Die Leiste ist ein komplexer Bereich des menschlichen Körpers, der eine wichtige Übergangszone zwischen dem Unterbauch und dem Oberschenkel darstellt. Sie beherbergt eine Vielzahl von anatomischen Strukturen, darunter Muskeln, Sehnen, Adern (Blutgefäße), Nerven und Lymphknoten. Schmerzen in der Leistengegend sind ein häufiges medizinisches Problem, das vielfältige Ursachen haben kann. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Anatomie der Leistenregion und beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Leistenschmerzen, ihre Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Anatomie der Leistenregion
Die Leistenregion, auch Regio inguinalis genannt, kann man sich als ein Dreieck im Unterbauch beidseits vorstellen. Sie erstreckt sich entlang der Leistenfalte, die diagonal über die Vorderseite der Leiste verläuft.
Begrenzungen der Leistenregion
- Kaudal (unten): Leistenband (Ligamentum inguinale), das die Leistenregion vom Oberschenkel (Schritt) abgrenzt.
- Medial (mittig): Gerade Bauchmuskulatur (M. rectus abdominis) im Bereich der Schamregion.
- Lateral (seitlich): gedachte Linie, die die seitliche Begrenzung des Unterbauchs markiert.
Der Leistenkanal
Eine zentrale Struktur in der Leistenregion ist der Leistenkanal (Canalis inguinalis), ein etwa vier bis fünf Zentimeter langer Tunnel in der vorderen Bauchwand, der die Bauchhöhle mit der äußeren Schamgegend verbindet.
- Innere Öffnung: Innerer Leistenring (Anteile des M. obliquus internus abdominis).
- Äußere Öffnung: Äußerer Leistenring (Anteile der Aponeurose des M. obliquus externus abdominis).
- Vordere Begrenzung: Aponeurose (Sehnenplatte) des M. obliquus externus abdominis.
- Hintere Begrenzung: Fascia transversalis (Schwachstelle: Hesselbach-Dreieck - muskelfrei).
- Obere Begrenzung: M. transversus abdominis und M. obliquus internus abdominis.
- Untere Begrenzung: Leistenband (Lig. inguinale).
Inhalt des Leistenkanals
Der Leistenkanal dient als Durchgang für wichtige Strukturen:
- Beim Mann: Samenstrang (Funiculus spermaticus), der die Blutgefäße, Nerven und den Samenleiter des Hodens enthält.
- Bei der Frau: Rundes Gebärmutterband (Ligamentum teres uteri oder L. rotundum), das die Gebärmutter mit den großen Schamlippen verbindet.
- Nerven: Ramus genitalis des Nervus genitofemoralis, Nervus ilioinguinalis (Ursache von Schmerzen und Beschwerden).
- Gefäße: Äste der Arteria und Vena epigastrica inferior.
Muskeln und Sehnen
Die Muskeln der Leistenregion spielen eine wichtige Rolle bei der Bewegung und Stabilität des Rumpfes und der Beine. Zu den wichtigsten Muskeln gehören:
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- M. obliquus externus abdominis: Äußerer schräger Bauchmuskel.
- M. obliquus internus abdominis: Innerer schräger Bauchmuskel.
- M. transversus abdominis: Querer Bauchmuskel.
- M. rectus abdominis: Gerader Bauchmuskel.
- Adduktorenmuskeln: Muskeln an der Innenseite des Oberschenkels, die das Bein an den Körper heranziehen (Adductor longus, Adductor brevis, Adductor magnus, Pectineus).
- M. iliopsoas: Hüftbeuger, der den Oberschenkel anhebt und den Rumpf beugt.
Blutgefäße
Die Leistenregion ist reich an Blutgefäßen, die die untere Extremität und den Unterbauch versorgen.
- A. iliaca externa: Äußere Beckenarterie, die nach dem Durchtritt durch die Lacuna vasorum (Gefäßlücke) distal des Leistenbandes in die A. femoralis (communis) übergeht.
- A. femoralis (communis): Gemeinsame Oberschenkelarterie, die im Schenkeldreieck (Scarpa-Dreieck) verläuft.
- A. femoralis (superficialis): Oberflächliche Oberschenkelarterie, die den Verlauf der A. femoralis communis fortsetzt und in den Adduktorenkanal (Hunter-Kanal) gelangt.
- A. profunda femoris: Tiefe Oberschenkelarterie, die den größten Teil der Strukturen des Oberschenkels versorgt.
