Vollmond und Migräne: Ursachen, Auslöser und Mythen

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen und eine Vielzahl anderer Symptome gekennzeichnet ist. Viele Patienten berichten von bestimmten auslösenden Faktoren, sogenannten Triggern, die eine Migräneattacke auslösen können. Stress, Wetterumschwünge, Hormonschwankungen und veränderte Schlafrhythmen sind häufig genannte Beispiele. Aber sind diese Faktoren die eigentliche Ursache der Migräne, oder spielen noch andere Einflüsse eine Rolle? Und was ist dran an dem Mythos, dass der Vollmond Migräneattacken begünstigt?

Migräne-Trigger: Was löst eine Attacke aus?

Etwa drei Viertel aller Migränepatienten beschreiben einen Zusammenhang zwischen bestimmten Trigger-Faktoren und ihren Kopfschmerzattacken. Zu den häufigsten Triggern gehören:

  • Stress: Migräne durch Stress kommt bei etwa 80 Prozent der Betroffenen infrage.
  • Wetterumschwünge: Wetterfühlige Migränepatienten bemerken manchmal Veränderungen der Temperatur oder des Luftdrucks daran, dass sich eine Kopfschmerzattacke ankündigt.
  • Hormonschwankungen: Viele Patientinnen leiden während ihrer Periode an Kopfschmerzen. Auch eine Migräne in der Schwangerschaft oder den Wechseljahren aufgrund von einschneidenden Veränderungen im Hormonhaushalt der Frau ist denkbar.
  • Veränderung des gewohnten Tagesrhythmus: Wird der gewohnte Schlafrhythmus und Tagesablauf nicht beibehalten, reagieren manche Patienten mit starken Schmerzen. Migräne wegen Schlafmangel kann die Folge sein.
  • Nahrungsmittel: Etwa 20 Prozent aller Migränepatienten machen bestimmte Nahrungsmittel als Auslöser aus. Im Fall einer Migräne durch Lebensmittel ist zu berücksichtigen, dass auch die Tageszeit entscheidend ist. Da viele Betroffene auf eine ganze Reihe von Lebensmitteln mit Migräne reagieren, werden zudem bestimmte Konservierungsstoffe als Auslöser vermutet. Der Beweis für einen direkten Zusammenhang fehlt jedoch bisher.
  • Körperliche Anstrengung: Manche Patienten leiden infolge von körperlicher Aktivität unter einer Migräne nach Sport.
  • Reizüberflutung: Bei Migränepatienten ist die Verarbeitung mancher Sinnesreize im Gehirn verändert. Diese Reize sind deshalb nicht nur während einer Attacke unangenehm. Vielmehr ist auch eine Migräne durch Reizüberflutung möglich.
  • Medikamente: Eventuell können auch Medikamente ein Trigger-Faktor sein.

Es ist wichtig zu beachten, dass Migräne-Auslöser individuell sehr verschieden sind. Was bei einem Patienten im Verdacht steht, die Migräne hervorzurufen, muss nicht zwangsläufig auch auf andere Betroffene zutreffen.

Um festzustellen, ob einer der aufgezählten Migräne-Auslöser auf dich selbst zutrifft, solltest du deine Beschwerden über einen längeren Zeitraum beobachten. Dabei kann dir ein Migränetagebuch helfen. Jedoch solltest du deine Beobachtungen auch immer kritisch hinterfragen.

Ursachenforschung: Wie entsteht eine Migräne?

Die genauen körperlichen Migräne-Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler sind sich immer noch uneinig darüber, ob Veränderungen von Blutgefäßen oder Nervenzellen verantwortlich für die Kopfschmerzerkrankung sind. Zum aktuellen Zeitpunkt gehen sie davon aus, dass bei der Entstehung von Migräne mehrere Faktoren eine Rolle spielen.

