Gehirntumoren sind glücklicherweise selten, aber dennoch enorm gefährlich. Sie machen etwa 2 % aller Krebserkrankungen aus. Es gibt etwa 130 verschiedene Arten von Tumoren des zentralen Nervensystems (ZNS). Gehirntumoren können gutartig oder bösartig sein. Sie können jederzeit und unabhängig vom Alter entstehen, werden jedoch gehäuft bei Menschen zwischen 50 und 70 Jahren beobachtet.
Der Fall von Jonas D.: Ein Angiom als "tickende Zeitbombe"
Lange ahnte Jonas D. nicht, welche Gefahr in seinem Gehirn lauerte. Der junge Mann hatte ein Angiom (AVM), eine Gefäßmissbildung, die jederzeit lebensbedrohliche Blutungen auslösen konnte. Im März 2019 bemerkte er morgens Sehstörungen und ein blutiges Gesicht. Im Krankenhaus in Schwäbisch Hall wurde ein "großer Bollen" auf der Aufnahme seines Kopfes entdeckt. Die Ärzte beruhigten ihn und vermuteten ein gutartiges Angiom (AVM), ein angeborenes Gefäßknäuel aus Blutgefäßen. Sie informierten ihn jedoch auch über das Risiko epileptischer Anfälle und Gehirnblutungen.
Jonas D. wurde zur Weiterbehandlung an Prof. Dr. Dr. Hans Henkes im Klinikum Stuttgart überwiesen. Dort wurde die Diagnose einer 6,5 Zentimeter großen Arteriovenösen Malformation im linken Schläfenlappen bestätigt. Nach zwei Embolisationen zur Verkleinerung des Angioms entschied sich Jonas D. zunächst für eine Bestrahlung in Frankfurt/Oder. Als er im Mai 2020 beim Sport stechende Kopfschmerzen bekam, stellte sich heraus, dass es zu einer kleinen Gehirnblutung gekommen war. Schließlich wurde Jonas D. im Klinikum Stuttgart operiert, wobei das Angiom in drei Sitzungen vollständig entfernt wurde. Dank der erfolgreichen Behandlung kann Jonas D. nun wieder ein normales Leben führen.
Arteriovenöse Malformationen (AVM): Eine seltene Gefäßmissbildung
Eine Arteriovenöse Malformation, auch Angiom genannt, ist eine angeborene Gefäßmissbildung, eine Art Kurzschlussverbindung zwischen Arterien und Venen, vor allem im Gehirn und Rückenmark. Sie kann in allen Hirnregionen auftreten und sich durch Blutungen (ca. 50 Prozent), durch epileptische Anfälle (ca. 30 Prozent) oder durch Auftreten von neurologischen Ausfällen oder Störungen (ca.15 Prozent) bemerkbar machen. In ca. drei bis fünf Prozent der Fälle sind ganz unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen und Migräne zu finden.
Etwa die Hälfte der Angiome werden bis zum 30. Lebensjahr des Angiomträgers diagnostiziert, am häufigsten nach stattgefundener Blutung. Ein AVM ist eine sehr seltene Erkrankung, betroffen sind ein bis zwei von 100.000 Personen pro Jahr. Das Risiko, dass es zu einer Blutung durch ein AVM kommt, liegt bei vier Prozent im Jahr.
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Tic-Störungen: Unwillkürliche Bewegungen und Lautäußerungen
Tics sind meist kurze Bewegungen oder Lautäußerungen, die oft in rascher Abfolge und ohne ersichtlichen Bezug zur aktuellen Situation wiederholt werden. Starkes Blinzeln oder Kopfschleudern beispielsweise zählen zu den motorischen, Räuspern oder Pfeifen zu den vokalen Tics. Eine der wohl bekanntesten Tic-Störungen ist das Tourette-Syndrom, bei dem verschiedene vokale und motorische Tics gemeinsam auftreten. In Erscheinung treten Tic-Störungen meistens in der Kindheit. Schätzungen zufolge sind bis zu vier Prozent aller Kinder betroffen, etwa jedes hundertste Kind erfüllt die diagnostischen Kriterien eines Tourette-Syndroms.
Das Tourette-Syndrom
Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, bei der die Filterfunktionen der motorischen Kontrolle versagen. Es beginnt meist in der Kindheit, seltener erst in der Jugend. Per Definition handelt es sich um Tourette, wenn mehrere motorische Tics (Bewegungen) gemeinsam mit mindestens einem vokalen Tic (Lautäußerungen) vorkommen und diese mindestens ein Jahr lang anhalten. Bei den meisten Betroffenen bessern sich die Symptome nach der Pubertät oder verschwinden sogar ganz. Experten schätzen, dass rund ein Prozent der Menschen ein Tourette-Syndrom entwickeln. Jungen erkranken viermal so oft wie Mädchen.
Die Symptome des Tourette-Syndroms äußern sich in sogenannten Tics. Das sind unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen. Ärzte unterscheiden motorische und vokale Tics sowie einfache und komplexe Tics.
- Motorische Tics: Abrupte, oft heftige Bewegungen, die keinen Zweck erfüllen und die immer auf die gleiche Weise ablaufen. Beispiele sind Augenzwinkern, Schulterzucken, Kopfrucken oder Grimassen schneiden.
- Vokale Tics: Äußern sich beispielsweise in Lauten wie Räuspern, Quieken, Grunzen, Schnüffeln, Schnalzen mit der Zunge oder lautes Schreien.
Ein Tourette-Syndrom beginnt meist in der Kindheit mit einfachen motorischen Tics, die sich nach und nach steigern. Später kommen häufig Lautäußerungen hinzu. Die Tics treten oft in Serie auf. Die Ausprägung der Tics schwankt im Laufe der Zeit häufig und ohne erkennbaren Grund, manchmal verschwinden sie sogar für längere Zeit.
