Neurologische Erkrankungen können sich auf verschiedene Aspekte des Lebens auswirken, einschließlich der Partnerschaft. Es ist wichtig zu verstehen, wann ein Besuch beim Neurologen im Zusammenhang mit Beziehungsproblemen sinnvoll sein kann.
Sexuelle Funktionsstörungen als Folge neurologischer Erkrankungen
Neurologische Erkrankungen können sexuelle Funktionsstörungen verursachen. Oftmals werden diese Probleme von den Betroffenen nicht von selbst angesprochen. Daher ist es wichtig, dass Ärzte gezielt danach fragen.
Bereiche, die bei der Anamnese abgefragt werden sollten
Laut Prof. Dr. med. Jalesh N. Panicker von der University College London (UCL) sollten bei der Anamnese folgende vier Bereiche abgefragt werden:
- Libido und sexuelles Begehren: Sind Interesse und Motivation für sexuelle Aktivitäten reduziert oder nicht vorhanden? In seltenen Fällen kann es auch zu Hypersexualität kommen (z.B. bei M. Parkinson).
- Genitale Erregung: Bei Männern sollte nach erektiler Dysfunktion, bei Frauen nach vaginaler Trockenheit gefragt werden.
- Orgasmus: Ist der Orgasmus reduziert, verspätet oder nicht vorhanden?
- Ejakulation: Bei Männern kann die Ejakulation zu spät, zu früh oder gar nicht erfolgen.
Es ist wichtig, die sexuelle Funktion und Aktivität vor Beginn der neurologischen Erkrankung als Ausgangspunkt zu nehmen.
Dimensionen sexueller Dysfunktion bei neurologischen Erkrankungen
Sexuelle Dysfunktion bei neurologischen Erkrankungen kann verschiedene Dimensionen aufweisen. Bei Multipler Sklerose (MS) lassen sich beispielsweise drei Ebenen unterscheiden:
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- Primäre Ebene: Neurologische Läsionen können zu Gefühls-, Erregungs- und Ejakulationsstörungen führen.
- Sekundäre Ebene: Faktoren wie Müdigkeit, Spastizität, Schwäche, Koordinationsstörungen, Tremor, Konzentrations- bzw. Aufmerksamkeitsstörungen, Schmerzen, Parästhesien sowie Harn- bzw. Stuhlinkontinenz können die Sexualität indirekt beeinträchtigen.
- Psychische Ebene: Depressionen, Angst, Ärger, Schuldgefühle und ein niedriges Selbstwertgefühl können eine Rolle spielen.
Zielgerichtete physikalische Untersuchung
Eine zielgerichtete physikalische Untersuchung umfasst Vitalfunktionen wie Blutdruck und Herzfrequenz, Gewicht und Größe. Es folgt eine neurologische Untersuchung der kognitiven, motorischen und sensorischen Funktionen. Auch die aktuelle Medikation und ihre möglichen Auswirkungen auf die Sexualfunktion sollten evaluiert werden.
Therapieoptionen
Für Männer mit erektiler Dysfunktion stehen neben PDE-5-Hemmern weitere Therapieoptionen zur Verfügung, wie Penisringe oder -prothesen, Vakuumpumpen oder Injektion von PGE1.
Psychische Erkrankungen und ihre Auswirkungen auf die Partnerschaft
Psychische Erkrankungen können nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das ihrer Partner stark beeinflussen. Erkrankte können sich scheinbar grundlos verändern und beispielsweise von lebensfrohen Menschen zu grüblerischen, antriebslosen oder unberechenbar gereizten Personen werden. Angststörungen können dazu führen, dass sich Betroffene nicht mehr aus dem Haus trauen, was das soziale Leben beeinträchtigt.
Die Rolle der Angehörigen
Partner versuchen oft, mit Verständnis zu helfen und Aufgaben des anderen zu übernehmen. Manchmal verstärken sie die Störung jedoch unwissentlich. Es ist wichtig zu wissen, dass psychische Erkrankungen professionelle Hilfe erfordern. Studien zeigen, dass Freunde und Familienangehörige eine immense Bedeutung für Betroffene haben, da sie ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein, sie vor sozialem Rückzug bewahren und sie ermutigen, sich professionelle Hilfe zu suchen.
Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?
Wenn sich der Partner emotional und im Verhalten stark verändert hat und dies das Befinden, das soziale oder berufliche Leben beeinträchtigt, sollten Angehörige darauf drängen, gemeinsam einen Arzt für eine erste Diagnose aufzusuchen. Bei Bedarf kann dieser an einen Psychiater überweisen. Werden Angehörige in die Behandlung einbezogen, kann dies zu mehr Klarheit über die Symptome der Erkrankung, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen führen.
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Die Bedeutung der Selbstfürsorge für Angehörige
Angehörige sollten ihre eigene Gesundheit nicht vernachlässigen, da die psychische Erkrankung eines Partners großen seelischen Stress verursachen kann. Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder andere körperliche Beschwerden können die Folge sein. In manchen Fällen entwickeln Angehörige selbst eine psychische Störung. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, ein gutes Hilfenetz aufzubauen und sich jeden Tag etwas Gutes zu tun. Bei starkem Leidensdruck kann eine eigene Psychotherapie oder der Austausch in einer Selbsthilfegruppe entlastend wirken.
