Singen und Dichten: Die positiven Auswirkungen auf das Gehirn

Musik und Dichtung, seit dem Mittelalter unter dem Begriff "ars musica" vereint, sind nicht nur Quellen des Vergnügens, sondern auch mächtige Werkzeuge zur Förderung der kognitiven Gesundheit und des emotionalen Wohlbefindens. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Vorteile des Singens und Dichtens für das Gehirn, von der Verbesserung des Gedächtnisses und der Sprachfähigkeiten bis hin zur Stressbewältigung und der Stärkung sozialer Bindungen.

Die kognitiven Vorteile des Musizierens

Musizieren als Gehirnjogging

Musizieren ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Bereiche des Gehirns gleichzeitig aktiviert. Dies umfasst das Hören, Sehen, Fühlen, Tasten, Bewegen, Koordinieren, die Vorstellungskraft und die Kreativität. Diese umfassende Aktivierung macht das Musizieren zu einem effektiven „Gehirnjogging“, das die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert.

Studien belegen positive Effekte

Neue Studien der Universität Exeter haben gezeigt, dass aktives Musizieren, insbesondere das Spielen von Instrumenten, positive Auswirkungen auf die kognitive Fitness älterer Menschen hat. Im Gegensatz zum bloßen Hören von Musik, das keinen nennenswerten Effekt hat, verbessert das Musizieren das Gedächtnis und die Fähigkeit, komplexe Denkaufgaben zu lösen.

Das Klavier als Spitzenreiter

Die besten Ergebnisse in den Studien zeigten sich bei Klavier- und Keyboardspielern, dicht gefolgt von Bläsern. Dies könnte daran liegen, dass das Spielen dieser Instrumente eine besonders hohe Anforderung an die Koordination und Feinmotorik stellt.

Singen in der Gemeinschaft

Beim Singen, so vermuten die Forschenden, ist es weniger das Trällern selbst, sondern die Tatsache, dass es meist in der Gemeinschaft geschieht, was die gesunde Wirkung erklärt. Das gemeinsame Singen fördert soziale Interaktion und stärkt das Gemeinschaftsgefühl, was sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt.

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Die kognitive Reserve

Anne Corbett, Demenzforscherin an der Universität von Exeter, fasst die Ergebnisse der Studien wie folgt zusammen: „Insgesamt glauben wir, dass Musik eine Möglichkeit sein könnte, die Agilität und Widerstandsfähigkeit des Gehirns, die sogenannte kognitive Reserve, zu nutzen.“ Diese Reserve scheint auch beim Lesen von Musik, also der Lektüre von Noten, aktiviert zu werden: Notenleser haben vermutlich ein besseres Zahlengedächtnis, zeigt die Studie.

Neuroplastizität: Das formbare Gehirn

Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover betont, dass Musizieren einer der stärksten Anreize für Neuroplastizität ist. Neuroplastizität beschreibt die Formbarkeit des Gehirns, bei der sich Nervenzellen neu verschalten und ganze Areale wachsen oder schrumpfen können. Musizieren kann somit die Struktur und Funktion des Gehirns positiv beeinflussen.

Musizieren im Alter

Auch im höheren Alter kann man noch von den positiven Effekten des Musizierens profitieren. Wolfgang Scharwenka, Gitarrist der Band When I'm 64, berichtet, dass er trotz seines Alters und körperlicher Beschwerden durch die Bandprobe neue Energie gewinnt und seine Probleme in den Hintergrund treten. Alice Rodriguez, Bassistin der Band, betont, dass das Musizieren ihrem Alltag Struktur gibt und ihr hilft, mit Arthrose in den Fingergelenken umzugehen.

Die emotionalen und sozialen Vorteile des Singens

Musik als Brücke zwischen Emotion und Kognition

Mari Tervaniemi, Leiterin eines Forschungsteams in Helsinki, das untersucht, wie man Musik in der Heilung von neurologischen Störungen einsetzen kann, betont, dass Musik eine Brücke zwischen Emotion und Kognition schlagen kann. Musik kann Emotionen auslösen, Erinnerungen wecken und das Wohlbefinden steigern.