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Genetische Veranlagung

Eine Migräne-Ursache kann eine genetische Veranlagung sein: Verwandte ersten Grades von Patienten einer Migräne mit Aura haben ein 3,8-fach erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Dennoch lässt sich Migräne nur in Ausnahmefällen auf ein einzelnes Gen zurückführen. Vielmehr sind wahrscheinlich mehrere genetische Bedingungen (polygenetisch) die Ursache für eine Migräne. Laut Forschern spiegelt sich die Vielschichtigkeit einer Migräne in der Komplexität der beteiligten genetischen Komponenten wider.

Für die Entschlüsselung wichtiger Gene haben die Wissenschaftler das Genom von mehreren tausend Migränepatienten mit ebenso vielen gesunden Personen verglichen. Traten bestimmte genetische Varianten in einer Gruppe häufiger oder seltener auf, könnten diese das Risiko für Migräne erhöhen beziehungsweise senken. Sind die Mechanismen einer Erkrankung erst einmal bekannt, lassen sich gezielte Therapien entwickeln.

Der Mechanismus der Migräne

Wie entsteht eine Migräne? Der Mechanismus stellt sich wahrscheinlich folgendermaßen dar: Zunächst erfolgt eine Aktivierung von schmerzverarbeitenden Zentren im Gehirn, sodass schmerzvermittelnde Botenstoffe (Neurotransmitter oder Hormone) ausgeschüttet werden. Diese Aktivierung kann aufgrund ganz unterschiedlicher äußerer und innerer Einflüsse (Trigger-Faktoren) in Gang gesetzt werden, die auf das Nervensystem und den Körper einwirken. Die übermäßig ausgeschütteten Botenstoffe wirken sich auf unterschiedliche Strukturen im Gehirn aus.

Was die Ursache für Migräne angeht, steht seit einiger Zeit der Botenstoff Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) im Verdacht, eine wichtige Rolle zu spielen. CGRP befindet sich im gesamten Nervensystem, also auch in Gehirn und Rückenmark. Es gibt bestimmte anatomische Strukturen im Gehirn, die mit der Migräne-Entstehung in Verbindung stehen und in denen sich auch CGRP und CGRP-Rezeptoren befinden. In mehreren Studien kristallisierte sich heraus, dass CGRP für die Weiterleitung von Schmerzsignalen während einer Migräne-Attacke verantwortlich zu sein scheint. Wissenschaftler konnten bei Migränepatienten einen erhöhten CGRP-Spiegel beobachten, sobald sich eine Schmerzattacke anbahnte.

Möglicherweise liegt dem Beginn der Migräne auch eine Überaktivität der Nervenzellen im Migränezentrum des Hirnstamms als Ursache zugrunde: Das Nervensystem und die Reizverarbeitung stehen bei Migränepatienten unter Hochspannung. Die Überaktivität der Nerven veranlasst Fasern des Trigeminusnervs (fünfter von insgesamt zwölf Hirnnerven) dazu, Schmerzsignale an das Gehirn auszusenden.

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Noch gibt es keine allumfassende Erklärung, was die Ursachen der Migräne betrifft, die auch die Vielzahl an Ausprägungen und Migräne-Symptomen einschließt.

Hormonelle Einflüsse

Frauen sind dreimal häufiger von Migräne betroffen als Männer. Besonders zahlreiche und heftige Attacken erleben sie rund um die Regelblutung, aber auch bei Eintritt in die Wechseljahre. Dagegen verbessern sich die Symptome in vielen Fällen während der Schwangerschaft, und auch mit Abschluss der Menopause werden die Migräneattacken seltener. Dass Hormonschwankungen mit Migräne in Zusammenhang stehen, ist also seit Langem bekannt.

Ein Forschungsteam der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat jetzt eine mögliche Erklärung dafür gefunden. Der im Fachmagazin Neurology veröffentlichten Studie zufolge bilden betroffene Frauen während der Menstruation besonders große Mengen an CGRP.

"Aus dem Tiermodell haben wir Hinweise, dass Schwankungen von weiblichen Hormonen - insbesondere von Östrogen - zu einer verstärkten Freisetzung des Entzündungsbotenstoffs CGRP im Gehirn führen", erklärt Dr. Bianca Raffaelli vom Kopfschmerzzentrum der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie am Charité Campus Mitte, die die Studie geleitet hat.

