Die moderne Welt ist geprägt von ständiger Reizüberflutung, die unser Gehirn beeinflusst und potenziell zu Suchtverhalten führen kann. Smartphones, das Internet und soziale Medien sind allgegenwärtig und lösen Dopamin-Schübe aus, die uns in ihren Bann ziehen. Ein aktueller Trend, das Dopamin-Fasten, zielt darauf ab, dieser Reizüberflutung entgegenzuwirken. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle von Dopamin im Suchtverhalten, die Mechanismen des Belohnungssystems im Gehirn und die potenziellen Auswirkungen von Dopamin-Fasten und anderen Strategien zur Reizreduktion.
Dopamin: Mehr als nur ein Glückshormon
Dopamin ist ein Neurotransmitter, ein Botenstoff, der die Kommunikation zwischen Nervenzellen im Gehirn ermöglicht. Entgegen der landläufigen Meinung ist Dopamin jedoch nicht primär für Glücksgefühle verantwortlich. Vielmehr spielt es eine entscheidende Rolle bei der Antizipation von Belohnungen und der Motivation, bestimmte Handlungen auszuführen.
Der Belohnungsmechanismus im Gehirn
"Unser Gehirn schüttet Dopamin aus, wenn es sich in einer Erwartungshaltung befindet", erklärt Martin Korte, Neurobiologe an der TU Braunschweig. Wird diese Erwartung erfüllt, schüttet der Körper zusätzlich Endorphine und körpereigene Opiate aus, was ein Gefühl der Zufriedenheit und des Wohlbefindens hervorruft. Dopamin triggert also den Belohnungsmechanismus im menschlichen Körper. "Man konditioniert sich schnell selbst dazu", sagt Korte.
Dieser Mechanismus ist essenziell für unser Überleben. Er motiviert uns, lebensnotwendigen Tätigkeiten wie Essen, Trinken und Sex nachzugehen. Dopamin spornt uns an, immer noch mehr zu erreichen. Die Belohnung erfolgt dabei nicht nur während der Handlung selbst, sondern bereits im Vorfeld, wenn sich die Handlung ankündigt.
Dopamin und das Suchtgedächtnis
Situationen, die mit Belohnungen einhergehen, werden durch Dopamin "gelikt" und im Suchtgedächtnis abgespeichert. Dies führt zu einer selektiven Aufmerksamkeit: Dinge, die mit Dopamin markiert wurden, werden immer wichtiger. Soziale Medien nutzen diesen Mechanismus, indem sie uns beispielsweise mit netten Kommentaren belohnen und das Handy als Quelle potenzieller Belohnungen im Gedächtnis verankern.
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"Ein Dopamin-Hoch führt zu einer selektiven Aufmerksamkeit", erklärt Prof. Dr. Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.
Die Schattenseite des Belohnungssystems: Suchtverhalten
Die ständige Verfügbarkeit von Reizen, die Dopamin ausschütten, kann jedoch auch negative Folgen haben. Die Jagd nach Dopamin-Ausschüttung wird zu einer Jagd nach Glücksgefühlen. "Diese Glücksgefühle werden immer wieder gesucht", erklärt Wissenschaftler Korte. "Aber je häufiger das passiert, desto geringer ist die Ausschüttung." Die Folge: Es werden immer stärkere Reize benötigt, um das gleiche Glücksgefühl zu empfinden.
Dieser Teufelskreis kann zu Suchtverhalten führen. Substanzen wie Nikotin, Alkohol und Drogen wirken ähnlich wie Botenstoffe oder regen den Körper an, vermehrt Dopamin auszuschütten. Das Belohnungssystem des Gehirns verändert sich dadurch nachhaltig. Fast ausschließlich die Droge vermag nun noch, Glücksgefühle auszulösen.
Verhaltenssüchte
Neben Substanzabhängigkeiten gibt es auch Verhaltenssüchte wie Kaufsucht, Smartphonesucht, Internetsucht, Pornosucht oder Arbeitssucht. Auch hier spielt Dopamin eine zentrale Rolle. Die Betroffenen suchen in diesen Verhaltensweisen eine Ersatzbefriedigung für etwas, was sie nicht anders bekommen.
"Sie dient oft als Ersatzbefriedigung für etwas, was man nicht anders bekommt", sagt Psychologin Chantal Patricia Mörsen. Wer beispielsweise im Job keine Anerkennung oder in der Ehe keine Bestätigung bekomme, der suche positive Gefühle und Erlebnisse auf andere Weise.
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Sucht bei Jugendlichen
Gerade die Gehirne von Jugendlichen reagieren besonders empfindlich auf die Ausschüttung von Dopamin. In der Jugend werden neue Präferenzen gesetzt, und das Dopamin spielt dabei eine große Rolle. Dies birgt die Gefahr, sich stark auf das Handy und soziale Netzwerke auszurichten, was schwer wieder loszuwerden ist.
