Kopfschmerzen und Migräne sind weit verbreitete Gesundheitsprobleme, die viele Menschen betreffen, auch junge. Der Deutsche Schmerzkongress, der von der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. (DMKG) ausgerichtet wird, befasst sich mit neuen Ansätzen zur Diagnose, Therapie und Forschung in der Schmerzmedizin. Der Kongress dient als Plattform für Experten aus Klinik, Praxis, Forschung und Lehre sowie Akteure der Gesundheitspolitik, um Strategien, Forschungstrends und neue Möglichkeiten der optimalen Versorgung und Behandlung von Schmerzpatienten zu erörtern.
Die Bedeutung der Sprache im Umgang mit Schmerzpatienten
Im Umgang mit Schmerzpatienten ist Vorsicht geboten, insbesondere bei der Kommunikation über Schmerzen. Die Psychologin Maria Richter hat das Verhältnis zwischen Schmerz und Sprache untersucht und betont, dass zu viele Gespräche über das Thema für Patienten keineswegs hilfreich sind. Es sollte ein Umdenken beim Sprechen über Schmerz geben.
Emotionale und sensorische Aspekte der Schmerzsprache
Es gibt emotional besetzte Wörter wie "quälend" oder "zermürbend", aber auch eher sensorisch-beschreibende Wörter wie "stechend", "heiß" oder "krampfartig". Diese Worte können im wahrsten Sinne des Wortes wehtun. Negativaussagen werden vom Gehirn trotzdem verarbeitet, unabhängig davon, ob ein "nicht" davorsteht oder nicht.
Die Anfälligkeit für Schmerzsprache
Alle, die häufiger mit Schmerzen konfrontiert sind, nicht nur real, sondern auch die, die häufig über Schmerzen sprechen, haben ein gewisses Risiko, durch die ständige Konfrontation mit solchen Wörtern eine verstärkte Schmerzwahrnehmung zu erleben. Dies betrifft Behandler und chronische Patienten gleichermaßen.
Das richtige Maß finden
Das Gespräch mit Patienten über Schmerzen ist wichtig, erfordert aber ein Gespür für das richtige Maß. Es ist wichtig, genau nachzufragen, um eine gute Diagnosestellung und Aufklärung zu gewährleisten und dem Patienten das Gefühl zu geben, ernstgenommen zu werden. Schmerz ist das häufigste Symptom, das Menschen zum Arzt führt, und sie erwarten, dass ihre Beschwerden ernst genommen werden.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Die Rolle von Pflegern und Angehörigen
Der Umgang mit Schmerzpatienten ist eine Herausforderung für Pfleger und Angehörige, da sie oft noch häufiger Kontakt zu den Betroffenen haben. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass schon einzelne Formulierungen eine große Wirkung entfalten können.
Die Dosis macht das Gift
Es ist immer eine Frage der Dosis. Gar nicht über Schmerz zu sprechen ist keine Lösung, aber man kann auch zu viel darüber sprechen. Es sollte einem bewusst sein, dass manchmal auch schon durch einzelne Formulierungen doch da eine ganz schön große Wirkung entfalten kann.
Interdisziplinäre Behandlung chronischer Schmerzen
Ein zentrales Thema des Deutschen Schmerzkongresses ist die fehlende vernetzte und abgestufte interdisziplinäre Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzen in Deutschland. Betroffene warten oft Jahre auf eine Diagnose und erhalten dann meist nur eine unzureichende Therapie, da der Schmerz als zentrales Symptom vernachlässigt wird.
Ein bio-psycho-sozialer Ansatz ist erforderlich
Schmerzen sind multifaktoriell - anatomische, psychologische und soziale Aspekte spielen eine Rolle. Daher muss die Schmerztherapie nach einem bio-psycho-sozialen Ansatz erfolgen. Patientinnen und Patienten erhalten häufig nur monomodale Therapien, die auf ein Erkrankungssymptom abzielen, was zu einer Verschlimmerung der Schmerzen und deren Chronifizierung führen kann.