Sehr viele Menschen mit Tourette-Syndrom entwickeln weitere Störungsbilder. Dazu gehören:
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- Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
- Zwangsstörungen
- Schlafstörungen
- Depressionen
- Angststörungen
- Soziale Phobien
Ein Tourette-Syndrom wird häufig erst Jahre nach dem Auftreten der ersten Symptome diagnostiziert. Die Diagnose beruht oft auf der Beobachtung und Beschreibung der Tics. Für die Diagnose Tourette-Syndrom müssen die Tics seit mindestens einem Jahr bestehen und sich vor dem 18. Lebensjahr manifestiert haben. Es müssen verschiedene Tic-Formen aufgetreten sein, darunter mehrere motorische und mindestens ein vokaler Tic.
Ein Tourette-Syndrom ist derzeit nicht heilbar. Vorhandene Therapien bessern zwar die Symptome, haben aber keinen Einfluss auf den Verlauf der Krankheit. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Angeboten, die das Leben mit einem Tourette-Syndrom leichter machen. Dazu gehören psychoedukative Beratung, Verhaltenstherapie und Medikamente. In schweren Fällen kommt eine tiefe Hirnstimulation infrage.
Funktionelle Tic-Störungen
In den letzten Jahren gibt es immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene, bei denen Extra-Bewegungen oder Laute auftreten, die sie nur bedingt kontrollieren können. Oft wird vermutet, dass die Betroffenen Tics oder ein Tourette-Syndrom haben könnten, was jedoch häufig gar nicht der Fall ist. Besonders bei Jugendlichen, bei denen Extra-Bewegungen plötzlich aufgetreten sind, komplex sind und besonders den Rumpf, Arme und Beine betreffen, muss auch an funktionelle Tics gedacht werden. Da funktionelle Tics eine ganz andere Ursache haben als das Tourette-Syndrom, ist auch die Behandlung anders.
Funktionelle Tic-Störungen können grundsätzlich bei allen Menschen auftreten. Gehäuft können sie bei Menschen vorkommen, die viel Stress, Anspannung oder Ängste haben, oder Unsicherheiten ausgesetzt sind, zum Beispiel in oder nach Krisensituationen. Ein Hauptproblem bei Menschen mit funktionellen Tics scheint zu sein, dass die Wahrnehmung, Bewertung und Verarbeitung von Signalen des Körpers und von Bewegungen im Gehirn verändert ist.
Funktionelle Tic-Störungen sind sehr gut mit Verhaltenstherapie oder auch mit einer Physiotherapie zu behandeln. Wichtig ist, früh eine klare Diagnose zu stellen und rasch mit der Therapie anzufangen, da sonst das Risiko für eine Festigung der Symptome besteht. Im Gegensatz zum Tourette-Syndrom ist eine funktionelle Tic-Störung aber heilbar.
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Tourette-Syndrom vs. Funktionelle Tic-Störungen
| Gilles de la Tourette Syndrom | Funktionelle Tic-Störung | |
|---|---|---|
| Erkrankungsalter: | Grundschulalter | Jugendlich/junger Erwachsener |
| Beginn: | schleichend | abrupt |
| Fluktuation der Symptome: | Ja | Nein |
| Am meisten betroffene Körperareale: | Kopf und Hals | Rumpf, Beine und Arme |
| Kontextbezogen: | Nein | Ja |
| Mehr Tics wenn: | Alleine | In Gesellschaft |
| Weniger Tics wenn: | In Gesellschaft | Alleine |
| Behandlung: | Psychotherapie, Antipsychotika | Psychotherapie, Physiotherapie, Stressreduktion |
Gehirntumoren und Tics: Ein seltener Zusammenhang
Dass ein Tumor zu einem Tic führt, kommt äußerst selten vor. Bisher sind nur wenige derartige Fälle bekannt. Ein Team um Yun Chen von der dortigen Klinik berichtet von einem Fall eines neunjährigen Jungen aus der chinesischen Provinz Guizhou, der unter Blinzelanfällen des rechten Auges litt. Nach etwa sechs Monaten kam ein Tic der rechten Mundhälfte dazu. In der Hirn-MRT fand sich ein hyperintenser Bezirk im linken Thalamus. Die neuropathologische Analyse ergab ein Gangliogliom. Daraufhin wurde der Tumor chirurgisch entfernt, was den Jungen von der Tic-Störung befreite.
Der Thalamus scheint eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Tic-Störungen zu spielen, obwohl es bei den meisten Thalamusläsionen nicht zu Tics kommt. Eine MRT wird bei Tic-Störungen nicht routinemäßig durchgeführt. Das Autorenteam rät aber bei atypischen Symptomen dazu.
Ursachenforschung bei Tic-Störungen
Nur wenig ist darüber bekannt, wie Tics im Gehirn eigentlich entstehen. In den vergangenen Jahren hat die neurologische Forschung verschiedene Bereiche des Gehirns identifiziert, die für Tics eine Rolle spielen. Forscher haben nun herausgefunden, welche Hirnregionen an der Entstehung der Tics beteiligt sind. Anhand von Fallberichten von Menschen, die nach einer Hirnschädigung Tics entwickelten, identifizierten die Forscher relevante Bereiche und glichen deren Vernetzung mit Hirnscans von mehr als 1.000 gesunden Personen ab.
Ein Team um Christos Ganos von der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat ein Netzwerk von Hirnregionen identifiziert, die an der Entstehung der Tics beteiligt sind. Die kartierten Schädigungen liegen zwar in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns - darunter Inselrinde, Striatum, Thalamus und Kleinhirn - doch diese Bereiche sind über Nervenverbindungen miteinander verschaltet und bilden ein gemeinsames Netzwerk.