Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) ist eine nicht-invasive Behandlungsmethode, die darauf abzielt, die Sauerstoffversorgung des Körpers zu verbessern, insbesondere in schlecht durchbluteten oder geschädigten Bereichen. Sie basiert auf dem Prinzip, dass ein erhöhter Sauerstoffgehalt im Blut und Gewebe die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen und die Gesundheit der Zellen stärken kann. Die HBOT wird in Kliniken und spezialisierten Zentren weltweit eingesetzt, um verschiedene Gesundheitsprobleme zu behandeln oder ergänzend zu unterstützen.
Grundlagen der hyperbaren Sauerstofftherapie
Die HBOT basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: Patient:innen atmen in einer Druckkammer unter erhöhtem Umgebungsdruck (meist 2 bis 3 atm) 100 % reinen Sauerstoff ein. Durch diesen Überdruck kann sich deutlich mehr Sauerstoff im Blutplasma lösen als unter normalen Bedingungen. Der so erreichte Sauerstoffüberschuss hat tiefgreifende biologische Effekte auf den gesamten Körper, insbesondere auf Zellebene.
Normalerweise wird der in der Luft enthaltene Sauerstoff an die roten Blutkörperchen gebunden und vom Blutstrom zu den Geweben transportiert. Durch die hyperbare Atmosphäre wird der Sauerstoff jedoch nicht nur durch die roten Blutkörperchen transportiert, sondern auch auf dem Wege der physikalischen Lösung in Körperflüssigkeiten. So erreicht der Sauerstoff jede Körperregion.
Wirkmechanismen der HBOT
Die HBOT beeinflusst verschiedene Prozesse im Körper positiv:
- Förderung der Wundheilung: Selbst bei chronischen oder schlecht heilenden Wunden wird die Heilung durch die verbesserte Sauerstoffversorgung des Gewebes gefördert.
- Stimulation der Zellregeneration: Geschädigtes Gewebe kann sich schneller erholen, da die Zellregeneration angeregt wird.
- Verbesserte Durchblutung: Durch die Neubildung von Kapillaren (Angiogenese) wird die Durchblutung verbessert.
- Reduktion von Entzündungen und Schwellungen: Dies ist besonders bei Bestrahlungsschäden von Bedeutung.
- Verbesserte Infektabwehr: Die Aktivierung weißer Blutkörperchen stärkt die Infektabwehr.
- Entgiftende Wirkung: Die HBOT kann bei CO-Vergiftungen oder Tauchunfällen entgiftend wirken.
- Positive Effekte auf das Nervensystem: Die HBOT kann positive Auswirkungen auf das Nervensystem haben, was insbesondere bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall von Interesse ist.
Anwendung der HBOT bei Schlaganfall
Ein Schlaganfall ist eine schwerwiegende Erkrankung, bei der die Blutversorgung des Gehirns unterbrochen wird, was zu einer Schädigung des Hirngewebes führt. Die Regeneration des geschädigten Gehirns benötigt mehr Sauerstoff, als der Körper aus der normalen Umgebungsluft zur Verfügung stellen kann. Hier setzt die HBOT an, indem sie die Sauerstoffsättigung im Körper verbessert und so die Heilungsprozesse im Gehirn unterstützt.
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Sauerstoffmangel im Gehirn als pathophysiologische Grundlage
Die pathophysiologische Rationale für den Einsatz der HBO basiert auf der Beobachtung, dass eine Hypoxie die Aggregation von alpha-Synuklein fördern und damit die Neurodegeneration beschleunigen kann. Die Regeneration des geschädigten Gehirns benötigt mehr Sauerstoff, als unser Körper aus der normalen Umgebungsluft zur Verfügung stellen kann. Bei der Hyperbar-Therapie atmen die Patienten unter Überdruck in unserer Druckkammer medizinisch reinen Sauerstoff ein, der dann über die Lunge ins Blut weitergegeben wird. Durch die sogenannte hyperbare Atomsphäre im Raum gelangt so das bis zu 20-fache an Sauerstoff in den Blutkreislauf des Körpers.