"Jugendliche leiden unter einem Belohnungs-Mangel-Syndrom", sagt Wolstein. Den Mangel versuchen sie mit Suchtmitteln zu beheben.
Dopamin-Fasten: Ein Trend zur Reizreduktion
Angesichts der ständigen Reizüberflutung und der potenziellen negativen Auswirkungen auf unser Belohnungssystem hat sich das Dopamin-Fasten zu einem aktuellen Trend entwickelt. Dabei verzichtet man in definierten Zeitabschnitten vollständig auf Angewohnheiten mit hohem Suchtpotenzial, wie z.B. Handy, Social Media oder soziale Kontakte im realen Leben.
Ziel des Dopamin-Fastens ist es, durch den Reizentzug einer Überstimulation des Gehirns entgegenzusteuern, die eigene Erwartungshaltung zu drosseln, das Belohnungssystem auszubremsen und so die Stimulation zu verhindern.
Kritik am Dopamin-Fasten
Suchttherapeut Christian Groß hat die Sorge, dass mit dem Dopamin-Fasten ein neuer Trendbegriff definiert wird, der dann ins andere Extrem führt. "Macht man das zu exzessiv, kann man auch in depressive Episoden abrutschen", so der Therapeut. Generell sei der Umgang damit aber eine sehr individuelle Sache. "Genau wie bei der Ernährung muss jeder für sich überlegen, welche Form der Lebensgestaltung sinnvoll und gesund ist", sagt Groß.
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Kurze, exzessive Phasen des Dopamin-Fastens bringen nur unwesentlich etwas, wenn wir uns danach den externen Stimulantien wieder genauso hingeben wie vorher.
Alternativen zum Dopamin-Fasten
Statt eines radikalen Dopamin-Fastens empfehlen Psychologen und Neurobiologen eher einen bewussten Umgang mit Reizen und eine Änderung des Lebensstils. Klare Regeln, wann wir auf reizstimulierende Technologien verzichten, können helfen.
"Das Herstellen einer reizarmen Umgebung halte ich in einer stressreichen Welt für sehr sinnvoll", erklärt Roman Liepelt, Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie an der Fernuniversität in Hagen.
Neurobiologe Korte empfiehlt, den eigenen Lebensstil grundsätzlich zu hinterfragen und bei Bedarf zu ändern. Beispielsweise schauten viele von uns zu häufig am Tag aufs Smartphone.
Neurobiologische Erkenntnisse zur Sucht
Die Suchtforschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und wichtige neurobiologische Mechanismen aufgedeckt, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Suchtverhalten beitragen.
Dopaminspiegel im Entzug
Studien haben gezeigt, dass sich die Dopaminspiegel im Gehirn während des Entzugs verändern. Im akuten Entzug sind die Dopamin-Mengen stark vermindert, was zu Freudlosigkeit und Niedergeschlagenheit führen kann. Nach längerer Abstinenz steigen die Dopamin-Werte jedoch deutlich über das Normalniveau, was zu Impulsivität und verminderter Verhaltenskontrolle führen kann.
"In den ersten ein bis drei Tagen ohne Alkohol weisen die Tiere einen stark verminderten Dopamingehalt im Gehirn auf", so Sommer. "Anschließend schlug die Dopaminsituation in den Gehirnen der Ratten allerdings ins Gegenteil um. Nach rund drei Wochen hatten die Tiere einen erhöhten Dopaminspiegel."
Stress und Dopamin
Psychosozialer Stress kann das Alkoholverlangen verstärken und die Dopaminaktivität im Belohnungssystem erhöhen. Dies unterstreicht die Bedeutung der Erforschung der neurobiologischen Veränderungen des mesolimbischen Systems und der Faktoren, die die Funktion dieses Systems beeinflussen.
Genetische Faktoren
Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle bei der Entstehung von Suchtverhalten. Studien an Mäusen haben gezeigt, dass das Fehlen bestimmter Opioidrezeptoren die Reaktion auf Drogen beeinflusst.
Wege aus der Sucht: Hoffnung auf ein Happy End
Trotz der komplexen neurobiologischen Veränderungen, die mit Sucht einhergehen, gibt es Hoffnung auf ein echtes Happy End.
"Vieles deutet darauf hin, dass sich ein suchtkrankes Belohnungssystem wieder in einen funktionaleren Zustand überführen lässt", so Sommer.
Eine erfolgreiche Therapie erfordert in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen, darunter:
- Psychotherapie: Um die Ursachen der Sucht zu erkennen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Medikamentöse Behandlung: Um Entzugssymptome zu lindern und das Verlangen nach der Suchtmittel zu reduzieren.
- Soziale Unterstützung: Durch Familie, Freunde oder Selbsthilfegruppen.
- Verhaltensänderung: Um neue, gesunde Gewohnheiten zu entwickeln und das Suchtgedächtnis zu überschreiben.