Ein Hirntumor bei einem Kind kann eine besorgniserregende Erfahrung sein. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über Hirntumore bei Kindern geben, einschließlich Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten. Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle hier genannten Symptome zwangsläufig auf einen Hirntumor hindeuten. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind jedoch entscheidend für die bestmögliche Prognose.
Einführung
Hirntumore sind die zweithäufigste maligne Tumorerkrankung im Kindesalter und machen etwa 20 % der kindlichen Krebserkrankungen aus. Nach Angaben des Deutschen Kinderkrebsregisters repräsentieren Hirntumoren etwa 20 % aller Tumoren im Kindes- und Jugendalter und sind damit die häufigsten soliden Tumoren in dieser Altersgruppe. Häufiger treten lediglich die Leukämien und andere Erkrankungen des blutbildenden Systems auf. Man geht von ca. 300 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland aus.
Im Gegensatz zu vielen anderen Krebserkrankungen sind die auslösenden Faktoren für Hirntumore weitgehend unbekannt. Risikogruppen lassen sich - im Gegensatz zu den meisten anderen Krebserkrankungen - nicht benennen, denn auslösende Faktoren sind nicht bekannt. Risiken und Lebensgewohnheiten, wie z.B. Rauchen oder übermäßiger Alkoholkonsum, spielen offensichtlich keine Rolle. Auch Umwelteinflüsse, Stress oder außergewöhnliche seelische Belastungen scheinen die Entwicklung eines Hirntumors nicht zu begünstigen. Der immer wieder vermutete Zusammenhang zwischen einer Schädel-Hirn-Verletzung und der Entstehung eines Hirntumors konnte bisher nicht überzeugend belegt werden.
Arten von Hirntumoren bei Kindern
Bei Kindern und Jugendlichen können ganz andere und vielfältigere Tumorarten als bei Erwachsenen auftreten. Sie gelten als eigenständige Erkrankung und dürfen nicht mit Hirntumoren im Erwachsenenalter verwechselt werden. Es gibt besondere genetische Voraussetzungen, die zur Entstehung eines Tumors führen können. Zum Teil gibt es Tumorarten, die typisch für eine bestimmte Altersgruppe sind. Einige können ihren Ursprung in der Embryonalzeit haben, weshalb besonders Säuglinge und Kleinkinder daran erkranken.
Die häufigsten Tumoren im Kindesalter sind:
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- Astrozytome (ca. 40 %)
- Medulloblastome (ca. 20 %)
- Ependymome (ca. 10 %)
- Kraniopharyngeome
Astrozytome
Astrozytome entstehen aus den sternförmigen Stützzellen des Gehirns (Astrozyten). Sie sind die häufigsten Gliome und können in allen vier WHO-Graden auftreten. Dabei ist das pilozytische Astrozytom (WHO-Grad 1) ein gutartiger Hirntumor, an der überwiegend Kinder und junge Erwachsene erkranken. Diffuse Astrozytome der WHO-Grade 2 und 3 wachsen langsam und haben keine deutliche Grenze zum umliegenden Gewebe. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie zunächst wenig bösartig (maligne) sind, im Laufe der Erkrankung aber bösartiger werden können. Sorgfältige und regelmäßige Nachuntersuchungen sind daher besonders wichtig. Das bösartigste Gliom ist das Glioblastom (Glioblastoma multiforme - WHO-Grad 4).
Medulloblastome
Das Medulloblastom gehört zu den häufigsten Tumorerkrankungen im Kindesalter. Es handelt sich um eine Geschwulst des Kleinhirns, die aus unreifen Zellen des kindlichen Gehirns entsteht.
Ependymome
Ependymome entwickeln sich aus der Wand der Gehirnkammern.
Kraniopharyngeome
Kraniopharyngeome sind gutartige Missbildungstumoren, die aus Resten der Rathke?schen Tasche entstehen und meist am Hypophysenstiel ihren Ursprung haben. Sie wachsen langsam und werden durch Kompression der nervalen Strukturen symptomatisch. Bei Ausbreitung bis in die 3. Hirnkammer können sie zu einem Nervenwasseraufstau mit Ausbildung eines Wasserkopfes (Hydrozephalus) führen. Kraniopharyngeome verursachen häufig Sehstörungen durch Kompression der Sehnerven. Bei Nichtbehandlung und Tumorprogredienz droht die Erblindung.
Andere Hirntumoren
In seltenen Fällen können Hirntumoren in Nervenzellen (z. B. Gangliogliom) oder embryonalen Zellen (z. B. Medulloblastom) entstehen.
