Unsicherer Gang bei Kindern: Neurologische Ursachen und umfassende Betrachtung

Ein unsicherer Gang bei Kindern kann viele Ursachen haben. Während manche Kinder einfach nur etwas später in ihrer motorischen Entwicklung sind, können in anderen Fällen neurologische Ursachen oder andere Erkrankungen dahinterstecken. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte eines unsicheren Ganges bei Kindern, von möglichen Ursachen über Diagnose bis hin zu Therapieansätzen und Unterstützungsmöglichkeiten.

Einführung

Das Erlernen des Gehens ist ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung eines Kindes. Ein normaler Gang zeichnet sich durch Automatisierung, reibungslose Abläufe und Harmonie aus. Wenn Kinder jedoch wackelig laufen, stolpern oder Schwierigkeiten haben, das Gleichgewicht zu halten, kann dies Anlass zur Sorge geben. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Entwicklung eines stabilen Ganges erst nach dem 7. Lebensjahr abgeschlossen ist und dass ein vorübergehendes Hinken oder Unsicherheiten im Gangbild in den meisten Fällen harmlose Ursachen haben.

Mögliche Ursachen für einen unsicheren Gang

Ein unsicherer Gang bei Kindern kann vielfältige Ursachen haben, die von harmlosen Stolperern bis hin zu ernsthaften neurologischen Erkrankungen reichen. Hier sind einige der häufigsten Ursachen:

Motorische Entwicklungsstörungen

Etwa 5 % aller Kinder haben eine umschriebene Entwicklungsstörung der Motorik (UEMF). Bei Jungen tritt sie häufiger auf als bei Mädchen. Dabei können sowohl große Bewegungen wie Gehen und Laufen (Grobmotorik) als auch feine Bewegungen wie Schreiben und Basteln (Feinmotorik) betroffen sein.

  • Grob motorische Probleme: Kinder lernen möglicherweise später laufen, bewegen sich unsicherer als Gleichaltrige, stolpern häufig, haben Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten oder Bälle zu fangen.
  • Feinmotorische Probleme: Schwierigkeiten beim Schreiben, Malen, Basteln oder Ausschneiden können auftreten. Die Handschrift kann schwer lesbar sein, und die Kinder benötigen mehr Zeit für Aufgaben, die Feinmotorik erfordern.

Muskelhypotonie

Muskelhypotonie, auch als niedriger Muskeltonus bekannt, ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, das im Zusammenhang mit verschiedenen neurologischen und genetischen Bedingungen auftreten kann. Kinder mit Muskelhypotonie haben Schwierigkeiten, ihre Muskeln ausreichend anzuspannen, was sich auf ihre Körperhaltung, Koordination und ihr Gleichgewicht auswirken kann.

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  • Sitzhaltung: Betroffene Kinder sitzen oft mit zu viel Hüftstreckung, richten die Wirbelsäule ungenügend auf und haben einen kyphotischen Rücken. Sie wippen kompensatorisch, um sich zu tonisieren.
  • Stehen und Gehen: Im Stehen überstrecken sie oft die Knie, und das Gehen wirkt steifbeinig ohne Abrollen der Füße.
  • Psychomotorischer Antrieb: Muskelhypotonie kann sich auf den psychomotorischen Antrieb auswirken und zu Antriebsminderung oder motorischer Unruhe führen.

Dyspraxie

Dyspraxie, auch bekannt als "Syndrom des ungeschickten Kindes" oder "umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen" (UEMF), ist eine neurobiologische Störung, die die Planung und Ausführung von Bewegungen beeinträchtigt. Kinder mit Dyspraxie haben Schwierigkeiten, Bewegungsabläufe zu koordinieren und zielgerichtet umzusetzen.

  • Auffälligkeiten: Ungeschicktes Verhalten, unbeholfene Bewegungen, unsicherer Gang, Probleme bei der Bewegung von Armen und Beinen, verlangsamte Alltagshandlungen und Schwierigkeiten beim Lernen durch Nachahmung können auftreten.
  • Schule: Im Schulunterricht können Schwierigkeiten bei der Handhabung von Stiften, Scheren und anderen Utensilien, langsames Schreiben, unleserliches Schriftbild und Koordinationsprobleme im Sportunterricht auftreten.
  • Formen: Motorische Dyspraxie (Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Bewegungen), ideatorische Dyspraxie (Schwierigkeiten bei der Planung von Handlungen) und verbale Dyspraxie (verzögerte Sprachentwicklung) können unterschieden werden.

Muskeldystrophie Duchenne (DMD)

Die Muskeldystrophie Duchenne (DMD) ist die häufigste Muskelerkrankung im Kindesalter, die fast ausschließlich bei Jungen auftritt. Eine Mutation im Dystrophin-Gen führt dazu, dass das für die Muskelhülle wichtige Protein Dystrophin nicht hergestellt werden kann.

