Einführung
Die Entwicklung künstlicher neuronaler Netze (KNN) hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht und ist zu einer Schlüsseltechnologie im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) und des maschinellen Lernens geworden. Diese Netze, inspiriert von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns, ermöglichen es Computern, komplexe Aufgaben wie Bilderkennung, Sprachverarbeitung und Entscheidungsfindung zu bewältigen. Herkömmliche Computerarchitekturen stoßen jedoch bei der Simulation und dem Betrieb von KNN aufgrund des hohen Energieverbrauchs und der sequentiellen Verarbeitung an ihre Grenzen. Daher wird intensiv an neuromorphen Systemen geforscht, die die parallele und energieeffiziente Arbeitsweise des Gehirns nachbilden sollen. Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung künstlicher Halbleiter-Neuronen, die das Potenzial haben, die Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz von KI-Systemen grundlegend zu verbessern.
Neuromorphes Computing: Das Gehirn als Vorbild
Das menschliche Gehirn ist ein Meisterwerk der Effizienz. Mit rund 100 Milliarden Neuronen, die über Synapsen miteinander verbunden sind, verarbeitet es Informationen parallel und verbraucht dabei nur etwa 20 Watt Energie - weniger als eine herkömmliche Glühbirne. Diese beeindruckende Leistung ist auf die spezielle Architektur des Gehirns zurückzuführen, bei der Speicher- und Recheneinheiten dezentral über alle Neuronen verteilt sind. Im Gegensatz dazu basieren herkömmliche Computer auf der Von-Neumann-Architektur, bei der CPU und Speicher getrennt sind und Daten sequenziell über einen Bus ausgetauscht werden müssen. Dieser "Von-Neumannsche Flaschenhals" limitiert die Geschwindigkeit und Effizienz der Datenverarbeitung.
Neuromorphe Chips versuchen, die Architektur des Gehirns nachzubilden, indem sie Neuronen und Synapsen in Hardware realisieren. Wie das Gehirn setzen diese neuronalen Halbleiter auf parallele Verarbeitung, wobei Speicher und Recheneinheit dezentral über alle Neuronen verteilt sind. Die Nervenzellen leiten Informationen in Form von elektrischen Signalen weiter, die als Aktionspotentiale oder Spikes bezeichnet werden. Der Inhalt der Information wird durch das räumliche und zeitliche Muster des Signals definiert. Zudem wird die Fehlertoleranz des menschlichen Denkapparats imitiert: Ist ein Neuron defekt, übernehmen benachbarte Zellen.
Künstliche Halbleiter-Neuronen: Funktionsweise und Realisierung
Künstliche Halbleiter-Neuronen sind elektronische Bauelemente, die die Eigenschaften von biologischen Neuronen nachbilden. Sie sind in der Lage, Signale zu empfangen, zu verarbeiten und weiterzuleiten. Die Realisierung solcher Neuronen kann auf unterschiedliche Weise erfolgen, beispielsweise durch den Einsatz von:
- Memristoren: Memristoren (von Memory Resistor) sind elektronische Bauelemente, deren elektrischer Widerstand von der Stärke und Richtung des Stroms abhängt, der sie durchfließt. Der letzte Widerstandswert bleibt dabei auch ohne Strom erhalten, was Memristoren lernfähig macht. Sie können als künstliche Synapsen eingesetzt werden, um die Verbindungsstärke zwischen Neuronen zu simulieren.
- Halbleiter-Bauelemente: Rein elektrische Halbleiter-Bauelemente können so konfiguriert werden, dass sie die Funktion eines Neurons nachbilden. Durch die Kombination von Transistoren, Kondensatoren und Widerständen lassen sich Schaltungen realisieren, die Signale empfangen, verstärken und weiterleiten können.
- Optische Technologien: Optische Technologien auf der Basis von Lasern bieten die Möglichkeit, ultraschnelle neuronale Netze zu realisieren. Hierbei werden Photonen anstelle von Elektronen zur Signalübertragung genutzt. Da Photonen mit Materie vergleichsweise wenig Wärme erzeugen, versprechen sich die Forscher eine schnellere und effizientere Informationsverarbeitung als bei den derzeitigen elektronenbasierten Technologien.
Das EU-Projekt NEHO: Neuromorphes Computing mit Halbleiter-Optik
Das EU-Projekt NEHO (Neuromorphic computing Enabled by Heavily doped semiconductor Optics) verfolgt das Ziel, eine energiesparendere Alternative zu herkömmlichen Chips für KI-Anwendungen zu entwickeln. Im Fokus steht die Nutzung der Eigenschaften von Halbleitern, um ein künstliches Neuron zu schaffen, das zum Aufbau ultraschneller optischer neuronaler Netze verwendet werden kann.
Lesen Sie auch: Künstliche Beatmung nach Schlaganfall: Was Sie wissen müssen
"Die Bedeutung und zentrale Vision des Projekts liegt in der Realisierung von optischen Rechengeräten mit geringerer Größe, höherer Effizienz und größerer Bandbreite", erklärt Andreas Tittl von der Uni München, der an dem Projekt maßgeblich beteiligt ist. "In Zukunft könnten diese Geräte sich als erfolgreiche Alternative zu kommerziellen Chips etablieren."