Die Notwendigkeit multimodaler Therapien
Chronische Schmerzen sind komplexe Krankheitsbilder, die sich meist nicht schnell mit einer OP, einem Gips oder einer Pille lösen oder gar heilen lassen. Die Therapie sollte aus einem Zusammenspiel beispielsweise aus speziellen ärztlichen Schmerztherapeutinnen und -therapeuten, Physiotherapie und Psychologie bestehen, um Betroffene optimal zu behandeln.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Flächendeckende Versorgung gefordert
Die fehlende flächendeckende Versorgung verschärft das Versorgungsproblem zusätzlich. Patientinnen und Patienten warten oft Monate oder Jahre auf eine adäquate Behandlung. Notwendig sei ein abgestuftes, sektorenübergreifendes Versorgungssystem, das den Zugang zu hochwertiger Schmerztherapie sicherstellt.
Forderungen der Fachgesellschaften
Die Deutsche Schmerzgesellschaft und die DMKG fordern daher eine adäquate Finanzierung und eine Sicherstellung verlässlicher politischer Rahmensetzungen für eine flächendeckende, qualitativ hochwertige, interdisziplinäre und multimodale Schmerztherapie, sowohl ambulant als auch (teil-) stationär. Zudem brauchen wir einheitliche Qualitätsstandards, damit Patientinnen und Patienten darauf vertrauen können, dass dort, wo Schmerzmedizin draufsteht´, auch Schmerzmedizindrin´ ist.
Psychologische Faktoren bei Migräne
Neue Studiendaten vom Deutschen Schmerzkongress zeigen, dass psychologische Mechanismen, wie sie im Fear-Avoidance-Modell (FAM) beschrieben werden - insbesondere das Schmerzkatastrophisieren -, wesentlich zur Beeinträchtigung durch Migräne beitragen. Das FAM beschreibt einen Teufelskreis aus Schmerz, Angst und Vermeidung.
Nichtmedikamentöse Therapien bei Migräne
Heftige pulsierende Kopfschmerzen sind nur ein Symptom von Migräne. Hinzu kommen oft Übelkeit, Erbrechen, Lärm- oder Lichtüberempfindlichkeit. Viele Patienten möchten nicht nur auf Medikamente zurückgreifen. Schon die Beratung und Aufklärung der Patienten führt zu einer klinisch messbaren Kopfschmerzreduktion.
Entspannungsverfahren und Verhaltenstherapie
Entspannungsverfahren wie beispielsweise die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte Progressive Muskelrelaxation (PMR) wirken besonders gut. Die PMR ist zudem gut zu erlernen und kann ohne Aufwand angewandt werden. Bei der PMR wird der Patient selbst aktiv, indem er Muskelgruppen gezielt an- und wieder entspannt. Auch Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) wirkt. Diese geht davon aus, dass jeder Mensch über seine Gedanken sein Erleben und Verhalten beeinflussen kann. Dazu gehört auch, eine reale Belastung, die als Stress wahrgenommen wird, positiv umzudeuten.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie
Eine interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie (IMST), bei der Fachleute aus Schmerzmedizin, Psychologie, Physiotherapie und Pflege eng zusammenarbeiten, führt nachweislich zu besseren Ergebnissen und verhindert Chronifizierung. Eine erfolgreiche Schmerztherapie berücksichtigt immer körperliche, psychische und soziale Faktoren zugleich.
Migräne-Radar: Ursachenforschung mit Bürgerbeteiligung
Forscher der Hochschule Hof gehen mit dem Projekt „Migräne Radar 2.0" dem möglichen Zusammenhang zwischen Migräneattacken und Wetterumschwüngen nach. Auf einer Internetplattform können Betroffene ihre Migräne-Attacken oder Anfälle von Spannungskopfschmerz melden. Anschließend werten die Forscher die Daten wissenschaftlich aus.
Triggerfaktoren für Migräne
Viele Migränepatienten sind fest davon überzeugt, dass das Wetter großen Einfluss auf ihre Krankheit hat. Weitere bekannte Auslöser, auch Trigger genannt, seien Stress, Schlaf- oder Flüssigkeitsmangel, sowie bestimmte Medikamente oder Nahrungsbestandteile. Die Trigger sind jedoch von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und lassen sich daher nur schlecht statistisch erfassen.