- V. femoralis (communis): Gemeinsame Oberschenkelvene, die parallel zur A. femoralis (communis) verläuft.
- V. saphena magna: Große Rosenvene, eine oberflächliche Vene, die am medialen Fußrand beginnt und in die V. femoralis mündet.
- V. saphena parva: Kleine Rosenvene, eine oberflächliche Vene, die am lateralen Fußrand beginnt und in die V. poplitea mündet.
Nerven
Die Nerven der Leistenregion versorgen die Haut, die Muskeln und die inneren Organe des Unterbauchs und der unteren Extremität.
- Nervus ilioinguinalis: Ein Nerv, der durch den Leistenkanal verläuft und die Haut der Leistenregion und des inneren Oberschenkels versorgt.
- Ramus genitalis des Nervus genitofemoralis: Ein Nerv, der durch den Leistenkanal verläuft und die Haut der Genitalien versorgt.
- N. saphenus: Ein sensibler Nerv, der vom Oberschenkel zum Unterschenkel verläuft und die Haut an der Innenseite des Unterschenkels und des Fußes versorgt.
Lymphknoten
In der Leistenregion befinden sich zahlreiche Lymphknoten, die Teil des Immunsystems sind. Sie filtern die Lymphe und spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Infektionen. Normalerweise tastet man sie in der Leiste höchstens vereinzelt als erbsengroße Knötchen.
Ursachen von Leistenschmerzen
Leistenschmerzen können vielfältige Ursachen haben, die von harmlosen Muskelverspannungen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen reichen. Es ist wichtig, die genaue Ursache der Schmerzen zu ermitteln, um eine geeignete Behandlung einzuleiten.
Muskuloskelettale Ursachen
- Leistenzerrung: Eine häufige Ursache von Leistenschmerzen, insbesondere bei Sportlern. Sie entsteht durch eine Überlastung oder Zerrung der Muskeln oder Sehnen in der Leistenregion, insbesondere der Adduktorenmuskeln.
- Sportlerleiste (weiche Leiste): Eine chronische Schmerzerkrankung, die vor allem bei Sportarten mit schnellen Bewegungen und abrupten Richtungswechseln auftritt. Sie ist durch eine Schwäche der hinteren Leistenkanalwand gekennzeichnet.
- Hüftprobleme: Erkrankungen des Hüftgelenks, wie Hüftarthrose (Verschleiß des Gelenkknorpels), Hüftkopfnekrose (Absterben von Knochengewebe im Hüftkopf) oder Hüftimpingement (Einklemmung im Hüftgelenk), können Schmerzen in die Leiste ausstrahlen.
- Myogelosen und Triggerpunkte: Kleinste Knötchen in der Muskulatur, die unter anderem zu Schmerzen führen können.
- Beckenbruch: Ein Bruch der Beckenknochen, der beispielsweise durch einen Unfall oder eine Knochenerkrankung verursacht werden kann.
Hernien (Brüche)
- Leistenbruch (Leistenhernie): Eine Ausstülpung des Bauchfells durch eine Schwachstelle in der Bauchwand im Bereich des Leistenkanals.
- Schenkelbruch (Schenkelhernie): Eine Ausstülpung des Bauchfells unterhalb des Leistenbandes in Richtung Oberschenkel.
Urologische Ursachen
- Harnsteine: Steine in den Harnwegen können Schmerzen in der Leiste verursachen, insbesondere bei kolikartigen Schmerzen in der Flanke oder im seitlichen Rücken.
- Hodenerkrankungen: Entzündungen des Hodens (Orchitis) oder des Nebenhodens (Epididymitis), Hodenstieldrehung (Hodentorsion) oder Hodentumore können Leistenschmerzen verursachen.
- Varikozele: Schmerzhafte Krampfadern am Hoden.
Gynäkologische Ursachen (bei Frauen)
- Eileiterschwangerschaft: Eine Schwangerschaft, bei der sich der Embryo außerhalb der Gebärmutter, meist im Eileiter, einnistet.
- Beckenringlockerung in der Schwangerschaft: Eine Lockerung der Bandverbindungen im Beckenbereich aufgrund hormoneller Veränderungen während der Schwangerschaft.
- Entzündungen der Eileiter oder Eierstöcke: Können ebenfalls Leistenschmerzen verursachen.
- Endometriose: Wucherung von Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter.
