut therapierbar. Eine gezielte Gut-Brain-Axis Reizdarm-Diagnostik untersucht vier Parameter im Stuhl, die grundlegend die Symptome eines Reizdarms beeinflussen: Histamin, GABA, Tryptophan und Serotonin. Die Bestimmung von diesen Substanzen im Stuhl ist eine wichtige diagnostische Grundlage, um das komplexe Krankheitsbild des Reizdarmsyndroms zu behandeln.

  • Histamin: Zu viel Histamin kann den Reizdarm verstärken, die Darmdurchlässigkeit erhöhen und Entzündungen fördern. Eine FODMAP- und Histamin-arme Ernährung kann helfen, hohe Histaminspiegel zu senken.
  • GABA: GABA reguliert Angst und Stress, verbessert den Schlaf, das Gedächtnis und die Stimmung. Zudem beeinflusst der Neurotransmitter das Schmerzempfinden.
  • Tryptophan: Tryptophan unterstützt die Neubildung und Reparatur der Darmschleimhaut, wirkt entzündungshemmend, unterstützt einen guten Schlaf und wirkt sich positiv auf die Stimmung aus.
  • Serotonin: Ein hoher Serotoninspiegel kann Durchfall und Übelkeit auslösen, während ein niedriger Level Verstopfungen begünstigen kann.

Für die Gut-Brain-Axis Reizdarm-Diagnostik erhält man von einem Arzt oder Therapeuten ein Probenentnahme-Set mit einem Stuhlröhrchen und einer ausführlichen Anleitung. Nach der Probenentnahme wird das Set mit der Stuhlprobe kostenfrei an die darauf aufgedruckte Adresse gesendet. Nach etwa einer Woche erhält der Arzt oder Therapeut einen Befund mit passenden Therapieempfehlungen zur Linderung der Beschwerden. Eine Dysbiose der Darmmikrobiota und das Leaky-Gut-Syndrom sind typisch für viele Reizdarm-Patientinnen und -Patienten. Deshalb wird die Kombination der Gut-Brain-Axis Reizdarm-Diagnostik mit der KyberBiom®-Diagnostik sowie die Bestimmung der Leaky-Gut-Stuhlmarker Zonulin und α1-Antitrypsin empfohlen, um eine ganzheitliche Therapie zu ermöglichen.

Medikamentöse Behandlungen und Forschung

Immer besser verstehen die Mediziner, welche Botenstoffe der Nerven Verstopfung, Durchfall oder Übelkeit verursachen, wenn sie in zu großen oder zu kleinen Mengen vorhanden sind. Deshalb setzen sie gegen diese Leiden vermehrt Medikamente ein, die ursprünglich entwickelt wurden, um das Gleichgewicht der Nervensignalstoffe im Gehirn ins Lot zu bringen, zum Beispiel Antidepressiva. Eine solche Behandlung macht aber nur dann Sinn, wenn das Magen-Darm-Problem nicht Folge einer Infektion ist oder andere körperliche Ursachen hat. Die Störung muss eine funktionelle Störung sein, wie die Mediziner sagen.

Daher untersuchen Mediziner wie Peter Moses von der Universität Vermont die Wirkung von Medikamenten, die ursprünglich nicht zur Magen-Darm-Behandlung vorgesehen waren: "Narkotika, Stimulantien, Canabinoide: Leuten mit funktionellen Magen-Darm-Störungen hilft alles mögliche." Das Ziel ist dabei die Entwicklung neuer Medikamente, die im Prinzip so wirken wie Antidepressiva oder Stimulantien, die aber die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden können und so für einen klaren Kopf bei gutem Magen sorgen.

Aktuelle Forschung zur Darm-Hirn-Achse

Die Erkenntnis, welche Rolle die Bakterien in uns für unsere Gesundheit, "ja sogar für unsere Persönlichkeit zu spielen scheinen, war eine der wichtigsten Entdeckungen der letzten 50 Jahre". Das schreibt der US-Amerikaner Anthony L. Komaroff von der Harvard Medical School zur sogenannten Darm-Hirn-Achse.

