Die Mandelkern (Amygdala) spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst. Die Entfernung der Amygdala, ein neurochirurgischer Eingriff, der in seltenen Fällen zur Behandlung schwerer Epilepsie oder anderer neurologischer Erkrankungen in Betracht gezogen wird, kann tiefgreifende Auswirkungen auf das emotionale Erleben und das Verhalten eines Patienten haben. Dieser Artikel beleuchtet die Risiken, Folgen und potenziellen Vorteile einer solchen Operation, basierend auf Fallstudien, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Expertenmeinungen.
Die Funktion der Amygdala im Gehirn
Die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems im Gehirn, ist für die Verarbeitung von Emotionen wie Angst, Furcht und Freude verantwortlich. Sie bewertet die Bedeutung verschiedener Signale und projiziert diese zusammen mit dem Hippocampus auf die Großhirnrinde. Die Amygdala spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Angstgefühlen, indem sie Informationen aus der Erfahrung heraus als bedrohlich oder gefährlich einstuft und entsprechende Reaktionen im Körper auslöst.
Wann wird eine Amygdala-Entfernung in Betracht gezogen?
Eine Amygdala-Entfernung (Amygdalektomie) wird in der Regel nur dann in Betracht gezogen, wenn andere Behandlungsmethoden wie Medikamente oder Verhaltenstherapie keine ausreichende Linderung der Symptome bringen und die Lebensqualität des Patienten erheblich beeinträchtigt ist. Zu den Erkrankungen, bei denen eine Amygdala-Entfernung in Erwägung gezogen werden kann, gehören:
- Schwere Epilepsie: Bei manchen Formen der Epilepsie, insbesondere der Schläfenlappenepilepsie, können die Anfälle im Bereich der Amygdala entstehen. Wenn die Anfälle medikamentös nicht kontrollierbar sind, kann eine selektive Amygdala-Hippokampektomie in Betracht gezogen werden, bei der die Amygdala und der Hippocampus entfernt werden.
- Komorbide posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): In sehr seltenen Fällen kann bei Patienten mit schwerer PTBS, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen, eine Amygdala-Entfernung in Betracht gezogen werden, um die Angstreaktionen zu reduzieren.
- Urbach-Wiethe-Syndrom: Diese seltene, erbliche Erkrankung führt zu einer Kalziumablagerung in der Amygdala, was die Fähigkeit beeinträchtigt, Angst zu erkennen und zu empfinden. In einigen Fällen kann eine Operation in Betracht gezogen werden, um die Symptome zu lindern.
Fallbeispiel: Das Leben ohne Angst
Ein bemerkenswertes Beispiel für die Auswirkungen einer Amygdala-Entfernung ist der Fall von Smith, einem Mann, bei dem im Alter von 26 Jahren Epilepsie diagnostiziert wurde. Seine Anfälle äußerten sich in kurzen, aber intensiven Gefühlsausbrüchen, die ihm das Gefühl gaben, dass etwas Schlimmes passieren würde. Um die Anfälle zu kontrollieren, unterzog sich Smith einer Operation, bei der die vordere Hälfte des rechten Temporallappens, die rechte Amygdala und der rechte Hippocampus entfernt wurden.
Nach der Operation bemerkte Smith eine drastische Veränderung: Er verspürte keine Angst mehr. Er war nicht mehr von der Tatsache verfolgt, dass er irgendwann sterben würde, und er zeigte keine Angstreaktion in Situationen, die ihn zuvor in Panik versetzt hätten. Zum Beispiel ging er in einer potenziell gefährlichen Situation in Newark, New Jersey, gefasst an einer Gruppe von Männern vorbei, die ihn ausrauben wollten. Er verspürte auch keine Angst, als er von einer Spinne gebissen wurde.
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Smith begann, die Grenzen seines neu gewonnenen Muts zu testen und sich Situationen auszusetzen, die er vor der Operation vermieden hätte. Er stellte fest, dass er beim Wandern auf Klippen kein Angstgefühl mehr verspürte.
Risiken und Nebenwirkungen einer Amygdala-Entfernung
Obwohl eine Amygdala-Entfernung in bestimmten Fällen von Vorteil sein kann, ist sie mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Zu den potenziellen Komplikationen gehören:
- Verlust der Angstempfindung: Wie im Fall von Smith beschrieben, kann die Entfernung der Amygdala zu einem Verlust der Fähigkeit führen, Angst zu empfinden. Dies kann in bestimmten Situationen gefährlich sein, da Angst eine wichtige Schutzfunktion hat.
- Beeinträchtigung anderer Emotionen: Die Amygdala ist nicht nur für die Verarbeitung von Angst zuständig, sondern auch für andere Emotionen wie Wut und Freude. Eine Entfernung der Amygdala kann daher auch diese Emotionen beeinträchtigen.
- Gedächtnisprobleme: Der Hippocampus, der oft zusammen mit der Amygdala entfernt wird, spielt eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung. Eine Entfernung des Hippocampus kann daher zu Gedächtnisproblemen führen.
- Veränderungen der Persönlichkeit: Einige Patienten berichten nach einer Amygdala-Entfernung von Veränderungen ihrer Persönlichkeit. Sie können extrovertierter, gesprächiger oder weniger ängstlich werden.
