Kopftreffer sind im Sport keine Seltenheit, insbesondere in Kontaktsportarten wie Handball, Fußball, American Football und Boxen. Die potenziellen Folgen für das Gehirn reichen von leichten Gehirnerschütterungen bis hin zu langfristigen neurodegenerativen Erkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Kopftreffern im Sport, ihre Auswirkungen auf das Gehirn und die möglichen Präventionsmaßnahmen.
Die Realität von Kopftreffern im Sport
Im Eifer des Gefechts, unter Hochspannung und voller Fokus, kann es schnell zu einem Kopftreffer kommen. Nikolas Katsigiannis, Torwart beim Handball-Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen, kennt diese Situationen. Er achtet nach Kopftreffern auf Symptome einer Gehirnerschütterung wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder Lichtempfindlichkeit und wendet sich gegebenenfalls an den Mannschaftsarzt. In den meisten Fällen kann er am nächsten Tag wieder ins Training einsteigen.
Um die Diagnose einer Gehirnerschütterung oder eines Schädel-Hirn-Traumas zu erleichtern, wird Katsigiannis zu Saisonbeginn getestet. Die Vergleichswerte ermöglichen dem Arzt, neurologische Verschlechterungen festzustellen. Seit seinem Wechsel zu den Rhein-Neckar Löwen im Oktober 2020 hatte Katsigiannis zwei oder drei Kopftreffer im Training. Die Häufigkeit solcher Treffer hängt von der Qualität der Spieler und des Trainings ab. In manchen Mannschaften wurde er seltener oder gar nicht am Kopf getroffen. Obwohl es im Training häufiger zu Kopftreffern kommt, schätzt Katsigiannis das Risiko im Spiel höher ein, da gegnerische Schützen oft keine Rücksicht nehmen.
Die Unterschätzung von Gehirnerschütterungen
Bei einer Gehirnerschütterung gibt es häufig keine offensichtlichen Anzeichen einer Verletzung, weshalb sie oft unterschätzt wird. Dabei können die Folgeschäden von Schädel-Hirn-Traumata verheerend sein. Keine Symptome zu zeigen, bedeutet nicht automatisch ungefährlich. „Repetitive head impacts", also kleine Schläge auf den Kopf, können in der Summe zu Veränderungen der Hirnstruktur führen. Besonders Sportler*innen sind davon betroffen.
Claus Reinsberger von der Universität Paderborn, der im Bereich Schädel-Hirn-Traumata im Sport forscht, betont, dass Spieler solche Situationen oft nicht allein einschätzen können, da sie durch das Adrenalin „wie in einem Tunnel” sind. Im Fußball obliegt es seit 2015 „nur dem Mannschaftsarzt” ob ein Spieler nach einem Kopftreffer weiterspielen darf oder nicht.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Langzeitfolgen von Kopftreffern: CTE und andere Risiken
American Football ist eine Kollisionssportart. An Football Spielern wurde das erste Mal die chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) diagnostiziert. Durch wiederholte Einschläge auf den Kopf entstandene Schäden im Gehirn führen zu starken Persönlichkeitsveränderungen, Parkinson und anderen psychischen Beeinträchtigungen. Bei der erforderlichen Häufigkeit an „repetitiv head impacts" sind sich Neurologie und Forschung jedoch uneinig. So gibt Oliver Ganslandt, ärztlicher Direktor des Neurozentrums Stuttgart, eine Menge von 885 bis 1800 Kopfbällen vor, die die Wahrscheinlichkeit auf CTE erhöhen.
Die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) ist eine neurodegenerative Erkrankung des Gehirns, genauer gesagt eine seltene Form der Demenz. Betroffen sind oft junge Menschen, die Kontaktsportarten wie American Football, Fußball, Eishockey, Rugby oder Boxen ausüben, bei denen die Sportler mit großer Wucht zusammenstoßen. Durch die wiederholten Kopfstöße können die Sportler Alzheimer- und Parkinson-ähnliche CTE-Symptome entwickeln, darunter kognitive und motorische Störungen sowie Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen, die sich mit der Zeit verstärken.
Eine Studie analysierte das aufbewahrte Hirngewebe von 28 Männern, die im Alter zwischen 25 und 51 Jahren verstorben waren. Die übrigen Testpersonen spielten entweder American Football oder Fußball. Dabei zeigte sich: Alle ehemaligen Kontaktsportler wiesen mehr Schäden an den Blutgefäßen, stärkere Entzündungen der Endothelzellen und Mikroglia, mehr defekte Synapsen sowie weniger Neuronen im Gehirn auf als die Testpersonen ohne Kopftraumata-Vorgeschichte. Insgesamt wiesen die Sportler um 56 Prozent weniger Neuronen auf, vor allem in den Schichten 2 und 3 der Großhirnrinde, die sich innerhalb oder in unmittelbarer Nähe der Furchen des Gehirns befinden.
Wiederholte Kopfverletzungen können auch zu Parkinson-ähnlichen Symptomen führen. Eine aktuelle Autopsie-Studie untersuchte fast 500 Gehirne von Kontaktsportlern mit CTE, von denen ca. ein Viertel Parkinsonismus hatte. Die Studie ergab, dass wiederholte Kopftraumata neuropathologische Prozesse auslösen könnten, die im Verlauf zu Parkinson-Symptomen führen.