Untersuchungen deuten darauf hin, dass Darm und Gehirn nicht nur kommunizieren, sondern sich auch gegenseitig beeinflussen könnten. "Forschungen in den letzten zehn Jahren haben ergeben, dass Darmbakterien unsere Emotionen und kognitiven Fähigkeiten beeinflussen können", so Komaroff, Oberarzt am Brigham and Women's Hospital in Boston. "Zum Beispiel produzieren einige Bakterien Oxytocin, ein Hormon, das unser eigener Körper produziert und das ein erhöhtes Sozialverhalten fördert. Tatsächlich zeigte sich vor allem in Tierversuchen ein Zusammenhang zwischen Darm und Psyche. In Tests wurde der Stuhl von ängstlichen Mäusen in keimfreie Mäuse, die kein Mikrobiom haben, übertragen. Woraufhin diese einen ängstlichen Phänotyp entwickelten, sagt Stengel, der seit 20 Jahren zur Darm-Gehirn-Achse forscht. Die Liste ist lang: Insgesamt weisen Personen mit Stoffwechselstörungen, psychiatrischen Störungen oder neurologischen Erkrankungen im Vergleich zu gesunden Probanden "Unterschiede in der Zusammensetzung und Funktion ihres Mikrobioms auf", sagt die US-amerikanische Neurowissenschaftlerin Jane Foster vom UT Southwestern Medical Center in Dallas. Konkret stehen unsere Darmbakterien Wissenschaftlern zufolge im Zusammenhang mit Erkrankungen oder Störungen, wie Alzheimer, Parkinson, ALS oder Autismus.

Inwiefern das Mikrobiom psychische Störungen oder Hirnerkrankungen tatsächlich entstehen oder aufrechterhalten lassen kann, kann die Forschung nur schwer sagen. Unklar ist nicht nur, inwiefern sich die Erkenntnisse aus Tierstudien auf den Menschen übertragen lassen. "Es ist manchmal gar nicht so leicht, das im echten Leben zu untersuchen", so Stengel. Einen Zusammenhang gebe es zwar deutlich. "Aber was ist Ursache und was ist Folge? Das ist schwierig herauszufinden." Nur beim Reizdarmsyndrom, bei der die Darm-Hirn-Achse gestört ist, wisse man das mittlerweile. Die US-Forscher John F. Cryan und Sarkis K.

Dennoch bieten die Erkenntnisse zur Darm-Hirn-Achse erste Ansätze für Therapien. Zum Beispiel könnten mit Probiotika entsprechende Störungen behandelt werden. "Dazu gibt es schon erste Daten, aber wir sind da noch sehr am Anfang", so Stengel. Auch inwiefern eine Transplantation von dem Stuhl gesunder Menschen in den Darm erkrankter Probanden helfen könnte, wird erforscht. Beim Reizdarmsyndrom etwa gebe es noch keine gute Datenlage zum Stuhl-Transfer. Auch sei das nicht ungefährlich. Zusätzlich sei das Mikrobiom sehr individuell - nicht nur von Mensch zu Mensch. "Heute bin ich aus Tübingen zugeschaltet", sagt Stengel während des Video-Interviews. "Wenn ich mich morgen aus Berlin zuschalten und mich anders ernähren würde, wäre meine mikrobielle Zusammensetzung eine andere - obwohl ich mich womöglich gesundheitlich genau gleich fühlen würde." Auch das erschwere die Forschung. Zwar würden die Messmethoden genauer und die Standardisierung besser, meint Stengel. Ähnlich sieht es Harvard-Professor Komaroff: Die Forschung fange gerade erst an zu verstehen, "wie wir die Mikroben in uns so verändern können, dass unsere Gesundheit verbessert wird". Das könne noch 20 Jahre dauern.

Praktische Tipps für eine gesunde Darm-Hirn-Achse

So wie der Darm unser seelisches Wohlbefinden beeinflusst, schlagen Stress und schlechte Laune auf den Darm. Hier sind einige praktische Tipps, um die Darm-Hirn-Achse positiv zu beeinflussen:

  • Freundschaften pflegen: Verbringen Sie mehr Zeit mit Menschen, die Sie mögen.
  • Das Gespräch suchen: Wenn Sie sich gestresst fühlen, stellen Sie sich die Frage: Wo und von wem bekomme ich positive Resonanz?
  • Im Gleichgewicht bleiben: Zum Leben gehören Anspannungs- und Entspannungsphasen.
  • Achtsam sein: Versuchen Sie, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren.
  • Pflanzliche sowie prä- und probiotische Präparate: Bei Magen-Darmproblemen haben sich pflanzliche sowie prä- und probiotische Präparate bewährt.
    • Präbiotika: Sie ernähren die „guten“ Darmbakterien und sorgen dafür, dass sie sich gut vermehren können.
    • Probiotika: Sie enthalten günstige Mikroorganismen, sodass diese sich im Darm ansiedeln und dadurch die „schädlichen“ Bakterien verdrängen.
  • Gewürze: Verwenden Sie beim Kochen Gewürze, die den Darm entlasten: Kümmel, Fenchelsamen und Anis wirken krampflösend und lindern Blähungen.
  • Arzneitees: Bei Arzneitees aus Ihrer Apotheke ist der Gehalt der Arzneipflanzen und deren Qualität sicher gestellt.

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