Einführung
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind vielfältig und reichen über die rein respiratorischen Symptome hinaus. Neurologische Komplikationen, sowohl während der akuten Infektion als auch als Langzeitfolgen, rücken zunehmend in den Fokus der Forschung. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Lähmungen im Zusammenhang mit Corona, wobei sowohl die direkte Viruswirkung als auch indirekte Mechanismen wie Immunreaktionen und Impffolgen berücksichtigt werden.
Fazialisparese nach SARS-CoV-2-Impfung
Erhöhtes Risiko nach Impfung?
Eine systematische Überprüfung mit Metaanalyse untersuchte die Inzidenz einer idiopathischen Fazialisparese (Gesichtslähmung) nach einer SARS-CoV-2-Impfung im Vergleich zu Kontrollgruppen. Die Analyse von randomisierten klinischen Phase-III-Studien ergab eine um 200 % erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Fazialisparese bei den Impfstoffempfängern im Vergleich zu den Placebogruppen. Die Unterschiede waren statistisch signifikant (OR 3,00, 95 %-KI 1,10-8,18).
mRNA-Impfstoffe im Fokus
Die Forschenden untersuchten zwei Gruppen von Covid-19-Impfstoffen: mRNA-Impfstoffe (Pfizer/BioNTech und Moderna) sowie Vektorimpfstoffe (Janssen und Oxford/AstraZeneca). Probanden, die mit mRNA-Vakzinen geimpft wurden, hatten ein signifikant höheres Risiko für eine Fazialislähmung als Personen aus der Placebogruppe (OR 3,57, 95 %-KI 1,09-11,67). Für die Untergruppe der Vektorimpfstoffe wurde keine statistische Signifikanz nachgewiesen (OR 1,80, 95 %-KI 0,26-12,35).
Vergleich mit SARS-CoV-2-Infektion
Interessanterweise war das relative Risiko, nach einer Coronavirusinfektion an einer Fazialisparese zu erkranken, 3,23-fach höher als nach Erhalt der Impfung (95 %-KI, 1,57-6,62). Dies deutet darauf hin, dass eine Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wahrscheinlichkeit einer Fazialisparese im Vergleich zu einer SARS-CoV-2-Infektion deutlich verringern kann.
Einordnung der Inzidenz
Die Inzidenz einer Fazialislähmung bei Geimpften ist mit etwa 18 pro 100.000 Personen pro Jahr ähnlich hoch wie in der Allgemeinbevölkerung (15-30 pro 100.000 Personen pro Jahr). Dennoch ist anzunehmen, dass die Fazialisparese eine Folge der SARS-CoV-2-Impfstoff-Exposition gewertet werden muss, da in den vier RCT ein deutlicher Zusammenhang festgestellt wurde.
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Fazit zur Fazialisparese
Nach einer Covid-19-Impfung ist das Risiko, an einer idiopathischen Fazialisparese zu erkranken, signifikant höher als nach einer Impfung mit Placebo. Die Erkrankungsrate liegt aber immer noch unter der von Personen, die an einer SARS-CoV-2-Infektion erkrankt waren.
Einschränkungen der Studien
Es ist wichtig zu beachten, dass in diese Analyse bereits veröffentlichte Studien einflossen und patientenindividuelle Daten nicht verfügbar waren. Dies erschwerte die Durchführung von Subgruppenanalysen auf der Grundlage von Parametern wie Alter, Geschlecht, Impfstoffdosis oder Zeitspanne zwischen Impfung und Ereignis.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS) im Zusammenhang mit Corona
GBS als mögliche Nebenwirkung von Vaxzevria®
Ein Fallbericht sowie weitere Berichte in der Literatur und im Spontanmeldesystem deuten darauf hin, dass GBS eine mögliche Nebenwirkung von Vaxzevria® (AstraZeneca) sein könnte. Allerdings sind angesichts der Vielzahl der Geimpften auch spontan bzw. durch andere Pathogene ausgelöste GBS zu erwarten. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei berichteten Fällen um eine zufällige Koinzidenz handelt. Da die Inzidenz eines etwaigen Vaxzevria®-assoziierten GBS sehr niedrig eingeschätzt wird, überwiegt aus Sicht der AkdÄ nach wie vor der Nutzen der Impfung deren Risiken.
