Migräne ist mehr als nur ein "starker Kopfschmerz". Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Trotz ihrer Häufigkeit wird Migräne oft nicht ernst genug genommen oder bagatellisiert. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und vielfältigen Gesichter der Migräne, um das Verständnis für diese Erkrankung zu fördern und Betroffenen Wege zur Linderung aufzuzeigen.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Kopfschmerzen sind oft pulsierend, pochend oder hämmernd und werden von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Migräne als eine der am stärksten behindernden Erkrankungen ein.
Migräne ist nicht gleich Migräne: Verschiedene Formen
Migräne hat viele Gesichter. Es gibt verschiedene Unterformen, die sich in ihren Symptomen und Verläufen unterscheiden:
- Migräne ohne Aura (einfache Migräne): Die häufigste Form der Migräne, bei der die Kopfschmerzen ohne neurologische Begleiterscheinungen auftreten.
- Migräne mit Aura (klassische Migräne): Bei dieser Form treten vor den Kopfschmerzen neurologische Symptome auf, die als Aura bezeichnet werden. Diese können Sehstörungen (z.B. Flimmern, Lichtblitze), sensible Störungen (z.B. Kribbeln, Taubheit) oder Sprachstörungen sein.
- Menstruelle Migräne: Migräneattacken, die im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus auftreten.
- Abdominelle Migräne: Eine Migräneform, die vor allem Kinder betrifft und sich durch Bauchschmerzen und Übelkeit äußert.
- Hemiplegische Migräne: Eine seltene Form der Migräne, die mit vorübergehenden Lähmungen einer Körperseite einhergeht.
- Migräne mit Hirnstammaura: Eine seltene Form mit Symptomen wie Schwindel, Sprachstörungen, Doppelbilder und Bewusstseinsveränderungen.
- Vestibuläre Migräne: Hier stehen Schwindel und Gleichgewichtsstörungen im Vordergrund.
- Okuläre Migräne: Diese Form der Migräne verursacht Sehstörungen wie Flimmern, Lichtblitze oder vorübergehenden Sehverlust, oft ohne Kopfschmerzen.
Symptome der Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
Die Symptome einer Migräne können vielfältig sein und sich von Person zu Person unterscheiden. Typische Symptome sind:
- Kopfschmerzen: Meist einseitig, pulsierend, pochend oder hämmernd. Sie können sich bei körperlicher Aktivität verstärken.
- Übelkeit und Erbrechen: Häufige Begleiterscheinungen, die das Wohlbefinden zusätzlich beeinträchtigen.
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene ziehen sich oft in dunkle, ruhige Räume zurück.
- Aura: Neurologische Symptome, die vor den Kopfschmerzen auftreten können (z.B. Sehstörungen, Kribbeln).
- Schwindel: Kann während der Attacke auftreten.
- Erschöpfung: Viele Betroffene fühlen sich nach einem Migräneanfall erschöpft und ausgelaugt.
Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann in verschiedene Phasen unterteilt werden:
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- Prodromalphase (Vorboten): Stunden oder Tage vor der eigentlichen Attacke können Symptome wie Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, Heißhunger oder Müdigkeit auftreten.
- Auraphase: Bei der Migräne mit Aura treten neurologische Symptome auf, die sich innerhalb von Minuten entwickeln und etwa 15-30 Minuten andauern.
- Kopfschmerzphase: Die pochenden Schmerzen treten einseitig auf und werden durch körperliche Aktivität verstärkt.
- Postdromalphase (Erholungsphase): Nach dem Abklingen der Kopfschmerzen fühlen sich viele Betroffene erschöpft und haben Konzentrationsschwierigkeiten.
Ursachen der Migräne: Ein komplexes Zusammenspiel
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren eine Rolle spielt.
- Genetische Veranlagung: Migräne tritt häufig familiär gehäuft auf.
- Triggerfaktoren: Bestimmte Auslöser können eine Migräneattacke provozieren. Dazu gehören:
- Stress: Sowohl körperlicher als auch psychischer Stress kann Migräne auslösen.
- Schlafstörungen: Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, Schlafmangel oder Schlafüberschuss.
- Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren Migräne auslösen.
- Nahrungsmittel: Bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Schokolade, Zitrusfrüchte oder Alkohol können bei manchen Menschen Migräneattacken triggern.
- Umweltfaktoren: Wetterveränderungen, Lärm, grelles Licht oder starke Gerüche.
- Medikamente: Einige Medikamente können Migräne auslösen oder verstärken.
Die Rolle des Gehirns bei Migräne
Migräne ist eine Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und ihrer Blutgefäße. Während eines Migräneanfalls funktionieren die schmerzregulierenden Systeme fehlerhaft, was zu einer Überempfindlichkeit gegenüber Reizen führt. Auch die Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter) spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migränekopfschmerzen.
Wenn Migräne chronisch wird
Von chronischer Migräne spricht man, wenn Betroffene an mehr als 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leiden, wobei an mindestens acht Tagen die Kriterien für Migräne erfüllt sind. Die Chronifizierung kann durch verschiedene Faktoren begünstigt werden, darunter:
- Übermäßiger Gebrauch von Schmerzmitteln: Paradoxerweise kann die häufige Einnahme von Schmerzmitteln die Migräne verschlimmern und zu einer Chronifizierung führen (Medikamenteninduzierter Kopfschmerz).