  • Symptome: Verspätetes Erlernen des freien Laufens, häufiges Hinfallen, motorische Ungeschicklichkeit, kräftig ausgebildete Waden (Pseudohypertrophie) und Schwierigkeiten beim Aufstehen vom Boden können auftreten.
  • Verlauf: Im Alter zwischen 10 und 12 Jahren sind die Jungen in der Regel auf einen Rollstuhl angewiesen. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer fortschreitenden Schwäche der Armmuskeln und einer Verkrummung der Wirbelsäule (Skoliose).

Gangstörungen

Eine Gangstörung ist eine Beeinträchtigung des automatisierten, reibungslosen und harmonischen Ablaufs von Gehbewegungen. Dabei kann entweder das Gangmuster oder die Ganggeschwindigkeit oder beides gleichzeitig betroffen sein.

  • Ursachen: Neurologische Erkrankungen, orthopädische Probleme, Sarkopenie (Verlust von Muskelmasse und Kraft im Alter), Demenz, psychische Beeinträchtigungen und Medikamente können Gangstörungen verursachen.
  • Formen: Kleinschrittiger Gang (Trippelschritte), Storchengang (Anheben des Fußes aufgrund einer Fußheberschwäche) und Hinken sind mögliche Ausprägungen.

Hinken bei Kindern

Hinken ist eine Form der Gangstörung, bei der die Belastung eines Beins vermindert wird, indem die Dauer der Belastung verkürzt und die Dauer der Vorwärtsbewegung des Beins ausgedehnt wird.

  • Ursachen: Schmerzen, Muskelschwäche oder Knochendeformationen können Hinken verursachen.
  • Mögliche Ursachen nach Altersgruppen:
    • 0-3 Jahre: Unterschenkelbruch, Hüftgelenksdysplasie, Beinlängendifferenz
    • 3-10 Jahre: Hüftgelenksentzündung (Coxitis fugax), Perthes-Krankheit, Kinderrheuma (juvenile idiopathische Arthritis)
    • 10-15 Jahre: Epiphysiolyse (Hüftkopflösung), Morbus Osgood-Schlatter, Patellofemorales Schmerzsyndrom, Spondylolyse und Spondylolisthesis (Gleitwirbel)
    • Alle Altersgruppen: Bakterielle Gelenkentzündung (septische Arthritis), Knochenentzündung (Osteomyelitis), Ermüdungsbruch, Zerebralparese

Diagnostik

Die Diagnose eines unsicheren Ganges bei Kindern erfordert eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Maßnahmen.

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Anamnese

Der Arzt befragt die Eltern ausführlich zu den Beschwerden und der Krankengeschichte des Kindes. Wichtige Fragen sind:

  • Wie und wann haben die Beschwerden angefangen?
  • Verspürt das Kind Schmerzen in bestimmten Gelenken, Muskeln oder in der Wirbelsäule?
  • Sind die Gelenke oder Muskeln steif?
  • Hat sich der Zustand des Kindes verschlechtert, verbessert oder nicht verändert?
  • Wann sind die Schmerzen am stärksten ausgeprägt?
  • Was verbessert oder verstärkt die Schmerzen?
  • Wo genau tut es weh?
  • Robbt oder krabbelt das Kleinkind lieber oder lässt es sich vermehrt von den Eltern tragen?
  • Hat das Kind Fieber?
  • Liegen weitere allgemeine Beschwerden vor?
  • War das Kind kürzlich von anderen Erkrankungen betroffen, z. B. Infektionen der oberen Atemwege?
  • Kommen in der Familie vererbbare rheumatische oder neuromuskuläre Erkrankungen vor?
  • Ist die motorische Entwicklung verzögert?

Körperliche Untersuchung

In der Arztpraxis werden Rücken, Beine und Füße gründlich untersucht. Der Gang des Kindes wird beobachtet, die Gelenke werden abgetastet und ihre Beweglichkeit wird untersucht. In einer neurologischen Untersuchung werden Reflexe, Kraft und Sensibilität im Seitenvergleich überprüft.

Weitere Untersuchungen

Je nach Verdacht des Arztes können weitere Untersuchungen erforderlich sein:

  • Blutuntersuchung: Zur Bestimmung von Entzündungswerten, Muskelenzymen (Kreatinkinase bei Verdacht auf Muskeldystrophie) oder anderen Parametern.
  • Röntgenuntersuchung: Zur Beurteilung von Knochen und Gelenken.
  • Weitere bildgebende Verfahren: Ultraschall, MRT oder CT können in bestimmten Fällen erforderlich sein.
  • Intelligenztests: Bei Verdacht auf Dyspraxie kann ein Intelligenztest (z. B. Hamburg-Wechsler Intelligenztest IV) durchgeführt werden, um Sprachverständnis, visuell-räumliche Verarbeitung, fluides Schlussfolgern, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit zu messen.
  • Motorische Tests: Zur Überprüfung der Koordination, Wahrnehmung und Motorik des Kindes.