Vorteile für Patienten
Die „Radar“-Plattform bietet Patienten einen individuellen Online-Migränekalender, der alle Meldungen eines Patienten bündelt. Dieser kann wie ein Kopfschmerztagebuch genutzt werden und Aufschluss über das Muster der Anfälle und mögliche Trigger geben. Außerdem kann die Übersicht ausgedruckt und dem behandelnden Arzt vorgelegt werden. Registrierte Teilnehmer haben auch Zugriff auf die statistische Auswertung der bislang gemeldeten Daten.
Qualitätsindikatoren in der Schmerzversorgung
Der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V., Professor Dr. med. Michael Schäfer, fordert ein Umdenken in der medizinischen Versorgung und eine konsequente Ausrichtung an der Behandlungsqualität. Dazu müsse die Qualität der Behandlung routinemäßig gemessen und erhoben werden.
Der Schmerzindikator
Angesichts der steigenden Zahl von Menschen mit chronischen Schmerzen appelliert der Präsident der Schmerzgesellschaft an die Gesundheitspolitik, einen „Schmerzindikator“ in allen Kliniken verpflichtend einzuführen. Gute und schlechte Qualität muss endlich systematisch in den Einrichtungen des Gesundheitswesen erhoben werden, und zwar auch zum Thema Schmerz.
Benchmarking-Projekte
Beim Thema postoperative Schmerzen hat beispielsweise das Projekt „Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerztherapie (QUIPS)“ bewiesen, dass ein Qualitätsvergleich möglich und sinnvoll ist. QUIPS ist ein multizentrisches, interdisziplinäres Benchmark-Projekt, bei dem sich teilnehmende Kliniken in Hinblick auf die Qualität ihrer Schmerzversorgung vergleichen können.
KEDOQ-Schmerz
Um zusammen mit niedergelassenen Schmerzexperten und multimodalen Schmerzzentren Qualität zu erfassen, hat die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. in den letzten Jahren ein Register aufgebaut. Mithilfe der „KErnDOkumentation und Qualitätssicherung (KEDOQ-Schmerz)“ ist es möglich, dass sich schmerztherapeutische Einrichtungen, die Patienten mit (chronischen) Schmerzen ambulant, teilstationär oder stationär versorgen, systematisch vergleichen und damit ihre eigene Qualität sichern beziehungsweise fortentwickeln.
Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen
Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Kopfschmerzen und Migräne. Untersuchungen haben gezeigt, dass über 80 % der 12- bis 19-Jährigen in den zurückliegenden sechs Monaten unter Kopfschmerzen litten. Es gibt viele verschiedene Formen mit unterschiedlichen Ursachen und Symptomen.
Triggerfaktoren bei Kindern und Jugendlichen
Es gibt Hinweise, dass extensives Kaugummikauen über mehrere Stunden pro Tag mit mehr Kopfschmerzen einhergeht. Wetterfühligkeit und Wetterveränderungen sind die am häufigsten angegebenen Trigger für Migräneattacken. Nahrungsmittel sind wohl das am meisten untersuchte Gebiet unter den Migränetriggern. Etwa ein Viertel der Migränepatienten ist sensibel auf Alkohol, am ehesten auf französischen Rotwein. Der Geschmacksverstärker Glutamat kann ebenfalls Kopfschmerzen bei Migränepatienten auslösen. Stress und unregelmäßiger Schlaf können Migräneattacken auslösen.
Umgang mit Medikamenten
Es gilt bei Kopfschmerzen und Migräne immer der bestimmungsgemäße Gebrauch. Das bedeutet, man soll Akutmedikamente an maximal 10 Tagen im Monat einnehmen, dann aber so früh wie möglich und auch ruhig in höherer Dosierung.
Heilung von Migräne
Grundsätzlich ist es nicht möglich, Migräne zu heilen. Die Veranlagung bleibt ein Leben lang, sodass immer Attacken auftreten können, auch wenn sie bei den meisten Patienten mit zunehmendem Lebensalter immer seltener kommen.
tags: #schmerzkongress #migrane #umdenken