Symptome und Behandlung von GBS
Das GBS ist eine akute, potenziell lebensbedrohliche Autoimmunerkrankung des peripheren Nervensystems, die sich typischerweise mit rasch aufsteigenden, schlaffen Lähmungen sowie teilweise auch sensorischen und autonomen Störungen manifestiert. Typisch ist die sogenannte zytoalbuminäre Dissoziation im Liquor mit erhöhtem Eiweiß bei normaler Zellzahl. Patienten müssen sorgfältig überwacht und ggf. mit intravenösen Immunglobulinen oder Plasmaaustausch behandelt werden.
GBS nach COVID-19-Impfung
Auch nach Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca und anderen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 werden in der Literatur Fälle von GBS beschrieben. Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wurden bis zum 31.07.2021 insgesamt 84 Fallberichte eines GBS bzw. Miller-Fisher-Syndroms im Zusammenhang mit Vaxzevria® gemeldet.
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Statistische Signale
Mit einer „Standard Morbidity Ratio“ (SMR) von 3,91 (95 % Konfidenzintervall 3,05 - 4,93) ergibt sich ein statistisches Signal für Vaxzevria®. Auch für COVID-19 Vaccine Janssen ergibt sich mit einer SMR von 4,27 (95 % Konfidenzintervall 2,39 - 7,04) ein Signal, nicht jedoch für die mRNA-Impfstoffe. Auf Empfehlung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA wurde GBS als sehr seltene Nebenwirkung in die Fachinformationen von Vaxzevria® und COVID-19 Vaccine Janssen aufgenommen.
Handlungsempfehlungen
Wenn nach der Impfung insbesondere mit Vaxzevria® oder mit COVID-19 Vaccine Janssen neurologische Symptome auftreten, wie z. B. schlaffe Paresen oder distal symmetrische Sensibilitätsstörungen, sollte ein GBS erwogen und die Patienten entsprechend untersucht und behandelt werden.
Neurologische Langzeitfolgen von COVID-19 (Long COVID)
Häufige Symptome
Im dritten Jahr der Pandemie beschäftigen uns die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion mehr denn je. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind die häufigsten Symptome nach einer Corona-Infektion eine krankhafte Erschöpfung, Kurzatmigkeit und Atembeschwerden sowie Probleme mit dem Gedächtnis und der Konzentration.
Neurologische und neuropsychiatrische Symptome
Eine Metanalyse bestimmte die häufigsten neurologischen und neuropsychiatrischen Symptome des Post COVID-19 Syndroms bei Erwachsenen. Berichtet wurde besonders häufig von Fatigue (37 Prozent), Gehirnnebel (32 Prozent), Gedächtnisproblemen (28 Prozent), Aufmerksamkeitsstörungen (22 Prozent), Muskelschmerzen (17 Prozent), Kopfschmerzen (15 Prozent), Geruchsverlust (12 Prozent) sowie Geschmacksstörungen (10 Prozent).
Fatigue und Postexertionelle Malaise (PEM)
Fatigue ist das am häufigsten berichtete Symptom nach einer Corona-Infektion. Bei einer PEM besteht eine Unverträglichkeit gegenüber körperlicher aber auch geistiger Belastung. Dieser Zustand wird von Betroffenen als „Crash“ bezeichnet und kann Tage bis Wochen anhalten.
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Kognitive Beschwerden
Kognitive Beschwerden, das heißt Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen gehören ebenfalls zu den am häufigsten berichteten Symptomen nach einer Corona-Infektion. Erste Verlaufsstudien deuten darauf hin, dass kognitive Störungen länger anhalten als andere neurologische Symptome nach einer Corona-Infektion.
Geruchsverlust
Bei einer SARS-CoV-2 Infektion tritt häufig ein plötzlicher Geruchsverlust mit begleitender Minderung des Geschmackssinns auf. Mehr als ein Jahr nach ihrer Infektion hatten 46 Prozent der COVID-19-Erkrankte immer noch Geruchsprobleme.
Psychiatrische Erkrankungen
Ein Zusammenhang zwischen psychiatrischen Erkrankungen und RNA-Viren, insbesondere Coronaviren, ist schon länger bekannt. So sind Depressionen, Angstzustände und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) nach einer Corona-Infektion beschrieben.
Kopfschmerzen und Muskelschmerzen
So treten Kopfschmerzen sehr häufig im Rahmen der Akuterkrankung, aber auch im Langzeitverlauf auf. Weiterhin werden sehr häufig Muskelschwäche und -schmerzen angegeben.