Präventionsmaßnahmen und Regeländerungen
Um schweren Gehirnerschütterungen vorzubeugen, schlägt Reinsberger eine zielgruppenspezifische Sensibilisierung zum Thema vor. Zudem hält er Protokolle zur Erkennung und Behandlung von Kopfverletzungen, die vorgegeben und stetig weiterentwickelt werden, für notwendig. Auch Regeländerungen müssten, sofern sinnvoll, abgewogen werden. Katsigiannis würde Änderungen einfallen, die die Verletzungsgefahr auf seiner Spielposition verringern sollen. Für einen Kopftreffer beim sieben Meter Strafwurf gibt es bereits die Regelung einer roten Karte. Bei einem Treffer aus dem Positionsangriff “wirst du am Kopf getroffen und die Schützen bekommen gar nichts dafür”, beschwert sich Katsigiannis.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Neben Regeländerungen müsste jedoch auch das Verhalten der Spieler durch Sensibilisierung verändert werden. Eine intensive Schulung zur Behandlung von Schädel-Hirn-Traumata sollte zudem Teil der Trainer*innen Ausbildung in allen Ligen sein. Laut Luig ist dies beim Deutschen Handballbund bereits der Fall.
Wiederkehrende Überlegungen zu einem Helm für Torhüter werden sowohl im Handball als auch im Fußball verworfen. Reinsberger nennt hierfür mehrere Gründe. Zum einen spiele der psychologische Faktor eine Rolle. Sobald ein Spieler eine Schutzkleidung trägt, fühle er sich automatisch sicherer als vorher. Dadurch könnten schwerwiegendere Verletzungen entstehen. Zum Anderen sei die Materialforschung noch nicht so weit fortgeschritten. Ein Helm dürfe die Torhüter*innen nicht in der Bewegung einschränken, müssten jedoch trotzdem genug Schutz bieten, um tatsächlich vor einer Gehirnerschütterung zu bewahren.
Katsigiannis empfiehlt jungen Spielern, mindestens zwei Mal die Woche ein komplettes Krafttraining zu absolvieren, um das Verletzungsrisiko zu minimieren.
Diagnostik und Behandlung von Kopfverletzungen
In Deutschland werden von 270.000 Schädel-Hirn-Traumen jährlich mehr als 44.000 alleine im Sport diagnostiziert, die Dunkelziffer liegt weit darüber. Oft verharmlost oder unerkannt kann diese ernstzunehmende Verletzung bei ausbleibender oder falscher Behandlung erhebliche Spätfolgen verursachen.
Dr. Christof Klemt, Chefarzt der Unfallchirurgie an der Helios Klinik Mühlheim, betont, dass bereits beim kleinsten Verdacht einer Gehirnerschütterung der Spieler vom Feld genommen und bei anhaltenden oder schwerwiegenden Beschwerden ärztlicher Rat eingeholt werden sollte. Eine Wiederaufnahme des Trainings sei frühestens nach einer Woche ratsam, nach Abstimmung mit einer fachkundigen Person und unter Beachtung eines Stufenplans.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
Andreas Max Eidenmüller, Neuropsychologe in Würzburg, weist darauf hin, dass die Schiedsrichter der ersten und zweiten Liga das Spiel für maximal drei Minuten unterbrechen können, um eine erste Diagnose am Spielfeldrand zu stellen. Diese Option werde jedoch nicht ausreichend genutzt. Er hält eine längere Behandlungspause für wünschenswert.
In mittlerweile verbreiteten Baseline-Untersuchungen testet das Medizin-Personal schon vor der Saison die kognitiven und reaktiven Fähigkeiten der Profis. Australische Forschende haben in einer Langzeitstudie mit Australian Football-Spielern zwei Proteinbiomarker untersucht, die für den Wiedereinstieg eines verletzten Sportlers relevant sind.
Die Rolle von Kopfbällen im Fußball
Die Auswirkungen von Kopfbällen auf die Gesundheit von Fußballern sind das Thema einer Studie von Sportmedizinern aus Deutschland, der Schweiz und den USA. Die Studie soll klären, ob Kopfbälle, die nicht zu Gehirnerschütterungen führen, auch langfristig das Gehirn schädigen.
Dr. Matthias Pawlowski, Facharzt für Neurologie am UKM, erklärt, dass der einfache, sauber durchgeführte Kopfball wahrscheinlich nicht schädlich ist. Wenn Kopfbälle aber häufig und wiederholt durchgeführt werden, kann es sein, dass öfter leichte Traumata des Gehirns auftreten, die dann negative langfristige Folgen im Sinne von kognitiven Einschränkungen haben und das Risiko für die Entstehung einer Demenz erhöhen können.
Im Jugendsport können kleine und leichtere Bälle eingesetzt werden, man kann Flanken aus kürzerer Distanz und weniger scharf schießen und vor allem Kopfbälle nur sehr dosiert trainieren, also nicht zu viele auf einmal und mit ausreichenden Pausen dazwischen.
tags: #kopftreffer #gehirn #dahinter