Anhand von insgesamt 180 Frauen prüfte die Charité-Forschungsgruppe nun, ob der Zusammenhang zwischen weiblichen Hormonen und der Ausschüttung von CGRP auch beim Menschen besteht. Dazu bestimmten die Forschenden bei Migränepatientinnen zweimal im Verlauf des Zyklus den CGRP-Spiegel, und zwar während der Monatsblutung und zum Zeitpunkt des Eisprungs. Ein Vergleich mit Frauen ohne Migräne belegte: Während der Menstruation ist die Konzentration an CGRP bei Migräne-Betroffenen deutlich höher als bei den gesunden Probandinnen.

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"Wenn also der Östrogenspiegel zur Einleitung der Periode sinkt, schütten die Migränepatientinnen vermehrt CGRP aus", sagt Dr. Raffaelli. Bei Frauen, die die Pille einnehmen, gibt es kaum Schwankungen des Östrogenspiegels. Wie die Forschenden in der aktuellen Studie nachwiesen, verändert sich auch die CGRP-Konzentration im Verlauf des "künstlichen Zyklus" nicht und ist bei Migränepatientinnen vergleichbar mit gesunder Frauen.

"Auch wenn diese Daten noch durch größere Studien bestätigt werden müssen: Sie deuten darauf hin, dass beim Menschen die Freisetzung von CGRP abhängig vom hormonellen Zustand ist", resümiert Dr. Raffaelli. "Tatsächlich kann die Einnahme der Pille und das Ende der Wechseljahre manchen Migränepatientinnen Linderung verschaffen. Wie aber aus unserer Studie ersichtlich wird, gibt es Frauen, die auch ohne Hormonschwankungen Migräne bekommen. Wir vermuten, dass bei ihnen andere Prozesse im Körper eine Rolle bei der Entstehung einer Attacke spielen."

Der Mythos Vollmond: Gibt es einen Zusammenhang?

Viele Menschen sind davon überzeugt, dass der Vollmond einen Einfluss auf ihren Schlaf und ihr Wohlbefinden hat. Auch die Behauptung, dass der Vollmond Migräneattacken begünstigt, hält sich hartnäckig. Doch was ist dran an diesem Mythos?

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Mehrere große Studien haben den Einfluss des Vollmonds auf sogenannte subjektive Symptome untersucht, die - wie Schmerzen oder Müdigkeit - nur der Patient wahrnimmt. Dabei konnte kein Einfluss des Vollmonds auf das Auftreten von Kopfschmerzen gefunden werden.

Eine aktuelle Analyse eines Forscherteams um Dr. Alexander Yoo von der University of Pennsylvania Perelman School of Medicine in Philadelphia, USA, nutzte Daten einer prospektiven Kohortenstudie mit 98 Erwachsenen, die seit mindestens 3 Jahren unter episodischer Migräne litten. Die Analyse von 4.308 Beobachtungstagen zeigte eine signifikante Zunahme der Migränehäufigkeit in Abhängigkeit von den Mondphasen. Die Kopfschmerzrisiken stiegen um bis zu 34 % im Vergleich zu den Phasen um den Vollmond und erreichten ihr Maximum etwa 1-2 Tage vor Neumond.

Mögliche Mechanismen

Die genauen Ursachen für den Einfluss der Mondphasen auf Migräne bleiben unklar. Diskutiert werden sowohl direkte Einflüsse lunarer Umweltfaktoren wie Licht und Gravitation als auch endogene Oszillatoren, die durch Mondzyklen synchronisiert werden. Besonders interessant ist die mögliche Rolle zirkadianer Gene wie Casein-Kinase-1δ, das sowohl mit Migräne als auch mit anderen biologischen Rhythmen assoziiert ist.

