Die steigende Zahl von Demenzerkrankungen weltweit stellt eine wachsende Herausforderung für die Gesellschaft dar. Während die Forschung intensiv nach Möglichkeiten sucht, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder gar aufzuhalten, rückt die Prävention immer stärker in den Fokus. Eine viel zitierte Übersichtsarbeit von internationalen Fachleuten um Gill Livingston vom University College London aus dem Jahr 2020 beschreibt zwölf beeinflussbare Faktoren, die für rund 40 Prozent der Demenzfälle weltweit verantwortlich sein sollen. Bei ihnen anzusetzen, könnte daher zahlreichen Erkrankungen vorbeugen. Zu diesen Faktoren gehören neben Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, niedrigem Bildungsniveau und sozialer Isolation auch psychische Störungen. In diesem Artikel werden wir uns mit dem Einfluss von Stress auf die Entstehung von Demenz auseinandersetzen.
Die Risikofaktoren für Demenz
Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren, die das Entstehen einer Demenz begünstigen können. Einige davon sind nicht beeinflussbar, wie beispielsweise das Alter oder die genetische Veranlagung. Andere Risikofaktoren können jedoch durch einen gesunden Lebensstil und gezielte Maßnahmen reduziert werden. Zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren gehören:
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Sie belasten die Gefäße oder den Stoffwechsel - etwa durch Bluthochdruck, hohe Blutzucker- oder Cholesterinwerte.
- Entzündungen: Sie fördern Entzündungen oder schädliche Ablagerungen im Gehirn.
- Kognitive Reserve: Sie schwächen die kognitive Reserve, also die Widerstandskraft des Gehirns gegenüber Schäden.
Besonders wichtig ist, dass das Demenzrisiko deutlich steigt, wenn mehrere Risikofaktoren gleichzeitig vorliegen. Positiv ist jedoch, dass oft mehrere Risiken gleichzeitig verringert werden können, wenn man an einer Stelle ansetzt.
Stress als Risikofaktor für Demenz
Fast jeder Mensch hat zu einem gewissen Grad mit Stress zu kämpfen. Dass Stress sich negativ auf unsere Gesundheit auswirkt, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist vielleicht, dass Stress auch Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen auslösen kann, die uns im Alltag massiv beeinträchtigen, z.B. Vergessen von Vorhaben, Terminen, Aufträgen, Störungen der Merkfähigkeit und der Konzentration, Wortfindungsstörungen, Blockaden beim Abruf von Gedächtnisinhalten (z.B. Die Betroffenen denken häufig zunächst an eine beginnende Alzheimer-Krankheit und suchen uns auf. Wir stellen in solchen Fällen aber keine organische Erkrankung des Gehirns fest. Bei sehr großem, aber auch bei chronischem Stress können Stresshormone die Gedächtniszentrale im Gehirn überlasten, und es kommt zu Blockaden und Aussetzern. Außerdem neigen Menschen im Stress dazu, innerlich abgelenkt zu sein: Sie grübeln über vergangene Konfliktsituationen und zukünftige Schwierigkeiten. Wenn man nun diese Gedächtnisaussetzer an sich bemerkt, setzt manchmal ein psychischer Prozess ein, der in einen „Teufelskreis" einmündet: Man bemerkt die Gedächtnisfehler und macht sich Sorgen darüber, dass etwas mit einem nicht stimmen könnte. Nun schenkt man den Gedächtnisfehlern wiederum mehr Beachtung. So entsteht wieder neuer Stress und der Teufelskreis schließt sich.
Stress am Arbeitsplatz, Liebeskummer oder der Tod eines Familienmitglieds können extrem belastende Lebensereignisse darstellen, die häufig depressive Phasen auslösen. Eine langjährige Studie zeigt, dass Menschen, die in der Mitte ihres Lebens viel Kummer haben, im Alter häufiger an Alzheimer oder Demenz erkranken. Stresshormone sind noch lange nach der belastenden Zeit in erhöhter Anzahl im Organismus vorzufinden.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Wie Stress das Gehirn beeinflusst
"Dauerstress lässt das Gehirn schrumpfen, was nichts anderes heißt, als dass Nervenzellkontakte, Nervenbahnen und letztendlich Nervenzellen absterben", erklärt Konrad Beyreuther, Molekularbiologe und Leiter des Netzwerks Altersforschung an der Universität Heidelberg. Verursacht werde dies durch die Ausschüttung von zu vielen Stresshormonen.
Stress aktiviert im Körper zwei sogenannte Stressachsen:
- Der Hypothalamus regt über die Hypophyse die Nebennierenrinde zur Cortisol-Bildung an. Cortisol dient der Bereitstellung von Energie.
- Der Hypothalamus stimuliert über den Sympathikus das Nebennierenmark zur Adrenalin-Freisetzung. Adrenalin erhöht unter anderem die Herzfrequenz.
