Hirnschrumpfung: Ursachen, Auswirkungen und reversible Prozesse

Das Gehirn ist ein komplexes Organ, das sich im Laufe des Lebens verändert. Eine dieser Veränderungen ist die Hirnschrumpfung, auch bekannt als Hirnatrophie. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Auswirkungen und potenziell reversiblen Prozesse der Hirnschrumpfung.

Was ist Hirnschrumpfung?

Hirnschrumpfung, oder Hirnatrophie, bezieht sich auf den Verlust von Gehirnvolumen. Dies kann verschiedene Bereiche des Gehirns betreffen, insbesondere die graue Substanz in der Hirnrinde, die für kognitive Funktionen wichtig ist. Im Gegenzug können sich die mit Liquor gefüllten Bereiche des Gehirns erweitern.

Ursachen der Hirnschrumpfung

Die Ursachen für Hirnschrumpfung sind vielfältig und nicht immer krankheitsbedingt.

Normaler Alterungsprozess

Mit zunehmendem Alter ist eine Abnahme des Hirnvolumens ein natürlicher Prozess. Ab Mitte 30 beginnt das Gehirn langsam zu schrumpfen, ab 60 beschleunigt sich dieser Prozess auf etwa 0,5 Prozent jährlich und später noch schneller. Bis zum Greisenalter kann das Gehirn im Schnitt elf Prozent seines Gewichts einbüßen.

Neurodegenerative Erkrankungen

Neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit, die Parkinson-Krankheit und die Huntington-Krankheit können zu einer Hirnschrumpfung führen. Bei diesen Erkrankungen sterben Nervenzellen ab, was zu einem Volumenverlust im Gehirn führt.

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Mangelernährung

Eine Mangelernährung über längere Zeit kann sich negativ auf das Gehirn auswirken. Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus an der TU Dresden haben den reversiblen Prozess untersucht und mithilfe von Biomarkern nach möglichen Ursachen für die Veränderungen in der Hirnrinde gesucht. Eine Mangelernährung über längere Zeit wirkt sich vermutlich auch auf die Astrozyten aus. Werden diese Gliazellen, die an vielen wichtigen Hirnfunktionen beteiligt sind, beschädigt, lässt sich im Serum eine erhöhte Konzentration des GFA-Proteins nachweisen. Dies war in einer Studie in der Gruppe der akuten Anorexie-Patientinnen der Fall.

Anorexie

Bei magersüchtigen Patienten lässt sich beobachten, dass nicht nur die kognitive Leistungsfähigkeit sinkt, sondern auch das Gehirn schrumpft. Betroffen ist davon vor allem die graue Substanz in der Hirnrinde. Im Gegenzug erweitern sich die mit Liquor gefüllten Bereiche des Gehirns. In einer Studie wurden Blutuntersuchungen bei 54 magersüchtigen jungen Mädchen und Frauen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren zu Beginn ihrer Akuttherapie und nach einer deutlichen Gewichtszunahme durchgeführt. Ergänzend gab es eine Kontrollgruppe mit ebenso 54 jungen, normalgewichtigen Studienteilnehmerinnen. So fanden sich im Blut der Anorexie-Patientinnen jeweils erhöhte Konzentrationen von Tau-Protein und Neurofilament light (NF-L), zwei Bestandteile von Neuronen, die hauptsächlich in den Axonen vorkommen. Diese Ergebnisse weisen auf mögliche Schädigungen der Neuronen im akuten Stadium der Anorexie hin.

Rauchen

Langjährige Raucher haben tendenziell ein kleineres Gehirn. Vor allem die graue Substanz bildet sich unter dem Einfluss des giftigen Rauches zurück. Eine Studie hat gezeigt: Je mehr und je länger eine Person rauchte, desto geringer war tendenziell ihr Hirnvolumen. Personen, die täglich rauchten, hatten im Schnitt ein um 3.360,95 mm³ kleineres Gehirn. Im Laufe einer Rauchkarriere gehen offenbar etliche Nervenzellen zugrunde, was für eine beschleunigte Hirnalterung sprechen könnte.

Stress

Traumatische Ereignisse können das Vorderhirn schrumpfen lassen. Eine Studie aus dem Jahr 2012 untersuchte die Gehirne von Menschen, die in ihrem Leben traumatische Erlebnisse erlitten haben. Die Ergebnisse zeigten, dass eine Reihe unterschiedlicher Regionen in den Gehirnen von traumatisierten Personen, verglichen mit nicht-traumatisierten Personen, kleiner waren. Sämtliche Hirnregionen, die bei traumatisierten Personen kleiner waren (insbesondere das Vorderhirn und die Insula), sind für komplexe kognitive Prozesse sowie Emotion- und Selbstkontrolle verantwortlich. Eine Hypothese ist, dass traumatische Erlebnisse extremen Stress auslösen. Diese Extremsituation signalisiert dem Gehirn wiederum, dass es seine Struktur ändern muss, um den Gegebenheiten der Umwelt angepasst zu sein.

Alkohol

Menschen, die viel Alkohol trinken, weisen im Schnitt eine signifikant stärkere Abweichung des geschätzten Hirnalters gegenüber dem tatsächlichen Alter auf, als solche, die sich nur selten ein Glas gönnen.

