Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Form der Demenz, betrifft allein in Deutschland etwa eine Million Menschen, Tendenz steigend. Die Ursache ist bislang nicht genau geklärt, jedoch richtet sich der Hauptverdacht gegen das Proteinfragment Beta-Amyloid (Aß), das sich im Gehirn zwischen Nervenzellen ansammelt. Während in den USA bereits ein Antikörper namens Lecanemab zur Entfernung dieser Aß-Plaques auf den Markt gekommen ist, der jedoch beträchtliche Nebenwirkungen wie Hirnödeme und Mikroblutungen mit sich bringt, rückt eine andere Behandlungsform in den Fokus: die Lichttherapie.
Licht als potenzieller Schlüssel zur Demenzbehandlung
Die Lichttherapie, insbesondere die Stimulierung mit Gamma-Wellen im Frequenzbereich von 40 Hertz (Hz), weckt Hoffnungen auf eine nahezu nebenwirkungsfreie Behandlung von Demenz. Etliche klinische Studien prüfen derzeit, ob eine optische und akustische Stimulation im Frequenzbereich von Gamma-Wellen eine Demenz verzögern, bessern oder gar verhindern kann. Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass diese Stimulierung im Gehirn eine Art Gewebereinigung anregt, samt Entsorgung schädlicher Stoffwechselprodukte. Forschende behaupten, dass dadurch auch jene Ablagerungen aus dem Gehirn entfernt werden könnten, die als Ursache der Alzheimer-Krankheit gelten.
Wie funktioniert die Lichttherapie bei Demenz?
Die Idee hinter der Lichttherapie bei Demenz ist, dass Sinnesreize Nervenzellen im Gamma-Wellen-Bereich in Schwingung versetzen und so den Reinigungsprozess starten. Eine Studie des Teams um Li-Huei Tsai vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) aus dem Jahr 2016 im Fachblatt „Nature“ beschreibt, was bei der 40-Hz-Stimulierung im Gehirn passiert. Demnach sorgen die Gamma-Wellen dafür, dass im Gehirn zwischen den Nervenzellen viel Flüssigkeit zirkuliert und Alzheimer-typische Proteinklumpen ausschwemmt. Der Neurologe Lars Timmermann vom Universitätsklinikum Marburg erläutert, dass die Zellverbände besser durchspült und der Abfall zwischen den Zellen entfernt wird.
Erkenntnisse aus Tierversuchen
In der bereits erwähnten Studie des Teams um Li-Huei Tsai konnte gezeigt werden, dass die opto-akustische Stimulierung bei 40 Hz bei speziellen genetisch veränderten „Alzheimer-Mäusen“ die neuronale Aktivität steigerte und gleichzeitig die Konzentrationen von Aß im Gehirn senkte. Verantwortlich dafür sei das sogenannte glymphatische System. Die Stimulierung sorgte dafür, dass im Gehirn der Mäuse besonders viel Flüssigkeit durch das Gewebe zirkulierte, wodurch das Aß zwischen den Zellen aus dem Gehirn transportiert wurde. Außerhalb des Gehirns wurde in jenen Lymphgefäßen, die die Hirnflüssigkeit ableiten, ein erhöhter Durchmesser festgestellt, was für einen verstärkten Abtransport spricht. Zudem enthielten die angrenzenden Lymphknoten vermehrt Beta-Amyloid.
Klinische Studien und erste Ergebnisse
Das Unternehmen Cognito Therapeutics, das von der Hirnforscherin Li-Huei Tsai mitgegründet wurde, prüft derzeit in diversen Studien, ob die synchronisierte opto-akustische Stimulierung mit dem eigens entwickelten Headset „Spectris“ Menschen mit leichten bis moderaten Alzheimer-Symptomen helfen kann. Die meisten dieser Untersuchungen sollen im Laufe des Jahres 2025 enden, anschließend erfolgt die Auswertung.
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Lichttherapie zur Verbesserung von Aufmerksamkeit und kognitiver Leistung
Verschiedene Studien haben bereits die Wirksamkeit von Lichttherapie zur Verbesserung von Aufmerksamkeit und kognitiver Leistung gezeigt. Eine Meta-Analyse, die die bisherigen Forschungsergebnisse systematisch und quantitativ zusammenfasst, bestätigte den positiven Effekt von Licht auf kognitive Verbesserungen in Form von subjektiv wahrgenommener Aufmerksamkeit. Für objektiv gemessene Aufmerksamkeit sowie für kognitive Leistungsfähigkeit konnte die Verbesserung durch Lichttherapie jedoch nicht bestätigt werden.
Lichttherapie mit blau-grünem Licht
Eine weitere Studie untersuchte die Wirksamkeit einer Lichttherapie mit 500 nm blau-grünem Licht bei Menschen entlang des Alzheimer-Kontinuums. Die Therapie erfolgte morgens für 50 Minuten über einen Zeitraum von 4 Wochen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Lichttherapie bei fortgeschrittenen Demenzsymptomen wirksamer war als in früheren Stadien. Die Denkleistung vor Therapiebeginn war demnach entscheidend für den Therapieerfolg.
Herausforderungen und Einschränkungen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es noch einige Herausforderungen und Einschränkungen bei der Anwendung der Lichttherapie zur Behandlung von Demenz.