Studienlage zur Wirksamkeit der HBOT bei Schlaganfall
Die Studienlage zur Wirksamkeit der HBOT bei Schlaganfall ist noch nicht eindeutig. Einige Studien deuten auf positive Effekte hin, während andere keine signifikanten Verbesserungen zeigen.
- Einige Studien mit einem protektiven Effekt verwendeten 2,0-3,0 ata.
- Es gab Hinweise darauf, dass HBO 2,5 ata (aber nicht 1,5 ata) der NBO überlegen war.
- HBO die Hypoxie in der Penumbra reduziert. Hypoxiesensorsystem HIF-1a und hat antiapoptotische Effekte.
Dr. Osman Shabir von der University of Sheffield dämpft allerdings die Erwartungen, da die israelische Studie mit nur sechs Probanden zu klein sei, um daraus belastbare Schlüsse zu ziehen.
Praktische Aspekte der HBOT-Anwendung
Eine Therapiesitzung dauert in der Regel zwischen 60 und 90 Minuten. Patient:innen nehmen bequem Platz - im Sitzen oder Liegen - in einer speziell dafür ausgestatteten Druckkammer. Der Umgebungsdruck wird langsam erhöht. Nach der Behandlung wird der Druck sanft wieder abgesenkt. Während der gesamten Sitzung steht geschultes medizinisches Personal zur Verfügung. Je nach Indikation werden zwischen 20 und 60 Sitzungen empfohlen - üblicherweise über mehrere Wochen hinweg.
Allerdings ist die HBO für den breiten Einsatz in dieser Patientengruppe derzeit nicht geeignet: 60 einstündige Sitzungen in einer Druckkammer seien für die meisten Betroffenen nicht machbar, da die Kammern nicht transportabel seien und für die Therapie eigens eine Klinik aufgesucht werden müsse. Hinzu kämen die hohen Kosten der Behandlung.
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Weitere Anwendungsgebiete der HBOT
Die HBOT wird nicht nur bei Schlaganfall, sondern auch bei einer Vielzahl anderer Erkrankungen eingesetzt, darunter:
- Kohlenmonoxid-Vergiftung
- Gas- bzw. Luftembolie
- Dekompressionserkrankung
- Clostridiale Myonekrose (Gasbrand)
- Schwere nekrotisierende Weichteilinfektionen
- Akuter idiopathischer oder lärmbedingter Hörverlust
- Schwere & therapierefraktäre, chronische Wundheilungsstörungen
- Minderdurchblutete Gewebetransplantate
- Knocheninfarkte (Knochennekrosen) des Unterkiefers nach Bestrahlung
- Akuter Tinnitus mit oder ohne Hörverlust
- Chronisch-therapierefraktäre Knochenentzündungen des Unterkiefers
Zusätzlich werden weitere Einsatzmöglichkeiten untersucht, beispielsweise bei COVID-19, Krebserkrankungen und Hirnverletzungen.
Sicherheit und Durchführung der HBOT
Die HBOT gilt als sehr sicheres Verfahren, das unter kontrollierten Bedingungen und medizinischer Begleitung durchgeführt wird. In seltenen Fällen kann es zu einem leichten Druckgefühl auf den Ohren, Kopfschmerzen oder Müdigkeit kommen.
Vor Beginn der Behandlung erfolgt eine gründliche Untersuchung, um die Druckkammertauglichkeit des Patienten festzustellen und die medizinische Vorgeschichte zu erheben. Während der Behandlung steht das medizinische Personal in ständigem Sicht- und Sprechkontakt mit dem Patienten.
Kosten und Verfügbarkeit
In Deutschland ist die HBOT in bestimmten Anwendungsfeldern, wie beispielsweise beim diabetischen Fußsyndrom, eine Kassenleistung. In anderen Fällen, wie beispielsweise bei der Behandlung von Strahlenspätfolgen, ist die HBOT in der Regel eine Selbstzahlerleistung.
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Die HBOT wird ausschließlich in spezialisierten medizinischen Zentren angeboten, die über entsprechende Ausstattung und qualifiziertes Fachpersonal verfügen.
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