Überweisung an einen Facharzt

Bei unsicherer Diagnose oder wenn die Erkrankung eine fachärztliche Behandlung erfordert, wird das Kind an einen Facharzt überwiesen, z. B. an einen Kinderneurologen, Orthopäden oder Rheumatologen.

Therapie und Unterstützung

Die Therapie eines unsicheren Ganges bei Kindern richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Ziel ist es, die motorischen Fähigkeiten des Kindes zu verbessern, Schmerzen zu lindern, Kompensationsmechanismen zu entwickeln und die Lebensqualität zu erhöhen.

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Allgemeine Maßnahmen

  • Bewegung und Sport: Förderung von altersgerechter Bewegung und sportlichen Aktivitäten, die dem Kind Spaß machen und es nicht überfordern.
  • Unterstützung im Alltag: Anpassung der Alltagsbedingungen, um dem Kind die Teilhabe zu erleichtern (z. B. höhenverstellbares Stehpult in der Schule, Trampolin für den Muskeltonus).
  • Psychologische Unterstützung: Stärkung des Selbstvertrauens des Kindes, Ermutigung zur aktiven Teilnahme und Unterstützung bei der Bewältigung von Schwierigkeiten.

Spezifische Therapieansätze

  • Physiotherapie: Krankengymnastische Übungen zur Verbesserung von Bewegungsabläufen, Koordination und Geschicklichkeit. Psychomotorik oder Motopädie können zusätzlich die Wahrnehmung und die emotionalen Reaktionen des Kindes schulen.
  • Ergotherapie: Training von alltäglichen Aufgaben und Bewegungsabläufen wie An- und Ausziehen, Malen und Schreiben unter Anleitung. Übungen zur Grob- und Feinmotorik sowie zur Verbesserung der Wahrnehmung und Koordination.
  • Logopädie: Bei sprachlichen Entwicklungsproblemen zur Schulung der zum Sprechen notwendigen Bewegungsabläufe. Mundmotorische Übungen können bei Problemen mit dem Kauen, Schlucken und Sprechen helfen.
  • Orthopädische Maßnahmen: Bei orthopädischen Ursachen können operative Eingriffe zur Korrektur von Fehlstellungen oder zur Stabilisierung der Wirbelsäule erforderlich sein.
  • Medikamentöse Therapie: Bei bestimmten Erkrankungen (z. B. Kinderrheuma, Muskeldystrophie) können Medikamente zur Linderung der Symptome und zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs eingesetzt werden.
  • Hilfsmittelversorgung: Anpassung von Hilfsmitteln wie Orthesen, Einlagen oder Rollstühlen, um die Mobilität und Selbstständigkeit des Kindes zu unterstützen.

Unterstützung bei Dyspraxie

  • Ergotherapie, Physiotherapie oder Motopädie: Zur Verbesserung der grob- und feinmotorischen Koordination.
  • Logopädische Therapie: Bei sprachlichen Entwicklungsproblemen.
  • Unterstützung in der Schule: Nachteilsausgleich (z. B. mehr Zeit für Tests), Aufklärung der Lehrer über die Erkrankung und individuelle Förderung.
  • Bewältigungsstrategien: Entwicklung von Strategien zur Bewältigung alltäglicher Situationen und zur Verbesserung des Selbstvertrauens.

Unterstützung bei Muskeldystrophie Duchenne

  • Medikamentöse Therapie: Ataluren (Translarna®) bei Patienten mit einer bestimmten Form der Mutation am Dystrophin-Gen. Medikamente mit einem weiteren Wirkungsansatz (Exon-skipping) sind in den USA zugelassen. Große Hoffnung ruht auf der Entwicklung einer Gentherapie.
  • Orthopädische Maßnahmen: Kontraktur lösende Operationen der unteren Extremitäten und operative Stabilisierung der Wirbelsäule.
  • Unterstützung der Herz- und Lungenfunktion: Regelmäßige Kontrollen und gegebenenfalls medikamentöse Therapie.
  • Hilfsmittelversorgung: Anpassung von Hilfsmitteln zur Unterstützung der Mobilität und Selbstständigkeit.
  • Beratung in Schulfragen und Sozialversorgung: Unterstützung bei der Integration in Schule und Gesellschaft.

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