Die Huntington-Krankheit, auch Chorea Huntington genannt, ist eine seltene, erbliche und neurodegenerative Erkrankung, die durch einen fortschreitenden Verlust von Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Sie manifestiert sich typischerweise im mittleren Lebensalter und führt zu einer Kombination aus motorischen, kognitiven und psychiatrischen Symptomen. Obwohl es derzeit keine Heilung gibt, werden die Forschung und die Entwicklung neuer Behandlungsstrategien intensiv vorangetrieben.
Was ist Chorea Huntington?
Chorea Huntington ist eine genetische Erkrankung, die autosomal-dominant vererbt wird. Dies bedeutet, dass bereits eine Kopie des mutierten Gens ausreicht, um die Krankheit auszulösen. Die Erkrankung gehört zu den Trinukleotid-Erkrankungen, bei denen eine Mutation zur vermehrten Wiederholung des Basentripletts Cytosin, Adenin und Guanin (CAG) im Huntington-Gen auf dem kurzen Arm des 4. Chromosoms führt. Diese Mutation führt zu einem stetig zunehmenden Neuronenuntergang, insbesondere im Striatum.
Die Häufigkeit der Huntington-Krankheit liegt bei etwa 5 bis 10 pro 100.000 Einwohner in Europa. Jedes Kind eines betroffenen Elternteils hat ein 50-prozentiges Risiko, die Krankheit zu erben.
Symptome der Huntington-Krankheit
Die Symptome der Huntington-Krankheit äußern sich schleichend und können vielfältig sein. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Motorische Störungen: Unwillkürliche, unregelmäßige Bewegungen (Chorea), Muskelkontraktionen, Steifheit (Rigor), verlangsamte Bewegungen (Hypokinese), Koordinationsprobleme, Gleichgewichtsstörungen, Schwierigkeiten beim Sprechen (Dysarthrie) und Schlucken (Dysphagie).
- Kognitive Störungen: Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme, Schwierigkeiten bei der Planung und Entscheidungsfindung, verlangsamtes Denken, Demenz in späteren Stadien.
- Psychiatrische Störungen: Depressive Verstimmungen, Reizbarkeit, Angstzustände, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, Aggressivität, psychotische Symptome.
Frühe Symptome, die den Bewegungsstörungen oft um Jahre vorausgehen, sind psychiatrische Störungen, wie depressive Verstimmungen oder vermehrte Reizbarkeit. Im Verlauf tritt bei etwa 90 % der Patienten eine choreatische Bewegungsstörung mit Hyperkinesien des Gesichts, der Extremitäten und des Rumpfes auf, die in frühen und mittleren Stadien am stärksten ausgeprägt ist, ein Maximum nach etwa zehn Jahren erreicht und danach abnimmt. Zudem können im Verlauf Hypokinese, Rigor und Dystonie auftreten. In späten Stadien entwickelt sich meist eine zunehmende Demenz.
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Diagnose der Huntington-Krankheit
Der Verdacht auf eine Chorea Huntington ergibt sich aus der typischen Klinik und einer positiven Familienanamnese. Die Diagnose wird durch molekulargenetische Untersuchungen gesichert, bei denen die Anzahl der CAG-Wiederholungen im Huntington-Gen bestimmt wird. Eine neurologische Untersuchung durch einen erfahrenen Arzt ist ebenfalls erforderlich, um festzustellen, ob die Person Symptome der Huntington-Krankheit zeigt.
Aktuelle Behandlungsstandards
Da es derzeit keine Heilung für die Huntington-Krankheit gibt, konzentriert sich die Behandlung auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen.
Medikamentöse Therapie
Zur Behandlung der Chorea werden überwiegend Dopaminrezeptorantagonisten (z. B. Tiaprid, Haloperidol und atypische Neuroleptika) sowie Tetrabenazin eingesetzt. In Deutschland sind zur Behandlung der choreatischen Bewegungsstörung bei Huntington-Erkrankung lediglich Tetrabenazin und Tiaprid zugelassen.
Tetrabenazin ist ein selektiver Hemmer des vesikulären Monoamintransporters 2 (VMAT2), der die Dopamin- und Monoamin-Speicher im Gehirn entleert und dadurch hyperkinetische Bewegungsstörungen reduziert. Tiaprid ist ein Dopaminrezeptorantagonist mit ähnlichen Wirkungen.
Die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie nennt als Hauptmedikamente zur Behandlung der Hyperkinesien bei Huntington-Erkrankung Tetrabenazin, Tiaprid, atypische Neuroleptika, Haloperidol, Amantadin, Valproat und Levetiracetam.
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Die Wahl eines geeigneten Wirkstoffs hängt entscheidend von Begleiterkrankungen ab. Neuroleptika werden bevorzugt eingesetzt, wenn Psychose, Depression oder aggressive Verhaltensstörungen vorliegen. Tetrabenazin ist mit Depression und Suizidalität assoziiert und sollte bei einer entsprechenden Vorgeschichte nicht bzw. sehr zurückhaltend eingesetzt werden.
Nicht-medikamentöse Therapie
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Behandlung der Huntington-Krankheit. Dazu gehören:
- Physiotherapie: Zur Verbesserung der Beweglichkeit, Koordination und Muskelkraft.
- Ergotherapie: Zur Unterstützung bei alltäglichen Aktivitäten und zur Anpassung der Wohnumgebung.
- Logopädie: Zur Verbesserung der Sprach- und Schluckfunktion.
- Psychotherapie: Zur Bewältigung der psychischen Belastungen und zur Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung.