- Eierstockzyste: Flüssigkeitsgefüllte Hohlräume im Eierstock.
Weitere Ursachen
- Geschwollene Lymphknoten: Lymphknoten in der Leiste können bei Infektionen im unteren Körperbereich anschwellen und schmerzen.
- Blinddarmentzündung: In seltenen Fällen kann eine Blinddarmentzündung Schmerzen in der Leiste verursachen, insbesondere wenn der Wurmfortsatz eine ungewöhnliche Lage hat.
- Gefäßveränderungen: Eine knotig erweiterte Krampfader oder die Aussackung einer Schlagader (Aneurysma) können Leistenschmerzen verursachen.
- Abszess: Ein eitergefüllter Hohlraum, der sich entlang des Psoas-Muskels ausbreiten und die Leiste vorwölben kann.
- Neuralgien: Nervenschmerzen, z. B. durch Einklemmung des Nervus ilioinguinalis oder Nervus genitofemoralis.
Diagnose von Leistenschmerzen
Die Diagnose von Leistenschmerzen umfasst in der Regel folgende Schritte:
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- Anamnese: Ausführliche Befragung des Patienten zur Krankengeschichte, Art und Lokalisation der Schmerzen, Begleitsymptomen und möglichen Auslösern.
- Körperliche Untersuchung: Abtasten der Leistenregion, Überprüfung der Beweglichkeit der Hüfte und des Rückens, Untersuchung der Bauchorgane und der Genitalien.
- Bildgebende Verfahren:
- Ultraschalluntersuchung: Zur Beurteilung von Muskeln, Sehnen, Lymphknoten und Hernien.
- Röntgenaufnahme: Zur Beurteilung der Knochenstrukturen im Hüft- und Beckenbereich.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Zur detaillierten Darstellung von Weichteilen, Knochen und Gelenken.
- Weitere Untersuchungen: In einigen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z. B. Blutuntersuchungen, Urinuntersuchungen oder eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung.
Behandlung von Leistenschmerzen
Die Behandlung von Leistenschmerzen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
Konservative Behandlung
- Schmerzmittel: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen eingesetzt werden.
- Schonung und Kühlung: Bei akuten Verletzungen wie Zerrungen oder Prellungen ist Schonung und Kühlung der betroffenen Region wichtig.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Stärkung der Muskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit und Korrektur von Fehlhaltungen.
- Akupunktur: Kann zur Schmerzlinderung und Muskelentspannung eingesetzt werden.
- Dry Needling: Behandlung von Triggerpunkten mit Akupunkturnadeln.
- Neuraltherapie: Injektion von Lokalanästhetika in Triggerpunkte oder Nerven zur Schmerzlinderung.
- Gelenkinjektionen: Injektion von Medikamenten (z. B. Hyaluronsäure oder Kortikosteroide) in das Hüftgelenk zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Gelenkfunktion.
Operative Behandlung
In einigen Fällen ist eine Operation erforderlich, um die Ursache der Leistenschmerzen zu beheben. Dies kann beispielsweise bei Leistenbrüchen, Schenkelbrüchen, Hüftimpingement oder schweren Muskelrissen der Fall sein.
Spezifische Behandlungen
- Sportlerleiste: Neben konservativen Maßnahmen kann eine Operation zur Verstärkung der hinteren Leistenkanalwand erforderlich sein.
- Hodenerkrankungen: Die Behandlung richtet sich nach der Art der Erkrankung und kann Medikamente oder eine Operation umfassen.
- Eileiterschwangerschaft: Eine Eileiterschwangerschaft muss in der Regel operativ oder medikamentös beendet werden.
- Harnsteine: Kleine Harnsteine können oft spontan ausgeschieden werden. Größere Steine müssen möglicherweise zertrümmert oder operativ entfernt werden.
- Abszess: Ein Abszess muss in der Regel operativ eröffnet und drainiert werden.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn:
- Die Leistenschmerzen akut einsetzen und sehr stark sind.
- Die Schmerzen sich verschlimmern oder nicht innerhalb weniger Tage bessern.
- Zusätzliche Symptome wie Fieber, Übelkeit, Erbrechen oder Schwellungen auftreten.
- Die Schmerzen nach einem Unfall aufgetreten sind.
- Die Schmerzen in den Hoden oder Unterbauch ausstrahlen.
- Eine Schwellung oder Beule in der Leistenregion tastbar ist.
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