Diese Mechanismen können langfristig negative Auswirkungen auf das Gehirn haben:
- Erhöhter Blutdruck: Durch Stress steigt auf Dauer der Blutdruck. Bei höherem Blutdruck werden Studien zufolge der Stress, aber auch Schmerzen weniger wahrgenommen und die Kognition verbessert sich - zumindest kurzfristig.
- Adipositas: Auf Dauer führt Stress zu einer erhöhten Nahrungszufuhr.
- Direkte Hirnschäden: Hypertonie wirkt sich auch direkt auf das Gehirn aus und führt zu Marklagerläsionen (Schäden der weißen Substanz) und Mikroinfarkten.
Psychische Erkrankungen und Demenz
Ein Team um Leah Richmond-Rakerd von der University of Michigan in Ann Arbor demonstrierte 2022 in einer groß angelegten Studie den Einfluss psychischer Erkrankungen auf das Demenzrisiko. Die Analyse von Daten von 1,7 Millionen Menschen in Neuseeland, die zwischen 1967 und 2018 erhoben worden waren, zeigte, dass Personen mit einer Angststörung, Depression oder einer bipolaren Störung etwa viermal so oft an Demenz erkrankten. Menschen mit Psychose oder Schizophrenie erkrankten sogar sechsmal häufiger als mental gesunde Vergleichspersonen. Zudem begann der geistige Abbau bei den Vorerkrankten im Schnitt 5,6 Jahre früher.
Forschungsprojekt zum Thema Stress und Alzheimer
Dr. Dianna de Vries vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn untersucht, ob längere Zeiträume, in denen Stress empfunden wird, das Risiko für die Alzheimer-Krankheit erhöht. Im Rahmen der Rheinland Studie werden Daten von Studienteilnehmenden zu Stressempfinden, Immunaktivierung und Hirngesundheit wie Kognition, Bildgebung und Blut-Biomarkern ausgewertet. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen empfundenem Stress und Hirngesundheit besser zu verstehen und herauszufinden, ob dieser Zusammenhang indirekt durch die Aktivierung des Immunsystems geschieht.
Lesen Sie auch: Sicher Autofahren mit Parkinson: Ein Leitfaden für Deutschland
Weitere Risikofaktoren und ihre Auswirkungen
Neben Stress gibt es noch weitere Faktoren, die das Demenzrisiko beeinflussen können:
- Erhöhtes Cholesterin: Vor allem bei Menschen unter 65 Jahren kann erhöhtes Cholesterin die Ablagerung von schädlichen Proteinen wie Amyloid-beta und verändertem Tau im Gehirn fördern, beides typische Merkmale der Alzheimer-Krankheit. Zudem belastet zu viel Cholesterin die Blutgefäße und steigert das Risiko für Schlaganfälle und damit auch für eine vaskuläre Demenz.
- Kopfverletzungen: Schwere oder wiederholte Kopfverletzungen erhöhen das Risiko für Demenzerkrankungen wie Alzheimer und die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE). Sie können Entzündungen im Gehirn auslösen und die Ablagerung von Amyloid-beta und Tau fördern.
- Bewegungsmangel: Wer sich im Alltag kaum bewegt, erhöht sein Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Bewegungsmangel beeinträchtigt die Durchblutung des Gehirns, schwächt Nervenzellen und begünstigt den geistigen Abbau.
- Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko für Alzheimer und vaskuläre Demenz - vor allem durch die negativen Auswirkungen auf Herz, Gefäße und Gehirn. Auch Entzündungen und zellschädigende Prozesse im Gehirn können durch Rauchen gefördert werden.
- Übergewicht: Übergewicht - besonders im mittleren Lebensalter - erhöht das Risiko, später an einer Demenz zu erkranken. Besonders problematisch ist Bauchfett, also das Fettgewebe um die Organe im Bauchbereich. Seine Botenstoffe fördern hohen Blutdruck, entzündliche Erkrankungen und belasten die Gefäße.
- Alkoholkonsum: Wer regelmäßig viel Alkohol trinkt, riskiert mehr als einen Kater. Studien zeigen: Schon mehr als drei Liter Bier oder zwei Liter Wein pro Woche führt zum Verlust der grauen Masse im Gehirn und damit zu einem höheren Risiko für alle Formen der Demenz.
- Soziale Isolation: Soziale Isolation bedeutet, dass ein Mensch nur selten Kontakt zu anderen hat. Eine solche Isolation kann das Risiko erhöhen, an Demenz zu erkranken, da das Gehirn Anregung braucht.
- Luftverschmutzung: Feine Partikel aus Abgasen, Industrie, Holz- und Kohleöfen können Entzündungen auslösen, die Gefäße schädigen und langfristig die geistige Gesundheit beeinträchtigen. Vor allem Feinstaub steht im Verdacht, das Demenzrisiko zu erhöhen.
