Einführung
Gunther von Hagens, bekannt als der Erfinder der Plastination und durch seine "Körperwelten"-Ausstellungen, hat sein Leben dem Studium des menschlichen Körpers und der Auseinandersetzung mit dem Tod gewidmet. Seit einigen Jahren steht er jedoch selbst im Angesicht der Vergänglichkeit, da er an Parkinson erkrankt ist. Dieser Artikel beleuchtet von Hagens' Leben, seine Arbeit, seine Auseinandersetzung mit der Krankheit und seine Vorstellungen vom Tod.
Gunther von Hagens: Ein Leben für die Anatomie
Gunther von Hagens wurde am 10. Januar 1945 in Polen geboren. Sein Medizinstudium begann er 1965 in Jena. Nach einem Fluchtversuch aus der DDR wurde er inhaftiert, später aber von der Bundesrepublik freigekauft. Er setzte sein Studium in Lübeck fort und promovierte an der Universität Heidelberg, wo er 1977 die Plastination entwickelte. Diese Technik ermöglicht die dauerhafte Konservierung anatomischer Präparate durch den Austausch von Körperflüssigkeiten mit Kunststoffen.
Die Plastination und die "Körperwelten"
Von Hagens gründete die Firma BIODUR® Products, um die für die Plastination benötigten Materialien zu vertreiben. 1995 schuf er zusammen mit seiner Frau, Dr. Angelina Whalley, die erste "Körperwelten"-Ausstellung, in der plastinierte Körper der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Diese Ausstellungen, die später auch Tiere umfassten ("Körperwelten der Tiere", 2010), zogen weltweit Millionen von Besuchern an und lösten kontroverse Diskussionen über den Umgang mit dem Tod und die Grenzen der Wissenschaft aus.
Kontroversen und Kritik
Von Hagens' Arbeit war stets von Kontroversen begleitet. Kritiker warfen ihm vor, die Totenruhe zu stören und die Menschenwürde zu verletzen. Insbesondere die Zurschaustellung von Körpern in sportlichen Posen, beim Geschlechtsverkehr oder auf dem Pferd erregte Anstoß. Von Hagens verteidigte seine Arbeit jedoch als "Demokratisierung der Anatomie" und als Beitrag zur gesundheitlichen Aufklärung. Er argumentierte, dass die Totenruhe in einer Zeit moderner Medizin obsolet sei und dass zwischen der toten Materie und der Erinnerung an den Verstorbenen unterschieden werden müsse.
Akademische Ehrungen und Verfahrenseinstellungen
Trotz der Kritik erhielt von Hagens zahlreiche akademische Ehrungen. Er war Gastprofessor an der Medizinischen Universität Dalian (China) und Direktor des Plastinationszentrums in Bischkek (Kirgistan). Ein gegen ihn geführtes Verfahren wegen des Vorwurfs der Schwarzarbeit wurde aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung und der damit verbundenen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.
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Die Parkinson-Erkrankung: Eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod
Seit etwa vier Jahren leidet Gunther von Hagens an Parkinson, einer unheilbaren neurodegenerativen Erkrankung, die seine Bewegungsfähigkeit und Sprachfähigkeit einschränkt. In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung im Jahr 2011 sprach er offen über seine Krankheit: „Meine Krankheit frisst mich auf. Ich kann mir nicht mal mehr selbst die Schuhe zubinden. Ich zittere, sabbere. Das Sprechen fällt mir immer schwerer.“
Mögliche Ursachen und Auswirkungen
Von Hagens vermutet, dass seine jahrelangen Kunststoffversuche ohne ausreichenden Atemschutz zur Entstehung von Parkinson beigetragen haben könnten. Er ist auf die Hilfe seiner Frau und seines Sohnes angewiesen, die seine Ausstellungen begleiten. In seiner Abwesenheit kümmern sich Pfleger um ihn. Die Krankheit hat ihn emotionaler gemacht, und er gesteht, sich einsam zu fühlen und viel zu weinen. Um Trost zu finden, hat er sich einen Hund gekauft.
Vorbereitung auf das Sterben
Trotz seiner Krankheit hat von Hagens keine Angst vor dem Tod. Er betrachtet den Tod als selbstverständlicher, da er sich während seiner Arbeit an Toten unzählige Male gedanklich damit auseinandergesetzt hat. Er hat bereits Pläne für seine eigene Plastination nach seinem Tod getroffen. Seine Frau soll die Plastination durchführen, und sein Sohn soll dabei sein. Sein Plastinat soll dann in Ausstellungen zu sehen sein.