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Symptome von Hirntumoren bei Kindern
Die Symptome eines Hirntumors können je nach Größe, Art und Lage des Tumors im Gehirn variieren. Oftmals wird der Tumor über längere Zeit hinweg nicht erkannt und kann mitunter sehr groß werden, bevor er Symptome verursacht. Am häufigsten treten Zeichen von zu hohem Schädeldruck auf, was sich durch Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen äußert. Hierbei handelt es sich oft um das sogenannte Nüchternerbrechen, also direkt nach dem Aufwachen auf nüchternen Magen. Ein großer Tumor, der auf das gesunde Gehirn drückt, kann diese körperliche Reaktion verursachen. Ein zusätzliches Abdrücken der Hirnwasserwege kann ebenfalls der Auslöser sein, da sich Hirnwasser aufstaut und den Druck im Inneren des Schädels noch weiter erhöht.
Weitere häufige Symptome sind:
- Kopfschmerzen: Neu auftretende Kopfschmerzen, die über einige Tage oder Wochen immer heftiger werden und im Liegen zunehmen, sind ein verdächtiges und typisches Anzeichen, das meist zuerst bei Hirntumoren auftritt. Kopfschmerzen wegen eines Hirntumors äußern sich dadurch, dass sie nachts und in den frühen Morgenstunden auftreten. Sie bessern sich tagsüber häufig spontan.
- Übelkeit und Erbrechen: Viele Menschen entwickeln bei einem Hirntumor Symptome wie Übelkeit und Erbrechen. Auch diese Beschwerden sind meist die Folge des erhöhten Hirndrucks. Oft ist den Betroffenen in den Morgenstunden übel, obwohl sie nichts gegessen haben.
- Sehstörungen: Sehstörungen in Form von verschleiertem Sehen, Doppelbildern, Verlust des Sehvermögens in einem Gesichtsfeld (ist z. B. das rechte Gesichtsfeld betroffen, ist alles, was rechts vor einem liegt, nicht mehr zu sehen, wenn man geradeaus schaut). Plötzliches Schielen oder andere Sehstörungen können auch ein Anzeichen sein.
- Gleichgewichtsstörungen und Schwindel:
- Neurologische Ausfälle: Lähmungen von Arm, Bein oder Gesicht - häufig nur auf einer Seite - sowie Zittern, Schluckbeschwerden und Gangunsicherheit werden häufig beobachtet. Das passiert insbesondere, wenn das Kleinhirn betroffen ist. Allmählicher Verlust der Empfindung oder Bewegungsfähigkeit (Motorik) in einem Arm oder einem Bein. Sprachschwierigkeiten, Hörstörungen.
- Müdigkeit und vermehrtes Schlafbedürfnis: Müdigkeit bis zur Benommenheit.
- Krampfanfälle: Krampfanfälle (epileptische Anfälle).
- Verhaltensänderungen: Zunehmende Verwirrung, Veränderungen der Persönlichkeit oder des Verhaltens.
- Hormonelle Störungen: Tumoren der Hypophyse, also Tumoren im übergeordneten Hormonzentrum des Gehirns, verursachen hormonelle Veränderungen, wie z. B. das Ausbleiben der Menstruation, Impotenz, Sekretionen aus den Brüsten (Galaktorrhö) oder Wachstumsstörungen.
- Vergrößerter Kopf bei Säuglingen: Babys und Kleinkinder, die bereits an einem Hirntumor leiden, haben oft einen vergrößerten Kopf (Hydrozephalus), im Volksmund Wasserkopf genannt. Dieser entsteht durch Flüssigkeitsansammlungen im Gehirn und zwischen den Hirnhäuten. Dadurch benötigt das Gehirn mehr Platz und der Schädel vergrößert sich.
Diagnose von Hirntumoren bei Kindern
Bei Verdacht auf einen Hirntumor stehen dem behandelnden Arzt mehrere diagnostische Methoden zur Verfügung. Die präzise Schilderung der Beschwerden und die Erhebung der Krankengeschichte geben wichtige Informationen, die zur richtigen Diagnose führen können.
Die Diagnostik besteht aus einer klinischen Untersuchung und nachfolgend aus einer bildgebenden Untersuchung des Kopfes. Aufgrund ihrer sehr guten Weichteilauflösung ist die Magnetresonanztomographie (MRT) die Methode der Wahl. Bei klinischem Verdacht auf einen Hirntumor wird in erster Linie eine MRT mit oder ohne Kontrastmittel durchgeführt.
Weitere diagnostische Verfahren sind:
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- Computertomographie (CT): Bei diesem Verfahren wird das Gehirn mit Hilfe von Röntgenstrahlen durchleuchtet und in Schnittbildern dargestellt. Damit ist es möglich, Tumoren, Verkalkungen und Blutungen zu erkennen. Um einen Hirntumor zu diagnostizieren, reicht eine Röntgenaufnahme nicht aus. Zur Abklärung von Raumforderungen im Schädelinnenraum eignen sich die Computertomographie (CT) und in erster Linie die Magnetresonanztomographie (MRT).
- Elektroenzephalogramm (EEG): Mit dem EEG ist eine grobe Lokalisation eines Hirntumors möglich und kann die Anfallsgefährdung ermittelt werden.