Skepsis und offene Fragen
Der Frankfurter Experte Wolf Singer äußert sich beispielsweise verhalten skeptisch bezüglich des therapeutischen Potenzials der Gamma-Wellen-Stimulation. Seiner Meinung nach hängt ein Erfolg der Therapie davon ab, dass die Gamma-Wellen nicht nur die sensorischen Areale im Gehirn erreichen, sondern auch das tiefer gelegene Areal, das maßgeblich für das Gedächtnis zuständig ist: den Hippocampus. Zudem weist Thomas Gasser vom Uniklinikum Tübingen darauf hin, dass den ersten Symptomen der Alzheimer-Krankheit ein jahre- bis jahrzehntelanger schleichender Prozess vorausgeht, bei dem Nervenzellen in einer Kettenreaktion absterben. Um diese Kaskade aufzuhalten, müsste die Therapie frühzeitig erfolgen.
Notwendigkeit langfristiger Beobachtungszeiträume
Lars Timmermann betont, dass Beobachtungszeiträume von mindestens zwei, besser fünf bis zehn Jahren erforderlich sind, um sagen zu können, ob es einen therapeutischen Effekt gibt oder nicht. Es wird also noch ein ganzes Jahrzehnt dauern, bis sicher feststeht, ob und welche Form von Intervention hilfreich sein könnte und welche nicht.
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Forschungslücken und -schwächen
Eine Schwäche der aktuellen Forschung zu Lichttherapie ist das Fehlen von berichteten einheitlichen Daten über mehrere Studien hinweg, die die Zusammenfassung der Daten in Form einer Meta-Analyse ermöglichen. Davon betroffen waren insbesondere Studien zum Einsatz von Lichttherapie zur Behandlung von Demenzerkrankungen.
Weitere nicht-medikamentöse Behandlungsansätze bei Demenz
Neben der Lichttherapie gibt es eine Vielzahl von nicht-medikamentösen Therapien, die das Wohlbefinden der Erkrankten stärken und ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten sollen. Im Mittelpunkt steht, den Erkrankten die Teilhabe am Alltag und am sozialen Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig können diese Ansätze dazu beitragen, herausfordernde Verhaltensweisen zu mildern und für mehr Ausgeglichenheit zu sorgen.
Gedächtnistraining
Aktivitäten zur Förderung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Kommunikation, wie Rechenaufgaben, Wortspiele, Puzzles, Bilder erkennen oder Zahlenreihen vervollständigen, können dazu beitragen, kognitive Fähigkeiten, Kommunikation und Lebensqualität zu erhalten.
Bewegungstherapie
Bewegungsangebote zuhause oder in der Physiotherapie, wie Spaziergänge, Gehübungen, Gymnastik, Kräftigungs- und Konditionstraining, können die Lebensqualität und Selbstständigkeit erhalten sowie Apathie und Depression vermeiden.
Biographiearbeit
Durch die Biographiearbeit werden bei den Betroffenen gezielt Erinnerungen und Erfahrungen geweckt, beispielsweise durch Fotos, Geschichten, Musik oder Gerüche. Wissen aus der Biographie der erkrankten Person hilft auch Angehörigen im Alltag auf das Verhalten der Person besser zu reagieren. Ziel ist die geistige Anregung und die Verbesserung der Stimmung der oder des Erkrankten.
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Ergotherapie und kognitive Stimulation
In der Ergotherapie werden durch funktionelle, spielerische, handwerkliche und gestalterische Aktivitäten die Alltagskompetenzen gestärkt und möglichst lange erhalten. Durch kognitive Stimulation können bei Erkrankten im frühen bis mittleren Stadium die Wahrnehmung, das Lernen und das Gedächtnis verbessert werden.
Musik- und Tanztherapie
Musiktherapie kann in allen Krankheitsstadien eine förderliche Wirkung haben. Musik zu machen oder zu hören weckt positive Erinnerungen und Gefühle. Auch die Tanztherapie kann in allen Krankheitsstadien eine förderliche Wirkung haben. Tanzen ist Bewegung und wirkt befreiend. Dadurch werden positive Gefühle geweckt.
Snoezelen und tiergestützte Therapie
Beim Snoezelen werden die Sinne der Erkrankten angesprochen. Bekannte Klänge, Düfte und Geschmäcke wirken anregend, wodurch auch das Wohlbefinden verbessert werden kann. Studien zeigen, dass die Anwesenheit von Tieren eine beruhigende Wirkung auf Menschen mit Demenz haben kann.
Weitere Aktivitäten
Neben begleitenden, regelmäßigen therapeutischen Maßnahmen gibt es weitere Aktivitäten, die Menschen mit Demenz länger körperlich und geistig fit halten können. Sport hat nachgewiesene positive Effekte auf die Leistungsfähigkeit, Fitness und Stimmung von Erkrankten. Auch Aktivitäten, die das Gehirn anregen, wie Brettspiele, Puzzles, Handarbeiten oder Basteln, wirken sich positiv auf den Verlauf von Demenzerkrankungen aus. Ein gutes Miteinander und soziale Kontakte machen nicht nur zufriedener, sondern halten auch den Kopf fit.
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