- Begleiterkrankungen: Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen und andere chronische Schmerzerkrankungen können das Risiko einer Chronifizierung erhöhen.
- Fettleibigkeit: Übergewicht scheint ebenfalls ein Risikofaktor für die Entwicklung einer chronischen Migräne zu sein.
- Niedriger sozioökonomischer Status: Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung sind häufiger von chronischer Migräne betroffen.
- Sexueller Missbrauch in der Kindheit: Studien haben gezeigt, dass sexuelle Missbrauchserfahrungen in der Kindheit das Risiko für chronische Migräne erhöhen können.
Diagnose der Migräne: Der Weg zum Experten
Die Diagnose der Migräne basiert in erster Linie auf der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) und der Beschreibung der Symptome durch den Patienten. Eine körperliche und neurologische Untersuchung kann durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. In manchen Fällen können bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns erforderlich sein, um andere Erkrankungen auszuschließen.
Der Kopf schmerzt - wer hilft?
Bei Verdacht auf Migräne sollte man sich an einen Arzt wenden. In erster Linie ist der Hausarzt ein guter Ansprechpartner. Er kann die Diagnose stellen und eine erste Therapie einleiten. Bei unklaren Fällen oder bei chronischer Migräne kann eine Überweisung an einen Neurologen oder einen Kopfschmerzspezialisten sinnvoll sein.
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Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne und andere Kopfschmerzarten an.
Behandlung der Migräne: Akuttherapie und Prophylaxe
Die Behandlung der Migräne zielt darauf ab, die akuten Schmerzen zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Es gibt zwei Hauptansätze:
- Akuttherapie: Medikamente, die während einer Migräneattacke eingenommen werden, um die Schmerzen und Begleitsymptome zu lindern. Dazu gehören:
- Schmerzmittel: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Naproxen können bei leichten bis mittelschweren Attacken helfen.
- Triptane: Spezifische Migränemittel, die bei mittelschweren bis schweren Attacken eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Entzündung reduzieren.
- Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen.
- Prophylaxe: Medikamente und nicht-medikamentöse Maßnahmen, die regelmäßig angewendet werden, um die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Dazu gehören:
- Betablocker: Werden normalerweise zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt, können aber auch Migräne vorbeugen.
- Antiepileptika: Medikamente, die zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden, können ebenfalls bei Migräne helfen.
- Kalziumkanalblocker: Werden zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzerkrankungen eingesetzt, können aber auch Migräne vorbeugen.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva können ebenfalls bei Migräne helfen.
- CGRP-Antikörper: Eine neue Klasse von Medikamenten, die gezielt gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) wirken, ein Protein, das bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt.
- Botulinumtoxin (Botox): Kann bei chronischer Migräne eingesetzt werden, um die Häufigkeit der Kopfschmerzen zu reduzieren.
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen:
- Regelmäßiger Lebensstil: Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeit.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.
- Ausdauersport: Regelmäßige körperliche Aktivität kann Migräne vorbeugen.
- Ernährung: Vermeidung von Trigger-Nahrungsmitteln.
- Biofeedback: Eine Methode, bei der man lernt, Körperfunktionen wie Herzfrequenz und Muskelspannung bewusst zu beeinflussen.
- Akupunktur: Kann bei manchen Menschen die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Verhaltenstherapie: Kann helfen, den Umgang mit Migräne zu verbessern und Stressoren zu identifizieren und zu bewältigen.
Neue Therapieansätze
Die Forschung im Bereich der Migräne schreitet stetig voran, und es gibt eine Reihe vielversprechender neuer Therapieansätze:
- Neuromodulation: Verfahren, bei denen das Nervensystem durch elektrische oder magnetische Stimulation beeinflusst wird.
- Gepante: Eine neue Klasse von Medikamenten, die ebenfalls gegen CGRP wirken, aber anders als die Antikörper oral eingenommen werden können.
Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Auch Kinder und Jugendliche können von Migräne betroffen sein. Die Symptome können sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden. So treten Kopfschmerzen bei Kindern oft im ganzen Kopf auf, zusammen mit Übelkeit und Erbrechen. Stress in der Schule, mit Freunden oder in der Familie sowie der Umgang mit Smartphones können bei Kindern Migräneattacken fördern.
Therapie bei Kindern
Die Therapie bei Kindern und Jugendlichen konzentriert sich in der Regel auf nicht-medikamentöse Maßnahmen wie:
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- Regelmäßiger Lebensstil: Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeit.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation.
- Physiotherapie: Um Verspannungen in der Nacken- und Schultermuskulatur zu lösen.
- Verhaltenstherapie: Um den Umgang mit Stress und Schmerzen zu lernen.
In manchen Fällen können auch Medikamente zur Akuttherapie oder Prophylaxe eingesetzt werden, jedoch sollte dies immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen.
Migräne nicht auf die leichte Schulter nehmen
Migräne ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Es ist wichtig, die Symptome nicht zu ignorieren und sich ärztliche Hilfe zu suchen. Durch eine frühzeitige Diagnose und eine individuelle Therapie können die Schmerzen gelindert und die Lebensqualität verbessert werden.