Durchblutungsstörungen und Entzündungen
Eine Durchblutungsstörung kleinster Gefäße auf Grund einer chronischen Entzündungsreaktion, Autoimmunität und/oder Gerinnungsstörung spielen möglicherwiese eine Rolle bei der Entstehung von Long COVID.
Therapieansätze
Eine unmittelbare Therapie des Long- oder Post-COVID-Syndroms existiert bislang noch nicht. Eine begleitende Psychotherapie kann bei langandauernden und wechselhaften Symptomen ebenfalls sinnvoll sein. Schmerzen werden symptomatisch mit herkömmlichen Schmerzmitteln behandelt.
Direkte Viruswirkung auf das Nervensystem
Beeinträchtigung des Nervensystems durch COVID-19
Die ersten Berichte, dass SARS-CoV-2 unser Nervensystem beeinträchtigen könnte, waren der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Im Laufe der folgenden Monate tauchten jedoch Berichte über schwerwiegendere neurologische Nebenwirkungen auf.
Neurologische Erkrankungen ausgelöst durch COVID-19
Guillain-Barré Syndrom und ADEM (eine entzündliche Erkrankung, die das Gehirn befällt) wurden wiederholt bei COVID 19-Patienten beobachtet.
Mögliche Mechanismen der Viruswirkung
SARS-CoV-2 gehört nach jetzigem Wissensstand nicht zu den Viren, die bevorzugt Nervenzellen befallen. Es wird vermutet, dass das Virus ausgehend von den Schleimhäuten der oberen Atemwege den Riechnerven befällt und von dort aus das Gehirn erreicht. Auch infizierte Blutzellen könnten das Virus ins Nervensystem tragen.
Veränderungen im Gehirn
Eine neuere Studie aus Oxford gibt konkrete Hinweise auf Unregelmäßigkeiten im Gehirn durch eine Covid-19-Erkrankung. Die Forscher:innen konnten anhand von Hirnscans Veränderungen im Gehirn messen, die vor allem die limbischen Hirnregionen betreffen.
Neurologische Symptome bei Corona-Patienten
Zu den häufigen neurologischen Symptomen von Corona-Patienten zählen: Riechstörungen, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, in schweren Fällen auch schwere Muskelentzündungen. Bewusstseinsstörungen und Delir werden sehr häufig beobachtet.
Erhöhtes Schlaganfallrisiko
Es scheint ein erhöhtes Schlaganfallrisiko zu geben. Eine Studie aus New York kam zu dem Ergebnis, dass das Risiko für einen Hirninfarkt bei Covid-19 Infektionen um den Faktor 4 erhöht war.
Entzündungen Gehirn und Rückenmark
Im Rahmen der Covid-19-Erkrankung kann es auch zu Entzündungen des Gehirns und selten auch des Rückenmarks kommen.
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) im Detail
Ursachen und Symptome
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine entzündliche Erkrankung der peripheren Nerven und Nervenwurzeln. Vermutlich wird durch eine überschießende Autoimmunreaktion - in Folge von Infekten - die Myelinschicht der peripheren Nerven geschädigt. Deswegen können die Nervenfasern keine Reize mehr übertragen. Dies äußert sich durch eine fortschreitende Lähmung und Taubheitsgefühle, meist von den Beinen, später von den Armen ausgehend. Auch der Kopf beziehunsgweise das Gesicht können betroffen sein.
Diagnose und Behandlung
Aufgrund der Gefahr einer Atemlähmung werden Patienten immer stationär eingewiesen und engmaschig überwacht. Betroffene erhalten dann entweder hochdosiert intravenös Immunglobuline oder es erfolgt eine Plasmapherese.
Langzeitfolgen
Oft dauere es viele Wochen, bis sich die Symptome zurückbilden, bei einigen Patienten würden dauerhaft neurologische Beschwerden bestehen bleiben: Etwa 30 Prozent der Betroffenen weisen noch drei Jahre nach Beginn des Syndroms eine verbleibende Schwäche auf.
GBS nach Infektionen und Impfungen
GBS entsteht oft einige Tage bis Wochen nach einer Infektionserkrankung. Während der Coronapandemie wurde das Guillain-Barré-Syndrom immer wieder mit Impfungen gegen Covid-19 in Verbindung gebracht. Wie das Ärzteblatt berichtet, könnte der COVID-19-Impfstoff Jcovden von Janssen mit einem erhöhten Risiko für das GBS einhergehen. Das Risiko sei aber sehr gering. Es seien nur einige Fällen pro einer Million Impfdosen registriert worden.