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Hohe Cortisolwerte

Hohe Cortisolwerte können mit kognitiven Defiziten und hirnstrukturellen Veränderungen zusammenhängen. Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen mit hohen Cortisolspiegeln ein verringertes Großhirnvolumen aufweisen, wobei vor allem Parietal- und Frontallappen betroffen sind.

Auswirkungen der Hirnschrumpfung

Die Auswirkungen der Hirnschrumpfung hängen von den betroffenen Hirnarealen und dem Ausmaß des Volumenverlusts ab. Mögliche Folgen sind:

  • Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrationsprobleme, Gedächtnisverlust, Schwierigkeiten beim Denken und Problemlösen.
  • Emotionale Veränderungen: Stimmungsschwankungen, erhöhte Reizbarkeit, Angstzustände, Depressionen.
  • Motorische Störungen: Schwierigkeiten bei der Bewegungskoordination, Zittern, Steifheit.
  • Verhaltensänderungen: Apathie, sozialer Rückzug, Verlust des Interesses an Aktivitäten.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jede im Gehirn-MRT entdeckte Schrumpfung auf das Vorliegen einer Krankheit hinweist. Dennoch sollte jedes Symptom oder Zeichen ernst genommen und von einem Facharzt bewertet werden.

Reversible Prozesse und Erholung des Gehirns

In einigen Fällen kann die Hirnschrumpfung reversibel sein.

Erholung bei Anorexie

Im Therapieverlauf mit Gewichtszunahme scheint sich das Gehirn zu erholen. Der Volumenverlust schwindet und die NF-L- sowie GFA-Proteinkonzentrationen sinken wieder ab. Sie gleichen sich den Werten der normalgewichtigen Kontrollgruppe an.

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Stressreduktion

Jenen Männern in einer Studie, die selbstbewusst, konkurrenzfreudig und hochgradig gestresst waren, eine gesunde Frau hatten und seit mindestens fünf Jahren vergebens auf Nachwuchs hofften, verordnete der Wissenschaftler ein viermonatiges, standardisiertes Programm zur Stressreduktion. In einer Paartherapie wurden zudem private Spannungen abgebaut. In diesen vier Monaten sind bei 7 von 15 Paaren Schwangerschaften eingetreten.

Verhaltensänderung

Die schädlichen Wirkungen von Stress auf das Nervensystem scheinen weitgehend reversibel zu sein. Körperliche Aktivität, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Pausen können helfen, Stress abzubauen.

Waldspitzmaus

Die Waldspitzmaus ist eine von nur wenigen Säugetierarten die ihr Gehirn flexibel schrumpfen und wieder wachsen lassen können. Ihr Gehirn schrumpft vom Sommer bis zum späten Winter und wächst dann im Frühjahr wieder nach. Wissenschaftler nennen diese umkehrbare Größenveränderung "Gehirnplastizität" und man nimmt an, dass sie dazu dient bei Nahrungsknappheit Energie zu sparen.

Was können wir von Spitzmäusen lernen?

Das Schrumpfen des Gehirns ist beim Menschen in der Regel ein Anzeichen für eine Krankheit wie Alzheimer. Bei Spitzmäuse hingegen kann das Gehirn schrumpfen, ohne dass dabei essentielle Funktionen beeinträchtigt werden oder Schäden entstehen. Spitzmäuse könnten zu einem Modellsystem für die Erforschung potenzieller Wege zur medizinischen Behandlung von Erkrankungen des menschlichen Gehirns werden. Die Ergebnisse der Studie weisen auf eine mögliche Antwort hin. Die meisten Hirnregionen schrumpften im Winter und die Verschiebungen im Wasserhaushalt waren konsistent. Es war weniger Wasser in den Zellen und mehr Wasser um sie herum vorhanden. Der Neokortex und das Kleinhirn wichen jedoch von diesem allgemeinen Muster ab. Diese Regionen sind für kognitive Fähigkeiten wie das Gedächtnis und die Kontrolle von Bewegungen zuständig. Die Spitzmäuse scheinen ihr Gehirn für den Winter ähnlich anzupassen, wie wir die Heizung in einem Haus: die wichtigsten Räume werden beheizt während wir in anderen Bereichen die Leistung drosseln.

Prävention und Schutz des Gehirns

Auch wenn nicht alle Ursachen der Hirnschrumpfung beeinflussbar sind, gibt es Maßnahmen, die ergriffen werden können, um die Gesundheit des Gehirns zu fördern und den altersbedingten Abbau zu verlangsamen:

  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten kann das Gehirn mit wichtigen Nährstoffen versorgen.
  • Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität fördert die Durchblutung des Gehirns und kann das Wachstum neuer Nervenzellen anregen.
  • Geistige Aktivität: Kognitives Training, wie z.B. das Lösen von Rätseln, das Erlernen neuer Fähigkeiten oder das Spielen von Musikinstrumenten, kann die geistige Leistungsfähigkeit erhalten und verbessern.
  • Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung, wie z.B. Meditation, Yoga oder autogenes Training, können helfen, den Cortisolspiegel zu senken und das Gehirn vor den schädlichen Auswirkungen von Stress zu schützen.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum kann das Risiko einer Hirnschrumpfung verringern.

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