Partnerschaftliche Aspekte
Das Informationsportal „Neurologen und Psychiater im Netz“ rät, die Krankheit nicht zum Lebensmittelpunkt werden zu lassen und Partnerschaft und Familienleben besonders zu pflegen. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Beziehungen den Belastungen einer Depression nicht standhält, während andere durch die gemeinsam durchstandene Zeit gefestigt werden.
Multiple Sklerose und Partnerschaft
Die Diagnose MS kann eine Partnerschaft vor Herausforderungen stellen, da das gemeinsame Leben an die Erfordernisse der Erkrankung angepasst werden muss. Offene Gespräche sind wichtig, um gemeinsam Lösungen zu finden. Symptome wie Empfindungsstörungen, Erschöpfung oder Muskelkrämpfe können das Liebesleben beeinträchtigen. In solchen Fällen können Neurologen, Urologen oder Frauenärzte Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen. Oft sind es jedoch weniger die körperlichen Beschwerden als vielmehr die Psyche, Alltagsstress oder Angst, die die Sexualität beeinträchtigen. Auch hier ist ein offenes Gespräch mit dem Partner wichtig, um Wünsche und Erwartungen zu klären und Konflikte zu vermeiden.
Warnsignale, die einen Neurologenwechsel rechtfertigen könnten
Dr. Aaron Boster, ein MS-Spezialist, hat eine Liste von Warnsignalen zusammengestellt, die darauf hindeuten könnten, dass ein Wechsel des Neurologen in Erwägung gezogen werden sollte:
- Seltene Arztbesuche: Nur einmal jährliche Besuche sind nicht ausreichend, um den Krankheitsverlauf ausreichend zu beurteilen und die Therapie anzupassen. Vierteljährliche oder halbjährliche Besuche sind empfehlenswert.
- Fehlende MRT-Untersuchungen: Eine jährliche MRT-Untersuchung des Gehirns ist wichtig, um asymptomatische Krankheitsaktivität zu erkennen.
- Keine Einsicht in MRT-Bilder: Patienten sollten ihre MRT-Bilder sehen und erklärt bekommen, um den Krankheitsverlauf besser zu verstehen.
- Fehlende Laborkontrollen: Bei den meisten MS-Medikamenten sind regelmäßige Laborkontrollen erforderlich, um Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen.
- Keine Erfassung unsichtbarer Symptome: Unsichtbare Symptome wie Gedächtnisstörungen, Energiestörungen, Stimmungsschwankungen, Darm-, Blasen- und Schlafstörungen sowie Schmerzen sollten erfasst und behandelt werden.
- Keine Thematisierung der Therapietreue: Die Einnahme von Medikamenten kann schwierig sein, und der Arzt sollte die Therapietreue regelmäßig besprechen.
- Fehlende Beobachtung des Gangbildes: Die Beobachtung des Gangbildes kann wichtige Informationen über den neurologischen Zustand liefern.
- Verschreibung von Therapien der Wirksamkeitskategorie 1 bei Neudiagnose: Bei neu diagnostizierten MS-Patienten sollten in der Regel wirksamere Therapien in Betracht gezogen werden.
- Überlassung der Medikamentenwahl an den Patienten ohne ausreichende Beratung: Der Arzt sollte den Patienten bei der Medikamentenwahl beraten und nicht einfach Broschüren aushändigen.
- Mangelndes Interesse am Patienten als Mensch: Der Arzt sollte sich für den Patienten als Mensch interessieren und nicht nur die Krankheit behandeln.
Die Bedeutung von MRT-Untersuchungen bei MS
MRT-Untersuchungen sind ein wichtiger Biomarker für die Behandlung von MS. Sie ermöglichen es, Durchbrüche der Krankheitsaktivität zu erkennen, die asymptomatisch verlaufen.
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Liebe und Partnerschaft aus neurowissenschaftlicher Sicht
Eine Studie der Aalto-Universität in Finnland hat gezeigt, dass verschiedene Arten von Liebe unterschiedliche neuronale "Fingerabdrücke" im Gehirn erzeugen. Die Studie ergab, dass die Liebe zu Partnern und Eltern die stärksten Formen der Liebe sind und dass Haustierbesitzer ähnliche Hirnaktivitäten zeigen wie bei zwischenmenschlicher Liebe.
Wann sollte man also einen Neurologen aufsuchen?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Besuch beim Neurologen im Zusammenhang mit Beziehungsproblemen in folgenden Fällen sinnvoll sein kann:
- Wenn sexuelle Funktionsstörungen auftreten, die möglicherweise auf eine neurologische Erkrankung zurückzuführen sind.
- Wenn psychische Veränderungen beim Partner auftreten, die das Befinden, das soziale oder berufliche Leben beeinträchtigen.
- Wenn eine neurologische Erkrankung wie MS diagnostiziert wurde und die Partnerschaft vor neuen Herausforderungen steht.
- Wenn der behandelnde Neurologe die oben genannten Warnsignale aufweist.
Es ist wichtig, offen mit dem Partner und dem Arzt über die Probleme zu sprechen, um gemeinsam Lösungen zu finden und die Lebensqualität zu verbessern.