Psychologische Aspekte

Auch psychologische Faktoren können eine Rolle spielen. Wer bei Vollmond schlechten Schlaf befürchtet, wird nervös und kann deshalb schlecht einschlafen oder bleibt während der Nacht länger wach. Die selektive Erinnerung ist Folge der Verknüpfung von Ereignissen zu kleinen Geschichten. Gelingt abends das Einschlafen nicht oder fällt es schwer, nach dem Aufwachen in der Nacht wieder Schlaf zu finden, ist der Vollmond am Himmel ein markantes Signal, das sich gut mit der „Mondfühligkeit“ verbinden lässt.

Tipps für "mondfühlige" Menschen

Für alle, die mondfühlig sind, ist es in jedem Fall ratsam, das Schlafzimmer nachts gut abzudunkeln und das helle Mondlicht auszusperren, um die Chance auf einen erholsamen Schlaf zu erhöhen. Wer es nichts ausmacht, mit einer Maske über den Augen zu schlafen oder wer schlicht nicht das Geld für neue, teure Vorhänge ausgeben möchte, kann zu einer speziellen Schlafmaske greifen. Sie schirmt das Licht von den Augen ab. Will sich der Schlaf trotz allen Tricks nicht einstellt, bringt es nichts, die ganze Nacht unruhig im Bett zu liegen und sich zu ärgern, dass das Mondlicht einen vom Schlafen abhält. Mit einem guten Buch oder einem Hörspiel aufs Sofa umzuziehen, ist eine entspannte Möglichkeit.

Weitere Kopfschmerz-Mythen im Check

Neben dem Mythos vom Vollmond gibt es noch viele weitere hartnäckige Missverständnisse rund um das Thema Kopfschmerzen. Hier einige Beispiele:

  • Mythos 1: Der Dauergebrauch von Smartphones verursacht Kopfschmerzen. Stimmt! Studien haben gezeigt, wer viel auf seinen Handybildschirm schaut, riskiert Kopfschmerzen. Schuld daran seien aber weniger das blaue Licht oder die elektromagnetische Strahlung. Vielmehr ist die einseitige Belastung durch das ständige Vorneigen des Kopfes dafür verantwortlich. Es sind dann beispielsweise Muskelverspannungen im Nacken-Schulter-Bereich, die Spannungskopfschmerzen auslösen.
  • Mythos 2: Bei Vollmond kommt es häufiger zu Kopfschmerzen. Stimmt nicht! Es gibt inzwischen mehrere große Studien, die den Einfluss des Vollmonds auf sogenannte subjektive Symptome untersucht haben, die - wie Schmerzen oder Müdigkeit - nur der Patient wahrnimmt. Dabei konnte kein Einfluss des Vollmonds auf das Auftreten von Kopfschmerzen gefunden werden.
  • Mythos 3: Kaffee lindert Kopfschmerzen. Stimmt! Kaffee kann bei leichten Kopfschmerzen helfen, denn das enthaltene Koffein verhindert, dass der Körper Prostaglandine ausstößt. Dabei handelt es sich um hormonähnliche Substanzen, die für das Schmerzempfinden verantwortlich sind. Wer an Migräne leidet und gerne Kaffee trinkt, sollte auf einen gleichmäßigen Konsum achten.
  • Mythos 4: Wer Kopfschmerzen hat, benötigt eine (neue) Brille. Stimmt nicht (immer)! Oft denken Eltern, dass ihre Kinder schlecht sehen, wenn sie über Kopfschmerzen klagen. Dies ist aber nur in Ausnahmefällen so und nur für die Kurzsichtigkeit belegt. Auf keinen Fall sollte man wegen Kopfschmerzen einfach neue Brillen ausprobieren oder zum Optiker gehen, ohne andere Ursachen zunächst auszuschließen. Nur eine augenärztliche Untersuchung kann klären, ob wirklich Sehstörungen hinter den Kopfschmerzen stecken.
  • Mythos 5: Vom Alkohol mischen bekommt man einen Brummschädel. Stimmt nicht! Wissenschaftler haben untersucht, ob eine bestimmte Reihenfolge der alkoholischen Getränke tatsächlich einen Kater verursachen oder verhindern kann. Das Ergebnis: Es ist egal, in welcher Reihenfolge man Alkohol trinkt. Entscheidend ist die Menge.

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