- Liquoruntersuchung: Die Liquor-Untersuchung dient in manchen Fällen zum Ausschluss einer entzündlichen Erkrankung des Nervensystems.
- Biopsie: In einigen Fällen kann eine Biopsie erforderlich sein, um eine genaue Diagnose zu stellen. Dabei wird eine kleine Gewebeprobe durch einen chirurgischen Eingriff entnommen und mikroskopisch untersucht.
- Augenarzttermin: um eine sogenannte Stauungspapille auszuschließen und den Grund für eine Sehstörung oder plötzliches Schielen oder Augenzittern abzuklären. Bei Vorliegen einer Stauungspapille, dabei handelt es sich um die Schwellung des Sehnerveintrittes am Augenhintergrund, muss von einem deutlich erhöhten Hirndruck ausgegangen werden.
Behandlung von Hirntumoren bei Kindern
Die Behandlung von Hirntumoren hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter das Alter des Patienten, bestehende Vorerkrankungen und der Karnofsky-Index, ein Maß für die körperliche Leistungsfähigkeit des Patienten. Bei den meisten kindlichen Hirntumoren steht die Operation an erster Stelle der Behandlungskette.
Die wichtigsten Behandlungsoptionen sind:
Operation: Wenn möglich, wird der Tumor vollständig entfernt. Bei gutartigen Tumoren kann bei vollständiger Tumorentfernung eine Heilung erzielt werden. Ist eine vollständige Tumorentfernung nicht möglich, werden bei gutartigen Tumoren regelmäßige MRT-Kontrollen durchgeführt und bei Wachstumstendenz des Tumorrestes adjuvante Therapien (Bestrahlung und/oder Chemotherapie) durchgeführt.
- Wachoperationen: Besonders problematisch ist eine Operation, wenn die Tumoren in der Nähe wichtiger Gehirnareale sind. Dazu gehören etwa Bereiche, die Sprache oder Bewegungen steuern oder auch Areale, die im Bereich des Hirnstamms liegen.
Strahlentherapie: Bei malignen Tumoren erfolgt nach der Operation immer eine Bestrahlung und/oder Chemotherapie, auch wenn der Tumor im MRT postoperativ nicht mehr nachweisbar ist. Eine Bestrahlung sollte jedoch bei Kindern unter 3 Jahren nicht durchgeführt werden, da die Bestrahlung eine erhebliche Langzeittoxizität auf das sich entwickelnde Gehirn hat. In dieser Altersgruppe wird nur eine Chemotherapie durchgeführt.
Chemotherapie: Bei einigen hochmalignen Tumoren kann eine Chemotherapie vor der Operation sinnvoll sein.
Medikamente:
- Kortison: Wirkt abschwellend auf das Gewebe, das den Tumor umgibt, und bessert so Symptome, die durch erhöhten Hirndruck entstehen können. Wird auch oft vor einer Operation eingesetzt.
- Antikonvulsiva: Um epileptische Anfälle zu verhindern, können Medikamente wie Antikonvulsiva (z.B. Levetiracetam, Valproinsäure, Benzodiazepine) verabreicht werden.
- Glucocorticoide: Vor einer Operation werden bei Hirntumoren oft Medikamente wie Glucocorticoide (z.B. Dexamethason) verabreicht, um Schwellungen im Gehirn zu reduzieren.
- Infusionen mit Mannitol: gegen Gewebeschwellungen (Ödeme).
Prognose von Hirntumoren bei Kindern
Die Prognose von Hirntumoren bei Kindern hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art des Tumors, seine Lage, sein Wachstumsgrad und das Alter des Kindes. Kann der Neurochirurg den Tumor komplett entfernen, liegt die Überlebenschance des Kindes bei etwa 75 Prozent. Das sei viel. "Nimmt man jetzt nur die aggressiven Tumoren, stehen die Chancen wesentlich schlechter, etwa um die 40 Prozent.
Die relativen 5-Jahres-Überlebensraten für Fälle, die in der Zeit von 2007-2011 diagnostiziert wurden sind:
- gutartige Tumore: Männer 93,4 % und Frauen 95,6 %
- bösartige Tumore: Männern 30,3 % und Frauen 33,1 %.
Wichtig zu wissen
Die Diagnose „Gehirntumor“ bedeutet für die betroffenen Kinder, Geschwisterkinder und Sie als Eltern meist eine große psychische Belastung. Umso wichtiger sind eine zügige Diagnostik und umfassende Behandlung. Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle diese Symptome notwendigerweise auf einen Hirntumor hinweisen. Die meisten Anzeichen (wie Kopfschmerzen, Schwindel etc.) sind sehr unspezifisch und treten auch bei vielen anderen Krankheitsbildern auf. Wenn sie aber mit der Zeit stärker werden und in Kombination auftreten, ist dies ein möglicher Hinweis auf einen Hirntumor.