Glückshormone und Stressabbau

Studien haben gezeigt, dass beim Singen im Chor Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon, sowie die klassischen Glückshormone, Endorphine, ausgeschüttet werden. Dies führt zu Entspannung, Stressabbau und einer positiven эмоционален Stimmung.

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Singen als Burnout-Prophylaxe

Tom Bschor, einer der führenden deutschen Depressionsforscher, sieht das Singen im Chor als "Burnout-Prophylaxe". Es hilft, die eigene Mitte zu finden und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Die "Singing Shrinks": Singen zur Stressbewältigung

Der Chor "Singing Shrinks", bestehend aus Psychiatern, Psychologen und Neurologen, tritt regelmäßig auf und nutzt das Singen als Mittel zur Stressbewältigung und Burnout-Prophylaxe. Sie bestätigen, dass Singen gesund für Körper und Seele ist, entspannt und die Muskeln lockerer macht.

Singen und Dichten beim Fremdsprachenlernen

Musik als Schlüssel zur Sprache

Musik und Sprache haben viele Gemeinsamkeiten, darunter Rhythmus, Melodie und Ausdrucksformen. Das Singen von Liedern in einer Fremdsprache kann das Lernen dieser Sprache erleichtern, da es die Aussprache verbessert, den Wortschatz erweitert und grammatikalische Strukturen festigt.

Auditive Unterscheidungsfähigkeit

Das Singen fördert die auditive Unterscheidungsfähigkeit, die Fähigkeit, Klänge der mündlichen Sprache zu identifizieren oder zu unterscheiden. Diese Fähigkeit ist grundlegend für das Sprechenlernen sowie für die Lese- und Schreibkompetenz.

Hirngymnastik für Sprachlerner

Das Singen ist eine Art "Hirngymnastik", da das Gehirn durch die Übermittlung von Botschaften zwischen den beiden Hirnhälften gestärkt wird. Es ist eine angenehme und effektive Methode, um eine neue Sprache zu lernen und die Freude am Lernen zu steigern.

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Musik in der frühkindlichen Entwicklung

Musikalische Früherziehung

Eine musikalische Früherziehung steigert die geistige Beweglichkeit, die Fähigkeit, sich rasch von einem Gedanken auf den nächsten einzustellen. Sie wirkt sich positiv auf das Sprachvermögen und das Selbstbild von Kindern aus.

Förderung der emotionalen Fähigkeiten

Kinder, die Musik machen, haben eine feinere Wahrnehmung der Emotionen anderer Kinder. Das wird darauf zurückgeführt, dass sie viel genauer heraushören, wie der Klang der Stimme ist.

Die Rolle des Zuhörens

Auch das Musikhören fördert die akustische Mustererkennung und damit die Sprachentwicklung. Die Kinder hören genauer zu und können etwa den Stimmklang von Menschen besser unterscheiden. Damit einher geht eine verbesserte Vernetzung von Nervenzellen in den Hörzentren des Gehirns.

Neurofeedback als Unterstützung für Musiker

Was ist Neurofeedback?

Neurofeedback ist eine Methode, bei der die Gehirnaktivität in Echtzeit sichtbar gemacht und in visuelle oder akustische Signale übersetzt wird. Durch dieses Feedback lernt das Gehirn, gewünschte Zustände wie Fokus, Ruhe oder Kreativität leichter selbst herzustellen.

Vorteile für Musiker

Neurofeedback kann Musikern helfen, ihre Konzentration und ihren Fokus zu verbessern, ihre Feinmotorik und Atemkontrolle zu optimieren, ihre Kreativität und ihren Flow zu steigern, effizienter zu üben und ihre Regeneration und Resilienz zu fördern.

Ganzheitlicher Ansatz

In Kombination mit Physiotherapie kann Neurofeedback einen ganzheitlichen Ansatz bieten, der Körper und Geist gleichermaßen unterstützt und ein freieres, leichteres Musizieren ermöglicht.

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