- Sehschwäche: Wenn das Sehvermögen nachlässt und nicht ausgeglichen wird, gehen dem Gehirn wichtige Reize verloren. Studien zeigen: Menschen mit unbehandelten Sehschwächen haben ein deutlich höheres Risiko, an Demenz zu erkranken.
- Hörverlust: Wenn das Gehör nachlässt, verarbeitet das Gehirn weniger Reize - es muss mehr Energie aufbringen, um Sprache zu verstehen.
Was tun gegen Stress und zur Demenzprävention?
Leider lassen sich belastende Erlebnisse im Leben nicht vermeiden. Doch man kann durch einfache Mittel dafür sorgen, sie besser verarbeiten zu können. "Um Stress und Krisen bewältigen zu können, sollte man soziale Kontakte pflegen und sich viel bewegen", sagt Beyreuther. Bei einer diagnostizierten Depression helfe eine medikamentöse- oder eine klassische Psychotherapie.
Weitere Maßnahmen zur Stressbewältigung und Demenzprävention sind:
- Gesundheitserziehung: Eine frühe Sensibilisierung für diese Themen und eine Gesundheitserziehung schon in der Schule sind notwendig.
- Stressprävention: Verfahren wie Autogenes Training, Achtsamkeitsverfahren oder Biofeedback können eingesetzt werden.
- Soziale Kontakte pflegen: Gespräche, Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten halten das Gehirn wach und leistungsfähig.
- Geistige Anregung: Geistige Anregung in jungen Jahren schützt das Gehirn - besonders durch den Aufbau sogenannter kognitiver Reserven.
- Regelmäßige Bewegung: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive Bewegung pro Woche.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse undBallaststoffen ist wichtig für die Gesundheit des Gehirns.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und Übergewicht sollten vermieden werden.
- Regelmäßige ärztliche Kontrollen: Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte und Diabetes sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden.
Demenz: Symptome, Diagnose und Behandlung
Demenzen entwickeln sich meist schleichend. Anfangs tun sich Betroffene immer schwerer damit, neue Informationen abzuspeichern. Oft lässt auch ihre Orientierung nach. Mit der Zeit verblassen Erinnerungen. Für die meisten Patientinnen und Patienten ist der Alltag irgendwann ohne Hilfe nicht mehr zu stemmen; sie brauchen dauerhaft Pflege und Betreuung.
Symptome
Die ersten Warnzeichen für Demenz zeigen sich meist in Gedächtnis- und Orientierungsproblemen. Menschen mit einer beginnenden Demenz haben Schwierigkeiten mit gewohnten Aufgaben oder können dem Gesprächsverlauf in einer Gruppe nicht mehr richtig folgen. Auch auffällige Veränderungen in der Stimmungslage oder dem Verhalten können am Beginn einer Demenzerkrankung stehen.
Lesen Sie auch: Corona und das Gehirn: Was wir wissen
Es ist wichtig zu beachten, dass alle Symptome auch andere Ursachen haben können. Wenn Sie jedoch häufig und über längere Zeit Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Konzentration oder der Orientierung feststellen, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.
Diagnose
Die Diagnose von Demenzerkrankungen lässt sich bei den meisten Betroffenen mit einfachen Mitteln stellen. Auch die Alzheimer-Krankheit kann mit geringem diagnostischen Aufwand gut erkannt werden. Die Ärztin oder der Arzt muss bei Patientinnen und Patienten mit Störungen des Gedächtnisses, der Orientierung, der Sprache oder des Denk- und Urteilsvermögens eine sorgfältige Untersuchung durchführen, um behebbare Ursachen dieser Leistungsstörungen auszuschließen, einen individuell abgestimmten Behandlungsplan zu entwerfen und die Betroffenen und ihre Familien aufzuklären und zu beraten.
Behandlung
Bisher gibt es keine Möglichkeit, den geistigen Abbau zu stoppen oder umzukehren - erhältliche Therapien können den Prozess lediglich verlangsamen und Betroffene sowie Angehörige dabei unterstützen, mit der neurodegenerativen Krankheit zurechtzukommen. In der Behandlung von Menschen mit einer Demenzerkrankung spielen Medikamente eine wichtige Rolle. Sie werden in erster Linie zur Stabilisierung der geistigen Leistungsfähigkeit und der Alltagsbewältigung sowie zur Milderung von psychischen und verhaltensbezogenen Symptomen eingesetzt.
Neben der medikamentösen ist die nicht-medikamentöse Behandlung von Menschen mit Demenz von großer Bedeutung. Sie kann die geistige Leistungsfähigkeit und Alltagsfähigkeiten fördern, Verhaltensstörungen abschwächen und das Wohlbefinden verbessern.