Die Diagnose einer spastischen Lähmung bei einem Kind kann für Eltern und Angehörige eine Herausforderung darstellen. Es gibt aber eine Vielzahl von Therapieansätzen und Methoden, die Kindern mit Spastik helfen können, das Laufen zu erlernen und ihre motorischen Fähigkeiten zu verbessern. Dieser Artikel gibt einen Überblick über verschiedene Methoden, die in der Therapie von Kindern mit Spastik eingesetzt werden, um ihnen ein möglichst selbstständiges und aktives Leben zu ermöglichen.
Neurochirurgischer Eingriff: Selektive Dorsale Rhizotomie
Eine operative Methode zur Reduzierung von Spastik ist die selektive dorsale Rhizotomie (SDR). Bei diesem Eingriff werden gezielt Nervenfasern durchtrennt, die für die erhöhte Muskelspannung verantwortlich sind.
Funktionsweise der Selektiven Dorsalen Rhizotomie
Die Nerven, die vom Rückenmark in den Körper ziehen, haben eine Vorder- und eine Hinterwurzel. Über die Hinterwurzel werden Reize aus dem Körper an Rückenmark und Gehirn weitergeleitet. Bei Menschen mit Spastik sind diese Reflexe gesteigert, was zu einer erhöhten Muskelanspannung führt. Bei der selektiven dorsalen Rhizotomie werden die Nervenfasern in der Hinterwurzel, die die Muskelanspannung an das Rückenmark zurückmelden, durchtrennt. Dadurch wird der Teufelskreis unterbrochen, der die Spastik auslöst.
Der Eingriff
Während der Operation werden die Nervenfasern der Hinterwurzeln getestet, um diejenigen zu identifizieren, die spastische Impulse weiterleiten. Nur diese Fasern werden durchtrennt, um gesunde Funktionen der Nerven zu erhalten. Nach der Operation muss das Kind das Laufen neu erlernen, da das Gehirn die Bewegungsabläufe neu koordinieren muss. Dies erfordert Zeit, Geduld und ein intensives Reha-Programm.
Langzeitergebnisse
Langzeitergebnisse zeigen, dass die SDR eine wirksame Methode zur Reduzierung von Spastik sein kann. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass der Erfolg des Eingriffs von verschiedenen Faktoren abhängt, wie z.B. dem Alter des Kindes, dem Schweregrad der Spastik und der Intensität der Rehabilitation.
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Die Vojta-Therapie
Die Vojta-Therapie ist eine physiotherapeutische Behandlungsmethode, die bei Störungen des zentralen Nervensystems und des Haltungs- und Bewegungsapparates eingesetzt wird. Sie eignet sich für Säuglinge und Kinder mit Beeinträchtigungen der motorischen Entwicklung.
Grundlagen der Vojta-Therapie
Die Reflexfortbewegung nach Vojta wird aus den drei Grundpositionen Bauch-, Rücken- und Seitenlage aktiviert. Durch die Kombination verschiedener Zonen am Körper sowie an Armen und Beinen und den Wechsel von Druck und Zug werden die Bewegungsmuster Reflexumdrehen und Reflexkriechen aktiviert. Eine wichtige Rolle spielen auch die optimalen Winkelstellungen der Extremitäten und die Widerstände, die der Therapeut dem Ablauf von Teilbewegungen entgegensetzt.
Anwendung der Vojta-Therapie
Die Vojta-Therapie wird mehrmals täglich durchgeführt, wobei eine Therapieeinheit zwischen fünf und zwanzig Minuten dauert. Die Eltern bzw. Bezugspersonen werden in die Behandlungstechnik eingewiesen, damit die Therapie auch zu Hause fortgesetzt werden kann. Die Therapie kann sich über Wochen bis Monate, in besonderen Fällen auch Jahre, erstrecken.
Wirkungsspektrum der Vojta-Therapie
Die Vojta-Methode kann bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt werden, wie z.B. zerebrale Parese, Skoliosen der Wirbelsäule oder Hüftdysplasien und Luxationen. Selbst bei ausgeprägten zerebralen Bewegungsstörungen können Aufrichtungsbewegungen und kommunikative Fähigkeiten positiv beeinflusst werden.
Die Feldenkrais-Methode und der Jeremy Krauss Approach (JKA)
Die Feldenkrais-Methode und der Jeremy Krauss Approach (JKA) sind bewegungsorientierte Ansätze, die darauf abzielen, den natürlichen Lernprozess von Kindern mit motorischen Schwierigkeiten (wieder) anzuregen.
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Prinzipien der Feldenkrais-Methode
Die Feldenkrais-Methode nutzt Bewegung und Berührung, um das Gehirn anzusprechen und den motorischen und kognitiven Entwicklungsprozess anzustoßen. Durch sanfte Bewegungen und Berührungen wird das Gehirn angeregt, neue Verbindungen zu knüpfen und Bewegungsmuster neu zu organisieren.
Der Jeremy Krauss Approach (JKA)
Der Jeremy Krauss Approach (JKA) ist ein speziell auf Kinder ausgerichteter Ansatz, der die Prinzipien der Feldenkrais-Methode nutzt, um die individuellen Bedürfnisse und Herausforderungen des Kindes zu berücksichtigen. Der Fokus liegt darauf, dem Kind zu helfen, seine Spastik loszulassen, zu rollen, zu stehen oder sich auf vielfältigere Weise zu bewegen.
Spielerisches Lernen
Die Feldenkrais-Methode und der JKA werden oft spielerisch angewendet, um den Kindern Spaß zu machen und sie zu motivieren. Durch das Spielen werden die Kinder angeregt, neue Bewegungen auszuprobieren und ihre Fähigkeiten zu erweitern.