- Psychosoziale Unterstützung: Beratung und Unterstützung für Betroffene und Angehörige.
Eine hochkalorische Ernährung mit bis zu 6 bis 8 Mahlzeiten pro Tag wird empfohlen, um einem drohenden Gewichtsverlust entgegenzuwirken.
Hoffnung durch neue Therapieansätze
Obwohl die Huntington-Krankheit derzeit noch nicht heilbar ist, gibt es in der Forschung vielversprechende Entwicklungen, die Hoffnung auf neue Therapieansätze geben.
Gentherapie
Ein vielversprechender Ansatz ist die Gentherapie. Hierbei wird versucht, die Produktion des mutierten Huntingtin-Proteins zu reduzieren oder die schädlichen Auswirkungen des Proteins zu neutralisieren.
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Eine experimentelle Gentherapie, die von dem US-niederländischen Pharmaunternehmen UniQure entwickelt wurde, hat in einer frühen Studie vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Bei dieser Therapie werden den Patienten maßgeschneiderte Viren ins Gehirn injiziert, die den Bauplan für spezielle RNA-Moleküle einschleusen. Diese RNA-Moleküle sollen sich dann mit anderen Molekülen verbinden, die Vorläufer des fehlerhaften Huntingtin sind. Die molekularen Aggregate werden dann von einem Enzym abgebaut, wodurch fehlerhaftes Huntingtin erst gar nicht entsteht.
Die ersten Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Behandlung den Krankheitsverlauf um bis zu 75 Prozent verlangsamen konnte. Auch die Werte eines Biomarkers, der den Verlust von Nervenzellen widerspiegelt, sprachen für eine wirksame Behandlung.
Das Biotech-Unternehmen uniQure will nach eigenen Angaben im ersten Quartal 2026 in den USA einen Zulassungsantrag einreichen.
PD Dr. Patrick Weydt, Vorsitzender des Europäischen Huntington Netzwerks (EHDN), Leiter der „Huntington-Ambulanz“ am Uniklinikum Bonn und Forscher am DZNE, kommentiert die aktuelle Entwicklung: „Das sind überraschend gute Zwischenergebnisse eines sehr vielversprechenden Therapieansatzes. Sicher die besten Nachrichten seit Jahren auf diesem Gebiet."
Stromal Processing Peptidase (SPP)
Eine Arbeitsgruppe der Exzellenzcluster für Alternsforschung CECAD und für Pflanzenwissenschaften CEPLAS der Universität zu Köln hat entdeckt, dass ein aus Pflanzen gewonnenes synthetisches Enzym - die Stromal Processing Peptidase (SPP) - Proteinverklumpungen verhindern könnte, die bei krankhaften Veränderungen in Modellen der Huntington-Krankheit auftreten.
Die Forscher konzentrierten sich auf Polyglutamin (PolyQ)-Erkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen, die durch mehrfache Wiederholungen von Glutaminaminosäuren in bestimmten Proteinen verursacht werden. Sie fanden heraus, dass Chloroplasten, pflanzenspezifische Organellen, die die Photosynthese durchführen, der Grund dafür sind, dass die Pflanzen keine toxischen Proteinablagerungen aufweisen.
In der Folge identifizierte das multidisziplinäre Team das Chloroplasten-Pflanzenprotein SPP als den Grund dafür, dass Pflanzen nicht von dem problematischen Proteinverklumpungen betroffen sind.
Weitere Forschungsansätze
Neben der Gentherapie und der SPP-Forschung gibt es noch weitere vielversprechende Forschungsansätze zur Behandlung der Huntington-Krankheit. Dazu gehören:
- Stammzelltherapie: Hierbei werden Stammzellen in das Gehirn transplantiert, um den Verlust von Nervenzellen auszugleichen.
- Tiefe Hirnstimulation: Hierbei wird ein Hirnschrittmacher implantiert, um die Aktivität bestimmter Hirnregionen zu modulieren.
- Medikamente, die auf die von dem mutierten Gen abgeschriebene mRNA zielen: Eine ganze Reihe von Pharmaunternehmen wie Skyhawk, Alnylam oder Wave hat inzwischen vielversprechende Wirkstoffe entwickelt, die bereits in Studien getestet werden.
Europäisches Huntington-Netzwerk (EHDN)
Das Europäische Huntington-Netzwerk (EHDN) ist ein gemeinnütziges Forschungsnetzwerk, das sich der Förderung der Forschung an der Huntington-Krankheit und der Erleichterung der Durchführung von klinischen Studien widmet. Das Netzwerk wurde im Jahr 2004 von Prof. Dr. G. B. Landwehrmeyer mitgegründet und unterstützt seitdem die Forschung und klinische Entwicklung auf allen Ebenen - von der Grundlagen- und angewandten Wissenschaft bis hin zur Entwicklung neuer Behandlungsstrategien.
Das EHDN veranstaltet alle zwei Jahre eine wissenschaftliche Konferenz, um die neuesten Forschungserkenntnisse zu diskutieren, Expert*innen an einen Tisch zu bringen und Betroffenen eine Plattform zu geben.
Leben mit der Huntington-Krankheit
Die Huntington-Krankheit ist eine schwere Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinträchtigt. Es ist wichtig, dass Betroffene und Angehörige Zugang zu umfassender Information, Beratung und Unterstützung haben.
Deutschlandweit gibt es gut organisierte Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige. Patienten und Angehörige können sich in das Europäische Huntington-Netzwerk einschließen lassen.
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