Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) bei Migräne: Eine innovative Behandlungsoption

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Licht- oder Geräuschempfindlichkeit. Die Lebensqualität der Betroffenen kann erheblich beeinträchtigt sein. Während viele Patienten mit Medikamenten gut zurechtkommen, suchen andere nach alternativen oder ergänzenden Behandlungen. Hier kommt die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) ins Spiel.

Was ist die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO)?

Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) ist eine medizinische Behandlung, bei der Patienten in einer Druckkammer medizinisch reinen Sauerstoff unter einem höheren Druck als dem normalen atmosphärischen Druck atmen. Dies führt zu einer signifikanten Erhöhung der Sauerstoffkonzentration im Blut und in den Körperflüssigkeiten.

Normalerweise wird der in der Luft enthaltene Sauerstoff an die roten Blutkörperchen gebunden und vom Blutstrom zu den Geweben transportiert. In diesem Fall benötigt der kranke oder verletzte Organismus jedoch mehr Sauerstoff, als aus der Umgebungsluft gewonnen werden kann. Durch die hyperbare Atmosphäre wird zudem der Sauerstoff nicht nur durch die roten Blutkörperchen transportiert, sondern auch auf dem Wege der physikalischen Lösung in Körperflüssigkeiten. So erreicht der Sauerstoff jede Körperregion.

Die Regeneration des geschädigten Gehirns benötigt mehr Sauerstoff, als unser Körper aus der normalen Umgebungsluft zur Verfügung stellen kann. Bei der Hyperbar-Therapie atmen die Patienten unter Überdruck in unserer Druckkammer medizinisch reinen Sauerstoff ein, der dann über die Lunge ins Blut weitergegeben wird. Durch die sogenannte hyperbare Atomsphäre im Raum gelangt so das bis zu 20-fache an Sauerstoff in den Blutkreislauf des Körpers.Die Hyperbar-Therapie verbessert so die Sauerstoffsättigung im Körper.

Wie wirkt die HBO bei Migräne?

Die Wirkung der HBO bei Migräne beruht auf mehreren Mechanismen:

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  • Vasokonstriktion: Durch die resultierende hohe Sauerstoffkonzentration im Blut wird innerhalb weniger Minuten eine Kontraktion (Engstellung) der Blutgefäße im Gehirn bewirkt. Damit kann der für die Migräne ursächliche Gefäßerweiterung wirksam und schnell entgegengewirkt werden.
  • Erhöhte Sauerstoffversorgung: Die HBO verbessert die Sauerstoffversorgung des Gehirns, was bei Migräne von Bedeutung sein kann, da einige Studien eine Rolle von Sauerstoffmangel bei der Entstehung von Migräne vermuten lassen.
  • Entzündungshemmung: Die HBO kann entzündungshemmende Effekte haben, die ebenfalls zur Linderung von Migräneschmerzen beitragen können. Die HBO-Therapie reduziert den Sauerstoffmangel in unterversorgten bzw. abgestorbenen Zellaralen und kann so u.a dazu beitragen, Entzündungen zu heilen, Immunreaktionen zu optimieren und Abwehrmechanismen zu fördern.

Anwendung der HBO bei Migräne

Die HBO kann sowohl zur Akutbehandlung als auch zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden:

  • Akutbehandlung: Bei einem akuten Migräne-Anfall kann die hyperbare Sauerstofftherapie auch einmalig eingesetzt werden. So können insgesamt längere migränefreie Intervalle ermöglicht und die Intensität der folgenden Migräne deutlich gesenkt werden. Die HBO-Therapie kann akut einen Migräneanfall effizient abfangen, bevor dieser vollständig ausbricht. Erleben Sie bereits in der ersten Sitzung, nach wenigen Atemzügen eine Linderung von Schmerzen.
  • Vorbeugung: Eine Behandlungsserie in der Therapiedruckkammer mit etwa zehn Behandlungen kann die Anfallshäufigkeit bei Migräne deutlich reduzieren. Mit einzelnen, zusätzlichen HBO-Behandlungen können weitere Migräneanfälle außerdem für mehrere Monate verhindert werden. Die regelmäßige Anwendung der Sauerstoffüberdrucktherapie kann langfristig dazu beitragen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen zu reduzieren. Viele Patienten erleben eine signifikante Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Ablauf einer HBO-Behandlung

  1. Druckaufbau: Zu Beginn wird der Druck in der Therapie-Druckkammer langsam erhöht. Sie haben bei „normaler Atemluft“ ausreichend Zeit, sich den veränderten Druckverhältnissen anzupassen. Die Druckerhöhung spüren Sie, ähnlich wie im Flugzeug, an einem Zufallen der Ohren. Durch Schlucken oder Gähnen lässt sich leicht ein Druckausgleich durchführen.
  2. Sauerstoffatmung: Jetzt beginnt die eigentliche Behandlung: Wenn der vorgesehene Druck erreicht wird, setzten Sie die Atemmaske auf und atmen in regelmäßigen Abständen, unterbrochen von kurzen Pausen, unter einer Gesichtsmaske reinen Sauerstoff ein. In dieser Zeit können Sie lesen, Musik hören oder einfach nur entspannen und den hyperbaren Sauerstoff bewusst genießen.
  3. Druckabbau: Zum Ende der Therapiesitzung wird allmählich der Luftdruck auf den normalen Umgebungsdruck „heruntergefahren“.