Die Forscher wollen die Vorteile hybrider Elektron-Photon-Quasiteilchen nutzen, sogenannter Plasmonen. Da ein Plasmon sowohl ein Elektron als auch ein Photon trägt, kann man auf den elektronischen Teil einwirken, um eine Veränderung des photonischen Gegenstücks zu bewirken. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Idee, Effekte zu nutzen, die an der Oberfläche der Halbleiter auftreten, da diese durch Veränderungen der Elektronendichte auf der Halbleiteroberfläche leicht moduliert werden können. Auf diese Weise wollen die Forscher eine Plattform für photonische integrierte Schaltkreise entwickeln.
Anwendungen künstlicher Halbleiter-Neuronen
Künstliche Halbleiter-Neuronen haben das Potenzial, eine Vielzahl von Anwendungen zu revolutionieren, darunter:
- Maschinelles Lernen: Neuromorphe Systeme mit künstlichen Halbleiter-Neuronen können Aufgaben des maschinellen Lernens deutlich schneller und energieeffizienter bewältigen als herkömmliche Computer.
- Künstliche Intelligenz: Durch die Nachbildung der Funktionsweise des Gehirns können künstliche Halbleiter-Neuronen dazu beitragen, intelligentere und adaptivere KI-Systeme zu entwickeln.
- Autonomes Fahren: Neuromorphe Chips können in autonomen Fahrzeugen eingesetzt werden, um Umgebungsdaten in Echtzeit zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen.
- Industrielle Steuerungen: Lernende industrielle Steuerungen, die auf neuromorphen Systemen basieren, können Produktionsprozesse optimieren und die Effizienz steigern.
- Medizinische Implantate: Energieautarke Implantate mit neuromorphen Chips können Vitalfunktionen überwachen und bei Bedarf medizinische Interventionen auslösen.
- Internet der Dinge (IoT): Kleine, energieeffiziente neuromorphe Chips können in IoT-Geräten eingesetzt werden, um Daten lokal zu verarbeiten und die Abhängigkeit von der Cloud zu reduzieren.
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Obwohl die Entwicklung künstlicher Halbleiter-Neuronen vielversprechend ist, gibt es noch einige Herausforderungen zu bewältigen. Dazu gehören:
- Materialentwicklung: Die Entwicklung neuer Halbleitermaterialien mit verbesserten Eigenschaften ist entscheidend für die Realisierung leistungsfähigerer und energieeffizienterer Neuronen.
- Miniaturisierung: Um komplexe neuronale Netze auf einem Chip zu integrieren, müssen die einzelnen Neuronen und Synapsen weiter miniaturisiert werden.
- Architekturdesign: Die Entwicklung effizienter Architekturen für neuromorphe Systeme ist entscheidend für die optimale Nutzung der Vorteile künstlicher Halbleiter-Neuronen.
- Softwareentwicklung: Es bedarf neuer Programmiersprachen und Algorithmen, um die speziellen Eigenschaften neuromorpher Systeme optimal zu nutzen.
Trotz dieser Herausforderungen sind die Zukunftsperspektiven für künstliche Halbleiter-Neuronen vielversprechend. Die kontinuierlichen Fortschritte in der Materialwissenschaft, Nanotechnologie und Computerarchitektur werden dazu beitragen, die Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz von KI-Systemen grundlegend zu verbessern. In Zukunft könnten neuromorphe Computer mit künstlichen Halbleiter-Neuronen in der Lage sein, komplexe Aufgaben zu bewältigen, die für heutige Computer unlösbar sind.
Lesen Sie auch: Künstliche Intelligenz verstehen
Künstliches Gehirn mit nur einem Neuron realisiert
Forscher der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) haben einen neuartigen Ansatz entwickelt, um ein künstliches neuronales Netz mit nur einem einzigen, im Softwarecode programmierten Neuron zu simulieren. Dieses Neuron wird zeitlich versetzt angesteuert und ausgelesen, wodurch es innerhalb von Sekundenbruchteilen die Rollen aller virtuellen Neuronen einnehmen kann.
"Unsere Forschung adressiert zwei Beschränkungen, mit denen die heutigen neuronalen Netze konfrontiert sind", sagt Dr. Serhiy Yanchuk, Leiter der Arbeitsgruppe Angewandte Dynamische Systeme an der TU Berlin. "Das sei zum einen der hohe Stromverbrauch von neuronalen Netzen, die in Supercomputern simuliert werden."
Die Lösung für diese Herausforderungen könnte nach der Idee der TU-Forscher darin liegen, nur ein einzelnes Neuron zu verwenden, das durch zeitverzögertes Ansteuern und Auslesen (In- und Output) nacheinander die Rollen aller Neuronen im neuronalen Netz einnimmt. Spezielle Verzögerungsleitungen nehmen dafür den Zustand des Neurons auf, modulieren ihn in geeigneter Weise und senden das daraus resultierende Signal zurück.
Das Ergebnis nennen die Forschenden ein »Folded-in-time Deep Neural Network« (Fit-DNN). Ihren Erfolg schreiben die Forscher auch der Tatsache zu, dass Sie in einem interdisziplinären Team aus Mathematikern, Physikern und Informatikern gearbeitet haben.
Lesen Sie auch: Einführung in KI für Spiele
tags: #kunstliche #halbleiter #neuronen