Robotergestützte Gangorthese: Pediatric Lokomat®
Die robotergestützte Gangorthese Pediatric Lokomat® ist ein Gerät, das aus der Erwachsenenrehabilitation übernommen wurde und Kindern mit bilateraler spastischer Zerebralparese im Alter von etwa vier bis sechs Jahren helfen kann, das Gehen zu erlernen.
Funktionsweise des Pediatric Lokomat®
Der Pediatric Lokomat® fungiert als motorgetriebenes Außenskelett, in dem Füße, Beine und Hüfte fixiert sind. Das Gerät kann so programmiert werden, dass es den Patienten nur bei dem unterstützt, was er nicht selbst kann.
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Vorteile des Pediatric Lokomat®
Erste Erfahrungen mit dem Pediatric Lokomat® sind vielversprechend. Das Gerät kann Kindern mit Spastik helfen, ein flüssigeres Gangbild zu entwickeln und ihre motorischen Fähigkeiten zu verbessern.
Die Bobath-Therapie
Die Bobath-Therapie ist ein spezialisierter therapeutischer Ansatz, der darauf abzielt, Kindern mit zerebralen Bewegungsstörungen und anderen neurologischen Erkrankungen zu helfen, ihr maximales Potenzial in ihrer motorischen Entwicklung zu erreichen.
Grundlagen der Bobath-Therapie
Die Bobath-Therapie basiert auf der individuellen Beurteilung und Behandlung jedes Kindes. Der Fokus liegt darauf, die Selbstständigkeit und Lebensqualität des Kindes zu verbessern.
Ziele der Bobath-Therapie
Die Bobath-Therapie zielt darauf ab, die motorischen Fähigkeiten, die sensorische Wahrnehmung und die kognitiven Fähigkeiten des Kindes zu fördern. Durch die Verbesserung der motorischen Kontrolle und Koordination können Kinder mit Spastik lernen, sich effizienter zu bewegen und alltägliche Aufgaben selbstständiger auszuführen.
Einbindung der Eltern
Die Eltern werden in der Bobath-Therapie als Co-Therapeuten betrachtet. Sie erhalten spezifische Schulungen und Anleitungen von Therapeuten, um die Therapieziele im Alltag umzusetzen.
Krankengymnastik im zentralen Nervensystem (KG-ZNS)
Krankengymnastik im zentralen Nervensystem (KG-ZNS) ist eine spezialisierte Form der physiotherapeutischen Behandlung, die sich auf die Unterstützung und Rehabilitation von Kindern mit Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems (ZNS) konzentriert.
Ziele der KG-ZNS
Die KG-ZNS zielt darauf ab, die motorischen Fähigkeiten und die sensorische Integration bei Kindern zu verbessern, die durch verschiedene neurologische Zustände beeinträchtigt sind.
Therapeutische Maßnahmen
Die therapeutischen Maßnahmen in der KG-ZNS umfassen ein breites Spektrum an Techniken und Aktivitäten, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten sind. Dazu gehören unter anderem Übungen zur Steigerung der Muskelkraft, der Koordination und der Beweglichkeit, Techniken zur Verbesserung der sensorischen Integration und der Wahrnehmung, sowie spezielle Trainingsprogramme zur Förderung der Fein- und Grobmotorik.
Einbindung der Eltern
Die aktive Einbindung der Eltern und des familiären Umfelds ist ein wesentlicher Bestandteil der KG-ZNS. Durch die Schulung und Anleitung der Eltern können therapeutische Übungen und Maßnahmen auch zu Hause fortgesetzt werden, was den Therapieerfolg maßgeblich unterstützt.
Orthopädietechnische Hilfsmittel
Orthopädietechnische Hilfsmittel, wie z.B. Orthesen, können eine wichtige Unterstützung im Alltag für Kinder und Erwachsene mit infantiler Zerebralparese darstellen.
Funktion von Orthesen
Orthesen schützen und korrigieren den Bewegungsapparat. Außerdem fungieren sie als Stützpfeiler, die das Ergebnis halten, das durch eine operative oder konservative Behandlung erzielt wurde. Dadurch fördern sie Mobilität und Unabhängigkeit und somit auch die Teilhabe am täglichen Leben.
Anpassung der Orthesenversorgung
Der Bedarf an orthopädietechnischen Hilfsmitteln bzw. Orthesen kann im Laufe des Lebens variieren. Abhängig vom Alter, der Umgebung sowie den individuellen Anforderungen und funktionellen Fähigkeiten kann die Orthesenversorgung eines ICP-Patienten angepasst werden.
Der Mollii Suit
Der Mollii Suit ist ein Anzug, der mit sanften elektrischen Impulsen spastische, verkrampfte oder schmerzhafte Muskeln lösen kann.
Funktionsweise des Mollii Suit
Indem er spastische Muskeln löst, kann der Anzug Schmerzen reduzieren und wichtige Muskeln neu aktivieren. Viele Betroffene zeigen dank des Mollii Suits ein flüssigeres Gangbild.
Weitere Therapieansätze
Neben den oben genannten Methoden gibt es noch weitere Therapieansätze, die bei Kindern mit Spastik eingesetzt werden können, wie z.B.:
- Dreidimensionale Fußtherapie nach Zukunft-Huber: Diese Therapie beruht auf der normalen Fußentwicklung des Kindes im ersten Lebensjahr und bietet neue Ansatzpunkte zur Therapie bei Sichel-, Klump-, Knick- und Senkfüßen.
- Hippotherapie: Diese Therapie ist eine neurophysiologische Behandlung auf speziell ausgebildeten Pferden.
- Cranio-Sacral-Therapie: Diese Therapie beeinflusst durch sanfte Manipulationen an Schädelknochen, Wirbelsäule und Becken körpereigene Abläufe, löst Blockaden und mindert Gewebespannungen.