Die Behandlung dauert nur ca. 60 Minuten und kann einfach in Ihren Alltag integriert werden. Nutzen Sie diese Zeit - nehmen Sie Ihr Handy mit, hören Sie Musik oder Podcasts, oder schließen Sie einfach die Augen.

Wissenschaftliche Evidenz

Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der HBO bei Migräne ist vielversprechend, aber noch nicht abschließend.

Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von randomisierten, kontrollierten Studien (RCTs) aus dem Jahr kommt zu dem Schluss, dass die HBO in der Akutbehandlung der Migräne wirksam sein kann. Die zusammenfassende Analyse zeigte einen positiven Effekt der HBOT in der Akutbehandlung der Migräne. Ferner war für die Terminierung der Schmerzsymptomatik bei Clusterkopfschmerz nach HBOT ein positiver Trend zu verzeichnen. NBOT war effektiv in der Akuttherapie von Clusterkopfschmerz gegenüber der Sham-Behandlung in einer Untersuchung, aber nicht gegenüber Ergotamin sublingual in einer weiteren Studie. Eine prophylaktische Wirkung war nicht nachweisbar. Es bestätigte sich die Hypothese, dass die HBOT eine akute Migräne bzw. die NBOT einen akuten Clusterkopfschmerz terminiert. Unter Aufwand-Nutzen-Überlegungen sind für die HBOT bei Migräne weitere Studien zur Patientenselektion erforderlich.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass die HBO bei der Vorbeugung von Migräne wirksam sein kann, aber weitere Forschung ist erforderlich, um dies zu bestätigen.

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Weitere Anwendungsgebiete der HBO

Neben Migräne wird die HBO auch bei einer Vielzahl anderer Erkrankungen eingesetzt, darunter:

  • Chronische Wunden: Eine rechtzeitige Anwendung der hyperbaren Sauerstofftherapie bewirkt in geeigneten Fällen eine erhöhte Sauerstoffversorgung und bessere Durchblutung der Gefäße. Damit wird die Heilung chronischer Wunden unterstützt, wodurch sich eine anbahnende Amputation bei Diabetischem Fuß vermeiden oder begrenzen lässt. Eine HBO -Therapie kann bei rechtzeitiger Anwendung die Heilung von Problemwunden unterstützen.
  • Schlaganfall: Die HBO- Therapie verbessert nach einem Schlaganfall die Sauerstoffsättigung im Körper. Sie unterstützt das Gehirn bei der Aktivierung der geschädigten Nervenverbindungen.
  • Innenohrerkrankungen: Die hyperbare Sauerstofftherapie kann die Stoffwechselsituation des Innenohrs, das sich dann regenerieren und seine Funktion allmählich wieder aufnehmen kann, verbessern und so die Behandlung von Innenohrerkrankungen wie Tinnitus, Hörsturz bzw. akutem Hörverlust, Knalltrauma bzw.
  • Bestrahlungsfolgen: Die HBO- Therapie kann die Behandlung der negativen Folgen von Bestrahlungen, wie Schmerzen, Schwellungen, Rötungen, Spannungsgefühle, aber auch chronische Wunden und Geschwüre unterstützen.
  • Long-COVID: Eine hyperbare Sauerstofftherapie bietet eine Chance für Long-Covid-Patientinnen und Patienten.
  • ME/CFS: Aktuelle Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass die Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT), die momentan weltweit als Therapieverfahren beim Post-COVID-Syndrom geprüft wird, eine wirksame Therapieform darstellen könnte. In zwei offenen und einer placebokontrollierten Studie konnte gezeigt werden, dass es nach der HBOT insbesondere zu einer Besserung der neurokognitiven Beschwerden bei den Post-COVID-Patienten kam. Auf Grundlage dieser Evidenzen wird die HBOT bereits in vielen Zentren in Deutschland als Therapieverfahren beim Post-COVID-Syndrom und ME/CFS für Selbstzahler angeboten. Die HBOT wird an 5 Tagen in der Woche über einen Zeitraum von 8 Wochen ambulant in Kooperation mit dem Vivantes Klinikum Friedrichshain durchgeführt. In die Studie werden insgesamt 60 Teilnehmer eingeschlossen werden.
  • Spastiken und hypoxische Hirnschäden: In der Wissenschaft gibt es leider keine Studien zu Patienten mit Spastiken oder hypoxischen Hirnschäden, deshalb können wir uns nur auf unsere Einzelfallbeobachtungen verlassen.

Risiken und Nebenwirkungen

Die HBO ist im Allgemeinen eine sichere Behandlung, aber es gibt einige Risiken und Nebenwirkungen, die auftreten können:

  • Druckbedingte Beschwerden: Wie beim Fliegen kann es zu einem Druckgefühl in den Ohren oder den Nasennebenhöhlen kommen. Durch Schlucken oder Gähnen lässt sich leicht ein Druckausgleich durchführen.
  • Sauerstofftoxizität: In seltenen Fällen kann es bei längerer Exposition gegenüber hohen Sauerstoffkonzentrationen zu Sauerstofftoxizität kommen, die sich durch Krampfanfälle oder Lungenprobleme äußern kann.
  • Klaustrophobie: Patienten mit Klaustrophobie können sich in der Druckkammer unwohl fühlen.

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