- Epileptische Anfälle: In seltenen Fällen kann eine Amygdala-Entfernung paradoxerweise zu epileptischen Anfällen führen.
- Weitere neurologische Komplikationen: Wie bei jeder neurochirurgischen Operation besteht das Risiko von Blutungen, Infektionen, Nervenschäden und anderen neurologischen Komplikationen.
Die Rolle der Amygdala bei Angststörungen
Angststörungen sind psychische Erkrankungen, die durch übermäßige Angst und Furcht gekennzeichnet sind. Die Amygdala spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen. Bei Menschen mit Angststörungen ist die Amygdala oft überaktiv, was zu einer übersteigerten Angstreaktion auf eigentlich harmlose Reize führt.
Wie entsteht Angst im Körper?
Informationen aus der Umwelt werden im Gehirn auf zwei verschiedenen Wegen verarbeitet. Dabei spielt die Amygdala eine entscheidende Rolle. Sie ist unser Angstzentrum und dient als eine Art Alarmanlage, die unbewusst und schnell Situationen und Gefahren einschätzt. Daraufhin werden Angst- und Stressreaktionen ausgelöst. Die Informationen zu äußeren Einflüssen erhält die Amygdala dabei vom Thalamus, einem Teil des Zwischenhirns.
Dann gibt es aber noch die bewusste Einschätzung von Situationen. Der Thalamus gibt seine Informationen auch an die Großhirnrinde (Cortex) und den Hippocampus weiter, in denen eine Analyse der Eindrücke stattfindet. Ob eine Situation als gefährlich eingeschätzt wird, erfährt dann auch die Amygdala. Doch die Analyse und Weiterleitung dauert ungefähr doppelt so lang wie die unbewusste und erste Reaktion der Amygdala.
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Ist dieses sogenannte Angstsystem gestört, kann eine Angststörung entstehen. Der Körper der Betroffenen geht dann ohne Grund oder bei eigentlich ungefährlichen Situationen in den Kampf- oder Flucht-Modus: Es kommt zur Ausschüttung von Stresshormonen und zu den typischen körperlichen Reaktionen wie Herzrasen oder beschleunigtem Atem.
Therapie von Angststörungen
Phobische Störungen werden vor allem mit Psychotherapie behandelt. Bei einer Agoraphobie oder sozialen Phobie können zusätzlich Medikamente helfen. Bei der Art von Phobie, zu der Spinnen- oder Höhenangst gehören, empfehlen Experten nur eine Psychotherapie, da die Wirksamkeit von Medikamenten für diese Form der Angststörung nicht ausreichend nachgewiesen ist.
Es gibt verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die bei einer Phobie eingesetzt werden können. Als Methode der Wahl gilt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei findet in der Regel auch eine lang anhaltende und starke Konfrontation mit dem angstauslösenden Objekt oder der angstauslösenden Situation statt (Expositions- oder Konfrontationstherapie), die der Therapeut begleitet. Zusätzlich lernen die Patienten in der kognitiven Verhaltenstherapie, hilfreiche Gedanken zu entwickeln.
Alternative Behandlungen für Epilepsie
Die Epilepsiechirurgie bietet eine Chance auf Anfallsfreiheit oder zumindest eine Reduktion der Anfallshäufigkeit für Patienten, bei denen Medikamente nicht ausreichend wirken. Neben der Resektion des Anfallsursprungs gibt es auch andere operative Verfahren, die in bestimmten Fällen in Betracht gezogen werden können:
- Vagusnerv-Stimulation (VNS): Ein batteriebetriebener Taktgeber wird unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut operiert. Ein Kabel wird dann zum linken Vagus-Nerv am Hals geführt und über Kontakte mit diesem verbunden. Die Stimulation erfolgt nicht kontinuierlich, sondern in Intervallen.
- Tiefe Hirnstimulation (THS): Bei der THS werden Elektroden symmetrisch stereotaktisch in tiefe Bereiche des Gehirns platziert. Diese Bereiche werden elektrisch stimuliert, wodurch eine Verminderung der Anfallsaktivität erzielt werden kann.
- Kallosotomie: Bei dieser Operation wird das Corpus callosum, das die beiden Hirnhälften verbindet, durchtrennt, um die Ausbreitung von Anfällen von einer Hirnhälfte zur anderen zu verhindern.
- Multiple subpiale Transektionen (MST): Hierbei werden vertikale Kortexdurchtrennungen in Abständen von wenigen Millimetern durchgeführt, um die Anfallsausbreitung über die horizontalen kortikalen Fasern zu unterbinden.
Die Amygdala als »Angstzentrale«: Eine Neubewertung
Obwohl die Amygdala lange Zeit als »Angstzentrale« des Gehirns galt, gibt es zunehmend Zweifel an dieser einfachen Vorstellung. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Amygdala zwar eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Angst spielt, aber nicht der einzige Ort ist, an dem Angst entsteht. Andere Hirnregionen, wie der präfrontale Kortex und der Hippocampus, sind ebenfalls an der Angstverarbeitung beteiligt.
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Darüber hinaus ist die Amygdala nicht nur für die Verarbeitung von Angst zuständig, sondern auch für andere Emotionen wie Wut und Freude. Eine Schädigung oder Entfernung der Amygdala kann daher auch diese Emotionen beeinträchtigen.
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