Die Plastination als "postmortale Existenz"
Von Hagens sieht die Plastination als eine Möglichkeit, dem Tod zu trotzen und eine "postmortale Existenz" zu erreichen. Er möchte durch seine Plastination weiterhin Teil der Welt sein und den Menschen die Möglichkeit geben, seinen Körper auch nach seinem Tod zu studieren. Seine Frau Angelina Whalley ergänzt, dass die Plastinate nicht als Ersatz für Präparierkurse für Medizinstudenten gedacht sind, sondern als Ergänzung.
Das Plastinarium in Guben: Ein Zentrum der Plastination
In Guben betreibt Gunther von Hagens das Plastinarium, eine Produktionsstätte für Plastinate, die vor allem für universitäre Zwecke hergestellt werden. In einer ehemaligen Tuchfabrik arbeiten 46 Mitarbeiter an der Konservierung von Körpern und Organen. Von Hagens hatte ursprünglich Pläne, in Guben eine Großmanufaktur für die Herstellung menschlicher Präparate zu errichten, musste diese Pläne jedoch aufgrund seiner Erkrankung aufgeben.
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Die ethischen Fragen der Körperspende
Die massenhafte Herstellung von Plastinaten wirft ethische Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf die Einwilligung zur Plastination durch die Körperspender. Von Hagens und Whalley betonen, dass alle Körperspender sich notariell registrieren lassen und ihre Einwilligung zur Plastination geben.
Von Hagens' eigene Körperspende
Gunther von Hagens selbst hat noch keine endgültige Entscheidung darüber getroffen, was mit seiner eigenen Körperspende geschehen soll. Er möchte jedoch nicht, dass sein Plastinat an einem Ort ruht, sondern entweder als Ganzkörperplastinat mit einer Wanderausstellung auf Tour geht oder in bis zu 600 Körperscheiben plastiniert und in aller Welt verstreut wird.
"Körperwelten" als gesellschaftliches Schlüsselereignis
Die "Körperwelten"-Ausstellungen haben eine breite gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit Tod und Toten ausgelöst. Die Psychologin Dr. Liselotte Hermes da Fonseca und ihr Kollege Thomas Kliche haben das Phänomen als "gesellschaftliches Schlüsselereignis" analysiert. Sie sprechen von "verführerischen Leichen" und betonen die widersprüchlichen Emotionen, die die Ausstellungen auslösen.
Die Inszenierung von Tod und Nichttod
Hermes da Fonseca argumentiert, dass die inszenierte Spannung von Tod und Nichttod, Mensch und Modell, Individuum und Anonymus eine Haltung provoziert, in welcher der Betrachter sprach- und reflexionslos gebannt wird. Sie kritisiert, dass im Glauben, alles zu sehen, keine unterscheidenden Grenzen mehr gezogen werden.
Die Verschiebung von Begriffen wie Tabu und Würde
Hermes da Fonseca sieht in den "Körperwelten" einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch mit rechtlichen, politischen, wissenschaftlichen, kulturellen und sogar religiösen Zielen. Sie argumentiert, dass durch Definitionsverschiebungen von Begriffen wie Tabu, Würde, Kunst, Wissenschaft, Freiwilligkeit, Geschichte, Leben und Tod die Lebenden neu positioniert werden. Der Tod wird als "postmortale Existenz", als "Auferstehung des befleischten Leibes", "individuell, schön und authentisch" dargestellt und gewinnt eine neuartige Faszination.
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Die Obszönität der Zurschaustellung von Toten
Dr. Karin Dahlke ortet die Zurschaustellung der Plastinate im Bereich der Obszönitäten. Sie argumentiert, dass von Hagens' Schau eines der zentralen Tabus verletzt, mit dem die Kultur einsetzte - das Tabu, durch welches die Toten unberührbar wurden. Sie bezieht sich auf Sigmund Freud, der in "Totem und Tabu" feststellte, dass das Tabu der Toten zu einem der ältesten kulturstiftenden Gesetze gehört.
Die Demokratisierung des Wissens
Dahlke fragt, ob die Ausstellung der plastinierten Leichname eine Demokratisierung des Wissens darstellt, da sie auch der "gemeinen Masse" den Zutritt zu den Toten ermöglicht. Sie weist darauf hin, dass lange Zeit nur einer besonderen Kaste von Menschen, wie Priestern und Ärzten, der Umgang mit Toten erlaubt war.
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